Von Herzrhythmusstörungen über die Muskelschädigung bis zu Nerven-, Augen- und Ohrenschäden: Dieses Kapitel geht die möglichen Folgen einzeln durch und sagt dazu, welche Kinder danach überwacht gehören.

Wichtiger Hinweis

Ein Kind unter Strom darf erst berührt werden, wenn die Stromquelle sicher abgeschaltet ist. Bei Haushaltsstrom Sicherung oder FI-Schalter ausschalten beziehungsweise Stecker ziehen, sofern dies ohne Eigengefährdung möglich ist. Bei Hochspannung Abstand halten und ausschließlich Feuerwehr beziehungsweise Netzbetreiber retten lassen; Strom kann durch die Luft überspringen.

Bei Bewusstlosigkeit, fehlender normaler Atmung, Krampfanfall, Brustschmerz, Herzrasen, Verbrennungen, Hochspannungs- oder Blitzunfall sofort 144 beziehungsweise 112 rufen. Bei fehlender normaler Atmung Wiederbelebung beginnen und einen automatisierten Defibrillator verwenden, sobald verfügbar.

Äußerlich kleine Strommarken können tiefe Schäden verbergen. Ein Kind nach relevantem Stromkontakt wird ärztlich beurteilt. Die Dringlichkeit hängt von Spannung, Stromweg, Kontaktdauer, Symptomen, Hautzustand und Unfallmechanismus ab.

Österreich: Rettung 144, Euro-Notruf 112, Feuerwehr 122.

19 Herzrhythmusstörungen

Mögliche Rhythmusstörungen reichen von Extraschlägen bis zu Kammerflimmern. Risiko steigt bei Bewusstlosigkeit, auffälligem EKG, Brustschmerz, Herzklopfen, Hochspannung und Stromweg durch den Brustkorb.

Die S2k-Leitlinie 2024 empfiehlt großzügige EKG-Überwachung. Nach unkompliziertem Niederspannungskontakt genügt häufig ein einmaliges 12-Kanal-EKG; ist es normal und das Kind beschwerdefrei, sind späte Rhythmusstörungen sehr unwahrscheinlich. Die Entlassungsentscheidung bleibt ärztlich.

Das EKG ist eine Momentaufnahme der elektrischen Herzaktivität. Es zeigt unter anderem Herzfrequenz, Rhythmus, Erregungsleitung und Zeichen einer möglichen Herzmuskelbelastung. „Normales EKG“ bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur, dass ein Gerät keinen Alarm meldet, sondern dass eine medizinisch qualifizierte Person die zwölf Ableitungen zusammen mit Unfallhergang und Untersuchung bewertet.

Die oft geäußerte Sorge, ein völlig beschwerdefreies Kind könne nach normalem EKG Tage später unerwartet an einer strombedingten Rhythmusstörung sterben, wird durch die verfügbaren pädiatrischen Beobachtungsstudien bei unkomplizierter Niederspannung nicht gestützt. Diese beruhigende Aussage lässt sich aber nicht auf Hochspannung, Bewusstlosigkeit, vorbestehende Herzerkrankung, auffälliges EKG oder unklaren Hergang übertragen. Dann sind kontinuierliche Monitorüberwachung, wiederholte EKGs und gegebenenfalls Herzultraschall oder Laborwerte sinnvoll.

20 Welche Kinder überwacht werden

Längere Überwachung ist besonders angezeigt bei:

  • Bewusstlosigkeit oder Herzstillstand
  • auffälligem EKG oder Rhythmusbeschwerden
  • Brustschmerz
  • Hochspannung oder Blitz
  • relevanter Verbrennung
  • vermutetem Bruststromweg
  • anhaltenden neurologischen Symptomen
  • schwerer Begleitverletzung.

Ein symptomfreies Kind nach sehr kurzem Niederspannungskontakt mit normalem EKG benötigt nicht automatisch eine Nacht im Krankenhaus.

Wer wird überwacht – und wer darf nach Hause?

Längere Überwachung angezeigt

Bewusstlosigkeit oder Herzstillstand · auffälliges EKG oder Rhythmusbeschwerden · Brustschmerz · Hochspannung oder Blitz · relevante Verbrennung · vermuteter Bruststromweg · anhaltende neurologische Symptome · schwere Begleitverletzung.

Unklarer Ablauf

Bei kleinen Kindern bleibt oft ungewiss, wie lange der Kontakt bestand, ob die Haut nass war und ob das Kind loslassen konnte. Unklarheit wird nicht dramatisiert, führt aber zu vorsichtigerer Beobachtung.

Entlassung nach Untersuchung möglich

Vollständig beschwerdefreies Kind, normale Untersuchung und normales 12-Kanal-EKG, keine relevante Verbrennung oder Begleitverletzung, Unfallmechanismus mit niedrigem Risiko. Eine Nacht im Krankenhaus ist dann nicht automatisch nötig.

Die grüne Stufe ist eine ärztliche Feststellung, keine Selbsteinschätzung: Ein Stromkontakt darf nicht ohne Untersuchung als „unkompliziert“ eingestuft werden.
Mehr Überwachung ist nicht automatisch bessere Medizin – sie ist dort wichtig, wo Unfallmechanismus oder Befunde eine relevante Komplikation erwarten lassen. Entscheidend für die Einordnung sind Spannung beziehungsweise Quelle, vermuteter Stromweg, Dauer, Nässe, Loslassfähigkeit, Bewusstseinsverlust, Sturz, Hautbefunde und EKG – nicht das bloße Wort „Stromschlag“.

21 Muskelschädigung und Rhabdomyolyse

Tiefe elektrische Energie kann Muskelzellen zerstören. Dabei wird Myoglobin frei, das den Urin dunkelbraun färbt und Nieren schädigen kann. Kalium aus Zellen kann gefährlich ansteigen.

Hochspannungsunfälle erfordern Labor, Urinkontrolle und angepasste Infusion. Dunkler Urin, starke Muskelschmerzen oder Schwellung sind Warnzeichen. Die Hautfläche unterschätzt das Ausmaß häufig.

22 Kompartmentsyndrom

Geschädigte Muskeln schwellen in festen Faszienhüllen an. Steigender Druck unterbricht Durchblutung und Nervenfunktion. Unverhältnismäßig starke Schmerzen, gespannte Schwellung, Taubheit und Bewegungsverlust sind typische Zeichen.

Pulse können anfangs erhalten sein. Bei Verdacht ist eine rasche chirurgische Entlastung durch Fasziotomie notwendig.

23 Nerven- und Gehirnschäden

Strom kann unmittelbar Krämpfe, Bewusstlosigkeit, Lähmung, Gedächtnisstörung und Verwirrtheit verursachen. Später können neuropathische Schmerzen, Sensibilitätsstörungen, Schwäche oder Konzentrationsprobleme auftreten.

Nach Kopfstromweg, Hochspannung oder anhaltenden Symptomen ist neurologische Nachsorge nötig. Nicht jedes spätere Problem ist sichtbar im ersten CT.

24 Sturz- und Schleuderverletzungen

Muskelkontraktion oder Schreck kann das Kind wegschleudern. Von Leiter, Waggon oder Dach entstehen Schädel-Hirn-Trauma, Wirbelsäulen- und Knochenverletzungen. Auch eine Schulterluxation durch extreme Muskelkraft ist möglich.

Kind nach Hochspannungs- oder Höhenunfall möglichst wenig bewegen, außer Gefahrenabwehr und Wiederbelebung erfordern es. Rettungsdienst stabilisiert nach Traumastandard.

25 Augen- und Ohrenschäden

Strom und Blitz können Netzhaut, Sehnerv und Linse schädigen. Ein Katarakt, also grauer Star, kann verzögert entstehen. Blitzdruck kann Trommelfelle zerreißen und Hörverlust verursachen.

Sehstörung, Augenschmerz, Hörminderung oder Ohrblutung werden sofort genannt. Nach Hochspannung und Blitz kann fachärztliche Verlaufskontrolle sinnvoll sein, auch wenn die erste Untersuchung unauffällig ist.

26 Verbrennungen durch Lichtbogen

Ein Lichtbogen erzeugt Temperaturen von mehreren tausend Grad. Er verursacht tiefe thermische Verbrennungen, entzündet Kleidung und schädigt Augen durch intensive Strahlung. Strom muss nicht zwingend durch den Körper fließen.

Behandlung folgt Verbrennungs- und Traumastandard. Hochspannungsumgebung bleibt gefährlich, bis Fachkräfte sie freigeben.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Eigenschutz und Grundlagen Abschnitt 1–6 · 6
  2. 2. Typische Unfälle und erste Hilfe Abschnitt 7–13 · 7
  3. 3. Was den Schaden bestimmt Abschnitt 14–18 · 5
  4. 4. Mögliche Folgen im Körper Abschnitt 19–26 · 8
  5. 5. Untersuchung und Behandlung Abschnitt 27–32 · 6
  6. 6. Nach dem Unfall und besondere Situationen Abschnitt 33–41 · 9
  7. 7. Vorbeugen im Haushalt und unterwegs Abschnitt 42–49 · 8
  8. 8. Fragen, Einordnung und Quellen Abschnitt 50–57 · 8