Angststörungen
Die häufigste Gruppe seelischer Erkrankungen im Kindesalter – und die mit den besten Behandlungsaussichten, wenn sie erkannt wird.
Wichtiger Hinweis
Dieser Ratgeber erklärt die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Untersuchung, keine Diagnose und keine Beratung durch Ihre Kinderärztin, eine klinische Psychologin oder eine Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bei einem konkreten Kind hängt alles vom Alter, von der Vorgeschichte und von der gesamten Lebenssituation ab. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142.
42 Angst ist kein einheitliches Bild
„Angststörung" ist ein Sammelbegriff für mehrere Formen, die sich im Alltag sehr unterschiedlich zeigen. Das französische Gesundheitsinstitut Inserm unterscheidet die generalisierte Angststörung (anhaltende, schwer kontrollierbare Sorge um viele Lebensbereiche), die Panikstörung (plötzliche, heftige Angstanfälle mit körperlichen Symptomen), die Agoraphobie (Angst vor Situationen ohne Fluchtmöglichkeit), die soziale Angststörung (Angst vor Bewertung durch andere) und spezifische Phobien (Angst vor einem klar umgrenzten Auslöser). Bei Kindern kommt die Trennungsangst hinzu, die im Vorschulalter normal ist und erst durch Ausmaß und Dauer zur Störung wird.
Die zu diesen Formen genannten Häufigkeitszahlen — etwa eine Jahresprävalenz der generalisierten Angststörung von 2,1 Prozent oder der sozialen Angststörung von 1,7 Prozent — stammen aus einer französischen Erhebung bei 18- bis 65-Jährigen und sind damit weder kindbezogen noch österreichisch. Übertragbar ist die Einteilung selbst: Wer „Angststörung" hört, sollte nicht an eine einzige Erkrankung denken, sondern an eine Familie von Störungen mit sehr unterschiedlichem Erscheinungsbild. Frauen sind über alle Formen hinweg etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer, und der Behandlungsbeginn liegt bei Frauen am häufigsten zwischen 15 und 19 Jahren — also mitten im Jugendalter.
Für Österreich gilt, wie bereits erwähnt, dass Angststörungen mit 15,6 Prozent Lebenszeitprävalenz die häufigste Gruppe psychischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter sind, bei Mädchen mit 19,53 Prozent etwa doppelt so oft wie bei Buben mit 9,52 Prozent. Dieses Kapitel vertieft, was das im Alltag bedeutet.
43 Warum Angst die am frühesten beginnende Störungsgruppe ist
Die bereits erwähnte zum Ersterkrankungsalter (192 Studien, 708.561 Personen) zeigt bei Angststörungen ein besonders ausgeprägtes Muster: Nicht nur liegt der Gipfel des Ersterkrankungsalters mit 5,5 Jahren extrem früh, auch der weitere Verlauf ist eindeutig. 51,8 Prozent aller Angststörungen beginnen vor dem 18. Geburtstag, 73,3 Prozent vor dem 25. Zum Vergleich: Bei depressiven Störungen sind es vor dem 18. Geburtstag nur 13,2 Prozent.
Das bedeutet für Eltern zweierlei. Erstens: Eine Angststörung, die sich im Volksschulalter zeigt, ist statistisch der Normalfall und nicht die Ausnahme — anders als eine Depression in diesem Alter, die selten ist. Zweitens: Weil Angststörungen so früh beginnen, aber im Erscheinungsbild oft harmlos wirken (ein ängstliches, zurückhaltendes Kind fällt weniger auf als ein aggressives), werden sie häufiger über Jahre hinweg als Charaktereigenschaft verkannt statt als behandelbare Störung erkannt.
Der Behandlungsgipfel bei Frauen liegt, wie erwähnt, zwischen 15 und 19 Jahren — deutlich nach dem eigentlichen Erkrankungsbeginn. Zwischen dem ersten Auftreten einer Angststörung im Volksschulalter und der ersten Behandlung im Jugendalter liegen häufig Jahre, in denen ein Kind mit unbehandelter Angst lebt.
44 Angst im Ländervergleich: zwei widersprüchliche Rangfolgen
Auch außerhalb Österreichs zeigt sich Angst als eine der häufigsten, aber uneinheitlich eingeordneten Störungsgruppen. Die chinesische Diagnose-studie (73.992 Schülerinnen und Schüler, 6 bis 16 Jahre, klinische Diagnosekriterien) findet Angststörungen mit 4,7 Prozent an zweiter Stelle hinter ADHS mit 6,4 Prozent. Die koreanische Erhebung (6.275 Personen, 6 bis 17 Jahre, Hausbesuch-Interview) findet Angststörungen mit 9,6 Prozent klar an erster Stelle, deutlich vor der gesamten Gruppe der Entwicklungsstörungen. Beide Erhebungen sind diagnosebasiert und national — der Widerspruch in der Rangfolge ist also real und lässt sich nicht allein mit unterschiedlicher Erhebungsmethode erklären.
Wie breit publizierte Angstprävalenzen weltweit tatsächlich streuen, zeigt eine brasilianische Übersichtsarbeit, die 27 Studien aus 7.040 gesichteten Arbeiten auswertete: Die Werte reichten von 3,3 bis 32,3 Prozent. Diese Spannweite ist kein Zeichen schlechter Forschung, sondern das Ergebnis unterschiedlicher Instrumente, Schwellenwerte, Altersgruppen und Länder. Wer irgendwo eine einzelne Prozentzahl zu „der" Häufigkeit von Angststörungen liest, liest eine von vielen möglichen Antworten auf eine unpräzise gestellte Frage.
45 Deutschland: der steilste dokumentierte Anstieg
Die deutsche Krankenkasse DAK hat in ihrem Kinder- und Jugendreport 2025 die Entwicklung diagnostizierter Angststörungen bei Mädchen ausgewertet, und der Anstieg ist der stärkste, den die gesamte Quellenlage zu diesem Thema dokumentiert. Bei jugendlichen Mädchen (15 bis 17 Jahre) stieg die Diagnoserate von 44 je 1.000 im Jahr 2019 auf 67 je 1.000 im Jahr 2024 — ein Plus von 53 Prozent, umgerechnet rund 75.500 betroffene Mädchen.
Noch aufschlussreicher ist ein zweiter Befund desselben Berichts: die Chronifizierung. Der Anteil jugendlicher Mädchen, bei denen in jedem einzelnen Quartal eines Jahres eine Angststörungsdiagnose dokumentiert wurde, stieg von 8 je 1.000 im Jahr 2019 auf knapp 17 je 1.000 im Jahr 2024 — eine relative Veränderung von 106 Prozent. Innerhalb der Einzeldiagnosen wuchsen soziale Phobien um 138 Prozent, Panikstörungen um 90 Prozent. Die Komorbidität aus Angst und Depression bei jugendlichen Mädchen stieg um 90 Prozent.
Diese Zahlen stammen aus deutschen Kassendaten und sind nicht eins zu eins auf Österreich übertragbar. Die Richtung — mehr Diagnosen, mehr chronische Verläufe, besonders bei Mädchen — deckt sich aber mit dem, was auch die österreichischen Screening- und HBSC-Daten aus früheren Kapiteln zeigen.
46 Angststörungen sind gut behandelbar — deshalb lohnt frühes Hinschauen
Die amerikanische Vorsorgebehörde USPSTF hat 2022 erstmals ein Screening auf Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen ab 8 Jahren empfohlen — mit Empfehlungsgrad B, also einer soliden Evidenzbasis. Für Kinder unter 8 Jahren reicht die Datenlage noch nicht aus; das ist ausdrücklich keine Aussage gegen ein Screening in diesem Alter, sondern eine Aussage über fehlende Studien.
Bemerkenswert ist die Begründung: Kognitive Verhaltenstherapie zeigte in den zugrunde liegenden Studien ein deutlich besseres Ansprechen ( 1,89) und eine deutlich höhere Remissionsrate (relatives Risiko 2,68) gegenüber unbehandelten Vergleichsgruppen. Ein relatives Risiko von 1,89 bedeutet: Kinder, die eine solche Behandlung erhielten, besserten sich in den Studien knapp doppelt so oft wie unbehandelte Kinder. Das ist eine der klarsten Behandlungsevidenzen der gesamten Quellenlage zu diesem Ratgeber.
Für Österreich gibt es kein institutionalisiertes Screening auf Angststörungen wie in den USA. Die Erkenntnis dahinter bleibt aber gültig: Angststörungen gehören zu den psychischen Erkrankungen des Kindesalters, die auf eine gezielte Behandlung besonders gut ansprechen. Das ist ein Grund, eine auffällige Ängstlichkeit abklären zu lassen, statt abzuwarten, ob sie sich „auswächst".
47 Was eine deutschsprachige Leitlinie dazu sagt
Für Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen existiert eine AWMF-Leitlinie unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP). Solche Leitlinien gelten fachlich auch in Österreich, weil die österreichische Fachgesellschaft keine eigenen umfassenden Leitlinien führt.
Zum genauen Stand dieser Leitlinie muss dieser Ratgeber allerdings zurückhaltend bleiben: Der Registerabruf war zum Zeitpunkt der Recherche technisch nicht möglich, sodass weder das aktuelle Erscheinungsjahr noch der genaue Wortlaut geprüft werden konnten. Was sich sagen lässt, ist ein Hinweis, keine gesicherte Feststellung: Die Leitlinie ordnet Angststörungen als eine der häufigsten psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter ein. Diese Einordnung deckt sich mit den österreichischen MHAT-Zahlen, ersetzt sie aber nicht.
48 Wie sich Angst bei jüngeren Kindern zeigt
Der koreanische Recherchebericht fasst zusammen, woran Angst bei Kindern im Alltag erkennbar ist, weil sie sich selten „wie Angst" zeigt: Bauchweh, Kopfschmerz, Schulverweigerung, Einschlafprobleme und extreme Anhänglichkeit gehören zu den typischen Erscheinungsformen. Genau das erklärt, warum Angststörungen trotz ihrer Häufigkeit seltener erkannt werden als Depression — sie sehen aus wie etwas anderes.
Das japanische Gesundheitsministerium beschreibt auf seiner Elternseite die generalisierte Angststörung mit einem Satz, der sich unmittelbar auf den Alltag übertragen lässt: ein Zustand, in dem Sorgen um Schule, Familie, Freunde und viele Dinge des Alltags über mindestens ein halbes Jahr zu einer extremen Angst oder Besorgnis führen. Zur elterlichen Grundhaltung schreibt dieselbe Seite sinngemäß: sich am Tempo des Kindes orientieren, nicht drängen, die Angst annehmen und das Kind dabei begleiten.
Diese Haltung — annehmen statt drängen — ist deshalb wichtig, weil der naheliegende Elternreflex oft der gegenteilige ist: ein ängstliches Kind zu überreden, sich der gefürchteten Situation „einfach zu stellen". Das kann eine bestehende Angststörung verstärken, statt sie zu lindern, und ersetzt keine fachliche Behandlung.
49 Wenn Angst mit Suizidgedanken zusammenhängt
Eine chinesische Erhebung über fünf sehr unterschiedliche Provinzen (Jiangsu, Guangdong, Yunnan, Gansu, Hubei; 20.792 Schülerinnen und Schüler von 11 bis 20 Jahren) hat Angst mit dem validierten Fragebogen GAD-7 erhoben und fand einen Screening-Wert von 13,97 Prozent — bei Mädchen auf dem Land mit 19,43 Prozent am höchsten. Dieser Wert ist ein Screening-Ergebnis, keine Diagnosehäufigkeit, und mit den weiter oben genannten Diagnosezahlen nicht direkt vergleichbar.
Bedeutsamer als die absolute Höhe ist der Zusammenhang mit Suizidversuchen: In derselben Studie war Angst mit einem mehr als dreifach erhöhten Risiko für einen Suizidversuch verbunden ( 3,37). Angst wird in der öffentlichen Wahrnehmung seltener mit Suizidalität in Verbindung gebracht als Depression — die Datenlage zeigt aber, dass auch eine unbehandelte Angststörung zu den ernstzunehmenden Risikofaktoren zählt. Das folgende Kapitel zu Depression zeigt einen noch stärkeren, aber vergleichbaren Zusammenhang.
50 Angst kommt selten allein
Eine großangelegte chinesische Erhebung (27.004 Schülerinnen und Schüler aus 376 Schulen in 30 Bezirken, Durchschnittsalter 15,75 Jahre) hat mit den validierten Fragebögen GAD-7 und PHQ-9 gezielt danach gefragt, wie oft Angst und Depression gemeinsam auftreten. Das Ergebnis: 11,54 Prozent der Befragten überschritten beide Schwellenwerte gleichzeitig — bei Mädchen mit 15,42 Prozent fast doppelt so oft wie bei Buben mit 8,05 Prozent.
Für Eltern folgt daraus eine praktische Konsequenz: Wer bei einem Kind Ängstlichkeit bemerkt, sollte nicht automatisch annehmen, dass damit alles erklärt ist. Gezielt nachzufragen, ob zusätzlich Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit oder ein Rückzug von Freunden vorliegen, deckt eine mögliche zusätzliche depressive Symptomatik auf, die sonst leicht im Schatten der auffälligeren Angst übersehen wird.
51 Zwei brasilianische Städte, zwei sehr verschiedene Werte
Eine Analyse mehrerer brasilianischer hat mit demselben diagnostischen Interview (MINI) in zwei Städten die generalisierte Angststörung bei 18-Jährigen erhoben — mit einem auffälligen Unterschied: In Pelotas lag die bei 10,2 Prozent (Mädchen 14,5, Buben 5,8 Prozent), in São Luís bei nur 3,5 Prozent. Derselbe Datensatz zeigt bei der Depression das umgekehrte Bild: São Luís hatte mit 15,8 Prozent mehr als doppelt so viel Depression wie Pelotas mit 6,8 Prozent.
Dieser Befund gehört zu den Fällen, in denen zwei seriöse Zahlen aus demselben Land, mit demselben Instrument, nicht gemittelt werden dürfen. Ein Durchschnitt aus 10,2 und 3,5 Prozent wäre eine erfundene Zahl ohne Aussagekraft. Der Bericht selbst führt den Unterschied auf regionale und methodische Einflüsse zurück, ohne sie im Detail aufzuklären. Für Österreich lässt sich daraus nur die allgemeine Lehre ziehen: Regionale Unterschiede innerhalb eines Landes können größer sein als Unterschiede zwischen Ländern.
52 Portugal: Nervosität wächst am schnellsten
Die portugiesische HBSC-Erhebung vergleicht 2018 und 2022 vier psychische Symptome, und Nervosität ist darunter jenes, das am stärksten zunahm. Der Anteil Jugendlicher mit fast täglicher Nervosität stieg von 13,6 auf 21 Prozent — ein Anstieg um mehr als die Hälfte innerhalb von vier Jahren. Angst und Furcht stiegen im selben Zeitraum von 6,3 auf 9,1 Prozent.
Diese Zahlen sind portugiesisch und nicht direkt auf Österreich übertragbar. Bemerkenswert ist aber, dass ausgerechnet Nervosität — ein Symptom, das im Alltag leicht mit „Stress" oder „Pubertät" verwechselt wird — von allen erhobenen Beschwerden am stärksten zunahm. Das deckt sich mit dem, was auch die österreichischen HBSC-Daten aus früheren Kapiteln zeigen: Angstnahe Symptome gehören zu den Beschwerden mit dem größten Wohlstandsgefälle und der stärksten Zunahme über die Schulstufen.
53 Südkorea: Behandlungszahlen für Angst steigen steiler als für Depression
Aus koreanischen Abrechnungsdaten der Krankenversicherung, die über eine parlamentarische Anfrage bekannt wurden, ergibt sich ein bemerkenswertes Bild: Bei 7- bis 18-Jährigen stieg die Zahl der wegen Angststörung behandelten Personen zwischen 2018 und 2023 um 93,1 Prozent — stärker als bei Depression mit 75,8 Prozent im selben Zeitraum. Diese Angabe stammt aus einer medial gespiegelten Quelle, nicht aus einer direkt eingesehenen amtlichen Veröffentlichung, und ist daher als Zahl nicht verifiziert zu lesen.
Trotz dieser Einschränkung passt die Richtung ins Gesamtbild: Über mehrere Länder hinweg zeigt sich, dass Angststörungen in der öffentlichen Aufmerksamkeit hinter der Depression zurückstehen, obwohl sie in den meisten Erhebungen häufiger sind und in manchen Ländern sogar schneller zunehmen. Für Eltern folgt daraus: Eine auffällige Ängstlichkeit verdient dieselbe Ernsthaftigkeit wie eine auffällige Traurigkeit.
54 Japan: eine Forschungslücke, offen benannt
Für Japan ließ sich trotz gezielter Suche keine belastbare nationale zahl zu Angststörungen im Kindes- und Jugendalter aus einer amtlichen oder fachgesellschaftlichen Quelle finden. Das japanische Gesundheitsministerium beschreibt auf seiner Elternseite lediglich qualitativ Panikstörung, soziale Angststörung und generalisierte Angststörung, ohne Zahlen zu nennen. Kursierende Angaben wie „5 Prozent der Burschen, 10 Prozent der Mädchen im Teenageralter" ließen sich keiner japanischen Primärquelle zuordnen und werden hier bewusst nicht verwendet.
Was sich für Japan dagegen zeigen lässt, betrifft die Oberstufe: Bei der behördlichen Auswertung, warum Jugendliche dauerhaft dem Unterricht fernbleiben, stehen an Oberstufen (etwa 15 bis 18 Jahre) neben Antriebslosigkeit (26,9 Prozent) und gestörtem Tagesrhythmus (26,2 Prozent) Angst und Niedergeschlagenheit gemeinsam mit 16,0 Prozent an dritter Stelle der von den Schulen festgestellten Hintergründe — noch vor schwachen schulischen Leistungen mit 12,8 Prozent. Auch hier gilt: Das japanische Schulsystem ist nicht das österreichische. Der Kern der Beobachtung — dass hinter Fernbleiben oft Angst statt Unlust steckt — bleibt aber relevant, gerade weil er sich in der Oberstufe genauso zeigt wie im jüngeren Schulalter.
55 Angst als eigenständiger, aber schwächerer Risikofaktor
Im Vergleich der Risikofaktoren für einen Suizidversuch aus der bereits erwähnten chinesischen Fünf-Provinzen-Studie zeigt sich eine klare Rangfolge: Depression war mit einem fast sechsfach erhöhten Risiko ( 5,99) der stärkere Faktor, Angst mit einem gut dreifach erhöhten Risiko (Odds Ratio 3,37) der schwächere. Beide Zusammenhänge sind statistisch bedeutsam, beide gehören ernst genommen — aber sie sind nicht gleich stark, und diesen Unterschied zu benennen ist ehrlicher, als beide Störungen in einen Topf zu werfen.
Für die Praxis bedeutet das: Eine Angststörung allein ist selten der unmittelbare Auslöser einer akuten Krise. Sie erhöht aber das Risiko messbar, besonders wenn sie unbehandelt bleibt oder — wie im vorigen Kapitel gezeigt — mit einer Depression zusammentrifft. Das folgende Kapitel widmet sich der Depression im Detail, auch weil sie in den ausgewerteten Studien durchgehend der stärkere Einzelfaktor ist.
56 Wann eine kinderärztliche Abklärung sinnvoll ist
Für Angststörungen gibt es in der Quellenlage keine einzelne Zeitschwelle wie die 15-Tage-Regel bei der Depression. Was sich aus den verschiedenen Berichten trotzdem als gemeinsamer Maßstab herausschält, ist die Beeinträchtigung des Alltags: Wenn Angst dazu führt, dass ein Kind Situationen dauerhaft meidet — die Schule, Übernachtungen bei Freunden, den Turnunterricht, das Sprechen vor der Klasse —, wenn Bauch- oder Kopfschmerzen ohne körperlichen Befund wiederkehren, oder wenn Trennungsangst über das Alter hinaus anhält, in dem sie normal ist, ist eine fachliche Einschätzung gerechtfertigt.
Dabei gilt dieselbe Regel wie im gesamten Ratgeber: Ein auffälliger Fragebogenwert ist kein Grund zur Panik, sondern ein Anlass für ein Gespräch. Und wie im vorigen Kapitel gezeigt, sprechen die Behandlungsdaten klar dafür, dass sich frühes Hinschauen bei Angststörungen besonders lohnt.
57 Von der Angst zur Depression: ein fließender Übergang
Dieses Kapitel hat gezeigt: Angststörungen sind die häufigste psychische Erkrankung des Kindes- und Jugendalters, sie beginnen im Mittel so früh wie keine andere Störungsgruppe, sie zeigen sich häufig körperlich statt seelisch, und sie sind zugleich eine der am besten behandelbaren Diagnosen überhaupt. Genau diese Kombination — häufig, früh, gut behandelbar, aber leicht zu übersehen — macht sie zu einer der wichtigsten Ansatzstellen für Eltern.
Zugleich hat sich mehrfach gezeigt, dass Angst und Depression eng zusammenhängen: Sie treten häufig gemeinsam auf, sie teilen Risikofaktoren, und beide erhöhen das Risiko für Suizidgedanken — Depression stärker als Angst. Das folgende Kapitel widmet sich der Depression im Detail: wie sie erkannt wird, wie sie behandelt wird, und warum ihre Behandlung, wie eine der zitierten Studien es ausdrückt, selbst eine Form der Suizidprävention ist.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Was seelische Gesundheit bedeutet Abschnitt 1–11 · 11
- 2. Wie häufig seelische Erkrankungen sind Abschnitt 12–25 · 14
- 3. Warnzeichen nach Alter Abschnitt 26–41 · 16
- 4. Angststörungen Abschnitt 42–57 · 16
- 5. Depression Abschnitt 58–75 · 18
- 6. Selbstverletzung und Suizidgedanken Abschnitt 76–91 · 16
- 7. ADHS und Autismus Abschnitt 92–105 · 14
- 8. Essstörungen Abschnitt 106–121 · 16
- 9. Belastende Kindheitserfahrungen Abschnitt 122–133 · 12
- 10. Abklärung in der Praxis Abschnitt 134–147 · 14
- 11. Behandlung Abschnitt 148–167 · 20
- 12. Was Eltern selbst tun können Abschnitt 168–185 · 18
- 13. Schule und Umfeld Abschnitt 186–197 · 12
- 14. Hilfe finden in Österreich Abschnitt 198–207 · 10
- 15. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 208–223 · 16
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