Psychotherapie, Medikamente, digitale Angebote: Was wirkt, wie stark, ab welchem Alter – und was man über Nebenwirkungen wissen muss, bevor man zustimmt.

  • Abschnitt 148 bis 167 von 223
  • Stand: 6. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber erklärt die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Untersuchung, keine Diagnose und keine Beratung durch Ihre Kinderärztin, eine klinische Psychologin oder eine Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bei einem konkreten Kind hängt alles vom Alter, von der Vorgeschichte und von der gesamten Lebenssituation ab. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142.

148 Was Psychotherapie bei Depression nachweislich bewirkt

Über die gesamte Quellenlage dieses Ratgebers hinweg — neun Rechercheberichte in neun Sprachen, weit über hundert Einzelbefunde — gibt es genau zwei gepoolte Wirksamkeitszahlen zu einer Behandlung bei Kindern und Jugendlichen. Beide stammen aus derselben Quelle. Das ist selbst eine Aussage, und sie steht am Anfang dieses Kapitels, damit alles Folgende richtig eingeordnet wird.

Die amerikanische Präventionsbehörde USPSTF hat 2022 im Rahmen ihrer Screening-Empfehlung auch die Behandlungswirksamkeit ausgewertet. Für Psychotherapie bei Jugenddepression fand sie eine standardisierte mittlere Differenz von −0,58 (95-%- −0,83 bis −0,34), gemessen am Beck Depression Inventory. Eine standardisierte mittlere Differenz dieser Größenordnung gilt in der Wirksamkeitsforschung als mittelstark bis stark. Das heißt: Psychotherapie hilft bei Jugenddepression nachweisbar, nicht nur der Tendenz nach.

Was diese Zahl nicht sagt: welches Psychotherapieverfahren im Einzelnen wie gut wirkt, ab welchem Schweregrad der Effekt beginnt oder wie lange er anhält. Dazu enthält die Quellenbasis nichts. Und die Zahl stammt aus einer einzigen Übersichtsarbeit — sie ist beleghaft, aber nicht durch eine zweite, unabhängige Quelle bestätigt.

149 Kognitive Verhaltenstherapie bei Angststörungen wirkt messbar stärker als bei Depression

Für Angststörungen liefert dieselbe USPSTF-Auswertung zwei Zahlen, die deutlicher ausfallen als jene zur Depression. Kognitive Verhaltenstherapie führte gegenüber Kontrollbedingungen zu einem Ansprechen mit einem von 1,89 (95-%- 1,17 bis 3,05) und zu einer Remission mit einem relativen Risiko von 2,68 (95-%-Konfidenzintervall 1,48 bis 4,88). Ein relatives Risiko von 2,68 bedeutet: Wer kognitive Verhaltenstherapie erhielt, hatte eine rund zweieinhalbfach höhere Chance, die Angststörung vollständig loszuwerden, als wer sie nicht erhielt.

Zum Vergleich, in derselben Auswertung: Ein Medikament gegenüber Placebo erreichte ein relatives Risiko von 2,11 (95-%-Konfidenzintervall 1,58 bis 2,98). Beide Werte liegen in ähnlicher Größenordnung, mit überlappenden Konfidenzintervallen — die Datenlage erlaubt keine Aussage, welches der beiden Verfahren bei Angststörungen wirksamer ist.

Diese beiden zur Angststörung sind, neben der Zahl zur Depression aus Abschnitt 149, die einzigen gepoolten Wirksamkeitswerte, die in der gesamten Quellenbasis dieses Ratgebers vorkommen. Alles, was in den folgenden Abschnitten über Behandlung berichtet wird, sind Leitlinienempfehlungen, Strukturangaben oder Einzelbeobachtungen — keine weiteren Effektstärken.

150 Zwei Zahlen, die sich nicht vergleichen lassen

Dieselbe USPSTF-Übersicht hat auch Medikamente bei Jugenddepression ausgewertet und kam auf eine gepoolte mittlere Differenz von −3,76 Punkten (95-%- −5,95 bis −1,57), gemessen an der Children's Depression Rating Scale-Revised.

Es ist verlockend, diese Zahl neben die −0,58 aus Abschnitt 149 zu stellen und daraus zu schließen, welches Verfahren stärker wirkt. Das wäre falsch. Die −0,58 ist eine standardisierte mittlere Differenz — eine ohne Einheit, vergleichbar über verschiedene Messinstrumente hinweg. Die −3,76 ist eine rohe Punktedifferenz auf einer bestimmten Skala, der Children's Depression Rating Scale-Revised, die einen anderen Wertebereich hat als das Beck Depression Inventory. Eine Umrechnung zwischen beiden Maßen ist in der Quellenbasis nicht enthalten und wäre erfunden.

Damit lässt sich aus der vorliegenden Datenlage nicht sagen, ob Psychotherapie oder Medikament bei Jugenddepression die stärkere Wirkung hat. Was sich sagen lässt, steht in Abschnitt 168 am Ende dieses Kapitels als ehrliche Bilanz.

151 Was Leitlinien übereinstimmend verlangen, ohne die Wirksamkeit selbst zu beziffern

Jenseits der zwei aus den Abschnitten 149 und 150 besteht die Quellenbasis zur Behandlung aus Leitlinienempfehlungen. Sie sagen, was getan werden soll, nicht, um wie viel es hilft.

Die britische Leitlinie NICE verlangt für 12- bis 18-Jährige mit mittelschwerer bis schwerer Depression mindestens drei Monate individuelle kognitive Verhaltenstherapie. Die spanische Leitlinie nennt für die leichte Depression eine Psychotherapiedauer von acht bis zwölf Wochen mit wöchentlichen Sitzungen und führt bei mittelschwerer Depression drei gleichrangige Wege: Psychotherapie allein, ein Medikament allein, oder eine Kombination — die Wahl richtet sich nach klinischem Urteil und der Präferenz der Familie. Die chilenische Leitlinie ist konkreter und schreibt mindestens zwölf psychologische Sitzungen vor, wöchentlich statt monatlich, mit ausdrücklicher Einbindung der Familie als gute klinische Praxis.

Keine dieser drei Angaben — drei Monate, acht bis zwölf Wochen, zwölf Sitzungen — ist mit einer Effektstärke hinterlegt. Es sind Mindeststandards, keine Wirksamkeitsnachweise. Für österreichische Familien sind sie trotzdem brauchbar: Sie geben eine Vorstellung davon, in welchem Zeitrahmen sich frühestens eine Wirkung zeigen sollte, bevor man an einen Wechsel des Vorgehens denkt.

152 Gespräch vor Tablette: die Reihenfolge, auf die sich alle einigen

Bei aller Uneinigkeit über sind sich die Leitlinien in einem Punkt auffallend einig: Am Anfang steht die Psychotherapie, nicht das Medikament.

Die französische Leitlinie formuliert es als feste Regel: Erst wenn die Symptome nach vier bis acht Wochen Psychotherapie fortbestehen, kann ein Medikament zusätzlich in Erwägung gezogen werden — ausschließlich in Kombination mit der laufenden Psychotherapie, nie als Ersatz dafür. Die britische Leitlinie verbietet Antidepressiva ausdrücklich als Ersttherapie bei leichter Depression, und bei mittelschwerer bis schwerer Depression dürfen sie nur zusammen mit einer parallel laufenden Psychotherapie verordnet werden, niemals allein. Die spanische Leitlinie erlaubt bei mittelschwerer Depression zwar auch den alleinigen Medikamentenweg, empfiehlt aber bei schwerer Ausprägung von vornherein die Kombination.

Kein einziges der in diesem Ratgeber ausgewerteten Leitliniendokumente empfiehlt ein Medikament als ersten Schritt ohne begleitende Psychotherapie. Diese Übereinstimmung über vier Länder hinweg — Frankreich, Vereinigtes Königreich, Spanien, und mit Einschränkung auch die deutschsprachige Leitlinie, dazu in Abschnitt 155 mehr — ist eine der belastbarsten Aussagen dieses Kapitels, obwohl ihr keine einzelne Effektstärke zugrunde liegt.

153 Bei Essstörungen bleibt es bei der Empfehlung ohne Zahl

Wie in Abschnitt 119 beschrieben, gilt die familienbasierte Therapie bei jugendlicher Magersucht als wirksamste Behandlung — eine Einschätzung, die drei voneinander unabhängige Quellen aus Spanien, Brasilien und China teilen. Die brasilianische Quelle formuliert es besonders klar: Sie ist Psychotherapie der ersten Wahl bei Kindern und Jugendlichen mit Anorexie, und Medikamente allein sind nicht wirksam.

Was auch nach neuerlicher Prüfung der Quellenbasis nicht dazukommt, ist eine . Der italienische Recherchebericht vermerkt ausdrücklich, dass ihm zur familienbasierten Therapie nur Sekundärdarstellungen vorlagen und er bewusst darauf verzichtet hat, eine Zahl als Befund auszuweisen. Auch der chinesische Expertenkonsens, der dieselbe Empfehlung ausspricht, ist der Berichtslage zufolge nur über eine Zusammenfassung zugänglich gewesen, nicht über den Volltext.

Bei Essstörungen ergänzt sich das Bild aus Abschnitt 119 um einen weiteren Punkt: Beide Essstörungsquellen, die chinesische und die brasilianische, benennen unabhängig voneinander eine Mindestanforderung an das Behandlungsteam. Es soll mindestens aus Psychiatrie, einer auf Essstörungen spezialisierten Ernährungsfachkraft und Psychologie bestehen — ein multiprofessionelles Team ist demnach keine Option, sondern eine Grundvoraussetzung.

154 Medikamente bei Kindern: was zugelassen ist und unter welchen Bedingungen

Zur medikamentösen Behandlung bei Kindern und Jugendlichen liegt aus mehreren Ländern übereinstimmend vor: Fluoxetin ist die am besten untersuchte Substanz und ab acht Jahren zugelassen — aber nur unter engen Bedingungen.

Die italienische Arzneimittelbehörde AIFA erlaubt Fluoxetin bei Kindern und Jugendlichen ab acht Jahren ausschließlich bei mittelschwerer bis schwerer Major Depression, und zwar erst dann, wenn die Depression auf eine bereits laufende Psychotherapie nicht angesprochen hat. Die Verordnung darf nur in Kombination mit gleichzeitig laufender Psychotherapie erfolgen und ist Fachärztinnen und Fachärzten vorbehalten. Die spanische Leitlinie bestätigt Fluoxetin als die am besten durch Studien gestützte Substanz ab acht Jahren und nennt als Alternativen Sertralin, Escitalopram und Citalopram — sie schließt aber eine Reihe von Substanzen ausdrücklich aus: trizyklische Antidepressiva, Paroxetin, Venlafaxin, Duloxetin und Mirtazapin gehören nicht zu den empfohlenen Mitteln. Venlafaxin zeigte in den ausgewerteten Studien als einzige Substanz ein erhöhtes Risiko suizidbezogener Ereignisse.

Konkrete Dosierungsangaben gehören nicht in diesen Ratgeber — das ist Sache der behandelnden Fachärztin oder des Facharztes, angepasst an das einzelne Kind. Was für Eltern wichtig ist: Ein Medikament bei einem Kind ist in keiner der ausgewerteten Leitlinien ein Schritt, der ohne begleitende Psychotherapie und ohne fachärztliche Aufsicht vorgesehen ist.

155 Ein Widerspruch, den zwei Leitlinien nicht auflösen: Duloxetin

Zur Substanz Duloxetin widersprechen sich zwei Leitlinien unmittelbar, und dieser Ratgeber löst den Widerspruch nicht künstlich auf.

Die deutsche S3-Leitlinie zur Behandlung depressiver Störungen bei Kindern und Jugendlichen — beziehungsweise die sie begleitende Fachpublikation, weil der Leitlinien-Volltext zum Zeitpunkt der Recherche technisch nicht abrufbar war — nennt Duloxetin neben Sertralin und Escitalopram als Substanz mit einer Fluoxetin ähnlichen Wirksamkeit. Die spanische Leitlinie von 2018 führt Duloxetin dagegen ausdrücklich unter den nicht empfohlenen Substanzen, gemeinsam mit trizyklischen Antidepressiva, Paroxetin, Venlafaxin und Mirtazapin.

Beide Angaben stammen aus geprüften fachlichen Quellen. Keine davon ist falsch im Sinne eines Übertragungsfehlers; es handelt sich um zwei unterschiedliche fachliche Einschätzungen zur selben Substanz, vermutlich weil unterschiedliche Studienlagen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ausgewertet wurden. Für Eltern folgt daraus nichts Praktisches außer der Erkenntnis, dass die Wahl des Wirkstoffs — sollte es überhaupt so weit kommen — eine fachärztliche Entscheidung im Einzelfall ist und nicht mit einer einzigen, überall gültigen Substanzliste beantwortet werden kann.

156 Die Warnung, die drei Länder unabhängig voneinander aussprechen

Ein Punkt taucht in drei voneinander unabhängigen Quellen wortgleich auf, und seine Wiederholung ist selbst die Botschaft: In den ersten Wochen unter einem Antidepressivum muss engmaschig auf Suizidgedanken geachtet werden.

Die spanische Leitlinie verlangt Wachsamkeit gegenüber unerwünschten Wirkungen, besonders gegenüber Suizidgedanken oder suizidalem Verhalten, vor allem in den ersten vier Wochen. Die italienische Arzneimittelbehörde AIFA hält in der Fachinformation zu Fluoxetin fest, dass suizidbezogenes Verhalten — Suizidversuch und Suizidgedanken — sowie Feindseligkeit in klinischen Studien bei Kindern und Jugendlichen unter Antidepressiva häufiger beobachtet wurden als unter Placebo. Die deutsche S3-Leitlinie warnt in ihrer begleitenden Fachpublikation ebenso ausdrücklich, dass selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer zu einer Verstärkung suizidaler Gedanken und zu einer Zunahme suizidbedingter Handlungen führen können.

Das ist kein Grund, Medikamente pauschal abzulehnen — alle drei Quellen empfehlen sie unter den genannten Bedingungen weiterhin. Es ist ein Grund, in der Anfangsphase besonders genau hinzuschauen und der behandelnden Fachperson jede Veränderung zu melden, statt sie abzuwarten. Wie in Abschnitt 137 beschrieben, schadet direktes Nachfragen nach Suizidgedanken nachweislich nicht — das gilt in dieser Phase besonders.

157 Wachstum und Pubertätsentwicklung gehören mit unter Beobachtung

Neben der Suizidalitätsüberwachung nennt die italienische Fachinformation zu Fluoxetin einen zweiten Kontrollpunkt, der in der öffentlichen Diskussion seltener vorkommt: Wachstum und Pubertätsentwicklung müssen während der Behandlung beobachtet werden. In einer der zur Zulassung herangezogenen klinischen Studien zeigten sich unter der Substanz eine geringere Größenzunahme und eine stärkere Gewichtszunahme als erwartet; eine Verzögerung der Pubertätsentwicklung lässt sich laut Fachinformation nicht ausschließen.

Diese Kontrolle ist kein Zusatzprogramm, sondern Teil der laufenden Behandlung und liegt in der Verantwortung der behandelnden Fachärztin oder des Facharztes. Für Eltern folgt daraus vor allem eines: Regelmäßige Kontrolltermine während einer medikamentösen Behandlung sind keine Formalität, sondern decken genau diese beiden Bereiche ab — die seelische Verfassung und die körperliche Entwicklung. Konkrete Zeitabstände und Grenzwerte sind, wie in diesem Ratgeber durchgehend gehandhabt, Sache der Behandlung im Einzelfall und stehen hier bewusst nicht.

158 Was multiprofessionelle Behandlung in der Praxis bedeutet

Zwei Quellen aus sehr unterschiedlichen Gesundheitssystemen definieren unabhängig voneinander, wer an einer Essstörungsbehandlung mindestens beteiligt sein muss, und kommen zu einem ähnlichen Ergebnis.

Der chinesische Expertenkonsens, erarbeitet von sechzehn Fachleuten aus Psychiatrie, Ernährungsmedizin, Gastroenterologie, Endokrinologie und Gynäkologie, benennt als Behandlungsprinzip die multidisziplinäre Zusammenarbeit: Psychiatrie, Innere Medizin oder Kinderheilkunde, Pflege, Ernährungsfachkräfte, Psychotherapie oder Beratung und Sozialarbeit sollen gemeinsam beteiligt sein. Das brasilianische Fortbildungsmaterial formuliert es knapper, kommt aber zum selben Kern: Ein multiprofessionelles Team aus Psychiatrie, einer auf Essstörungen spezialisierten Ernährungsfachkraft und Psychologie ist das Minimum.

Für Eltern, die eine Behandlung beginnen, ist das eine nützliche Erwartung: Wenn nach der ersten Abklärung nur eine einzelne Fachrichtung im Spiel bleibt, obwohl es um eine Essstörung geht, lohnt sich die Nachfrage, wer noch Teil des Teams ist. Diese Aussage gilt nach der Quellenlage spezifisch für Essstörungen; zu multiprofessioneller Behandlung bei Angststörungen, Depression oder Selbstverletzung enthält die Quellenbasis keine vergleichbar konkrete Angabe.

159 Dass das Kind die Behandlung ablehnt, ist kein Gegenargument

Wie in Abschnitt 114 beschrieben, gehört fehlende Krankheitseinsicht zum Krankheitsbild der Essstörungen. Zwei weitere Quellen bestätigen diesen Befund unabhängig und erweitern ihn um die Behandlungsseite.

Der japanische Praxisleitfaden zur Erstversorgung der Magersucht hält fest: Die Behandlung wird auch dann abgelehnt, wenn der körperliche Zustand bereits schwer ist. Das brasilianische Fortbildungsmaterial nennt die verspätete Diagnose als zentrales Problem — weil Betroffene die Symptome verbergen oder ihre Erkrankung selbst nicht als solche erkennen, dauert eine unbehandelte Magersucht im Mittel sechs Jahre.

Für die Behandlung selbst bedeutet das: Der Widerstand des Kindes gegen eine Therapie ist bei dieser Erkrankungsgruppe kein verlässliches Signal dafür, dass die Therapie nicht nötig wäre — eher das Gegenteil. Das entbindet niemanden davon, das Kind ernst zu nehmen, seine Ängste zu hören und es so weit wie möglich einzubeziehen. Aber die Entscheidung, dass eine Behandlung beginnt, liegt bei den Erwachsenen, wie bereits in Abschnitt 114 festgehalten — auch dann, wenn das Kind sie zunächst ablehnt.

160 Was in der Behandlung schadet

Wie in Abschnitt 120 ausgeführt, sind restriktive Diätvorgaben in der Behandlung von Essstörungen ausdrücklich als kontraindiziert und potenziell schädlich gekennzeichnet — das gilt auch dann, wenn das Kind zu Beginn übergewichtig war. Diese Einschätzung wird von der brasilianischen Quelle wörtlich so formuliert und ist eine der wenigen Aussagen in diesem Ratgeber, die etwas explizit als Behandlungsfehler benennt statt nur als Risikofaktor.

Ergänzend dazu, jenseits von Essstörungen: Zur Frage, welche psychotherapeutischen Ansätze bei Kindern schaden könnten, enthält die Quellenbasis nichts. Das ist eine Lücke, keine Entwarnung — sie bedeutet, dass dieser Ratgeber dazu ehrlicherweise nichts sagen kann, nicht, dass es keine schädlichen Vorgehensweisen gäbe. Was durchgehend belegt ist, betrifft die Haltung der Erwachsenen: Gespräche bei Tisch über Gewicht, Körperbild oder Essen sind bei Essstörungen zu vermeiden, wie in Abschnitt 120 beschrieben, und abwertende Bemerkungen über Körper sind in keinem Zusammenhang neutral.

161 Die Depression behandeln heißt, den Suizidversuch verhindern

Eine chinesische Fünf-Provinzen-Studie mit 20.792 Schülerinnen und Schülern zwischen 11 und 20 Jahren liefert die stärkste Behandlungsbegründung der gesamten Quellenbasis dieses Ratgebers, auch wenn sie selbst keine Behandlungsstudie ist. Depression war mit einem Suizidversuch mit einem von OR = 5,99 verbunden, Angst mit OR = 3,37. Innerhalb des suizidalen Verhaltens insgesamt — bei 23,54 Prozent der Befragten in irgendeiner Form vorhanden — lagen Suizidgedanken bei 10,41 Prozent, Suizidpläne bei 8,03 Prozent und Suizidversuche bei 5,10 Prozent.

Die Schlussfolgerung, die der Bericht daraus zieht und die als gut übertragbarer Mechanismus gilt, auch wenn die absoluten Zahlen chinesisch sind: Wenn Depression der stärkste einzelne Risikofaktor für einen Suizidversuch ist, dann ist die Behandlung der Depression selbst eine Form der Suizidprävention — nicht nur eine Behandlung der Stimmung. Das verschiebt die Perspektive für Eltern, deren Kind eine Depression hat, aber keine erkennbaren Suizidgedanken zeigt: Die Behandlung der Depression wirkt vorbeugend über die aktuelle Symptomatik hinaus.

162 Wartezeiten sind auch in einem europäischen Reformland die Regel

Portugal hat seit 2021 zwanzig neue Gemeindeteams für Kinder- und Jugendpsychiatrie eingerichtet, zwanzig weitere sind geplant. Der Reformbericht des Gesundheitsministeriums von Oktober 2024 benennt trotzdem offen, was fehlt: zu wenig Personal, regionale Ungleichheiten, zu wenige stationäre Plätze und einen seit der Pandemie gestiegenen Andrang bei gleichzeitig schwereren Krankheitsbildern.

Dieser Befund ist deshalb bemerkenswert, weil Portugal in der Quellenlage dieses Ratgebers als das europäische Land gilt, das am ehesten mit Österreich vergleichbar ist — ein EU-Land mit HBSC-Beteiligung und einem laufenden, dokumentierten Reformprogramm. Wenn selbst dort, mit einem aktiven Ausbauprogramm, Wartezeiten die Regel bleiben, ist das eine realistische Erwartung, keine Ausnahme. Die praktische Folgerung, die der portugiesischsprachige Recherchebericht daraus zieht, gilt auch für Österreich: Der frühe Weg über die Kinderarztpraxis ist der wirksamere Ansatz als das Abwarten auf einen Facharzttermin. Was das für Österreich konkret bedeutet, steht in Kapitel 14.

163 Was „Gesund aus der Krise" messbar bewirkt hat

Zu einer einzigen Behandlungsmaßnahme in diesem Ratgeber liegen tatsächliche Verlaufsdaten aus Österreich vor, und sie sind differenziert genug, um sie ernst zu nehmen. Die Evaluierung des Bundesprogramms „Gesund aus der Krise" durch die Universität Innsbruck im Auftrag des Sozialministeriums, veröffentlicht im Februar 2025, wertete unter anderem 4.649 Fragebögen von behandelten Kindern und Jugendlichen aus.

Der Anteil der Mädchen mit Hinweisen auf depressive Verstimmungen sank im Verlauf der Beratungen und Behandlungen von 36 auf 20 Prozent, bei Burschen von 19 auf 13 Prozent. Der Anteil der Mädchen mit niedriger Lebenszufriedenheit sank von 55 auf 33 Prozent, bei Burschen von 40 auf 25 Prozent. Zu Behandlungsbeginn berichtete jeweils rund die Hälfte der Mädchen mehrmals wöchentlich oder häufiger Angstgefühle, Niedergeschlagenheit, Nervosität oder schlechte Laune; am Ende lagen diese Werte bei rund 30 Prozent. Von 278 befragten Bezugspersonen berichteten 89 Prozent von einer subjektiven Verbesserung der Schwierigkeiten ihres Kindes, mehr als die Hälfte davon empfand sie als „viel besser".

Diese Zahlen sind kein kontrollierter Wirksamkeitsnachweis — es gibt keine Vergleichsgruppe, die keine Behandlung erhielt, und Symptome können sich auch ohne Behandlung bessern. Der Evaluierungsbericht selbst weist eine kursierende Angabe von „95 Prozent Verbesserung" ausdrücklich als in dieser Form nicht auffindbar zurück; sie darf nicht verwendet werden. Was bleibt, sind die oben genannten, im Bericht selbst belegten Werte — die einzigen dokumentierten Verlaufszahlen einer österreichischen Behandlungsmaßnahme in dieser Quellenbasis.

164 Digitale und niederschwellige Angebote im europäischen Vergleich

Mehrere europäische Länder haben in den letzten Jahren niederschwellige, teils digitale Zugangswege zur psychischen Gesundheit von Jugendlichen aufgebaut. Der Vergleich zeigt, wie unterschiedlich „niederschwellig" in der Praxis ausfallen kann.

Frankreich erstattet seit 2022 über „Mon soutien psy" bis zu zwölf Sitzungen pro Kalenderjahr bei Vertragspsychologinnen, ohne dass eine ärztliche Überweisung nötig ist — allerdings ausdrücklich nur bei leichter bis mäßiger psychischer Belastung; Suizidrisiko und schwere Depressionsformen sind davon ausgenommen und gehören in fachärztliche Behandlung. Nach Angaben der Krankenkasse nutzten bis Januar 2026 rund 760.000 Menschen dieses Angebot. Italien hat mit dem „Bonus psicologo" einen einkommensabhängigen Zuschuss eingeführt, der nach Angaben einer unabhängigen Fachpublikation jedoch massiv unterfinanziert ist: 2024 wurden von über 400.000 Anträgen nur 3.325 bewilligt — diese Zahl stammt allerdings nur aus einer Sekundärquelle. Österreichs Gegenstück, „Gesund aus der Krise", wird in Abschnitt 164 und in Kapitel 14 behandelt.

Zur Wirksamkeit dieser Zugangswege selbst — nicht der dahinterliegenden Behandlung, sondern des Zugangsmodells — enthält die Quellenbasis keine Daten. Was belegt ist, sind Reichweite und Struktur, keine Ergebnisqualität.

165 Medikamente ohne Verordnung: ein wachsender blinder Fleck

Eine portugiesische Erhebung liefert einen Befund, der über Portugal hinaus zu denken gibt. Unter Jugendlichen, die Medikamente gegen Nervosität, Schlaflosigkeit oder Traurigkeit einnahmen, sank der Anteil mit ärztlicher Verordnung von 73,8 Prozent im Jahr 2018 auf 60,3 Prozent im Jahr 2022. Umgekehrt gelesen: Der Anteil ohne ärztliche Verordnung stieg im selben Zeitraum von 26,2 auf 39,7 Prozent, bei einer Stichprobe von 5.809 Jugendlichen.

Eine ähnliche Beobachtung liegt aus Italien vor, wenn auch zu einer anderen Frage: Die repräsentative Schulerhebung ESPAD®Italia fand 2024, dass 21 Prozent der befragten Oberstufenschülerinnen und -schüler angaben, mindestens einmal im Leben Psychopharmaka ohne ärztliche Verordnung eingenommen zu haben — 12 Prozent im letzten Jahr, 6,9 Prozent im letzten Monat. Der Bericht bezeichnet dies als höchste je gemessene Verbreitung.

Beide Befunde beziehen sich nicht auf dieselbe Substanzgruppe und lassen sich nicht zu einer Zahl verrechnen. Gemeinsam ist ihnen die Richtung: Ein wachsender Teil dessen, was Jugendliche gegen seelische Belastung einnehmen, geschieht ohne fachliche Begleitung. Das ist zugleich das Argument für den in Abschnitt 174 beschriebenen Blick in die eigene Hausapotheke.

166 Warum eine ganze Versorgungsebene in der Quellenlage fehlt

Zu digitalen Selbsthilfeprogrammen, Apps mit Wirksamkeitsnachweis oder internetbasierten Therapieprogrammen für Kinder und Jugendliche enthält die Quellenbasis dieses Ratgebers — neun Rechercheberichte in neun Sprachen — keinen einzigen Befund mit einer oder einer . Das gilt sowohl für die europäischen als auch für die ostasiatischen und südamerikanischen Quellen.

Was stattdessen dokumentiert ist, sind Zugangswege: textbasierte Beratung, Hotlines, Chat-Kanäle. Sie werden in Kapitel 14 behandelt, weil sie eine Frage des Zugangs sind, nicht der behandlungsbezogenen Wirksamkeit. Diese Lücke ist deshalb wichtig zu benennen, weil der Markt an Apps zur psychischen Gesundheit für Jugendliche wächst, während die in diesem Ratgeber ausgewertete fachliche Literatur dazu schweigt. Wer ein solches Angebot in Erwägung zieht, sollte wissen: Dieser Ratgeber kann weder dafür noch dagegen etwas Belegtes sagen.

167 Psychotherapie oder Medikament: was die Datenlage tatsächlich hergibt — und was nicht

Am Ende dieses Kapitels lohnt sich eine ehrliche Bilanz, weil die Frage „Psychotherapie oder Medikament" die häufigste ist, die Eltern zur Behandlung stellen.

Was belegt ist: Beide Ansätze wirken bei Jugenddepression, gemessen an zwei unterschiedlichen Skalen, die sich nicht direkt vergleichen lassen (Abschnitt 151). Bei Angststörungen liegen kognitive Verhaltenstherapie und Medikament in ähnlicher Größenordnung, mit sich überlappenden en (Abschnitt 150). Über praktisch alle ausgewerteten Leitlinien hinweg — Frankreich, Vereinigtes Königreich, Spanien, mit Einschränkung auch Deutschland — gilt dieselbe Reihenfolge: Psychotherapie zuerst, ein Medikament allenfalls zusätzlich und nach einer Wartezeit von einigen Wochen (Abschnitt 153). Kein einziges Dokument in dieser Quellenbasis empfiehlt ein Medikament als alleinigen ersten Schritt.

Was nicht belegt ist: eine direkte, gepoolte Vergleichsstudie zwischen Psychotherapie und Medikament bei Kindern und Jugendlichen. Die beiden einzigen der gesamten Quellenbasis stammen aus derselben Übersichtsarbeit, messen unterschiedliche Skalen und lassen keinen Rangschluss zu. Auch fehlt eine Aussage darüber, ab welchem Schweregrad ein Medikament einen zusätzlichen Nutzen gegenüber Psychotherapie allein bringt — nur, dass die Kombination bei schwererer Ausprägung häufiger empfohlen wird.

Dieser Ratgeber gibt aus diesem Grund keine Empfehlung „Psychotherapie statt Medikament" oder umgekehrt ab. Was er festhalten kann: Die fachliche Reihenfolge ist über mehrere Länder hinweg bemerkenswert einheitlich, auch wenn die zugrunde liegenden Wirksamkeitszahlen dünner sind, als man bei einem so häufig diskutierten Thema erwarten würde.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was seelische Gesundheit bedeutet Abschnitt 1–11 · 11
  2. 2. Wie häufig seelische Erkrankungen sind Abschnitt 12–25 · 14
  3. 3. Warnzeichen nach Alter Abschnitt 26–41 · 16
  4. 4. Angststörungen Abschnitt 42–57 · 16
  5. 5. Depression Abschnitt 58–75 · 18
  6. 6. Selbstverletzung und Suizidgedanken Abschnitt 76–91 · 16
  7. 7. ADHS und Autismus Abschnitt 92–105 · 14
  8. 8. Essstörungen Abschnitt 106–121 · 16
  9. 9. Belastende Kindheitserfahrungen Abschnitt 122–133 · 12
  10. 10. Abklärung in der Praxis Abschnitt 134–147 · 14
  11. 11. Behandlung Abschnitt 148–167 · 20
  12. 12. Was Eltern selbst tun können Abschnitt 168–185 · 18
  13. 13. Schule und Umfeld Abschnitt 186–197 · 12
  14. 14. Hilfe finden in Österreich Abschnitt 198–207 · 10
  15. 15. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 208–223 · 16