Zehn verbreitete Mythen einzeln geprüft – und zehn ausgearbeitete Fallbeispiele, die zeigen, wie dieselben Beobachtungen je nach Gesamtbild zu ganz unterschiedlichen Schlüssen führen.

  • Abschnitt 250 bis 269 von 287
  • Stand: 3. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ersetzt keine Untersuchung. Sofortige medizinische Hilfe braucht ein Säugling insbesondere bei deutlich grünem Erbrechen, Atemnot, Bewusstseinsstörung, grauer oder blauer Haut, Krampfanfall, einem sehr harten und schmerzhaften Bauch, größeren Blutmengen, Kreislaufzeichen oder schwer krankem Eindruck. Neugeborene und junge Säuglinge können rasch erkranken; bei ihnen gilt eine besonders niedrige Schwelle zur ärztlichen Beurteilung.

Bei akuter Lebensgefahr gelten in Österreich 144 und europaweit 112. Die Vergiftungsinformationszentrale Österreich ist unter +43 1 406 43 43 erreichbar.

250 Mythos: Grüner Stuhl bedeutet immer Krankheit

Grün entsteht meist durch Gallenfarbstoff, der den Darm schneller passiert oder noch nicht vollständig umgewandelt wurde. Bei gestillten Kindern, nach einem Wechsel der Milchnahrung, unter Eisen oder während eines leichten Infekts kann grüner Stuhl vorkommen. Ist das Baby munter, trinkt gut, gedeiht und bleibt der Stuhl weich, ist die Farbe allein selten bedrohlich.

Entscheidend ist die Kombination. Grünlicher Stuhl ist etwas völlig anderes als deutlich grünes Erbrechen. Galliges, meist dunkel- oder grasgrünes Erbrechen kann auf einen Darmverschluss hinweisen und ist ein Notfall. Auch grüner Stuhl mit viel Blut, Fieber, Trinkschwäche, starkem Durchfall oder fehlender Gewichtszunahme wird ärztlich beurteilt.

Ein Foto bei natürlichem Licht hilft, weil Kunstlicht gelb, braun und grün verfälschen kann. Die Behandlung richtet sich nie nach einer Farbkarte allein.

251 Mythos: Eine stillende Mutter macht durch „blähende“ Kost das Baby blähend

Gas aus Bohnen, Kohl oder Zwiebeln entsteht im mütterlichen Darm und wandert nicht in die Muttermilch. Bestandteile der Nahrung können zwar in kleinen Mengen in die Milch gelangen, doch pauschale Verbotslisten für Stillende sind nicht begründet. Sie schränken Ernährung und Lebensqualität ein und können Mängel fördern.

Wenn ein reproduzierbares Muster auffällt, wird es nüchtern geprüft: Was wurde gegessen, wie schnell folgten welche Symptome, gibt es Hautreaktionen, Blut im Stuhl, Erbrechen oder Gedeihprobleme? Eine echte Nahrungsmittelallergie beim Säugling verlangt mehr als zeitgleiches Pupsen. Bei begründetem Verdacht erfolgt eine zeitlich begrenzte, ernährungsfachlich begleitete Elimination mit geplanter Wiedereinführung.

Eine abwechslungsreiche Ernährung ist in der Stillzeit normalerweise erwünscht. Mehrere Lebensmittel „auf Verdacht“ wegzulassen, ist keine harmlose Vorsichtsmaßnahme.

252 Mythos: „Vordermilch“ und „Hintermilch“ müssen exakt getrennt werden

Der Fettgehalt der Muttermilch verändert sich während und zwischen Mahlzeiten fließend. Es gibt keinen Schalter, an dem eine minderwertige Vordermilch plötzlich zur wertvollen Hintermilch wird. Grüner oder schaumiger Stuhl beweist kein „Vordermilch-Hintermilch-Ungleichgewicht“.

Sehr häufiger Seitenwechsel, ein starker Milchspendereflex oder ein Überangebot können einzelne Familien belasten. Dann sind Stillposition, Andocken, Schlucken, Brustwechsel, Brustbeschwerden und Wachstum gemeinsam zu beurteilen. Ziel ist eine angenehme, wirksame Milchübertragung – nicht das Erreichen einer willkürlichen Minutenmarke.

Blockstillen oder absichtliches Begrenzen einer Brust darf bei echtem Überangebot fachlich begleitet werden, weil es Milchstau und zu starke Reduktion der Milchbildung auslösen kann. Die Stuhlfarbe allein rechtfertigt es nicht.

253 Mythos: Ein Säugling muss täglich Stuhl haben

Nach den ersten Lebenswochen können voll gestillte Kinder mehrere Tage ohne Stuhl bleiben, sofern der spätere Stuhl weich ist, das Kind gut trinkt, der Bauch nicht krankhaft gespannt ist und die Gewichtszunahme stimmt. Andere gesunde Babys entleeren mehrmals täglich. Häufigkeit besitzt eine große normale Spannweite.

Verstopfung zeigt sich eher durch harte Kügelchen, schmerzhaften Abgang, Einrisse, bewusstes Zurückhalten bei älteren Kindern oder große feste Stuhlmassen. Ein rotes Gesicht und Pressen vor weichem Stuhl sprechen bei jungen Säuglingen eher für Dyschezie, also noch unkoordinierte Entleerung.

In den ersten Lebenstagen gelten andere Regeln: Verzögerter Mekoniumabgang, ein geblähter Bauch, grünes Erbrechen oder Trinkschwäche werden umgehend untersucht. Alter und Begleitsymptome verhindern, dass „selten ist normal“ gefährlich verallgemeinert wird.

254 Mythos: Zahnen verursacht starken Durchfall

Beim Zahnen sabbern Kinder, nehmen Gegenstände in den Mund und können einen etwas weicheren Stuhl haben. Häufige wässrige Entleerungen, Blut, deutliche Austrocknung, hohes Fieber oder schwerer Allgemeinzustand werden jedoch nicht dem Zahnen zugeschrieben. Zeitgleich können Infektionen auftreten.

Die Bezeichnung „Zahndurchfall“ kann die notwendige Flüssigkeitsbehandlung verzögern. Eltern beobachten Trinkmenge, Urin, Wachheit und Verlauf und bieten bei echtem Durchfall standardisierte orale Rehydratationslösung an. Säuglinge werden früher ärztlich beurteilt als größere Kinder.

Auch Fieber ist keine zuverlässige Zahnerklärung. Eine gemessene erhöhte Temperatur verlangt dieselbe altersgerechte Bewertung wie zu jedem anderen Zeitpunkt.

255 Mythos: Alle Probiotika wirken gleich

„Probiotikum“ bezeichnet keine einheitliche Therapie. Wirkungen sind stamm-, dosis-, krankheits- und produktspezifisch. Ein Ergebnis zu Lactobacillus rhamnosus GG lässt sich nicht auf irgendeine Mischung mit ähnlichem Namen übertragen. Zudem unterscheiden sich Studien nach Region, Ernährung, Impfstatus und Ausgangsrisiko.

Für manche eng umrissenen Situationen bestehen bedingte Empfehlungen; für viele Alltagsbeschwerden ist der Nutzen klein, unsicher oder nicht gezeigt. Produkte sind keine Alternative zu Rehydratation, ausreichender Ernährung oder Abklärung von Warnzeichen. Bei Frühgeborenen, schwer kranken oder immungeschwächten Kindern sind seltene Blutstrominfektionen durch verabreichte Organismen beschrieben worden.

Vor Einsatz werden vollständiger Stammname, Menge lebensfähiger Keime bis zum Ablaufdatum, Indikation, Qualitätskontrolle und Kosten geprüft. „Unterstützt die Darmflora“ ist keine klinische Zieldefinition.

256 Mythos: Säureblocker lösen gewöhnliches Spucken

Protonenpumpenhemmer und H2-Rezeptorblocker verändern die Säure, verhindern aber nicht zuverlässig, dass Mageninhalt zurückfließt. Gewöhnliches Spucken ohne Schmerz, Schleimhautschaden oder Gedeihproblem wird dadurch meist nicht weniger. Placebokontrollierte Studien zeigen bei unspezifischem Schreien von Säuglingen keinen überzeugenden Nutzen.

Säurehemmung kann dennoch richtig sein, beispielsweise bei fachärztlich begründeter Refluxösophagitis. Dann werden Dosis, Dauer und messbares Ziel festgelegt. Mögliche Nachteile – unter anderem veränderte Infektionsrisiken und Mikrobiomveränderungen – sprechen gegen eine unbefristete Probe auf Verdacht.

Vor Medikamenten werden Füttermenge, Technik, Tabakrauch, Kuhmilcheiweißallergie als Differenzialdiagnose und Warnzeichen geprüft. Eine erfolgreiche Behandlung enthält von Beginn an einen Termin zur Neubewertung und gegebenenfalls zum Absetzen.

257 Mythos: Ein Formulawechsel ist der schnellste Test

Häufige unstrukturierte Wechsel machen die Lage unübersichtlich. Beschwerden schwanken von selbst, die Darmtätigkeit passt sich an, und Eltern wissen am Ende nicht, welche Veränderung geholfen hat. Spezialnahrungen unterscheiden sich außerdem erheblich: angedickt, teilhydrolysiert, extensiv hydrolysiert, aminosäurebasiert, laktosearm oder für Frühgeborene sind keine austauschbaren Kategorien.

Vor einem Wechsel wird die Frage formuliert. Soll sichtbares Aufstoßen reduziert, eine bestätigte Allergie behandelt oder eine seltene Stoffwechselkrankheit versorgt werden? Für Kuhmilcheiweißallergie ist eine gewöhnliche HA-Nahrung oder laktosefreie Kuhmilchnahrung nicht automatisch geeignet. Ziegenmilchprotein kann kreuzreagieren.

Eine begrenzte diagnostische Probe braucht ausreichende Dauer, klare Erfolgskriterien und – sofern sicher – Wiedereinführung. Bei gut gedeihendem Kind mit funktionellen Beschwerden ist Beratung oft wertvoller als die nächste Dose.

258 Mythos: „Natürlich“ bedeutet für Säuglinge sicher

Pflanzliche Produkte enthalten pharmakologisch aktive Stoffe, deren Konzentration schwanken kann. Alkoholische Auszüge, ätherische Öle, Fenchelkonzentrate, unbekannte Mischungen und nicht kontrollierte Importprodukte sind für Säuglinge problematisch. Verunreinigung, falsche Dosierung und Wechselwirkungen kommen zum eigentlichen Wirkstoffrisiko hinzu.

Auch große Mengen Kräutertee ersetzen keine Nahrung oder orale Rehydratationslösung. Honig ist im ersten Lebensjahr wegen Säuglingsbotulismus tabu. Homöopathische Hochverdünnungen besitzen keinen belegten spezifischen Nutzen; niedrig verdünnte oder fehlerhaft hergestellte Präparate können dagegen relevante Stoffmengen enthalten.

Eltern nennen der Praxis alles, was das Kind erhält – auch frei verkäufliche Tropfen, Tee, Globuli und Nahrungsergänzung. Eine wertfreie Nachfrage erhöht die Sicherheit besser als Beschämung.

259 Mythos: Eine Stuhlanalyse erklärt jedes Bauchproblem

Kommerzielle Mikrobiomprofile vergleichen Bakterienanteile mit proprietären Referenzen. Für die meisten Beschwerden gesunder Säuglinge folgt daraus weder eine validierte Diagnose noch eine nachweislich bessere Therapie. Das Mikrobiom verändert sich natürlicherweise mit Alter, Geburt, Ernährung, Antibiotika, Umgebung und sogar Probentransport.

Medizinisch etablierte Stuhltests beantworten engere Fragen: Erregernachweis in ausgewählten Situationen, Pankreaselastase bei Verdacht auf exokrine Pankreasinsuffizienz oder Entzündungsmarker in einem passenden klinischen Kontext. Okkultes Blut ist bei Säuglingen fehleranfällig und beweist keine Allergie.

Je breiter ohne Fragestellung getestet wird, desto mehr Zufallsbefunde entstehen. Gute Diagnostik beginnt daher mit Anamnese, Untersuchung und Wachstum und wählt erst danach den passenden Test.

260 Fallbeispiel: Viel Spucken, aber gutes Gedeihen

Ein zwei Monate altes Baby spuckt nach fast jeder Mahlzeit kleine bis mittlere Mengen, bleibt rosig, trinkt gern, hat genügend Urin und folgt seiner Gewichtskurve. Das Muster passt häufig zu physiologischem gastroösophagealem Reflux. „Physiologisch“ bedeutet hier altersüblich, nicht eingebildet.

Geprüft werden Überfütterung, Flussgeschwindigkeit, Pausen, Still- oder Flaschentechnik und unnötiger Druck beim Füttern. Das Kind bleibt zum Schlafen trotzdem flach in Rückenlage; Hochlagern, Keilkissen und Bauchlage sind keine sicheren Refluxtherapien. Wach und beaufsichtigt kann eine aufrechte Haltung nach der Mahlzeit angenehm sein.

Neu auftretendes kräftiges Schwallbrechen, grünes oder blutiges Erbrechen, Husten mit Blauwerden, Fieber, Schmerz, Trinkverweigerung oder abflachendes Wachstum verändern die Einschätzung und verlangen Untersuchung.

261 Fallbeispiel: Pressen und Weinen vor weichem Stuhl

Ein sechs Wochen altes Baby strengt sich zehn Minuten an, wird rot und weint, entleert dann weichen gelben Stuhl und ist anschließend zufrieden. Bei sonst normalem Befund spricht dies für Säuglingsdyschezie. Das Nervensystem koordiniert Bauchdruck und Entspannung des Beckenbodens noch nicht zuverlässig.

Zäpfchen, Thermometer, Wattestäbchen oder Windrohre trainieren diese Koordination nicht und können Schleimhaut verletzen. Beruhigung, Tragen und Geduld reichen meistens. Die Erscheinung löst sich typischerweise spontan.

Ist der Stuhl hart, bleibt er aus und der Bauch wird gebläht, bestehen Erbrechen, Blut, Fieber, schwacher Saugreflex oder unzureichendes Wachstum, liegt nicht einfach Dyschezie vor. Besonders seit Geburt bestehende schwere Verstopfung verlangt eine organische Abklärung.

262 Fallbeispiel: Blutstreifen auf hartem Stuhl

Ein kleiner hellroter Streifen außen auf einem harten Stuhl oder am After passt häufig zu einer Analfissur, einem oberflächlichen Einriss. Die Behandlung richtet sich auf dauerhaft weichen, schmerzarmen Stuhl; nur Salbe auf den Riss zu geben, ohne die Verstopfung zu behandeln, führt oft zum Rückfall.

Die Praxis beurteilt Menge, Wiederholung und Lage des Blutes und untersucht den After behutsam. Dunkles Blut, teerartiger Stuhl, Blut mit Durchfall, Fieber, Bauchschmerz, Blässe oder Kreislaufzeichen passt nicht zu einer kleinen unkomplizierten Fissur.

Eltern sollen Blut nicht anhand eines Fotos endgültig diagnostizieren. Rote Lebensmittel oder Arzneien können täuschen, aber sichtbares Blut beim Säugling verdient bei Unsicherheit eine ärztliche Rücksprache.

263 Fallbeispiel: Blut und Schleim beim sonst fitten jungen Säugling

Ein gut wirkendes, normal wachsendes Baby hat wiederholt kleine Blut- und Schleimspuren im Stuhl. Eine nahrungsproteininduzierte allergische Proktokolitis – eine nicht IgE-vermittelte Entzündung des Enddarms – ist möglich, aber nicht die einzige Erklärung. Fissur, Infektion, verschlucktes mütterliches Blut und selten ernstere Ursachen werden bedacht.

Bei begründetem Verdacht kann unter Begleitung das wahrscheinlichste Protein begrenzt eliminiert werden. Gestillte Kinder müssen nicht automatisch abgestillt werden. Bei Formula kommt je nach Situation eine extensiv hydrolysierte Nahrung infrage. Breite mütterliche Ausschlussdiäten ohne Ernährungsberatung sind zu vermeiden.

Das Verschwinden der Beschwerden allein beweist die Diagnose nicht, weil viele Verläufe schwanken. Eine kontrollierte Wiedereinführung – zu Hause nur, wenn das Reaktionsrisiko niedrig und dies vereinbart ist – bestätigt oder widerlegt den Zusammenhang.

264 Fallbeispiel: Plötzliches schwallartiges Erbrechen

Ein drei bis sechs Wochen alter Säugling erbricht zunehmend kraftvoll nach Mahlzeiten, möchte danach erneut trinken und nimmt nicht ausreichend zu. Dieses Muster macht eine hypertrophe Pylorusstenose wahrscheinlich: Der Muskel am Magenausgang ist verdickt und behindert die Passage.

Die Diagnose erfolgt meist per Ultraschall und Labor. Wiederholtes Erbrechen kann zu Flüssigkeitsmangel und typischen Salz- und Säure-Basen-Verschiebungen führen. Deshalb wird vor der Operation zunächst der Kreislauf stabilisiert und der Elektrolythaushalt korrigiert; die Operation ist dringlich, aber die metabolische Stabilisierung gehört zur sicheren Behandlung.

Nicht jedes Spucken ist eine Pylorusstenose. Zunehmende Kraft, typisches Alter, Hunger nach dem Erbrechen, weniger Urin und gestörtes Wachstum sind jedoch Gründe für rasche Untersuchung. Grünes Erbrechen spricht für eine andere, ebenfalls dringliche Passageproblematik.

265 Fallbeispiel: Wässriger Durchfall und weniger nasse Windeln

Ein acht Monate altes Kind hat seit einem Tag deutlich häufigere wässrige Stühle und erbricht zweimal. Entscheidend sind Wachheit, Trinkfähigkeit, Urin, Schleimhäute, Durchblutung und Gewichtsverlust. Standardisierte orale Rehydratationslösung ersetzt Wasser und Salze in abgestimmtem Verhältnis besser als Wasser, Saft, Cola oder selbst gemischte Getränke.

Kleine, häufige Portionen – etwa löffel- oder spritzenweise – werden oft besser vertragen. Stillen und altersgerechte Ernährung werden fortgesetzt beziehungsweise früh wieder aufgenommen. Nach Erbrechen wird kurz pausiert und langsamer erneut begonnen, nicht stundenlang jede Flüssigkeit entzogen.

Ein sehr schläfriges Kind, kalte marmorierte Haut, fehlender Urin, eingesunkene Augen, unstillbares Erbrechen, Blut im Stuhl oder unmögliche orale Aufnahme verlangt rasche medizinische Versorgung. Bei Säuglingen sinkt die Schwelle zusätzlich.

266 Fallbeispiel: Weißlich-grauer Stuhl und Gelbsucht

Ein vier Wochen altes Baby ist noch gelblich, der Urin wirkt dunkel und der Stuhl wiederholt cremeweiß, grau oder lehmfarben. Das ist kein gewöhnlicher Farbwechsel. Fehlender Gallenfarbstoff im Stuhl kann auf Cholestase und insbesondere eine Gallengangsatresie hinweisen.

Das direkte beziehungsweise konjugierte Bilirubin wird zeitnah bestimmt. Ein auffälliger Wert führt zu strukturierter Abklärung von Leber, Gallenwegen, Infektionen, Stoffwechsel- und genetischen Ursachen. Bei Gallengangsatresie verbessert frühe Diagnose die Chance, den Galleabfluss operativ wiederherzustellen; Abwarten auf das Ende einer vermeintlichen Muttermilchgelbsucht kostet Zeit.

Eine einzelne helle Windel kann durch Licht oder Verdünnung täuschen. Wiederholt entfärbter Stuhl zusammen mit dunklem Urin oder anhaltender Gelbsucht wird dennoch noch am selben Tag kinderärztlich besprochen.

267 Fallbeispiel: Schmerzattacken mit ruhigen Zwischenphasen

Ein sieben Monate altes Kind schreit plötzlich heftig, zieht die Beine an, wird dann für einige Minuten ruhig und beginnt erneut. Später kommen Erbrechen, Blässe, Müdigkeit oder blutig-schleimiger Stuhl hinzu. Dieses episodische Muster kann zu einer Invagination passen, bei der sich ein Darmabschnitt in den nächsten schiebt.

Der klassische „Himbeergelee“-Stuhl tritt nicht immer auf und ist ein spätes Zeichen. Ultraschall kann die Diagnose meist zeigen. Häufig lässt sich der Darm unter Bildkontrolle durch Luft- oder Flüssigkeitseinlauf entfalten; bei Perforation, Kreislaufinstabilität oder erfolgloser Reposition ist eine Operation nötig.

Rotavirusimpfung senkt eine große Krankheitslast, geht aber mit einem kleinen zeitlich begrenzten zusätzlichen Invaginationsrisiko einher. Der Nutzen überwiegt deutlich. Eltern sollen nach der Impfung ungewöhnliche Schmerzattacken erkennen, die Impfung aber nicht aus Angst vor dem seltenen Ereignis auslassen.

268 Fallbeispiel: Schlechte Gewichtszunahme trotz „guter Trinkmenge“

Eltern berichten große Tagesmengen, doch die Gewichtskurve flacht ab. Zuerst werden Messfehler und Zubereitung geklärt: Werden gestrichene Messlöffel im korrekten Wasserverhältnis verwendet? Geht viel Milch durch Spucken, undichtes Mundschlussproblem oder sehr lange Mahlzeiten verloren? Ist die dokumentierte Menge tatsächlich aufgenommen?

Ein beobachteter Trinkvorgang kann Koordination, Atemarbeit, Ermüdung, Husten und Milchtransfer zeigen. Danach richtet sich die weitere Suche: Herz- oder Lungenerkrankung, Infektion, Malabsorption, Kuhmilcheiweißallergie, Zöliakie nach glutenhaltiger Beikost, Mukoviszidose, neurologische oder anatomische Probleme.

Energieanreicherung wird individuell berechnet. Eigenmächtig mehr Pulver in weniger Wasser zu geben, kann Nieren und Salzhaushalt gefährden. Wachstum braucht einen schriftlichen Plan mit kontrollierten Wiegeterminen, nicht tägliches angstgetriebenes Wiegen ohne Interpretation.

269 Fallbeispiel: Verstopfung nach Beikostbeginn

Nach Einführung fester Kost wird der Stuhl eines sieben Monate alten Babys hart und schmerzhaft. Zunächst werden altersgerechte Flüssigkeit, Vielfalt der Beikost, ballaststoffreiche Lebensmittel und Bewegungsmöglichkeiten betrachtet. Pflaume oder Birne können in passender Beikostmenge helfen; große Saftmengen sind keine Dauertherapie.

Wenn Schmerzen und harte Stühle fortbestehen, ist ein osmotisches Abführmittel häufig wirksamer als immer neue Ernährungsregeln. Es bindet Wasser im Stuhl. Die Dosis wird nach Stuhlkonsistenz angepasst und lange genug gegeben, damit Schmerz, Fissur und Vermeidungsverhalten abklingen. Nach aktuellen pädiatrischen Leitlinien ist Macrogol beziehungsweise Polyethylenglykol, sofern verfügbar und altersgerecht eingesetzt, meist Mittel der ersten Wahl.

Erbrechen, starker Blähbauch, Blut ohne erkennbare Fissur, neurologische Auffälligkeiten, fehlendes Gedeihen oder Verstopfung seit Geburt sind Warnzeichen gegen eine rein funktionelle Erklärung.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Einordnen und beobachten Abschnitt 1–7 · 7
  2. 2. Stuhl: was normal ist Abschnitt 8–15 · 8
  3. 3. Durchfall, Blut und Verstopfung Abschnitt 16–33 · 18
  4. 4. Spucken, Erbrechen und Gedeihen Abschnitt 34–49 · 16
  5. 5. Verstopfung im Detail Abschnitt 50–64 · 15
  6. 6. Gastroenteritis im Detail Abschnitt 65–82 · 18
  7. 7. Reflux im Detail Abschnitt 83–91 · 9
  8. 8. Blutung, Allergie und chirurgische Ursachen Abschnitt 92–105 · 14
  9. 9. Leber, Galle und Unverträglichkeiten Abschnitt 106–125 · 20
  10. 10. Fütterung und Zubereitung Abschnitt 126–141 · 16
  11. 11. Medikamente und Hausmittel Abschnitt 142–152 · 11
  12. 12. Tests und Untersuchungen Abschnitt 153–168 · 16
  13. 13. Beobachten zu Hause Abschnitt 169–183 · 15
  14. 14. Hygiene, Impfung und Frühgeborene Abschnitt 184–199 · 16
  15. 15. Beikost Abschnitt 200–210 · 11
  16. 16. Entscheidungsmatrizen und Alter Abschnitt 211–228 · 18
  17. 17. Mittel richtig anwenden Abschnitt 229–249 · 21
  18. 18. Mythen und Fallbeispiele Abschnitt 250–269 · 20
  19. 19. Besondere Kinder und Entscheiden Abschnitt 270–287 · 18