Eine Depression im Kindesalter sieht selten aus wie eine Depression bei Erwachsenen. Häufiger sind Gereiztheit, Rückzug und ein Kind, dem nichts mehr Freude macht.

Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber erklärt die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Untersuchung, keine Diagnose und keine Beratung durch Ihre Kinderärztin, eine klinische Psychologin oder eine Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bei einem konkreten Kind hängt alles vom Alter, von der Vorgeschichte und von der gesamten Lebenssituation ab. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142.

58 Depression beginnt später — aber sie beginnt

Depressive Störungen setzen im Mittel deutlich später ein als Angststörungen: Der Gipfel des Ersterkrankungsalters liegt laut der bereits erwähnten bei 19,5 Jahren, der Median bei 30 Jahren. Nur 3,1 Prozent aller depressiven Störungen beginnen vor dem 14. Geburtstag, aber bereits 13,2 Prozent vor dem 18. und 36,9 Prozent vor dem 25. Lebensjahr.

Das bedeutet nicht, dass Depression im Kindesalter nicht vorkommt — wie frühere Kapitel gezeigt haben, ist sie bereits bei Neun- bis Zwölfjährigen die häufigste nach innen gerichtete Belastung. Es bedeutet, dass ihr statistischer Schwerpunkt in der späten Adoleszenz und im jungen Erwachsenenalter liegt, während Angststörungen ihren Schwerpunkt im Kindesalter haben. Dieses Kapitel geht der Frage nach, wie Depression bei Kindern und Jugendlichen erkannt, eingeordnet und behandelt wird — und warum ihre Behandlung zu den wirksamsten Einzelmaßnahmen der Suizidprävention zählt.

59 Ab wann ein Screening empfohlen wird

Die amerikanische Vorsorgebehörde USPSTF empfiehlt seit 2022 ein Screening auf Depression bei 12- bis 18-Jährigen mit Empfehlungsgrad B — einer soliden Evidenzbasis. Für Kinder unter 12 Jahren reicht die Datenlage nicht aus, um eine Empfehlung auszusprechen; das ist ausdrücklich keine Aussage gegen ein Screening, sondern eine Aussage über fehlende Studien in dieser Altersgruppe.

Die zugrunde liegende Evidenz zur Behandlung ist deutlich: Psychotherapie zeigte in den ausgewerteten Studien eine standardisierte mittlere Differenz von −0,58 gegenüber unbehandelten Vergleichsgruppen — nach der eingangs erklärten Einordnung ein mittlerer bis großer Effekt. Auch die Behörde selbst weist ausdrücklich darauf hin, dass Suizid die zweithäufigste Todesursache bei 10- bis 19-Jährigen ist und Depression zu den am besten behandelbaren Vorstufen davon zählt.

In Österreich gibt es kein institutionalisiertes Depressionsscreening wie in den USA. Die Erkenntnis bleibt aber gültig: Je früher eine Depression erkannt wird, desto eher greift eine Behandlung, deren Wirksamkeit gut belegt ist.

60 Screening ja oder nein: ein offener Streit zwischen Ländern

Zwei spanischsprachige Leitlinien kommen zur selben Frage — soll systematisch auf Depression gescreent werden? — zu entgegengesetzten Antworten. Die spanische Leitlinie hält die Evidenzlage für ein Screening für dünn: „escasa evidencia científica sobre la efectividad y seguridad del cribado", also unzureichende wissenschaftliche Evidenz zu Wirksamkeit und Sicherheit des Screenings. Die chilenische Leitlinie kommt zum Gegenteil: Sie empfiehlt ausdrücklich ein Screening auf Depression und, mit etwas höherer Evidenzsicherheit, auch auf Suizidrisiko bei allen 10- bis 19-Jährigen — mit der Begründung, dass Jugendliche von sich aus kaum eine Praxis aufsuchen.

Dieser Widerspruch ist kein Übersetzungsfehler und keine schlechte Recherche, sondern ein realer fachlicher und politischer Unterschied zwischen zwei Gesundheitssystemen. Er zeigt, dass die Frage, wie aktiv eine Praxis oder Schule nach depressiven Symptomen fragen sollte, weltweit nicht abschließend geklärt ist. Für Österreich existiert dazu keine eigene Positionierung in der ausgewerteten Quellenlage.

61 Ein Fragebogen, der sich in der Praxis bewährt hat

Die französische Leitlinie zur Jugenddepression nennt mit dem ADRS-Fragebogen ein konkretes Instrument für die Primärversorgung: „le questionnaire ADRS, test le mieux validé pour aider à la détection d'un épisode dépressif caractérisé" — der am besten validierte Test zur Unterstützung der Erkennung einer depressiven Episode. Er wird in der französischen Schulerhebung EnCLASS auch zur Bevölkerungsmessung eingesetzt: Ab sieben von zehn zutreffenden Aussagen gilt das Depressionsrisiko als hoch.

In Österreich ist dieses konkrete Instrument nicht eingeführt. Der dahinterliegende Gedanke — dass ein kurzer, validierter Fragebogen in der kinderärztlichen oder hausärztlichen Praxis helfen kann, eine beginnende Depression nicht zu übersehen — ist aber unabhängig vom konkreten Instrument gültig und deckt sich mit der weiter oben beschriebenen USPSTF-Empfehlung.

62 Depression und Suizidgedanken: ein enger, messbarer Zusammenhang

Die französische Jugendbefragung ESCAPAD, die praktisch jeden Jahrgang 17-Jähriger erreicht, weil sie am verpflichtenden Wehr-Informationstag stattfindet, erlaubt einen seltenen direkten Vergleich: Von den Jugendlichen mit hohem Depressionsrisiko berichteten 61,3 Prozent Suizidgedanken im vergangenen Jahr, gegenüber 13,1 Prozent bei den übrigen — mehr als das Vierfache. Einen Suizidversuch berichteten 12,5 Prozent gegenüber 2,3 Prozent — mehr als das Fünffache.

Diese Zahlen stammen aus einer französischen Stichprobe und sind in ihrer genauen Höhe nicht auf Österreich übertragbar. Der Zusammenhang selbst — dass eine unbehandelte Depression das Risiko für Suizidgedanken und -versuche massiv erhöht — ist es sehr wohl, und er wird im folgenden Kapitel zu Selbstverletzung und Suizidgedanken noch einmal aufgegriffen. Für dieses Kapitel folgt daraus vor allem eines: Die Behandlung einer Depression ist kein Randthema, sondern eine der wirksamsten Maßnahmen gegen die schwersten möglichen Folgen.

63 „Behandlung der Depression ist Suizidprävention"

Diese Formulierung stammt aus der Auswertung der bereits erwähnten chinesischen Fünf-Provinzen-Studie (20.792 Schülerinnen und Schüler, 11 bis 20 Jahre). Dort war Depression der mit Abstand stärkste Einzelfaktor für einen Suizidversuch — mit einem fast sechsfach erhöhten Risiko ( 5,99), deutlich vor Angst mit einem gut dreifach erhöhten Risiko (Odds Ratio 3,37, siehe voriges Kapitel).

Die Schlussfolgerung, die daraus gezogen wird, ist einfach und wichtig zugleich: Wer eine Depression frühzeitig erkennt und behandelt, senkt damit unmittelbar auch das Risiko für die schwersten Folgen. Das ist keine abstrakte Aussage, sondern eine sehr konkrete Handlungsanweisung an Eltern: Eine Depression zu übersehen oder als „Pubertätsphase" abzutun, ist keine neutrale Entscheidung, sondern eine mit messbaren Folgen.

64 Deutschland: eine von vier Diagnosen bei jugendlichen Mädchen

Die deutsche Krankenkasse DAK dokumentiert für 2024: 74 von 1.000 jugendlichen Mädchen (15 bis 17 Jahre) erhielten eine Depressionsdiagnose — hochgerechnet rund 84.000 Mädchen, ein Plus von 27 Prozent gegenüber 2019. Gegenüber 2023 zeigt sich allerdings ein leichter Rückgang um 2 Prozent — ein seltener Hinweis darauf, dass der Anstieg nicht ungebremst weitergeht. Innerhalb dieser Gesamtzahl wuchs der Anteil mittelgradiger Depressionen besonders stark, um 43 Prozent auf 42 je 1.000; schwere Depressionen liegen bei 8 je 1.000.

Diese Zahlen stammen aus deutschen Kassendaten und sind nicht direkt auf Österreich übertragbar. Sie zeigen aber ein Muster, das sich mit den bereits genannten österreichischen Screening-Daten deckt: Depression bei jugendlichen Mädchen ist kein Randphänomen, sondern betrifft eine zweistellige Zahl von Mädchen unter hundert.

65 Eine neue Leitlinie unterscheidet nach Alter

Die deutschsprachige S3-Leitlinie zur Behandlung depressiver Störungen bei Kindern und Jugendlichen wurde überarbeitet. Aus der begleitenden Fachpublikation — der eigentliche Leitlinien-Volltext war zum Recherchezeitpunkt technisch nicht abrufbar — geht hervor, dass die neue Fassung erstmals getrennte Empfehlungen für drei Altersgruppen enthält: 3 bis 6, 7 bis 12 und 13 bis 18 Jahre. Neu ist außerdem ein eigener „Transitionsbereich" für 16- bis 24-Jährige, der den Übergang von der Kinder- und Jugendpsychiatrie in die Erwachsenenversorgung berücksichtigt.

Als Grundprinzip hält die Leitlinie fest, dass Psychotherapie vor Pharmakotherapie steht — dazu mehr im übernächsten Abschnitt. Diese Leitlinien gelten fachlich auch in Österreich, weil die österreichische Fachgesellschaft keine eigenen umfassenden Leitlinien führt. Zu Details der medikamentösen Behandlung macht dieser Ratgeber bewusst keine Angaben; das gehört in die Hände der behandelnden Fachärztin oder des behandelnden Facharztes.

66 Nachsorge ist Teil der Behandlung, nicht ihr Ende

Die spanische Leitlinie zur Jugenddepression enthält eine Empfehlung, die in Elterngesprächen oft übersehen wird: Nach dem Abklingen der Symptome soll die Behandlung mindestens sechs, besser neun bis zwölf Monate fortgesetzt werden. Der Grund liegt nicht in einer besonderen Schwere der Erkrankung, sondern im Rückfallrisiko: Eine Depression, die abklingt, ist nicht automatisch überstanden.

Für Eltern bedeutet das: Wenn es einem Kind nach einigen Wochen sichtlich besser geht, ist das ein gutes Zeichen — aber kein Grund, eine laufende Behandlung vorzeitig zu beenden. Diese Empfehlung stammt aus einer spanischen Leitlinie und ist als fachliche Orientierung zu verstehen, nicht als österreichische Regel. Die dahinterliegende Logik — dass Nachsorge zur Behandlung gehört — gilt unabhängig vom Land.

67 Wie stark Depressionsprävalenzen je nach Erhebung schwanken

Die spanische Emo-Child-Studie findet Depression bei 9- bis 12-Jährigen wie bei 13- bis 16-Jährigen mit je 5 Prozent im klinisch bedeutsamen Bereich. Andere spanische Erhebungen mit anderen Instrumenten kommen zu deutlich anderen Werten: Eine Normwertstudie fand eine schwere Depressionssymptomatik bei 4,44 Prozent, aber eine moderate bis schwere Symptomatik bei 14 Prozent der Buben und 38 Prozent der Mädchen — ein enormer Geschlechterunterschied. Eine weitere Erhebung (PSICE) kam auf 26 Prozent moderate und 6 Prozent schwere depressive Symptome.

Die chilenische Leitlinie nennt für das eigene Land eine nationale von 5,1 Prozent bei 4- bis 18-Jährigen, mit einem ausgeprägten Geschlechterunterschied von 3,2 Prozent bei Buben zu 7,1 Prozent bei Mädchen — nach der Pubertät ein Verhältnis von etwa 1 zu 2. Nach Alter aufgeschlüsselt: 3,5 Prozent bei 4- bis 11-Jährigen, 7 Prozent bei 12- bis 18-Jährigen. All diese Zahlen sind spanisch beziehungsweise chilenisch und nicht direkt vergleichbar — sie zeigen aber übereinstimmend, dass Depression im Jugendalter deutlich häufiger ist als im Kindesalter und bei Mädchen deutlich häufiger als bei Buben.

68 Japan: ein Anstieg, dann eine Entspannung

Eine laufende nationale japanische (jährliche Herbsterhebung seit Oktober 2020, ausgewählt aus 50 Gebietskörperschaften) zeigt für mindestens mittelgradige depressive Symptome einen unerwarteten Verlauf: 13,3 Prozent im Jahr 2023, 14,7 Prozent im Jahr 2024, dann ein Rückgang auf 11,0 Prozent im Jahr 2025. Der Geschlechterunterschied bleibt dabei über die gesamte Zeit bestehen: 2025 waren 8,2 Prozent der Burschen betroffen, aber 13,7 Prozent der Mädchen.

Dieser Verlauf ist ein wichtiges Gegenbeispiel zur verbreiteten Annahme, dass sich psychische Belastung bei Jugendlichen nur in eine Richtung entwickelt. Ein Rückgang von einem Jahr aufs andere ist möglich, auch ohne dass sich die grundlegenden Ursachen geändert hätten. Wie im Kapitel zur Pandemie bereits gezeigt, sind solche Schwankungen eher die Regel als die Ausnahme — und ein einzelnes Jahr sollte nicht vorschnell als Trend gelesen werden, weder nach oben noch nach unten.

69 Brasilien: zwei Städte, ein gegenläufiges Bild zur Angst

Dieselbe brasilianische Kohortenanalyse, die im vorigen Kapitel bei der Angststörung einen großen Stadtunterschied zeigte, findet bei der Depression das umgekehrte Muster: Bei 18-Jährigen lag die Major-Depression- in Pelotas bei 6,8 Prozent, in São Luís bei 15,8 Prozent — mehr als doppelt so hoch. In beiden Städten war Depression bei jungen Frauen deutlich häufiger als bei jungen Männern (Pelotas 10,0 gegenüber 3,5 Prozent, São Luís 22,1 gegenüber 8,8 Prozent) und bei niedrigerem sozioökonomischem Status häufiger, unabhängig von Stadt und Alter.

Dass Pelotas bei Angst vorne liegt und São Luís bei Depression, ist ein anschauliches Beispiel dafür, warum sich Häufigkeitszahlen nicht einfach von einer Stadt oder einem Land auf ein anderes übertragen lassen. Was sich übertragen lässt, ist der durchgehende Befund zum Geschlecht und zum sozialen Status — beide Muster kehren in praktisch allen in diesem Ratgeber ausgewerteten Ländern wieder.

70 Wenn ein Kind sagt, das Leben lohne sich nicht

Die brasilianische Schülergesundheitsbefragung PeNSE hat 2024 erstmals gefragt, wie oft Jugendliche das Gefühl haben, „das Leben lohne sich nicht, gelebt zu werden". 18,5 Prozent bejahten das meistens oder immer — Mädchen mit 25 Prozent deutlich häufiger als Burschen mit 12 Prozent. Das ist kein Maß für Suizidgedanken im engeren Sinn, sondern ein Marker für tiefe Hoffnungslosigkeit, wie der Bericht selbst festhält.

Für Eltern ist diese Unterscheidung wichtig, aber sie darf nicht zur Beruhigung führen. Ein Satz wie „das bringt doch alles nichts" oder „wozu das Ganze" ist verbreitet genug, dass er ernst genommen und nachgefragt werden sollte — Nachfragen erhöht das Risiko nachweislich nicht, wie das folgende Kapitel im Detail zeigt. Hoffnungslosigkeit dieser Art ist ein Symptom der Depression selbst und gehört in die kinderärztliche oder fachärztliche Abklärung, nicht in die Kategorie „das sagt man halt so".

71 Emotionale Nähe wiegt schwerer als jedes Symptom allein

Eine große chinesische Bevölkerungserhebung mit über 170.000 Fragebögen, darunter mehr als 50.000 von Schülerinnen und Schülern der 4. bis 12. Schulstufe, hat unter vielen möglichen Risikofaktoren einen besonders deutlichen gefunden: Bei Jugendlichen, deren Eltern ihnen wenig emotionale Aufmerksamkeit entgegenbringen, zeigte rund ein Viertel bis 40 Prozent ein Depressionsrisiko in unterschiedlichem Ausmaß. Bei Jugendlichen, die getrennt von den Eltern aufwachsen, weil diese zur Arbeit in andere Regionen gezogen sind, waren es knapp 30 Prozent.

Diese Konstellation — Eltern, die aus wirtschaftlichen Gründen weit entfernt arbeiten, während die Kinder bei Verwandten aufwachsen — hat in Österreich kein direktes Äquivalent und ist als angabe nicht übertragbar. Der Kern des Befunds ist es sehr wohl: Ob sich ein Kind emotional gesehen und gehört fühlt, ist einer der am stärksten wirkenden Schutz- beziehungsweise Risikofaktoren, die in der gesamten ausgewerteten Quellenlage vorkommen — deutlich vor Faktoren wie Bildschirmzeit oder Schulleistung.

72 Ein kostenfreies österreichisches Angebot mit belegter Wirkung

Seit April 2022 finanziert der Bund mit „Gesund aus der Krise" ein kostenfreies Programm für unter 21-Jährige mit neu aufgetretenen, leichten bis mittleren psychosozialen Belastungen — außerhalb der regulären Kassenversorgung, über eine zentrale Servicestelle mit vorgeschaltetem Clearing. Eine Evaluierung der Universität Innsbruck im Auftrag des Sozialministeriums liefert dazu ungewöhnlich konkrete Zahlen: Rund 22.400 Kinder und Jugendliche wurden in den beiden ausgewerteten Programmphasen beraten und behandelt, bei durchschnittlichen Wartezeiten von zwei bis drei Wochen.

Die Ergebnisse: Der Anteil der Mädchen mit Hinweisen auf depressive Verstimmung sank im Behandlungsverlauf von 36 auf 20 Prozent, bei Burschen von 19 auf 13 Prozent. Der Anteil mit niedriger Lebenszufriedenheit sank bei Mädchen von 55 auf 33 Prozent, bei Burschen von 40 auf 25 Prozent. 89 Prozent von 278 befragten Eltern und Bezugspersonen berichteten von einer spürbaren Verbesserung. Anpassungsstörungen waren mit 22 Prozent die häufigste Verdachtsdiagnose; schwere Störungen kamen nur vereinzelt vor — das Programm ist für leichte bis mittlere, neu aufgetretene Belastungen gedacht, nicht als Ersatz für eine fachärztliche Behandlung bei schwerer Symptomatik. Erreichbar ist das Angebot über gesundausderkrise.at.

73 Medikamente stehen nie allein

Über mehrere Länder hinweg wiederholt sich derselbe Grundsatz, unabhängig vom jeweiligen Gesundheitssystem: Eine medikamentöse Behandlung der Depression bei Kindern und Jugendlichen wird nirgends ohne begleitende Psychotherapie empfohlen. Die britische Leitlinie NICE formuliert das ausdrücklich, die französische Leitlinie sieht Psychotherapie als ersten Schritt vor, mit einer medikamentösen Behandlung erst nach mehreren Wochen ohne ausreichende Besserung, und auch die bereits erwähnte deutschsprachige S3-Leitlinie hält Psychotherapie vor Pharmakotherapie als Grundprinzip fest.

Konkrete Wirkstoffe, Alters- oder Dosierungsangaben gehören ausdrücklich nicht in diesen Ratgeber — solche Entscheidungen gehören in die Hände der behandelnden Fachärztin oder des behandelnden Facharztes und hängen vom Einzelfall ab. Für Eltern ist vor allem der übereinstimmende Grundsatz wichtig: Wird bei Ihrem Kind eine medikamentöse Behandlung erwogen, ist eine begleitende Psychotherapie über alle ausgewerteten Länder hinweg der fachliche Standard, nicht die Ausnahme.

74 Zwei chinesische Studien, zwei Zahlen — ein Lehrstück

Zur Häufigkeit depressiver Symptome bei chinesischen Kindern und Jugendlichen im Screening liegen zwei unabhängige vor, die beide dieselbe Zielgröße messen wollten und zu unterschiedlichen Werten kamen: Die eine fand 23,3 Prozent ( 21,4 bis 25,1, gestützt auf 53 Studien und 314.867 Teilnehmende), die andere 24 Prozent (Konfidenzintervall 20 bis 28, gestützt auf 28 Studien und 159.249 Teilnehmende). Beide Konfidenzintervalle überlappen sich deutlich — die beiden Werte widersprechen sich also nicht wirklich, sie sind mit ihrer jeweiligen statistischen Unsicherheit vereinbar.

Dieses Beispiel eignet sich gut, um eine Regel zu verdeutlichen, die durch diesen gesamten Ratgeber gilt: Wenn zwei Studien zu leicht unterschiedlichen Werten kommen, bedeutet das nicht automatisch einen Fehler in einer der beiden. Oft zeigt sich erst am Konfidenzintervall, ob ein Unterschied überhaupt bedeutsam ist. Aus 23,3 und 24 Prozent lässt sich seriös weder eine gemittelte Zahl noch ein Widerspruch konstruieren — es sind zwei kompatible Schätzungen derselben unsicheren Größe.

75 Depression ist häufig, ernst und behandelbar

Dieses Kapitel hat gezeigt: Depression beginnt später als Angst, aber ihre Folgen können schwerer wiegen — der Zusammenhang mit Suizidgedanken und -versuchen ist in mehreren unabhängigen Studien der stärkste aller untersuchten psychischen Erkrankungen. Zugleich ist Depression eine der am besten erforschten und am besten behandelbaren psychischen Erkrankungen überhaupt, mit einer klaren internationalen Übereinstimmung: Psychotherapie zuerst, ausreichend lange Nachsorge, Medikamente nie ohne Begleitung.

Für Österreich gibt es mit „Gesund aus der Krise" ein konkretes, kostenfreies und in seiner Wirkung dokumentiertes Angebot für leichte bis mittlere, neu aufgetretene Belastungen; für schwerere Verläufe führt der Weg über die Kinder- und Jugendpsychiatrie oder die niedergelassene Fachärztin beziehungsweise den Facharzt. Das folgende Kapitel widmet sich dem schwierigsten Teil dieses Ratgebers: Selbstverletzung und Suizidgedanken. Was dort an erster Stelle steht, ist bereits hier vorweggenommen: Ansprechen hilft, und es erhöht das Risiko nachweislich nicht.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was seelische Gesundheit bedeutet Abschnitt 1–11 · 11
  2. 2. Wie häufig seelische Erkrankungen sind Abschnitt 12–25 · 14
  3. 3. Warnzeichen nach Alter Abschnitt 26–41 · 16
  4. 4. Angststörungen Abschnitt 42–57 · 16
  5. 5. Depression Abschnitt 58–75 · 18
  6. 6. Selbstverletzung und Suizidgedanken Abschnitt 76–91 · 16
  7. 7. ADHS und Autismus Abschnitt 92–105 · 14
  8. 8. Essstörungen Abschnitt 106–121 · 16
  9. 9. Belastende Kindheitserfahrungen Abschnitt 122–133 · 12
  10. 10. Abklärung in der Praxis Abschnitt 134–147 · 14
  11. 11. Behandlung Abschnitt 148–167 · 20
  12. 12. Was Eltern selbst tun können Abschnitt 168–185 · 18
  13. 13. Schule und Umfeld Abschnitt 186–197 · 12
  14. 14. Hilfe finden in Österreich Abschnitt 198–207 · 10
  15. 15. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 208–223 · 16