Rehydratation als Kern der Behandlung – mit Mengenangaben – und was Antiemetika, Probiotika, Zink und Antibiotika tatsächlich leisten. Dazu blutiger Durchfall und das hämolytisch-urämische Syndrom.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ersetzt keine Untersuchung. Sofortige medizinische Hilfe braucht ein Säugling insbesondere bei deutlich grünem Erbrechen, Atemnot, Bewusstseinsstörung, grauer oder blauer Haut, Krampfanfall, einem sehr harten und schmerzhaften Bauch, größeren Blutmengen, Kreislaufzeichen oder schwer krankem Eindruck. Neugeborene und junge Säuglinge können rasch erkranken; bei ihnen gilt eine besonders niedrige Schwelle zur ärztlichen Beurteilung.

Bei akuter Lebensgefahr gelten in Österreich 144 und europaweit 112. Die Vergiftungsinformationszentrale Österreich ist unter +43 1 406 43 43 erreichbar.

65 Akute Gastroenteritis

Gastroenteritis ist eine meist infektiöse Entzündung von Magen und Darm mit Durchfall, oft Erbrechen, Fieber und Bauchschmerz. Bei Säuglingen stehen Flüssigkeitsverlust und die Frage nach einer systemischen Infektion im Mittelpunkt.

Rotaviren, Noroviren, Adenoviren und weitere Viren sind häufig. Bakterielle Ursachen werden bei Blut, hohem Fieber, schwerem Verlauf, Ausbruch oder besonderer Exposition wahrscheinlicher. Eine genaue Erregerdiagnose ist für unkomplizierte Verläufe oft nicht erforderlich.

Das wichtigste Behandlungsprinzip ist frühzeitiger Ersatz von Wasser und Salzen mit einer geeigneten oralen Rehydratationslösung. Stillen und altersgerechte Nahrung werden möglichst fortgeführt.

66 Orale Rehydratationslösung

ORS enthält Glukose und Elektrolyte in einem Verhältnis, das den gekoppelten Natrium-Glukose-Transport des Darms nutzt. Selbst entzündete Darmschleimhaut kann darüber Flüssigkeit aufnehmen. Reines Wasser, Saft, Cola, Tee und Sportgetränke haben nicht die passende Zusammensetzung.

Pulver wird exakt mit der angegebenen Wassermenge gemischt. Zu konzentrierte Lösung kann Natrium gefährlich erhöhen, zu dünne liefert nicht genug Salze. Fertige Lösungen vermeiden Mischfehler.

Kleine häufige Mengen sind besser verträglich: mit Löffel oder Spritze alle ein bis zwei Minuten, bei Erbrechen kurz pausieren und langsamer fortsetzen. Anhaltende Unfähigkeit zu trinken verlangt medizinische Hilfe.

67 Wie viel ORS?

Die Menge richtet sich nach Gewicht, geschätztem Flüssigkeitsdefizit und fortlaufenden Verlusten. Bei leichter bis mäßiger Austrocknung verwenden Leitlinien häufig etwa 50 Milliliter pro Kilogramm über vier Stunden, bei stärkerem Defizit mehr und unter engerer Kontrolle. Zusätzliche Mengen ersetzen jeden weiteren wässrigen Stuhl oder Erbrechen.

Diese Zahlen sind ärztliche Orientierung, keine starre Heimvorgabe für jeden Säugling. Herz-, Nieren- oder Stoffwechselerkrankungen verändern den Plan. Gewicht vor und nach Rehydratation ist besonders aussagekräftig.

Ein schwer dehydriertes oder kreislaufinstabiles Baby braucht rasch intravenöse oder gegebenenfalls sondengestützte Versorgung.

68 Stillen und Nahrung bei Durchfall

Stillen wird fortgesetzt und häufig angeboten. Muttermilch liefert Flüssigkeit, Energie und immunologische Faktoren. Eine routinemäßige Stillpause „zur Darmschonung“ verschlechtert Versorgung und Milchbildung.

Nach erfolgreicher Rehydratation erhalten Flaschenkinder gewöhnlich ihre normale altersgerechte Nahrung in korrekter Konzentration. Verdünnen über mehrere Tage liefert zu wenig Energie. Laktosefreie Nahrung ist nur bei ausgewählten anhaltenden Verläufen sinnvoll.

Beikost wird verträglich fortgeführt. Zwang ist unnötig; Flüssigkeit hat zunächst Priorität. Sehr zuckerreiche Getränke können Durchfall durch osmotischen Wassereinstrom verstärken.

69 Wann eine Infusion nötig wird

Intravenöse Flüssigkeit ist nötig bei Schock, schwerer Austrocknung, Bewusstseinsstörung, unstillbarem Erbrechen, Ileusverdacht oder wenn orale beziehungsweise nasogastrale Rehydratation nicht gelingt. Sie wird nach Gewicht, Kreislauf und Laborwerten dosiert.

Eine Infusion ist nicht automatisch „stärker“ oder besser als ORS. Bei leichter bis mäßiger Dehydratation ist orale oder sondengestützte Rehydratation wirksam, physiologisch und komplikationsärmer.

Zu schnelle oder falsche Flüssigkeit kann bei Natriumstörungen schaden. Schwere Hypernatriämie wird kontrolliert korrigiert, um Hirnödem zu vermeiden.

70 Antiemetika bei Säuglingen

Ondansetron kann bei ausgewählten Kindern mit Gastroenteritis Erbrechen reduzieren und orale Rehydratation erleichtern. Bei jungen Säuglingen, möglichem Darmverschluss, Herzrhythmusrisiko oder unklarer Diagnose ist es keine einfache Heimmedikation.

Andere Mittel wie Dimenhydrinat können sedieren und einen schlechter werdenden Allgemeinzustand verdecken. Metoclopramid verursacht extrapyramidale Bewegungsstörungen und wird bei Säuglingen stark eingeschränkt beziehungsweise nicht routinemäßig verwendet.

Das Ziel ist nicht, jedes Erbrechen zu unterdrücken, sondern Hydratation zu ermöglichen und gefährliche Ursachen nicht zu maskieren.

71 Mittel gegen Durchfall

Loperamid und ähnliche motilitätshemmende Medikamente gehören nicht in die eigenständige Säuglingsbehandlung. Sie können Darmstillstand, Benommenheit und bei invasiven Infektionen Komplikationen fördern.

Adsorbentien, pflanzliche Mischungen und „Darmstopper“ ersetzen ORS nicht. Für manche Produkte gibt es in bestimmten Altersgruppen Studien, doch Nutzen, Reinheit und nationale Zulassung müssen konkret geprüft werden.

Durchfall ist ein Symptom. Sicher behandelt wird zuerst der Flüssigkeits- und Salzverlust; weitere Therapie richtet sich nach Ursache und Alter.

72 Probiotika bei akuter Gastroenteritis

Probiotika wirken stamm- und dosisabhängig. Die ESPGHAN-Position nennt für einzelne Stämme möglicherweise einen kleinen Nutzen bei akuter Gastroenteritis, bewertet die Evidenz aber als niedrig bis sehr niedrig. Ein Ergebnis für Lactobacillus rhamnosus GG lässt sich nicht auf irgendein Produkt mit „Milchsäurebakterien“ übertragen.

Große nordamerikanische Studien fanden für häufig verwendete Präparate keinen klinisch relevanten Nutzen. Bei Frühgeborenen, zentralem Venenkatheter oder Immundefekt besteht selten das Risiko einer Blutstrominfektion durch den Probiotikastamm.

ORS bleibt die zentrale Therapie. Probiotika sind kein Grund, ärztliche Abklärung bei Warnzeichen zu verzögern.

73 Zink bei Durchfall

Die WHO empfiehlt Zink bei akuter Diarrhö vor allem in Regionen, in denen Zinkmangel häufig ist und Durchfallerkrankungen eine hohe Sterblichkeit verursachen. Dort kann es Dauer und Schwere verringern.

In gut ernährten Säuglingen in Mitteleuropa ist routinemäßige zusätzliche Zinkgabe nicht in gleicher Weise belegt und kann Übelkeit verursachen. Dosierung und Altersgrenzen unterscheiden sich.

Eine globale Empfehlung wird deshalb an Ernährungslage und nationales Programm angepasst. ORS und Weiterfütterung bleiben unabhängig davon wichtig.

74 Antibiotika bei Durchfall

Die meisten akuten Gastroenteritiden sind viral und brauchen keine Antibiotika. Bei bestimmten bakteriellen Erregern können sie Verlauf verkürzen oder Übertragung reduzieren; bei anderen, etwa Shigatoxin-bildenden E. coli, können sie das Risiko eines hämolytisch-urämischen Syndroms erhöhen.

Blutiger Durchfall wird deshalb diagnostisch eingeordnet, bevor wahllos behandelt wird. Sehr junge oder septische Säuglinge erhalten wegen des systemischen Risikos früher kalkulierte Therapie nach Probenentnahme.

Reste aus der Hausapotheke sind ungeeignet. Wahl, Dosis und Dauer hängen von Erreger, Resistenzlage, Alter und Erkrankungsort ab.

75 Wann eine Stuhluntersuchung sinnvoll ist

Eine Untersuchung kommt infrage bei Blut, schwerem oder anhaltendem Verlauf, Immundefekt, sehr jungem Alter, Ausbruch, Reise, Antibiotikavorbehandlung oder Verdacht auf einen Erreger mit Konsequenz für Therapie und Hygiene.

Multiplex-PCR findet gleichzeitig viele Erreger, darunter manchmal Reste einer früheren Infektion oder Organismen ohne aktuelle Bedeutung. Ein positives Ergebnis erklärt Beschwerden nicht automatisch.

Kultur bleibt für Resistenztestung und öffentliche Gesundheit wichtig. Parasiten werden mit passenden Methoden gesucht. Die Probe wird sauber entnommen und rasch transportiert; Windelmaterial kann je nach Test ungeeignet sein.

76 Blutiger Durchfall

Blut zusammen mit Durchfall, Fieber und Bauchschmerz kann auf bakterielle Darmentzündung hinweisen. Bei Säuglingen kommen außerdem Kuhmilchprotein-induzierte Proktokolitis, Invagination, Nekrotisierende Enterokolitis und Gerinnungsstörungen infrage.

Menge und Farbe werden fotografiert, doch ein krankes Kind wartet nicht auf die nächste Windel. Blässe, wenig Urin, starke Schmerzen, Bauchdistension oder Lethargie erhöhen die Dringlichkeit.

Antibiotika und Durchfallstopper werden nicht ohne Diagnose begonnen. Bei möglichem Shigatoxin-Erreger werden Blutbild, Nierenfunktion und Urin im Verlauf kontrolliert.

77 Hämolytisch-urämisches Syndrom

Das typische HUS kann einige Tage nach blutigem Durchfall durch Shigatoxin-bildende E. coli entstehen. Rote Blutkörperchen zerfallen, Blutplättchen sinken und die Nieren werden geschädigt. Zeichen sind Blässe, Müdigkeit, kleine Einblutungen, deutlich weniger Urin, Schwellung oder neurologische Auffälligkeit.

Der Durchfall kann bereits besser werden, wenn HUS beginnt. Deshalb ist die Entwarnung nicht allein an weniger Stühlen gebunden.

Behandlung erfolgt im Krankenhaus mit genauer Flüssigkeits-, Blutdruck- und Laborsteuerung; manche Kinder benötigen Dialyse. Vorbeugend zählen Lebensmittel- und Küchenhygiene, besonders bei rohem Hackfleisch und Tierkontakten.

78 Anhaltender und chronischer Durchfall

Akuter Durchfall dauert meist weniger als zwei Wochen. Persistierender Durchfall überschreitet ungefähr 14 Tage; chronische Verläufe werden je nach Definition nach mehreren Wochen bezeichnet. Bei Säuglingen wird früher untersucht, wenn Wachstum oder Hydratation leiden.

Mögliche Ursachen sind anhaltende Infektion, sekundärer Laktasemangel, Kuhmilcheiweißallergie, postinfektiöse Schleimhautschädigung, Pankreas- oder Lebererkrankung, Immundefekt und selten angeborene Enteropathien.

Diagnostik richtet sich nach Beginn, Stuhlmenge trotz Fasten, Ernährung, Blut, Entzündung, Wachstum und Familienanamnese. Eine Serie ungeplanter Nahrungswechsel kann das Bild verschleiern und Mangel verursachen.

79 Angeborene schwere Durchfallerkrankungen

Beginnt lebensbedrohlicher wässriger Durchfall in den ersten Lebenstagen oder -wochen, kommen seltene Transportdefekte und Enteropathien infrage. Beispiele sind kongenitale Chloriddiarrhö, Glukose-Galaktose-Malabsorption, Mikrovillus-Inklusionskrankheit und tufting enteropathy.

Hinweise sind enorme Stuhlmengen, die auch ohne Nahrung anhalten können, schwere Elektrolytstörungen, vorgeburtlich vermehrtes Fruchtwasser oder familiäre Fälle. Manche Erkrankungen reagieren auf gezielte Nahrungsänderung, andere benötigen lange parenterale Ernährung und Darmrehabilitation.

Diese Diagnosen sind selten, aber bei sehr frühem schwerem Verlauf wichtiger als die pauschale Annahme einer „empfindlichen Verdauung“.

80 Antibiotika-assoziierter Durchfall

Antibiotika verändern die Darmflora und können weichen Stuhl verursachen. Bei Säuglingen ist Clostridioides difficile häufig als Besiedler nachweisbar, ohne Krankheit zu verursachen; ein positiver Test wird daher in den ersten Lebensjahren besonders vorsichtig interpretiert.

Leichter Durchfall ohne Warnzeichen wird mit Flüssigkeit und Beobachtung behandelt. Das verordnete Antibiotikum wird nicht eigenmächtig abgesetzt, sondern Nutzen und Alternative werden ärztlich besprochen.

Blut, Fieber, starker Bauchschmerz, Austrocknung oder sehr häufiger Durchfall verlangen erneute Beurteilung. Probiotika sind bei Risikokindern nicht automatisch harmlos.

81 Postinfektiöse Beschwerden

Nach Gastroenteritis kann die Dünndarmschleimhaut vorübergehend weniger Laktase bilden. Milchzucker wird dann schlechter gespalten, zieht Wasser in den Darm und wird vergoren. Wässrig-saurer Stuhl, Gas und wundes Gesäß können folgen.

Bei mildem Verlauf wird normale Ernährung meist fortgeführt. Eine zeitlich begrenzte laktosereduzierte Strategie kommt bei anhaltendem deutlichem Durchfall infrage. Danach wird wieder eingeführt; daraus wird keine lebenslange Intoleranzdiagnose.

Manche Kinder entwickeln länger funktionelle Bauchbeschwerden. Bei Säuglingen müssen Wachstum, Blut und Entzündungszeichen geprüft werden, bevor Beschwerden als postinfektiös gelten.

82 Windeldermatitis bei Durchfall

Häufiger wässriger Stuhl reizt die Haut durch Feuchtigkeit, Enzyme und Reibung. Windeln werden rasch gewechselt, die Haut mit Wasser oder mildem Produkt gereinigt, trocken getupft und mit einer Barrierecreme geschützt.

Starkes Reiben, Duftstoffe und dicke Schichten wechselnder Hausmittel verschlimmern oft. Offene, nässende oder blutende Stellen, Bläschen, Eiter oder Fieber werden beurteilt. Satellitenpusteln können zu Candida passen.

Die Hautpflege behandelt nicht die Austrocknung. Trinkmenge und Urin bleiben vorrangig.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Einordnen und beobachten Abschnitt 1–7 · 7
  2. 2. Stuhl: was normal ist Abschnitt 8–15 · 8
  3. 3. Durchfall, Blut und Verstopfung Abschnitt 16–33 · 18
  4. 4. Spucken, Erbrechen und Gedeihen Abschnitt 34–49 · 16
  5. 5. Verstopfung im Detail Abschnitt 50–64 · 15
  6. 6. Gastroenteritis im Detail Abschnitt 65–82 · 18
  7. 7. Reflux im Detail Abschnitt 83–91 · 9
  8. 8. Blutung, Allergie und chirurgische Ursachen Abschnitt 92–105 · 14
  9. 9. Leber, Galle und Unverträglichkeiten Abschnitt 106–125 · 20
  10. 10. Fütterung und Zubereitung Abschnitt 126–141 · 16
  11. 11. Medikamente und Hausmittel Abschnitt 142–152 · 11
  12. 12. Tests und Untersuchungen Abschnitt 153–168 · 16
  13. 13. Beobachten zu Hause Abschnitt 169–183 · 15
  14. 14. Hygiene, Impfung und Frühgeborene Abschnitt 184–199 · 16
  15. 15. Beikost Abschnitt 200–210 · 11
  16. 16. Entscheidungsmatrizen und Alter Abschnitt 211–228 · 18
  17. 17. Mittel richtig anwenden Abschnitt 229–249 · 21
  18. 18. Mythen und Fallbeispiele Abschnitt 250–269 · 20
  19. 19. Besondere Kinder und Entscheiden Abschnitt 270–287 · 18