Etwa jedes fünfte bis siebte Kind erlebt im Lauf seiner Kindheit eine seelische Erkrankung, und nur ein Bruchteil davon bekommt Hilfe. Das ist die eine Zahl, die diesen Ratgeber trägt. Die zweite ist unbequemer: Der Engpass zwischen Erkennen und Behandeln sind nicht die fehlenden Plätze allein – es sind sehr oft die Eltern. In Korea, wo alle Schulkinder verpflichtend untersucht werden, erreichte trotzdem rund jedes fünfte Kind aus der Risikogruppe nie eine Fachstelle, und die häufigsten Gründe waren nicht Kosten oder Wartezeit, sondern zwei Sätze: „So schlimm ist es nicht“ und „Das wächst sich aus“. Dieser Ratgeber ist gegen diese zwei Sätze geschrieben. Er sagt, was zur normalen Entwicklung gehört und was nicht, welche Warnzeichen in welchem Alter zählen, warum Bauchweh und Kopfschmerzen so oft das erste Anzeichen sind, wie eine Abklärung tatsächlich abläuft und was die Behandlungen wirklich leisten. Zur Ehrlichkeit gehört dabei auch, was nicht bekannt ist: In der gesamten ausgewerteten Literatur aus neun Sprachen finden sich für Kinder und Jugendliche genau zwei zusammengefasste für eine Behandlung – ein direkter Vergleich zwischen Psychotherapie und Medikament existiert nirgends. Was es gibt, ist ein breiter Konsens der Leitlinien über die Reihenfolge. Und eine Sache, die gut belegt und trotzdem wenig bekannt ist: Nachfragen erhöht das Risiko nicht. Wer sein Kind auf Suizidgedanken anspricht, bringt es nicht auf die Idee.

Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber erklärt die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen allgemein und richtet sich an Eltern und Bezugspersonen. Er ersetzt keine Untersuchung, keine Diagnose und keine Beratung durch Ihre Kinderärztin, eine klinische Psychologin oder eine Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bei einem konkreten Kind hängt alles vom Alter, von der Vorgeschichte und von der gesamten Lebenssituation ab. Wenn Ihr Kind sich selbst verletzt, Suizidgedanken äußert oder Andeutungen macht, dass es nicht mehr leben möchte, warten Sie nicht ab: Rat auf Draht ist rund um die Uhr und kostenlos unter 147 erreichbar, auch für Sie als Bezugsperson, die Telefonseelsorge unter 142.

Auf einen Blick

Die wichtigsten Antworten vorweg

Wann sie nicht Abwarten dürfen

Sofort handeln müssen Sie, wenn Ihr Kind von einem konkreten Plan spricht, sich verabschiedet oder Abschiedsbotschaften hinterlässt, wichtige Dinge verschenkt, offene Angelegenheiten ordnet oder Konten schließt — und ebenso, wenn nach einer langen Zeit von Traurigkeit und Unruhe plötzlich eine auffällige Ruhe oder Fröhlichkeit eintritt. Diese plötzliche Ruhe ist in mehreren Warnzeichenlisten ausdrücklich als Alarmsignal geführt, nicht als Entwarnung. Entscheidend ist nicht das einzelne Zeichen, sondern dass es neu ist, dass es zunimmt oder dass mehrere gleichzeitig auftreten.

Lassen Sie Ihr Kind in einer akuten Krise nicht allein. Bringen Sie Medikamente aller Art im Haushalt außer Reichweite, auch frei verkäufliche Schmerzmittel. Und holen Sie sofort Hilfe: Rat auf Draht unter 147 ist rund um die Uhr, kostenlos und anonym für Kinder und Jugendliche erreichbar, zusätzlich über Chat und Online-Beratung. Die Telefonseelsorge unter 142 ist ebenfalls rund um die Uhr erreichbar und richtet sich an Menschen in schwierigen Lebenssituationen — also auch an Sie als Eltern. Die schulpsychologische Hotline des Bildungsministeriums erreichen Sie unter 0800 211 320, täglich rund um die Uhr (amtlich bestätigt, nicht aus der Recherchebasis dieses Ratgebers). Bei unmittelbarer Lebensgefahr rufen Sie die Rettung unter 144.

Alle 12 Kurzantworten im vollen Wortlaut – mit allen Mengen- und Altersangaben
  1. Seelische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter sind häufig, aber nicht die Regel. In der einzigen repräsentativen österreichischen Diagnosestudie (MHAT, 3.615 Jugendliche aus 261 Schulen plus 137 aus klinischen Einrichtungen, 10 bis 18 Jahre, Erhebung 2013 bis 2015) erfüllten 23,93 Prozent zum Erhebungszeitpunkt die Kriterien mindestens einer psychischen Störung. Der Rechnungshof rechnet das auf rund 170.000 Betroffene um, davon rund 107.000 akut behandlungsbedürftig.
  2. Vieles beginnt früh. Eine von 192 Studien mit 708.561 Personen fand den Gipfel des Ersterkrankungsalters bei 14,5 Jahren; 34,6 Prozent aller Ersterkrankungen liegen vor dem 14., 48,4 Prozent vor dem 18. Geburtstag. Die italienische Fachgesellschaft SINPIA nennt nach WHO-Daten „über 50 Prozent" vor 14 — beide Angaben stehen nebeneinander, wir mitteln sie nicht.
  3. Die häufigste Gruppe ist nicht die Depression, sondern die Angst. In Österreich liegt die Lebenszeitprävalenz von Angststörungen bei 15,6 Prozent, jene depressiver Störungen bei 6,2 Prozent. Angst wird häufiger übersehen, weil sie sich als Bauchweh, Schulvermeidung oder Anhänglichkeit zeigt und nicht als Traurigkeit.
  4. Ein auffälliger Fragebogen ist keine Diagnose. Österreichische Screeningwerte aus dem Frühjahr 2022 (73 Prozent der Mädchen über der Schwelle für klinisch relevante depressive Symptome) messen Belastung, nicht Erkrankung; die Teilnahme war freiwillig und online. Solche Zahlen dürfen nie neben Diagnosezahlen gestellt werden, ohne dass der Unterschied genannt wird.
  5. Warnzeichen ändern sich mit dem Alter und unterscheiden sich zwischen Mädchen und Burschen. Im Vorschulalter zeigt sich Belastung eher über Verhalten und häufiger bei Buben; im Jugendalter berichten Mädchen fast jeden Symptomwert häufiger, während sich Belastung bei Burschen öfter als Reizbarkeit, Aggression und Leistungsabfall zeigt.
  6. Wiederkehrende körperliche Beschwerden ohne Befund sind ernst zu nehmen. In einer landesweiten japanischen Untersuchung an 2.268 Kindern von 10 bis 15 Jahren war das Risiko für depressive Symptome bei vier verschiedenen Körperbeschwerden das 16,4-Fache gegenüber Kindern ohne solche Beschwerden; rund 86 Prozent der Kinder mit depressiven Symptomen hatten mindestens einmal im Monat irgendein Körpersymptom.
  7. Schlaf ist der Hebel, an dem Eltern am schnellsten etwas ändern können. In einer chinesischen Metaanalyse über 28 Studien und 159.249 Jugendliche war Schlafmangel der mit Abstand stärkste Einzelfaktor für depressive Symptome ( 4,81) — deutlich stärker als Leistungsdruck (1,83) oder Bildschirmzeit ab zwei Stunden täglich (1,50).
  8. Selbstverletzung ist im Jugendalter verbreitet und ein wichtiger Risikomarker. Die Angaben reichen je nach Erhebungsart von rund einem Fünftel bis zu 36 Prozent; eine einzelne Zahl wäre irreführend. Nach einer Krankenhausvorstellung wegen Selbstverletzung war das Suizidrisiko im ersten Jahr rund 30-fach erhöht (englische Kohorte, 9.173 Kinder und Jugendliche).
  9. Ansprechen hilft und erhöht das Risiko nicht. Vier voneinander unabhängige Stellen — die französische Leitlinie, die chilenische Leitlinie, ein amtlicher spanischer Elternleitfaden und eine australische Metaanalyse — kommen zum selben Ergebnis. Die Sorge, man bringe ein Kind durch Nachfragen erst auf Gedanken, ist der häufigste Grund für Schweigen und fachlich unbegründet.
  10. Kinder deuten Suizidgedanken zuerst gegenüber Gleichaltrigen an. In einer japanischen Untersuchung von 138 Suizidfällen fanden sich im Schnitt 4,3 dokumentierte Warnzeichen pro Fall; von 39 Fällen mit einer direkten Andeutung hatten Freundinnen und Freunde sie in 19 Fällen wahrgenommen, die Schule in 10, die Familie in 8 — und in 10 Fällen gab niemand die Information weiter. Kinder müssen ausdrücklich wissen, dass sie eine solche Andeutung sofort weitersagen dürfen und sollen, auch wenn sie Verschwiegenheit versprochen haben.
  11. Die häufigste Hürde ist nicht der fehlende Therapieplatz, sondern ein Satz. In der koreanischen Bevölkerungserhebung nannten rund 60 Prozent als Grund für Nichtinanspruchnahme „nicht ernst genug, um Hilfe zu brauchen", 43 bis 53 Prozent „löst sich mit der Zeit von selbst". Diese Denkmuster sind nicht landesgebunden. Treffen Sie die Einschätzung „so schlimm ist es nicht" nicht allein.
  12. Eltern sind Schutzfaktor, nicht Ursache. Die französische Leitlinie zur Suizidalität bei Kindern nennt als stärkste Schutzfaktoren ausdrücklich familiäre Faktoren: den Zusammenhalt in der Familie, die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung und die elterliche Anteilnahme am Lernen und am Schulweg des Kindes.

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    So ist dieser Ratgeber aufgebaut

    Dieser Ratgeber ist in 15 Kapitel geteilt; die Abschnittsnummern laufen über alle Kapitel durch, ein Verweis auf „Abschnitt 12“ bleibt damit eindeutig. Der Ratgeber beginnt mit der Abgrenzung – was seelische Gesundheit im Kindesalter bedeutet, wie häufig Erkrankungen sind und wo die Zahlen auseinandergehen – und führt dann durch die Warnzeichen nach Altersstufen, weil ein Dreijähriger seelische Not anders zeigt als eine Sechzehnjährige. Es folgen die einzelnen Krankheitsbilder: Angststörungen, Depression, Selbstverletzung und Suizidgedanken, ADHS und Autismus, Essstörungen sowie belastende Kindheitserfahrungen. Der zweite Teil ist der praktische: wie eine Abklärung in der Ordination abläuft, was die Behandlungen leisten und was nicht, was Eltern selbst tun können, welche Rolle Schule und Umfeld spielen – und wo es in Österreich Hilfe gibt, mit Namen, Nummern und Wartezeiten. Den Abschluss bilden häufige Fragen, verbreitete Irrtümer und die Einordnung der Befunde.

    Der ganze Ratgeber

    Alle Kapitel im Überblick

    Die Nummern laufen über den ganzen Ratgeber durch: Abschnitt 1 steht im ersten Kapitel, Abschnitt 223 im letzten.

    1. 1. Was seelische Gesundheit bedeutet Abschnitt 1–11 · 11
    2. 2. Wie häufig seelische Erkrankungen sind Abschnitt 12–25 · 14
    3. 3. Warnzeichen nach Alter Abschnitt 26–41 · 16
    4. 4. Angststörungen Abschnitt 42–57 · 16
    5. 5. Depression Abschnitt 58–75 · 18
    6. 6. Selbstverletzung und Suizidgedanken Abschnitt 76–91 · 16
    7. 7. ADHS und Autismus Abschnitt 92–105 · 14
    8. 8. Essstörungen Abschnitt 106–121 · 16
    9. 9. Belastende Kindheitserfahrungen Abschnitt 122–133 · 12
    10. 10. Abklärung in der Praxis Abschnitt 134–147 · 14
    11. 11. Behandlung Abschnitt 148–167 · 20
    12. 12. Was Eltern selbst tun können Abschnitt 168–185 · 18
    13. 13. Schule und Umfeld Abschnitt 186–197 · 12
    14. 14. Hilfe finden in Österreich Abschnitt 198–207 · 10
    15. 15. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 208–223 · 16

    Kapitel 1 · Abschnitt 1–11

    Was seelische Gesundheit bedeutet

    Kinder sind traurig, wütend und ängstlich – das gehört dazu. Wo die Grenze zwischen einer schwierigen Phase und einer behandlungsbedürftigen Erkrankung verläuft, ist die erste und schwierigste Frage.

    und 7 weitere Abschnitte

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    Kapitel 2 · Abschnitt 12–25

    Wie häufig seelische Erkrankungen sind

    Etwa jedes fünfte bis siebte Kind ist im Lauf seiner Kindheit betroffen – und nur ein Bruchteil davon bekommt Hilfe. Was die Zahlen sagen und wo sie auseinandergehen.

    und 10 weitere Abschnitte

    Zum Kapitel

    Kapitel 3 · Abschnitt 26–41

    Warnzeichen nach Alter

    Ein Dreijähriger zeigt seelische Not anders als eine Sechzehnjährige. Was in welchem Alter auffällt – und warum Bauchweh und Kopfschmerzen so oft der erste Hinweis sind.

    und 12 weitere Abschnitte

    Zum Kapitel

    Kapitel 4 · Abschnitt 42–57

    Angststörungen

    Die häufigste Gruppe seelischer Erkrankungen im Kindesalter – und die mit den besten Behandlungsaussichten, wenn sie erkannt wird.

    und 12 weitere Abschnitte

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    Kapitel 5 · Abschnitt 58–75

    Depression

    Eine Depression im Kindesalter sieht selten aus wie eine Depression bei Erwachsenen. Häufiger sind Gereiztheit, Rückzug und ein Kind, dem nichts mehr Freude macht.

    und 14 weitere Abschnitte

    Zum Kapitel

    Kapitel 6 · Abschnitt 76–91

    Selbstverletzung und Suizidgedanken

    Das Kapitel, das Eltern am meisten fürchten – und das die klarsten Handlungsanweisungen enthält. Was Warnzeichen sind, was zu tun ist und wohin man sich wendet.

    und 12 weitere Abschnitte

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    Kapitel 7 · Abschnitt 92–105

    ADHS und Autismus

    Zwei Entwicklungsbesonderheiten, die häufig verwechselt und häufig gemeinsam übersehen werden – und die sich seelisch ganz unterschiedlich auswirken.

    und 10 weitere Abschnitte

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    Kapitel 8 · Abschnitt 106–121

    Essstörungen

    Die seelische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeit im Jugendalter – und diejenige, bei der frühes Erkennen den größten Unterschied macht.

    und 12 weitere Abschnitte

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    Kapitel 9 · Abschnitt 122–133

    Belastende Kindheitserfahrungen

    Trennung, Krankheit, Gewalt, Sucht in der Familie: Was solche Erfahrungen langfristig bewirken – und was Kinder davor schützt.

    und 8 weitere Abschnitte

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    Kapitel 10 · Abschnitt 134–147

    Abklärung in der Praxis

    Was in der Ordination gefragt und untersucht wird, welche Fragebögen es gibt, wann eine Überweisung folgt – und was Eltern zum Termin mitbringen sollten.

    und 10 weitere Abschnitte

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    Kapitel 11 · Abschnitt 148–167

    Behandlung

    Psychotherapie, Medikamente, digitale Angebote: Was wirkt, wie stark, ab welchem Alter – und was man über Nebenwirkungen wissen muss, bevor man zustimmt.

    und 16 weitere Abschnitte

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    Kapitel 12 · Abschnitt 168–185

    Was Eltern selbst tun können

    Zuhören ohne zu reparieren, Schlaf, Bewegung, Struktur – und die Elternprogramme, deren Wirkung tatsächlich gemessen wurde.

    und 14 weitere Abschnitte

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    Kapitel 13 · Abschnitt 186–197

    Schule und Umfeld

    Freundschaften, Sport, Vereine und die Schule selbst sind keine Nebensache – sie gehören zu den bestbelegten Schutzfaktoren überhaupt.

    und 8 weitere Abschnitte

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    Kapitel 15 · Abschnitt 208–223

    Fragen, Irrtümer und Einordnung

    Häufige Irrtümer, die Fragen aus der Sprechstunde und eine ehrliche Auskunft darüber, wie sicher dieses Wissen ist. Dazu die Quellen.

    und 12 weitere Abschnitte

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