Andere Länder und das Gespräch mit der Kinderärztin
Warum Quellen aus verschiedenen Ländern unterschiedliche Fieberschwellen und Messorte nennen – und wann und wie Sie am besten mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt sprechen.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Er dient der Orientierung und der Vorbereitung auf das Gespräch in der kinderärztlichen Praxis. Bei Alarmzeichen – siehe der entsprechende Abschnitt weiter unten – wenden Sie sich bitte unverzüglich an Ihre Kinderärztin, Ihren Kinderarzt oder den ärztlichen Notdienst.
11 Wie andere Länder mit Fieber umgehen – ein Blick über den Tellerrand
Wer nachts, wenn das Kind fiebert, rasch im Internet nachliest, stolpert fast zwangsläufig über Widersprüche: Die eine Quelle nennt 37,5 °C als Fieberschwelle, die nächste erst 38,5 °C. Die eine rät zum Messen im Po, die andere ausdrücklich davon ab. Für diesen Ratgeber wurde deshalb nicht nur die österreichische und deutschsprachige Fachliteratur zu Fieber bei Kindern ausgewertet, sondern systematisch verglichen, was pädiatrische Fachgesellschaften in elf Sprach- und Kulturräumen dazu sagen: im deutschsprachigen, englischsprachigen, spanischsprachigen, französischsprachigen, italienischsprachigen, arabischsprachigen, russischsprachigen, chinesischsprachigen, japanischsprachigen, portugiesisch-brasilianischen und koreanischsprachigen Raum. Das Ergebnis ist für verunsicherte Eltern eher beruhigend als beunruhigend: Die scheinbaren Widersprüche im Netz entstehen selten, weil jemand falschliegt. Sie entstehen, weil Länder unterschiedliche, in sich stimmige Konventionen haben – während der fachliche Kern darunter erstaunlich einheitlich ist.
Verschiedene Zahlen für dasselbe Fieber
Am deutlichsten zeigt sich das bei der Frage, ab wann ein Kind überhaupt „Fieber" hat. Die deutsche AWMF-S3-Leitlinie der DGKJ setzt die Grenze bei einer Körperkerntemperatur von 38,5 °C an, bei Säuglingen unter drei Monaten schon ab 38,0 °C. Spanien (AEPap) und der arabischsprachige Raum orientieren sich ähnlich an 38,0 °C, gemessen rektal. Italien dagegen setzt mit der Leitlinie der Società Italiana di Pediatria (SIP) den im Vergleich niedrigsten Wert an: Dort gilt bereits eine axillär, also unter der Achsel gemessene Temperatur ab 37,5 °C als Fieber – eine Definition, die sich auf eine ältere WHO-Empfehlung von 1996 stützt. Portugal wiederum unterscheidet, anders als die meisten anderen Länder, konsequent nach Messmethode: rektal ab 38,0 °C, unter der Achsel schon ab 37,6 °C, im Ohr ab 37,8 °C. Wer diese Zahlen nicht kennt, könnte leicht denken, eine der Quellen sei ungenau oder veraltet. Tatsächlich sind es einfach unterschiedliche, jeweils klar begründete Konventionen – niedrigere Achsel-Grenzwerte etwa berücksichtigen, dass unter der Achsel gemessene Werte im Schnitt etwas niedriger ausfallen als im Körperkern.
Wo gemessen wird, ist auch international umstritten
Ähnlich uneinheitlich ist die bevorzugte Messmethode – und auch hier lässt sich eine klare Zweiteilung erkennen. Das britische NICE (National Institute for Health and Care Excellence) empfiehlt bei Kindern unter fünf Jahren ausdrücklich die elektronische Messung unter der Achsel und rät von rektaler oder oraler Messung ab; Italien schließt sich dieser Haltung mit der SIP-Leitlinie ausdrücklich an, unter anderem, weil rektales Messen als unangenehm und invasiv gilt. Auf der anderen Seite steht ein großer Teil Kontinentaleuropas, Lateinamerikas und Asiens: In Deutschland gilt die rektale Messung bei Neugeborenen und Säuglingen weiterhin als Goldstandard, ebenso in Frankreich (Haute Autorité de Santé), Spanien, Russland und Südkorea. Auch das ist kein Streit über richtig oder falsch, sondern eine unterschiedliche Abwägung zwischen Genauigkeit und Praktikabilität beziehungsweise Unbehagen für das Kind – beide Positionen sind fachlich begründet, nur eben verschieden gewichtet.
Eine Warnung, die es nur in Japan in dieser Form gibt
Eine der auffälligsten nationalen Besonderheiten im gesamten Ländervergleich stammt aus Japan. Die japanische Arzneimittelbehörde PMDA warnt bereits seit Sicherheitsmitteilungen aus den Jahren 2000 und 2001 ausdrücklich davor, bei fiebrigen Virusinfekten wie Influenza oder Windpocken die Wirkstoffe Diclofenac-Natrium und Mefenaminsäure einzusetzen. Hintergrund ist der Verdacht, dass diese Substanzen das Risiko einer sogenannten Influenza-assoziierten Enzephalopathie – einer schweren Hirnbeteiligung im Rahmen der Grippe – erhöhen können; eine japanische Analyse aus dem Jahr 2000 fand unter Diclofenac eine deutlich höhere Sterblichkeit als unter anderen fiebersenkenden Mitteln. Diese sehr konkrete Warnung findet sich in keinem der zehn anderen untersuchten Sprachräume in vergleichbarer Form – ein gutes Beispiel dafür, dass eine Empfehlung nicht falsch ist, nur weil sie anderswo nicht auftaucht, sondern schlicht auf eigenen japanischen Fallanalysen beruht. Für Familien in Österreich ist wichtig zu wissen: Diese beiden Wirkstoffe spielen in der hiesigen Fiebertherapie bei Kindern ohnehin keine Rolle – hier kommen, wie im Kapitel zu fiebersenkenden Mitteln beschrieben, praktisch ausschließlich Paracetamol und Ibuprofen zum Einsatz.
Auch sonst gibt es einzelne Länder mit eigenen Zusatzregeln, die auf den ersten Blick verwirrend wirken können, aber jeweils eine nachvollziehbare Geschichte haben. Russland lehnt für Kinder zusätzlich zwei in Mitteleuropa teils noch verwendete Wirkstoffe ausdrücklich ab, mit Verweis auf seltene, aber schwere Nebenwirkungen. Südkorea wiederum ist im Ländervergleich die einzige untersuchte Quelle, die das abwechselnde Verabreichen zweier unterschiedlicher Fiebermittel als gängige Praxisregel beschreibt – während praktisch alle anderen Sprachräume, von Deutschland über Großbritannien bis Brasilien, ausdrücklich davon abraten, weil der Nutzen wissenschaftlich nicht ausreichend belegt ist und das Risiko für Verwechslungen und Überdosierungen steigt. Auch das ist kein Widerspruch, der eine Seite ins Unrecht setzt, sondern zeigt, wie unterschiedlich Fachgesellschaften dieselbe, insgesamt noch dünne Datenlage bewerten.
Sechs Länder im Kurzüberblick
Die folgende Tabelle fasst beispielhaft zusammen, wie unterschiedlich allein die Fieberschwelle und die bevorzugte Messmethode gehandhabt werden – ein kleiner Ausschnitt aus der vollständigen Elf-Länder-Recherche, der aber schon zeigt, wie breit die Spanne ausfällt:
| Land/Region | Ab wann gilt „Fieber"? | Bevorzugte Messmethode | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Deutschland | ab 38,5 °C (Körperkern) | bei Babys: im Po (rektal) | eigene, aktuelle Leitlinie mit begleitendem Elternratgeber |
| Vereinigtes Königreich | keine feste Zahl, Ampel-System nach Verhalten | unter der Achsel | „Ampel-Modell" (Grün/Gelb/Rot), international am häufigsten übernommen |
| Italien | ab 37,5 °C – niedrigster Wert im Vergleich | unter der Achsel | rät ausdrücklich von Messen im Po oder im Mund ab |
| Japan | keine einheitlich dokumentierte Zahl | uneinheitlich | eigene Warnung vor bestimmten Schmerzmitteln bei fiebrigen Virusinfekten |
| Südkorea | ab 38,0 °C (im Po gemessen) | im Po (rektal) | einziges Land im Vergleich mit Praxisregel zum abwechselnden Fiebermittel-Einsatz |
| Brasilien | je nach Messstelle unterschiedlich | uneinheitlich | Kinderärztevereinigung SPSP prägte den Satz „Fieber ist keine Krankheit, sondern ein Zeichen" |
Was überall gleich ist: Fieber als Zeichen, nicht als Feind
So unterschiedlich die Zahlen und Messgewohnheiten auch ausfallen – bei der Grundhaltung zum Fieber selbst herrscht über alle elf untersuchten Sprachräume hinweg eine bemerkenswerte Einigkeit. Besonders klar bringt es die brasilianische Kinderärztevereinigung Sociedade de Pediatria de São Paulo (SPSP) auf den Punkt, die eine ihrer Elternbroschüren wörtlich mit dem Satz überschreibt: „Fieber ist keine Krankheit, sondern ein Zeichen." Genau diesen Gedanken – Fieber als sinnvolle, körpereigene Abwehrreaktion und nicht als eigenständige Krankheit, die um jeden Preis bekämpft werden muss – findet man in praktisch identischer Form auch in den anderen zehn Sprachräumen wieder, von der deutschen S3-Leitlinie bis zu den japanischen und koreanischen Fachgesellschaften. Ebenso einheitlich ist der Verzicht auf Acetylsalicylsäure, besser bekannt als Aspirin, bei fiebernden Kindern: Wegen des Risikos des seltenen, aber gefährlichen Reye-Syndroms wird dieser Wirkstoff in allen untersuchten Ländern ausdrücklich als ungeeignet für Kinder genannt. Auch physikalische Kühlmaßnahmen wie Wadenwickel oder kalte Bäder werden mit auffälliger Übereinstimmung als wenig wirksam und für das Kind eher unangenehm als hilfreich eingeordnet – Italien beziffert den messbaren Temperatureffekt solcher Wickel mit unter 0,2 °C, während gleichzeitig Unruhe und Weinen zunehmen; eine brasilianische Übersichtsarbeit kommt zu einem ganz ähnlichen Ergebnis. Und schließlich eint alle elf Sprachräume derselbe Grundsatz beim Einsatz von Antibiotika: Ein fieberndes, ansonsten unauffälliges Kind mit einem viralen Infekt braucht kein Antibiotikum, so unterschiedlich die konkreten Programme zur zurückhaltenden Antibiotikagabe im Detail auch benannt und organisiert sein mögen.
Was das für Ihre Familie in Österreich bedeutet
Dieser Blick über den Tellerrand soll vor allem eines vermitteln: Wenn Sie im Internet auf eine Zahl, eine Messmethode oder eine Empfehlung stoßen, die von dem abweicht, was Sie von Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt gehört haben, bedeutet das in den meisten Fällen nicht, dass irgendjemand falschliegt. Es bedeutet meist nur, dass Sie gerade auf eine britische, italienische, japanische oder brasilianische Quelle gestoßen sind, die nach ihren eigenen, ebenso gut begründeten nationalen Konventionen arbeitet. Für Familien mit Wurzeln in einem anderen Sprach- oder Kulturraum kann dieses Wissen entlastend sein: Eine andere Fieberschwelle oder Messgewohnheit aus dem Herkunftsland ist kein Fehler, sondern schlicht eine andere, ebenfalls fachlich fundierte Tradition. Maßgeblich für die Betreuung Ihres Kindes bleibt jedoch, was in Österreich gilt beziehungsweise was Ihre Kinderärztin oder Ihr Kinderarzt im konkreten Fall empfiehlt – denn nur hier fließen auch die österreichischen Versorgungsstrukturen und Notfallwege mit ein, die international nicht eins zu eins übertragbar sind. Im Zweifel gilt: Das Gespräch mit der eigenen Kinderärztin oder dem eigenen Kinderarzt ist immer die verlässlichste Quelle, gerade weil sie Ihr Kind und die Gegebenheiten vor Ort kennt.
12 Wann und wie Sie mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt sprechen
Fast jede Mutter und jeder Vater kennt das Gefühl: Das Kind fiebert, die Zahl auf dem Thermometer steigt, und im Kopf beginnt ein Abwägen – ist das schon zu viel? Reicht Zuwarten? Oder sollte ich lieber anrufen? Diese Unsicherheit ist keine Charakterschwäche und schon gar kein Zeichen dafür, dass Sie überängstlich sind. Sie ist, wie in einem eigenen Abschnitt dieses Ratgebers ausführlich beschrieben, ein weltweit gut dokumentiertes Phänomen: Bereits 1980 prägte der US-amerikanische Kinderarzt Barton Schmitt dafür den Begriff „fever phobia" – Fieberphobie. Eine in der Fachzeitschrift PMC/NCBI dokumentierte Untersuchung in einer pädiatrischen Notaufnahme zeigt, wie verbreitet einzelne Sorgen tatsächlich sind: 45 Prozent der befragten Eltern gaben an, Fieber könne Hirnschäden verursachen, 16 Prozent brachten es mit Epilepsie in Verbindung. Eine italienische Folgeuntersuchung mit 644 Familien kam zu dem ernüchternden, aber auch entlastenden Ergebnis, dass sich an diesen Fehleinschätzungen über mehr als drei Jahrzehnte kaum etwas geändert hat. Mit anderen Worten: Wenn Sie unsicher sind, befinden Sie sich in großer, guter Gesellschaft.
Lieber einmal zu oft fragen als zu selten
Diese Unsicherheit darf man ernst nehmen, ohne sich davon lähmen zu lassen. Ein Bericht der American Academy of Pediatrics mit dem sprechenden Titel „Fever Phobia: The Pediatrician's Contribution" macht dabei etwas sehr Entlastendes deutlich: Auch Ärztinnen und Ärzte selbst tragen zur Fieberphobie bei. In der zitierten Befragung rieten 89 Prozent der Pädiaterinnen und Pädiater bereits bei Temperaturen um 38,3 bis 38,9 °C zu fiebersenkenden Maßnahmen, aber nur 38 Prozent klärten aktiv darüber auf, dass von der Temperaturhöhe selbst in aller Regel keine Gefahr ausgeht. Wenn also selbst in der Fachwelt die Botschaft nicht immer klar ankommt, ist es mehr als verständlich, dass sie auch bei Eltern nicht immer ankommt. Genau deshalb gilt für den Umgang mit Fieber derselbe Grundsatz wie für die im Abschnitt zu den Alarmzeichen beschriebenen Situationen: Es ist immer besser, einmal zu oft in der Praxis anzurufen oder einen Termin zu vereinbaren, als eine wichtige Frage lange mit sich herumzutragen. Niemand in der Kinder- und Jugendmedizin nimmt es Ihnen übel, wenn sich eine Sorge im Nachhinein als unbegründet herausstellt – dafür ist die Möglichkeit, nachzufragen, schließlich da.
Was Sie vor dem Anruf oder dem Termin notieren sollten
Ein Gespräch – ob am Telefon oder in der Ordination – wird für beide Seiten leichter, wenn ein paar Eckpunkte schon vorbereitet sind. Sie müssen sich dafür keine Notizen im Krankheitsstress machen, ein paar Stichworte auf dem Handy oder einem Zettel genügen völlig:
- Seit wann genau das Fieber besteht (Tag und ungefähre Uhrzeit des ersten Auftretens)
- Der höchste gemessene Wert – und womit gemessen wurde (rektal, axillär, im Ohr oder an der Stirn), da sich Fieber-Grenzwerte je nach Messmethode unterscheiden
- Begleitsymptome wie Husten, Halsschmerzen, Ausschlag, Erbrechen, Durchfall, Ohren- oder Bauchschmerzen
- Wie sich das Kind insgesamt verhält: Ist es ansprechbar, spielt es zwischendurch, lässt es sich trösten, oder wirkt es teilnahmslos und schwer erweckbar? Dieses Verhalten ist für die Einschätzung oft aussagekräftiger als die Zahl auf dem Thermometer allein
- Wie viel das Kind trinkt und ob die Windeln beziehungsweise Toilettengänge wie gewohnt nass sind
- Bereits gegebene fiebersenkende Mittel: welches Präparat, welche Dosis, wann zuletzt
- Vorerkrankungen, Dauermedikamente, bekannte Allergien sowie – bei jungen Säuglingen besonders wichtig – das genaue Alter in Wochen
Mit diesen Angaben kann die Kinderärztin oder der Kinderarzt am Telefon oft schon gut einschätzen, ob ein zeitnaher Termin, eine Beobachtung zu Hause oder eine umgehende Vorstellung sinnvoll ist – und Sie ersparen sich, mitten im Gespräch unter Stress nach Informationen suchen zu müssen.
Der Eltern-Kind-Pass als guter regulärer Rahmen
Nicht jede Unsicherheit rund um Fieber ist akut. Viele Fragen – etwa zur richtigen Messmethode, zur passenden Dosierung von Fiebersenkern für das aktuelle Gewicht des Kindes oder zum Umgang mit wiederkehrenden fieberhaften Infekten im Kindergartenalter – lassen sich hervorragend im Rahmen der ohnehin anstehenden Eltern-Kind-Pass-Untersuchungen ansprechen. Diese regelmäßigen Vorsorgetermine sind ein guter, unaufgeregter Anlass, um allgemeine Fragen zu klären, die keinen eigenen dringenden Anruf rechtfertigen, aber trotzdem im Kopf herumgehen. Es lohnt sich, solche Fragen zwischen den Untersuchungen zu sammeln, damit im eigentlichen Akutfall die Kapazität der Praxis für das aktuelle Anliegen zur Verfügung steht.
Unterschiedliche Prägungen – gleiche Alarmzeichen
Wie gelassen oder wie besorgt Eltern auf Fieber reagieren, hängt spürbar davon ab, mit welchen Vorstellungen sie selbst aufgewachsen sind. Das zeigt sich schon daran, dass sich selbst die medizinische Definition von Fieber international unterscheidet: Während in Deutschland und Österreich eine zentral gemessene Temperatur ab 38,5 °C als Fieber gilt, sprechen italienische und portugiesische Leitlinien bereits ab niedrigeren axillären Werten davon, und manche Familien orientieren sich eher am individuellen Tagesbasiswert ihres Kindes als an einer festen Zahl. Auch die bevorzugte Messmethode ist kulturell geprägt: In manchen Ländern gilt die rektale Messung bei Säuglingen als selbstverständlich, in anderen wird sie als unangenehm empfunden und eher gemieden. Und wie ernst die Sorge vor Fieber grundsätzlich genommen wird, kann sehr unterschiedlich ausfallen – so hält es etwa die spanische Kinderärztevereinigung AEPap in ihrem Merkblatt „Decálogo de la fiebre" für nötig, Eltern ausdrücklich zu versichern, dass Fieber für sich genommen weder Hirnschäden noch Blindheit oder Taubheit verursacht, während die russische Fachgesellschaft mit dem Konzept von „rotem" und „weißem" Fieber eine ganz eigene, in Mitteleuropa weniger geläufige Unterscheidung kennt.
Wenn also die eine Familie beim leisesten Fieberanstieg beunruhigt anruft und die andere auch bei deutlich erhöhten Werten gelassen bleibt, ist beides nachvollziehbar und verdient Verständnis statt Belehrung – unterschiedliche, jeweils in sich schlüssige Prägungen, keine „richtige" oder „falsche" Haltung. Unabhängig davon, aus welcher Familie oder Tradition ein Kind kommt, gelten die im Abschnitt zu den Alarmzeichen beschriebenen medizinischen Warnsignale jedoch für alle Kinder gleichermaßen. Die eigene kulturelle Prägung darf gerne den Grundton der Gelassenheit oder Wachsamkeit mitbestimmen – bei den konkreten Alarmzeichen lohnt es sich, sich an denselben, medizinisch begründeten Maßstäben zu orientieren. Im Zweifel gilt: Ein Anruf oder Termin, der sich im Nachhinein als nicht notwendig herausstellt, war trotzdem die richtige Entscheidung – er hat Ihnen die Sicherheit gegeben, die Sie in diesem Moment gebraucht haben.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Was Fieber ist – und wie Sie richtig messen Abschnitt 1–2 · 2
- 2. Alarmzeichen und Fieber nach Alter Abschnitt 3–6 · 4
- 3. Fiebrige Infekte und Kinderkrankheiten erkennen Abschnitt 7–8 · 2
- 4. Fiebersenker und Hausmittel Abschnitt 9–10 · 2
- 5. Andere Länder und das Gespräch mit der Kinderärztin Abschnitt 11–12 · 2
- 6. Praxisteil: Checkliste, Hausapotheke und Quellen Abschnitt 13–14 · 2
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