Selbstverletzung und Suizidgedanken
Das Kapitel, das Eltern am meisten fürchten – und das die klarsten Handlungsanweisungen enthält. Was Warnzeichen sind, was zu tun ist und wohin man sich wendet.
Wichtiger Hinweis
Dieser Ratgeber erklärt die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Untersuchung, keine Diagnose und keine Beratung durch Ihre Kinderärztin, eine klinische Psychologin oder eine Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bei einem konkreten Kind hängt alles vom Alter, von der Vorgeschichte und von der gesamten Lebenssituation ab. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142.
76 Zwei Begriffe, die nicht verwechselt werden dürfen
Dieses Kapitel behandelt den schwierigsten Teil des gesamten Ratgebers, und es beginnt bewusst mit einer Begriffsklärung, weil Unklarheit hier gefährlich ist. Selbstverletzendes Verhalten ohne Todeswunsch — meist als nichtsuizidale Selbstverletzung bezeichnet — und suizidales Verhalten sind zwei verschiedene, wenn auch verwandte Dinge. In der koreanischen amtlichen Todesursachenstatistik trägt Suizid ausdrücklich den Begriff „vorsätzliche Selbstbeschädigung", nichtsuizidales selbstverletzendes Verhalten einen eigenen, davon getrennten Begriff. Diese Trennung existiert nicht aus Zufall: Wer beides vermengt, überschätzt entweder das eine oder unterschätzt das andere.
Fachlich wird suizidales Verhalten heute als Kontinuum verstanden: von Gedanken über Andeutungen und Gesten bis zum Versuch. Die Abgrenzung zur nichtsuizidalen Selbstverletzung ist dabei klinisch oft schwierig, und diese Schwierigkeit darf nach ausdrücklicher Betonung der zugrundeliegenden Fachquelle niemals dazu führen, das Leiden dahinter abzuwerten. Nichtsuizidale Selbstverletzung selbst ist keine Manipulation und kein Hilfeschrei im abwertenden Sinn, sondern, wie es eine koreanische amtliche Elternhandreichung wörtlich formuliert, „ein krankhafter Bewältigungsmechanismus zur Linderung des eigenen emotionalen Schmerzes oder Unbehagens". Das japanische Gesundheitsministerium formuliert es für Eltern so: Selbstverletzung ist der Beweis dafür, dass das Herz eines Kindes ein SOS-Signal sendet — sie zu bestrafen ist der falsche Weg, und bei fortgesetztem Verhalten kann sie langfristig zum Suizid führen. Beide Aussagen stehen für denselben Kerngedanken: Ernst nehmen statt beschämen.
77 Wie verbreitet Selbstverletzung im Jugendalter ist
Wie bereits erwähnt, schwanken die Zahlen zu nichtsuizidaler Selbstverletzung stark — von rund einem Fünftel bis zu 36 Prozent, je nach Erhebungsart. Eine internationale (62 Studien, 264.638 Jugendliche) liefert dazu differenziertere Werte: Lebenszeitprävalenz 22,0 Prozent, Zwölfmonatsprävalenz 23,2 Prozent — beide nahe beieinander, was zeigt, dass es sich überwiegend um ein im Jugendalter beginnendes Verhalten handelt. Wiederholte Selbstverletzung war mit 20,3 Prozent deutlich häufiger als einmalige mit 8,3 Prozent, und die verbreitetsten Formen — etwa Schlagen gegen sich selbst oder Kneifen — hinterlassen keine sichtbaren Wunden. Das ist ein wichtiger Punkt für die Erkennung: Wer nur nach Schnittspuren sucht, übersieht den größeren Teil.
Deutschland gehört mit 25 bis 35 Prozent Lebenszeitprävalenz laut einer Übersichtsarbeit im Deutschen Ärzteblatt zu den europäischen Ländern mit den höchsten Werten. Ein häufig zitierter Metaanalysewert von 17,2 Prozent für 10- bis 19-Jährige ließ sich dagegen nicht verifizieren und wird hier bewusst nicht verwendet. Für Italien und Europa insgesamt nennt die kinderneuropsychiatrische Fachgesellschaft SINPIA eine Größenordnung von etwa einem Fünftel und ordnet Selbstverletzung als einen der häufigsten Gründe für eine Notfallvorstellung in der Kinder- und Jugendneuropsychiatrie ein.
78 Eine reale Zunahme, kein Wahrnehmungseffekt
Eine bevölkerungsbezogene Auswertung sämtlicher Primärversorgungsdaten Kataloniens (1,7 Millionen Personen von 10 bis 24 Jahren, Zeitraum 2013 bis 2022) zeigt, dass die Zunahme dokumentierter Selbstverletzungen real ist und nicht nur häufiger erkannt wird. Die stieg um das 2,67-Fache, mit einem zusätzlichen Pandemieeffekt von mehr als dem Doppelten zwischen 2019 und 2022. Der Anstieg begann bereits vor der Pandemie und beschleunigte sich danach. Bei Mädchen lagen die Raten rund dreimal so hoch wie bei Buben.
Bemerkenswert ist der stärkste gefundene Risikofaktor: nicht Bildschirmzeit, sondern sozioökonomische Benachteiligung. Das verschiebt eine oft geführte Debatte — Selbstverletzung ist nicht in erster Linie ein Mediennutzungsphänomen, sondern hängt eng mit sozialer Belastung zusammen. Häufigste Begleiterkrankungen waren Angst und Depression, was sich mit den in den vorigen Kapiteln gezeigten Zusammenhängen deckt.
79 Krankenhausaufnahmen in Frankreich: ein anhaltender Anstieg
Die französische Statistikbehörde DREES wertet jährlich alle Krankenhausaufenthalte wegen selbstzugefügter Verletzungen aus — ein Sammelbegriff für Suizidversuche und Selbstverletzungen zusammen. Gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2019 stiegen die somatischen Aufnahmen bei Mädchen von 10 bis 14 Jahren um 71 Prozent, bei 15- bis 19-Jährigen um 44 Prozent; in der Psychiatrie lagen die Zuwächse noch höher. Der Anstieg betraf alle Regionen, alle sozialen Schichten und alle Schweregrade und lässt sich damit nicht mit einer geänderten Kodierpraxis erklären. Seit 2023 zeigt sich der Anstieg im zweiten Jahr in Folge auch bei Burschen.
Wichtig für die Einordnung dieser Zahlen: Es handelt sich um Patientenzahlen, nicht um die Gesamtzahl der Vorfälle — nach Angaben desselben Berichts erreicht nur etwa jeder zweite Suizidversuch überhaupt ein Krankenhaus. Für 2025 zeigt sich eine Abflachung der Kurve, aber keine Umkehr. Diese Zahlen sind französisch und ihre absolute Höhe nicht auf Österreich übertragbar; die Richtung — eine reale, mehrjährige Zunahme bei jungen Mädchen, inzwischen auch bei Burschen — deckt sich aber mit dem katalanischen Befund aus dem vorigen Abschnitt.
80 Der Brennpunkt liegt in der achten Schulstufe
Die portugiesische HBSC-Erhebung zeigt zwischen 2018 und 2022 einen Anstieg selbstverletzenden Verhaltens von 19,6 auf 24,6 Prozent — ein Zuwachs um etwa ein Viertel. Der Höhepunkt liegt in der 8. Schulstufe, also etwa im Alter von 13 bis 14 Jahren, und betrifft überproportional Mädchen. Die am häufigsten betroffene Körperstelle ist der Arm — eine Information, die kein Methodendetail ist, sondern ein für Eltern beobachtbares Warnzeichen: Häufen sich unerklärte Verletzungen am Unterarm, wird lange Kleidung auch bei Hitze konsequent getragen, oder zieht sich ein Kind gerade um den Beginn der 8. Schulstufe zurück, ist ein ruhiges, direktes Gespräch angebracht. Auch bei diesem Befund zeigt sich der bereits bekannte soziale Gradient: Jugendliche mit arbeitslosen Eltern und niedrigerem sozioökonomischem Status sind stärker betroffen.
81 Mobbing trifft Opfer und Täter gleichermaßen
Eine Auswertung derselben portugiesischen HBSC-Daten mit statistischer Regression zeigt: Sowohl die Opfer- als auch die Täterrolle bei Mobbing und Cybermobbing waren bei beiden Geschlechtern signifikant mit Selbstverletzung verbunden. Das ist ein Punkt, der leicht übersehen wird — nicht nur wer gemobbt wird, auch wer selbst mobbt, zeigt ein erhöhtes Risiko. Zusätzlich zeigten sich geringere Lebenszufriedenheit als schützender und niedrige Gesundheitskompetenz als begünstigender Faktor.
Dieser Befund ergänzt, was bereits in einem früheren Kapitel zu Mobbing gesagt wurde: Es ist ein benannter Risikofaktor sowohl für Selbstverletzung als auch, wie die nächsten Abschnitte zeigen, für Suizidalität. Wenn Sie erfahren, dass Ihr Kind an Mobbing beteiligt ist — gleich in welcher Rolle —, ist das ein Anlass, auch nach der seelischen Verfassung des Kindes zu fragen, nicht nur nach dem Vorfall selbst.
82 Suizidgedanken und Suizidversuche entwickeln sich nicht immer gleich
Die französische Schulerhebung EnCLASS zeigt zwischen 2022 und 2024 ein gegenläufiges Bild: Suizidgedanken im letzten Jahr sind bei Oberstufenschülerinnen und -schülern von 24,2 auf 19,8 Prozent gesunken, während Suizidversuche im Lauf des Lebens von 12,9 auf 15,1 Prozent gestiegen sind. Die Autoren werten den Rückgang der Gedanken als ermutigend, betonen aber ausdrücklich, dass die schwersten Formen der Not zunehmen — beide Kennzahlen dürfen deshalb nicht zu einer einzigen „Entwarnung" oder „Verschärfung" zusammengefasst werden.
Die ESCAPAD-Erhebung, die praktisch jeden Jahrgang 17-jähriger Franzosen und Französinnen erreicht, zeigt einen längeren Trend: Suizidgedanken im letzten Jahr stiegen von 10,7 Prozent im Jahr 2011 auf 18,0 Prozent im Jahr 2022 — nahezu eine Verdopplung, mit einem Anstieg von 58 Prozent allein zwischen 2017 und 2022. Diese Zahlen sind französisch. Was sich daraus lernen lässt, ist methodisch: Gedanken, Versuche und Krankenhausaufnahmen sind drei verschiedene Messgrößen, die sich unterschiedlich entwickeln können — und alle drei einzeln zu benennen ist ehrlicher, als sie zu einer Zahl zu verschmelzen.
83 Die österreichische Datenlage: stabil, aber lückenhaft
Der jährliche österreichische Suizidbericht weist für 2024 aus: 972 Männer und 247 Frauen starben durch Suizid, eine Gesamtrate von 14 je 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner, gegenüber 2023 stabil. Suizid ist in der Altersgruppe 15 bis 34 Jahre die zweithäufigste Todesursache. Zu Suizidversuchen liegen für Österreich ausdrücklich „keine verlässlichen Zahlen" vor; internationale Studien gehen davon aus, dass Versuche die vollendeten Suizide um das Zehn- bis Dreißigfache übersteigen, woraus sich für Österreich rechnerisch etwa 11.000 bis 32.000 Versuche pro Jahr ableiten lassen. Frauen unternehmen dabei häufiger Versuche, Männer sterben häufiger.
Der Rechnungshof hält für Österreich zusätzlich fest, dass es seit Anfang 2021 „Hinweise auf eine Zunahme von Suizidgedanken und Suizidversuchen aufgrund psychischer Erkrankungen, vorwiegend bei Mädchen und jungen Frauen" gibt — ausdrücklich als Hinweis, nicht als gesicherte zahl formuliert, weil eine belastbare wiederholte Erhebung für Österreich fehlt. Diese Lückenhaftigkeit ist selbst ein Befund: Über die Zahl der Suizidversuche und ihre genaue Entwicklung weiß Österreich weniger, als man erwarten würde.
84 Warum eine einzige Selbstverletzung ernst zu nehmen ist
Eine englische hat 9.173 Kinder und Jugendliche, die nach einer Selbstverletzung in einer Notaufnahme vorstellig wurden, über bis zu 15 Jahre nachverfolgt. Im ersten Jahr nach dieser Vorstellung war das Suizidrisiko rund 30-fach erhöht gegenüber der gleichaltrigen Allgemeinbevölkerung (standardisiertes Mortalitätsverhältnis 31,0). Wie im Kapitel zu statistischen Grundbegriffen erklärt, bedeutet ein breites — hier 95 Prozent zwischen 15,5 und 61,9 — dass die genaue Höhe dieser Zahl unsicher ist. Sicher ist die Richtung: massiv erhöht.
Von den insgesamt 124 Personen der Kohorte, die bis Studienende verstorben waren, starben 55 durch Suizid — das entspricht 0,6 Prozent der gesamten Kohorte von gut 9.000 Personen. Männliches Geschlecht, höheres Jugendalter und wiederholte Selbstverletzung waren zusätzliche Risikofaktoren. Die praktische Konsequenz: Eine Selbstverletzung, die medizinisch harmlos aussieht, ist einer der stärksten bekannten Einzelhinweise auf ein erhöhtes Suizidrisiko im Folgejahr — unabhängig davon, wie gefährlich die konkrete Verletzung selbst war.
85 Warnzeichen: was gesagt, gefühlt und getan wird
Die amerikanische Gesundheitsbehörde NIMH ordnet Warnzeichen für eine akute Suizidgefahr in drei Gruppen. Was gesagt wird: der Wunsch zu sterben, starke Schuld- oder Schamgefühle, das Gefühl, anderen zur Last zu fallen. Was gefühlt wird: Leere, Hoffnungslosigkeit, das Gefühl gefangen zu sein oder keinen Grund zum Leben zu haben, unerträglicher seelischer oder körperlicher Schmerz. Was sich im Verhalten zeigt: einen Plan fassen oder nach Wegen recherchieren, sich von Freunden zurückziehen, sich verabschieden oder wichtige Dinge verschenken, riskantes Verhalten, extreme Stimmungsschwankungen, deutlich verändertes Ess- oder Schlafverhalten, vermehrter Alkohol- oder Substanzkonsum.
Die Handlungsanweisung der Behörde ist eindeutig: Treffen diese Zeichen zu, besonders wenn sie neu sind oder zugenommen haben, sollte so bald wie möglich Hilfe geholt werden. Entscheidend ist, wie bereits im ersten Kapitel dieses Ratgebers festgehalten, nicht das einzelne Zeichen, sondern seine Neuheit, seine Zunahme oder sein gemeinsames Auftreten mit anderen Zeichen.
86 Was Fachstellen konkret zum sofortigen Handeln raten
Das koreanische nationale Zentrum für psychische Gesundheit benennt in seiner amtlichen Elternhandreichung vier Situationen, in denen sofortiger fachlicher Kontakt notwendig ist: eine ernsthafte Suizidabsicht oder ein konkreter Plan, eine deutliche Veränderung von Schlaf oder Gewicht, ernsthafte Schwierigkeiten in Schule und Freundeskreis, oder ein schwerer, andauernder Elternkonflikt. Die italienische Fachgesellschaft SINPIA ergänzt dazu beobachtbare Spuren: Schnitt- oder Brandwunden an Armen, Oberschenkeln oder am Bauch — auch wenn ein Kind sie als „Unfall" erklärt und auch im Sommer durchgehend lange Ärmel trägt — sind ein Anlass für eine fachärztliche Abklärung. Wie bereits erwähnt, vervierfacht eine vorangegangene Selbstverletzung nach derselben Quelle das Risiko eines späteren Suizidversuchs.
Ein Warnzeichen wird in mehreren unabhängigen Quellen besonders hervorgehoben, weil es dem gesunden Menschenverstand widerspricht: eine plötzliche Ruhe oder Fröhlichkeit nach einer langen Phase von Traurigkeit oder Unruhe. Sie gilt ausdrücklich als Alarmsignal, nicht als Entwarnung — manchmal, weil eine innere Entscheidung bereits gefallen ist. Wichtig ist auch hier: nicht das einzelne Zeichen zählt, sondern ob mehrere davon gleichzeitig auftreten.
87 Selbstverletzung tritt selten allein auf
Die brasilianische Schülergesundheitsbefragung PeNSE zeigt, dass Jugendliche mit Selbstverletzungen ein deutlich gehäuftes Belastungsbild haben: 73 Prozent von ihnen fühlen sich ständig traurig, 67,6 Prozent sind gereizt, 62 Prozent sehen keinen Sinn im Leben. Diese Begleitumstände sind für Eltern oft früher sichtbar als die Verletzungen selbst, die häufig verborgen werden.
Für den Alltag bedeutet das: Wer bei einem Kind über Wochen anhaltende Traurigkeit, Reizbarkeit und Sinnlosigkeitsgefühle bemerkt, sollte nicht warten, bis eine Verletzung sichtbar wird, um zu handeln. Die Kombination mehrerer solcher Anzeichen ist selbst bereits ein hinreichender Grund für ein Gespräch und, je nach Ausmaß, für eine fachliche Abklärung.
88 Was 138 Suizidfälle in Japan lehren
Die japanische Kinder- und Familienbehörde hat eine detaillierte Ursachenanalyse zu 138 Suizidfällen von Schulkindern durchführen lassen, gestützt auf Schulberichte. Das zentrale Ergebnis: Warnzeichen fehlten praktisch nie. Im Schnitt fanden sich 4,3 dokumentierte Auffälligkeiten pro Fall, insgesamt 595 über alle Fälle hinweg. In 43,5 Prozent der Fälle gab es explizit suizidbezogene Zeichen. Zusätzlich wurden im Schnitt 3,1 belastende Merkmale der Lebenslage pro Fall dokumentiert — Einelternfamilie, Isolation unter Mitschülern, Lernschwierigkeiten, Laufbahnprobleme oder eine psychische Erkrankung. Kein einzelnes Merkmal erklärte die Fälle; entscheidend war fast immer das Zusammentreffen mehrerer Belastungen. Die Behörde weist selbst darauf hin, dass schulbezogene Umstände wahrscheinlich besser erfasst wurden als familiäre, weil die Schulen die Berichte verfassten.
Die vielleicht wichtigste Einzelaussage dieses gesamten Ratgebers stammt aus dem Detail dieser Analyse: Bei den 39 Fällen mit einer direkten, verbalen Andeutung nahmen Freundinnen und Freunde diese am häufigsten wahr — in 19 Fällen —, deutlich häufiger als die Schule mit 10 und die Familie mit 8 Fällen. Und in 10 dieser 39 Fälle gab die Person, die die Andeutung wahrgenommen hatte, die Information an niemanden weiter. Kinder deuten Suizidgedanken also zuerst gegenüber Gleichaltrigen an — und ein erheblicher Teil dieser Andeutungen erreicht nie einen Erwachsenen, der hätte handeln können.
Wer eine Andeutung zuerst bemerkt
Japanische Behördenanalyse von 39 Fällen mit einer direkten verbalen Suizidandeutung: Wer nahm sie wahr? Fahren Sie über einen Balken oder tippen Sie ihn an.
89 Kindern ausdrücklich die Erlaubnis geben, es weiterzusagen
Aus dem vorigen Abschnitt folgt eine konkrete, sofort umsetzbare Handlungsanweisung: Kinder brauchen die klare, wiederholte Ansage, dass sie eine Andeutung von Suizidgedanken bei einer Freundin oder einem Freund sofort einem Erwachsenen sagen dürfen und sollen — auch wenn sie zuvor Verschwiegenheit versprochen haben. Viele Kinder halten ein solches Versprechen ein, weil sie Loyalität für wichtiger halten als das Risiko, das sie damit eingehen. Genau dieses Missverständnis lässt sich durch ein klares Gespräch im Vorhinein auflösen.
Sprechen Sie mit Ihrem Kind ausdrücklich darüber, bevor eine solche Situation eintritt: Wenn eine Freundin oder ein Freund über den Tod, das Nicht-mehr-leben-Wollen oder einen Plan spricht, ist das kein Geheimnis, das man für sich behält, sondern eine Information, die sofort an einen Erwachsenen weitergegeben wird — an die Eltern, eine Lehrkraft oder direkt an Rat auf Draht. Ein gebrochenes Vertrauen lässt sich wiederherstellen. Ein verlorenes Leben nicht.
90 Nachfragen erhöht das Risiko nicht — das ist gut belegt
Die vielleicht folgenreichste Sorge von Eltern lautet: Bringt man ein Kind durch die Frage nach Suizidgedanken erst auf die Idee? Diese Sorge ist der häufigste Grund für Schweigen — und sie ist fachlich unbegründet. Eine australische von 18 Studien fand nach direkter Konfrontation mit suizidbezogenen Fragen im Mittel eine kleine, aber signifikante Abnahme der Suizidgedanken sowie eine geringere Wahrscheinlichkeit suizidalen Verhaltens; der Effekt war bei Jugendlichen fast doppelt so groß wie bei Erwachsenen. Die genaue statistische Unsicherheit dieser Metaanalyse — e und Gesamtteilnehmerzahl — war im zugänglichen Material nicht angegeben und ist daher als Zahl nicht verifiziert zu lesen; die Richtung des Effekts bestätigt sich aber in weiteren unabhängigen Übersichtsarbeiten.
Vier voneinander unabhängige fachliche Stellen kommen zum selben Schluss. Die französische Leitlinie verlangt, systematisch und mit klaren, expliziten Fragen nachzufragen. Die chilenische Leitlinie hält fest: direktes Nachfragen bei Jugendlichen ist sicher und erhöht das Suizidrisiko nicht. Ein amtlicher Elternleitfaden aus Madrid widerlegt es als einen von neun verbreiteten Irrtümern ausdrücklich: Es ist erwiesen, dass das Sprechen über Suizid diesen Gedanken niemandem erst in den Kopf setzt. Und ein brasilianisches Fortbildungsmaterial formuliert es so: Mit Ethik und Respekt nach suizidalem Verhalten zu fragen und echtes Interesse am seelischen Leiden zu zeigen, wird selbstverletzendes Verhalten nicht anregen. Diese Übereinstimmung über vier Länder und vier unabhängige fachliche Traditionen hinweg ist selten und sollte Eltern die Angst vor der Frage nehmen.
91 Wie das Gespräch geführt wird, und wohin Sie sich wenden können
Ein brasilianisches Fortbildungsmaterial bietet eine gestufte Fragenfolge an, die sich fast wörtlich übernehmen lässt und vom Allgemeinen zum Konkreten führt: Hast du Pläne oder Vorstellungen für die Zukunft? Hattest du das Gefühl, dass es sich lohnt zu leben? Wenn der Tod käme, wäre er dir willkommen? Hast du daran gedacht, dir selbst zu schaden oder dir das Leben zu nehmen? Hast du einen konkreten Plan dafür? Hast du kürzlich einen Versuch unternommen? Wichtig dabei, wie auch die koreanische Elternhandreichung betont: Fragen Sie bei einer entdeckten Selbstverletzung nach dem Gefühl unmittelbar davor, nicht abstrakt nach dem Warum — und ordnen Sie das Verhalten niemals als bloße Aufmerksamkeitssuche ein.
Bleiben Sie ruhig, hören Sie zu, ohne zu unterbrechen, urteilen Sie nicht und bagatellisieren Sie nicht mit Sätzen wie „so schlimm wird es schon nicht sein". Sichern Sie in einer akuten Krise gefährliche Mittel im Haushalt — Medikamente aller Art, auch frei verkäufliche Schmerzmittel, sowie Restpackungen — und lassen Sie Ihr Kind nicht allein; Alkohol wirkt zusätzlich enthemmend. Erstellen Sie gemeinsam mit dem Jugendlichen, nicht über seinen Kopf hinweg, einen schriftlichen Sicherheitsplan: Auslöser benennen, eigene Krisenanzeichen erkennen, Bezugspersonen mit Kontaktdaten festhalten, eine Notrufliste anlegen. Und wissen Sie: Die Zeit nach einer akuten Krise oder einer Entlassung aus dem Krankenhaus ist die gefährlichste — ein Folgetermin sollte feststehen, bevor eine stationäre Behandlung endet.
Rat auf Draht unter 147 ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym für Kinder und Jugendliche erreichbar, auch per Chat und Online-Beratung. Die Telefonseelsorge unter 142 ist ebenfalls rund um die Uhr erreichbar — auch für Sie als Eltern, wenn Sie selbst Halt brauchen. Der Kindernotruf ist unter 0800 567 567 rund um die Uhr erreichbar, die Ö3-Kummernummer des Roten Kreuzes unter 116 123 täglich von 16 bis 24 Uhr, die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums unter 0800 211 320 (täglich rund um die Uhr, amtlich bestätigt, nicht aus der Recherchebasis dieses Ratgebers). Bei unmittelbarer Lebensgefahr rufen Sie die Rettung unter 144. Das Jugendportal www.bittelebe.at bietet zusätzliche Information. Und wenn Sie als Elternteil selbst überfordert sind: Auch dafür gibt es regionale Krisendienste in jedem Bundesland — erkundigen Sie sich danach, bevor Sie sie brauchen.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Was seelische Gesundheit bedeutet Abschnitt 1–11 · 11
- 2. Wie häufig seelische Erkrankungen sind Abschnitt 12–25 · 14
- 3. Warnzeichen nach Alter Abschnitt 26–41 · 16
- 4. Angststörungen Abschnitt 42–57 · 16
- 5. Depression Abschnitt 58–75 · 18
- 6. Selbstverletzung und Suizidgedanken Abschnitt 76–91 · 16
- 7. ADHS und Autismus Abschnitt 92–105 · 14
- 8. Essstörungen Abschnitt 106–121 · 16
- 9. Belastende Kindheitserfahrungen Abschnitt 122–133 · 12
- 10. Abklärung in der Praxis Abschnitt 134–147 · 14
- 11. Behandlung Abschnitt 148–167 · 20
- 12. Was Eltern selbst tun können Abschnitt 168–185 · 18
- 13. Schule und Umfeld Abschnitt 186–197 · 12
- 14. Hilfe finden in Österreich Abschnitt 198–207 · 10
- 15. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 208–223 · 16
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