Aufklärung zur Schutzimpfung gegen Rotaviren – Infektiöse Durchfallerkrankung bei Säuglingen und Kleinkindern
Kaum eine Infektion trifft so zuverlässig fast jedes Kind: Bis zum dritten bis fünften Geburtstag macht praktisch jedes Kind weltweit mindestens eine Rotavirus-Infektion durch – meist verbunden mit plötzlichem Erbrechen, hohem Fieber und wässrigen, teils explosionsartigen Durchfällen, die gerade junge Säuglinge innerhalb weniger Stunden gefährlich austrocknen lassen können. Seit es die orale Schutzimpfung gibt, hat sich das Bild in vielen Ländern deutlich verändert: schwere Verläufe und Krankenhausaufenthalte sind dort, wo viele Kinder geimpft sind, drastisch zurückgegangen. Dieser Ratgeber fasst zusammen, was internationale Gesundheitsbehörden und Fachgesellschaften – von der Weltgesundheitsorganisation über das österreichische Nationale Impfgremium und die deutsche STIKO bis zu den zuständigen Stellen in den USA, Großbritannien, Kanada und Australien – zu Nutzen, Zeitpunkt und Sicherheit dieser Impfung sagen, damit Sie das Aufklärungsgespräch in unserer Ordination gut vorbereitet führen können.
So ist dieser Ratgeber aufgebaut
Grundlage dieses Artikels ist eine Auswertung aktueller Empfehlungen und Sicherheitsdaten aus sieben Ländern und Gesundheitsräumen: Österreich, Deutschland, der Weltgesundheitsorganisation (WHO/international), den USA, Großbritannien, Kanada und Australien. Die Kapitel bauen aufeinander auf, lassen sich über das Inhaltsverzeichnis aber auch einzeln ansteuern.
Die meisten Rückfragen von Eltern betreffen einen einzigen Punkt: das sogenannte Invaginationsrisiko, also das Risiko einer seltenen Darmeinstülpung. Wenn Sie nur einen Abschnitt lesen möchten, dann den Abschnitt „Sicherheit: Das Invaginationsrisiko richtig einordnen" weiter unten – er ordnet dieses seltene, aber real existierende Risiko in Zahlen ein und erklärt, warum daraus die strengen Altersgrenzen für die Impfung folgen.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Er dient der Orientierung und der Vorbereitung auf das Aufklärungsgespräch in der kinderärztlichen Praxis. Ob, wann und mit welchem Impfstoff Ihr Kind gegen Rotaviren geimpft wird, besprechen Sie bitte persönlich mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt – insbesondere wenn eine der im Abschnitt „Kontraindikationen" beschriebenen Situationen auf Ihr Kind zutreffen könnte.
1. Warum diese Impfung so wichtig ist
Vor Einführung der ersten wirksamen Impfstoffe im Jahr 2006 waren Rotaviren weltweit die häufigste Ursache schwerer, dehydrierender Durchfallerkrankungen bei Kindern unter fünf Jahren. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren im Jahr 2000 mehr als 500.000 Todesfälle und mehr als 2 Millionen Krankenhausaufnahmen weltweit auf Rotavirus-Infektionen zurückzuführen. Das Virus ist so ansteckend und in der Umwelt so widerstandsfähig, dass gute Hygiene das Risiko zwar senkt, eine Ansteckung aber nicht zuverlässig verhindern kann: Praktisch jedes Kind macht laut WHO bis zum Alter von drei bis fünf Jahren eine Rotavirus-Infektion durch, unabhängig vom Hygienestandard des jeweiligen Landes.
Mit der weltweiten Einführung der Impfung hat sich diese Bilanz deutlich verbessert. Zwischen 2013 und 2017 sanken die jährlichen Todesfälle laut WHO auf 122.000 bis 215.000 – ein Rückgang um 59 bis 77 Prozent gegenüber dem Jahr 2000, der wesentlich der zunehmenden Impfung zugeschrieben wird.
Auch in Ländern mit gut ausgebautem Gesundheitssystem war die Krankheitslast vor Einführung der Impfung erheblich. Die deutsche Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut hielt 2013 fest, dass vor ihrer Empfehlung jährlich rund 20.000 Kinder in Deutschland wegen einer Rotavirus-Infektion stationär behandelt werden mussten; bis zum dritten Geburtstag hatten rund 90 Prozent aller Kinder eine Rotavirus-Infektion durchgemacht, wobei besonders die erste Infektion in den ersten beiden Lebensjahren häufig schwer verlief. In Österreich mussten laut Kinderärzte im Netz Österreich vor Einführung der Impfung jährlich etwa 2.900 bis 4.400 Kinder aufgrund einer Rotavirus-Gastroenteritis hospitalisiert werden.
Diese Zahlen erklären, warum die Rotavirus-Impfung heute in sehr vielen Ländern zu den am dringlichsten empfohlenen Säuglingsimpfungen überhaupt zählt.
2. Internationale Empfehlungen im Überblick
Ein Blick über die Grenzen zeigt: Obwohl sich Details in Zulassung und Impfschema von Land zu Land leicht unterscheiden, sind sich Gesundheitsbehörden und Fachgesellschaften rund um den Globus einig, dass die Rotavirus-Impfung Teil der Standard-Säuglingsimpfungen sein sollte.
| Land / Organisation | Zuständiges Gremium | Kernaussage |
|---|---|---|
| Österreich | Nationales Impfgremium / Sozialministerium | Impfung ab der vollendeten 6. Lebenswoche, kostenfrei im öffentlichen Impfprogramm. |
| Deutschland | Ständige Impfkommission (STIKO), Robert Koch-Institut | Seit August 2013 Standardimpfung für alle Säuglinge. |
| WHO (global) | SAGE / WHO-Grundsatzpapier 2021 | Aufnahme in alle nationalen Impfprogramme, mit Priorität in Ländern mit hoher Kindersterblichkeit (u. a. Süd-/Südostasien, Subsahara-Afrika). |
| USA | ACIP / CDC | Zwei-Dosen- oder Drei-Dosen-Impfstoff, Abschluss der Serie vor dem Alter von 8 Monaten, 0 Tagen. |
| Vereinigtes Königreich | JCVI / UKHSA | Seit 2013 im NHS-Impfprogramm, ausschließlich mit einem Zwei-Dosen-Impfstoff (8./12. Lebenswoche). |
| Kanada | NACI | Seit Juli 2010 generelle Empfehlung für alle Säuglinge; beide verfügbaren Impfstoffe gleichwertig empfohlen. |
| Australien | ATAGI / National Immunisation Program | Seit 2007 im nationalen Impfprogramm, seit 1. Juli 2017 ausschließlich mit einem Zwei-Dosen-Impfstoff (ca. 2./4. Lebensmonat). |
Diese Grundaussage zieht sich über alle untersuchten Länder und die WHO gleichermaßen: Ein möglichst früher Impfbeginn und ein zügiger Abschluss der Impfserie stehen überall im Zentrum der Empfehlung – aus Gründen, die im Abschnitt zur Sicherheit weiter unten ausführlich erklärt werden.
3. Das Impfschema in Österreich
In Österreich empfiehlt das Nationale Impfgremium im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz die Rotavirus-Impfung ab der vollendeten 6. Lebenswoche. Sie ist Bestandteil des kostenfreien öffentlichen Impfprogramms. Zwei Impfstoffe stehen zur Verfügung, deren Dosenanzahl und Zeitfenster sich unterscheiden – Ihre Kinderärztin oder Ihr Kinderarzt wird Sie darüber informieren, welcher der beiden in Ihrer Ordination verwendet wird.
Die beiden in Österreich verfügbaren Impfstoffe
Rotarix
RotaTeq
Beide Impfstoffe sind ab der vollendeten 6. Lebenswoche zugelassen und im österreichischen Impfprogramm kostenfrei – untereinander aber nicht austauschbar.
Eine einmal begonnene Impfserie wird laut dem österreichischen Gesundheitsportal gesundheit.gv.at mit demselben Präparat zu Ende geführt. Die WHO nennt in ihrem Grundsatzpapier von 2021 einen Wechsel zwischen den Produkten lediglich als vertretbare Ausnahme für Situationen akuter Impfstoffknappheit – im österreichischen Regelbetrieb ist davon nicht auszugehen, weshalb Sie sich am besten schon beim ersten verwendeten Präparat merken (oder im Impfpass eintragen lassen), welcher Impfstoff es war.
Auch Frühgeborene profitieren von der Impfung und sollen nicht später geimpft werden als termingerecht geborene Kinder. Kinderärzte im Netz Österreich empfiehlt ausdrücklich eine frühzeitige Impfung ab der 6. Lebenswoche nach der Geburt, auch wenn das Kind zu diesem Zeitpunkt noch stationär betreut wird. Maßgeblich ist laut WHO 2021 dabei das chronologische Alter seit der Geburt – nicht das um die Frühgeburtlichkeit korrigierte Alter.
Ein praktischer Hinweis zum Ablauf des Impftermins: Weil die oralen Rotavirus-Impfstoffe aufgrund ihres Saccharosegehalts einen schmerzlindernden Effekt haben, empfiehlt die WHO, sie bei einem Termin mit mehreren gleichzeitig fälligen Impfungen vor den begleitenden Injektionsimpfstoffen zu verabreichen.
4. Wie gut schützt die Impfung?
Ein 2021 im WHO-Grundsatzpapier zusammengefasster Cochrane-Review über die vier von der WHO präqualifizierten Impfstoffe – RotaTeq, Rotarix, Rotavac und ROTASIIL – zeigt, dass die Wirksamkeit gegen schwere Rotavirus-Gastroenteritis deutlich vom wirtschaftlichen und gesundheitlichen Kontext des jeweiligen Landes abhängt.
Wirksamkeit gegen schwere Rotavirus-Gastroenteritis nach Länderkontext
Niedrige Kindersterblichkeit
Hohe Kindersterblichkeit
Die geringere Wirksamkeit in Ländern mit hoher Kindersterblichkeit wird laut WHO unter anderem mit Mangelernährung, mütterlichen Antikörpern im Blut des Säuglings und einer abweichenden Darmflora in Verbindung gebracht. In einer WHO-Subanalyse für Afrika und Asien lag die Wirksamkeit nach einem Jahr bei allen vier Impfstoffen vergleichbar bei 48 bis 57 Prozent.
Für Österreich und Deutschland – Länder mit niedriger Kindersterblichkeit – sind die deutschen Daten besonders aussagekräftig. Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (Stand 2024) schützt die Impfung über einen Zeitraum von zwei Jahren zu rund 92 Prozent vor einer Hospitalisierung und zu rund 91 Prozent vor einer schweren Gastroenteritis. Die sogenannte „Number Needed to Vaccinate" – also die Zahl der Kinder, die geimpft werden müssen, um einen Fall zu verhindern – liegt bei 80 Kindern zur Verhinderung einer Hospitalisierung beziehungsweise 42 Kindern zur Verhinderung eines schweren Krankheitsverlaufs. Die Schutzdauer wird mit etwa zwei bis drei Jahren angegeben, danach lässt die Immunität allmählich nach („Waning").
Auch die kanadische NACI kommt in ihrer Stellungnahme von 2010 zu sehr guten Werten: RotaTeq zeigte eine Wirksamkeit von 98,2 Prozent gegen schwere Gastroenteritis durch die Serotypen G1 bis G4, Rotarix erreichte 85 bis 96 Prozent Schutz in der ersten und noch 79 bis 86 Prozent in der zweiten Rotavirus-Saison nach der Impfung. Der britische Gesundheitsdienst NHS fasst die Wirksamkeit für Eltern anschaulich zusammen: Die Impfung verhindert Rotavirus-Infektionen bei etwa 8 von 10 geimpften Säuglingen.
5. Sicherheit: Das Invaginationsrisiko richtig einordnen
Historischer Hintergrund: RotaShield (USA)
Um die heutige Sicherheitsbewertung zu verstehen, lohnt sich ein Blick zurück. Der erste zugelassene Rotavirus-Impfstoff, RotaShield®, erhielt im August 1998 in den USA die Zulassung – wurde aber bereits im Oktober 1999 auf Empfehlung des amerikanischen Impfgremiums ACIP wieder vom Markt genommen. Grund war ein deutlich erhöhtes Risiko für eine Darmeinstülpung (Invagination): Die amerikanische CDC ermittelte ein 20- bis 30-fach erhöhtes Risiko in den ersten zwei Wochen nach der ersten Dosis und ein 3- bis 7-fach erhöhtes Risiko nach der zweiten Dosis. Umgerechnet schätzte die CDC damals 1 bis 2 zusätzliche Invaginationsfälle pro 10.000 geimpfte Säuglinge – vor dem Hintergrund, dass ohnehin etwa 1 von 2.000 bis 3.000 Kindern im ersten Lebensjahr unabhängig von jeder Impfung eine Invagination entwickelt.
Die heutigen Impfstoffe: deutlich geringeres, aber nicht null Risiko
Die seither entwickelten und heute verwendeten Impfstoffe Rotarix und RotaTeq zeigen ein deutlich geringeres Risiko als RotaShield – international wird es übereinstimmend als seltenes, aber bekanntes Restrisiko eingeordnet, nicht als Grund für eine generelle Unsicherheit des Impfstoffs. Das Robert Koch-Institut beziffert das zusätzliche Risiko in Deutschland mit 1 bis 2 zusätzlichen Invaginationsfällen pro 100.000 geimpfte Kinder in der ersten Woche nach der ersten Dosis.
Einen detaillierten Einblick liefert ein Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) aus dem Jahr 2015: In dem betrachteten Zeitraum wurden 82 bestätigte Invaginationsfälle nach Rotavirus-Impfung gemeldet. Von diesen Kindern genasen 68 vollständig, 12 benötigten eine operative Darmresektion, und es gab keinen Todesfall. Bei den meisten gemeldeten Fällen bestand ein zeitlicher Zusammenhang innerhalb von sieben Tagen nach der Impfung. Zur Einordnung: Die Hintergrundinzidenz einer Invagination liegt in Deutschland ohnehin bei etwa 60 bis 100 Fällen pro 100.000 Säuglingen im ersten Lebensjahr – unabhängig von jeder Impfung.
In den USA sehen CDC und ACIP das erhöhte Risiko am stärksten 3 bis 14 Tage nach der ersten Dosis, nach der zweiten Dosis fällt es geringer aus. In der Nutzen-Risiko-Abwägung stehen dort geschätzte 50 bis 60 zusätzliche Invaginationsfälle pro Jahr mehr als 50.000 durch die Impfung verhinderten Hospitalisierungen pro Jahr gegenüber. Eine bereits durchgemachte Invagination in der Vorgeschichte des Kindes gilt in den USA heute als Kontraindikation gegen die Impfung. Der britische NHS beschreibt das Invagination-Risiko als „sehr gering" in der Woche nach der Impfung, neben den deutlich häufigeren, aber milden Nebenwirkungen wie Durchfall, Reizbarkeit, Erbrechen und Fieber.
Bemerkenswert ist die Datenlage aus Kanada: Die dortigen großen Zulassungsstudien sowie eine Überwachung nach der Markteinführung von insgesamt 14 Millionen verabreichten RotaTeq-Dosen zeigten kein statistisch signifikant erhöhtes Invaginationsrisiko. Dennoch führt die kanadische NACI aus Vorsichtsprinzip – als Lehre aus der RotaShield-Erfahrung – eine frühere Invagination in der Anamnese weiterhin als Kontraindikation. Die WHO bestätigt in ihrem Grundsatzpapier 2021: Invagination ist die einzige mit Rotavirus-Impfstoffen assoziierte ernste Nebenwirkung, ein anderes ernstes Sicherheitssignal wurde nicht identifiziert. Genau deshalb gilt die klare Altersempfehlung, die erste Dosis so früh wie möglich nach der vollendeten 6. Lebenswoche zu verabreichen: Das Invaginationsrisiko steigt mit dem Alter des Kindes bei der Impfung an.
Invaginationsrisiko im Zeitvergleich
RotaShield (USA, 1998–1999)
Rotarix / RotaTeq (heute)
Das Invaginationsrisiko der heutigen Impfstoffe liegt um Größenordnungen unter dem des historischen RotaShield-Impfstoffs – ist aber nicht bei null. Genau deshalb gelten die strikten Altersfenster für den Impfbeginn.
Kernbotschaft für die Aufklärung
Alle in diesem Ratgeber berücksichtigten Gremien – WHO, STIKO, ACIP, JCVI, NACI, ATAGI und das österreichische Nationale Impfgremium – begründen die strikten Altersfenster für Impfbeginn und -abschluss ausdrücklich mit der Minimierung des Invaginationsrisikos, nicht mit einer generellen Unsicherheit über den Impfstoff. In allen zitierten Quellen überwiegt der Nutzen der Impfung – verhinderte Hospitalisierungen und Todesfälle – das Risiko klar.
Warnzeichen nach der Impfung erkennen
Eine Invagination ist bei rechtzeitiger Erkennung in aller Regel gut behandelbar. Beobachten Sie Ihr Kind besonders in den ersten sieben Tagen nach jeder Dosis – dieser Zeitraum ist laut den oben genannten Datenquellen am relevantesten – und suchen Sie umgehend ärztliche Hilfe (Kinderärztin/Kinderarzt oder Kinder-Notaufnahme), wenn eines der folgenden Anzeichen auftritt:
- plötzliches, schrilles Schreien in wiederkehrenden Schüben, oft mit angezogenen Beinen (kolikartige Bauchschmerzen)
- auffällige Blässe oder Teilnahmslosigkeit zwischen den Schmerzattacken
- wiederholtes Erbrechen
- Blut oder himbeergeleeartiger Schleim im Stuhl
- ein spürbar geschwollener oder druckschmerzhafter Bauch
Auch außerhalb dieses Zeitfensters gilt: Im Zweifel lieber einmal zu früh als zu spät abklären lassen.
7. Kontraindikationen und besondere Situationen
Die WHO nennt in ihrem Grundsatzpapier von 2021 drei Situationen, in denen von einer Rotavirus-Impfung abgesehen werden soll:
- eine frühere Invagination in der Vorgeschichte des Kindes,
- eine schwere allergische Reaktion (Anaphylaxie) nach einer vorherigen Dosis desselben Impfstoffs,
- eine schwere Immundefizienz, einschließlich des schweren kombinierten Immundefekts (SCID).
Keine Kontraindikation ist dagegen eine Frühgeburt: Wie im Abschnitt zum österreichischen Impfschema beschrieben, sollen auch frühgeborene Kinder nach ihrem chronologischen Alter geimpft werden – gegebenenfalls bereits während eines noch andauernden Krankenhausaufenthalts.
Bestehen bei Ihrem Kind gesundheitliche Besonderheiten, etwa eine bekannte Immunschwäche, eine chronische Magen-Darm-Erkrankung oder eine frühere Bauchoperation, besprechen Sie den Impftermin bitte gezielt vorab mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt, damit eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung stattfinden kann.
8. Praktische Hinweise für den Alltag
Virusausscheidung im Stuhl und Hygiene
Weil es sich um eine orale Lebendimpfung (Schluckimpfung) handelt, kann das abgeschwächte Impfvirus nach der Impfung vorübergehend im Stuhl des Kindes ausgeschieden werden. Das österreichische Gesundheitsportal gesundheit.gv.at weist deshalb auf entsprechende Hygieneempfehlungen hin, insbesondere im Umgang mit immungeschwächten Personen im selben Haushalt – etwa sorgfältiges Händewaschen nach jedem Windelwechsel.
Reihenfolge bei mehreren Impfungen am selben Termin
Wird die Rotavirus-Impfung am selben Termin wie andere, injizierte Impfungen verabreicht, empfiehlt die WHO, zuerst die Schluckimpfung zu geben: Der in ihr enthaltene Zucker (Saccharose) hat einen schmerzlindernden Effekt, der jüngeren Säuglingen den restlichen Termin erleichtern kann.
Warum die Impfquote zählt
Wie wichtig ein vollständiger und rechtzeitiger Abschluss der Impfserie ist, zeigen Daten des Robert Koch-Instituts zu regionalen Unterschieden innerhalb Deutschlands: Die Impfquote schwankt auf Bundeslandebene zwischen 54,7 Prozent (Bremen) und 81,4 Prozent (Mecklenburg-Vorpommern), auf Ebene einzelner Landkreise wurden sogar Werte zwischen 15 und 91,9 Prozent gemessen. Solche Unterschiede erklären, warum in manchen Regionen mehr Kinder als nötig schwer an Rotavirus-Gastroenteritis erkranken – und unterstreichen, wie sehr der rechtzeitige, vollständige Abschluss der Impfserie im individuellen Interesse jedes einzelnen Kindes liegt.
9. Häufig gestellte Fragen
Warum muss die Impfung ausgerechnet so früh beginnen?
Weil das Invaginationsrisiko mit dem Alter des Kindes bei der ersten Impfung ansteigt, wie die WHO in ihrem Grundsatzpapier 2021 erläutert. Ein möglichst früher Beginn ab der vollendeten 6. Lebenswoche hält dieses ohnehin geringe Risiko so niedrig wie möglich.
Was passiert, wenn wir das empfohlene Zeitfenster verpassen?
Die in der Tabelle oben genannten Altersgrenzen für den Abschluss der Impfserie (in Österreich die vollendete 24. beziehungsweise 32. Lebenswoche, je nach Präparat) sind aus Sicherheitsgründen eng gefasst. Außerhalb dieser Fenster ist eine Nachimpfung in aller Regel nicht mehr vorgesehen. Sprechen Sie deshalb möglichst schon beim ersten Kontrolltermin nach der Geburt mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt über den passenden Impftermin.
Kann mein frühgeborenes Kind geimpft werden?
Ja. Kinderärzte im Netz Österreich empfiehlt ausdrücklich eine frühzeitige Impfung ab der 6. Lebenswoche nach der Geburt, auch bei noch andauerndem Krankenhausaufenthalt. Maßgeblich ist laut WHO das chronologische, nicht das korrigierte Alter.
Muss die Impfserie mit demselben Präparat abgeschlossen werden?
Ja. Laut gesundheit.gv.at (Österreich) ist ein Wechsel zwischen Rotarix und RotaTeq innerhalb einer begonnenen Impfserie nicht vorgesehen. Die WHO nennt einen Wechsel nur als vertretbare Ausnahme bei akuter Impfstoffknappheit.
Wie hoch ist das Risiko einer Darmeinstülpung wirklich, verglichen mit dem Nutzen der Impfung?
In Deutschland stehen laut RKI 1 bis 2 zusätzliche Invaginationsfälle pro 100.000 geimpfte Kinder einer Verhinderung von rund 92 Prozent aller rotavirusbedingten Hospitalisierungen gegenüber. In den USA rechnen CDC und ACIP mit 50 bis 60 zusätzlichen Fällen pro Jahr gegenüber mehr als 50.000 verhinderten Hospitalisierungen jährlich. Alle hier ausgewerteten Quellen kommen unabhängig voneinander zu demselben Schluss: Der Nutzen überwiegt das seltene Risiko deutlich.
Worauf sollte ich nach der Impfung besonders achten?
Beobachten Sie Ihr Kind in den ersten sieben Tagen nach jeder Dosis auf die im Abschnitt „Warnzeichen nach der Impfung" beschriebenen Anzeichen einer Invagination, und beachten Sie die oben genannten Hygienehinweise zur vorübergehenden Virusausscheidung im Stuhl.
10. Wichtigste Leitlinien und Fachgesellschaften
Diese Auswahl umfasst die zentralen Grundsatzpapiere, Leitlinien und Sicherheitsberichte aus den sieben für diesen Artikel ausgewerteten Ländern und Gesundheitsräumen.
- Rotavirus vaccines: WHO position paper (Juli 2021) – World Health Organization (WHO), International, 2021
- Summary of the WHO Position Paper on Rotavirus Vaccines – World Health Organization (WHO), International, 2021
- Mitteilung der Ständigen Impfkommission (STIKO) zur Rotavirus-Impfung, Epidemiologisches Bulletin 34/2013 und 35/2013 – Robert Koch-Institut (RKI) / STIKO, Deutschland, 2013
- Schutzimpfung gegen Rotaviren – Antworten auf häufig gestellte Fragen – Robert Koch-Institut (RKI), Deutschland, Stand 2024
- Schutzimpfung gegen Rotaviren – Sicherheit und Wirksamkeit – Robert Koch-Institut (RKI), Deutschland, Stand 7. Februar 2024
- Information zu Fällen von Darminvagination nach Impfung gegen Rotavirus-Gastroenteritis – Paul-Ehrlich-Institut (PEI), Deutschland, 2015
- Rotaviren: Schluckimpfung für alle Säuglinge empfohlen – Deutsches Ärzteblatt, Deutschland, 2013
- Impfplan Österreich 2025/2026 – Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz / Nationales Impfgremium, Österreich, 2025
- Impfung gegen Rotaviren – Schluckimpfung – Gesundheitsportal gesundheit.gv.at, Österreich
- Rotavirus – Kinderärzte im Netz Österreich, Österreich
- Key Points: Rotavirus Vaccine (ACIP Recommendations) – Centers for Disease Control and Prevention (CDC), USA
- Chapter 19: Rotavirus – Epidemiology and Prevention of Vaccine-Preventable Diseases („Pink Book") – Centers for Disease Control and Prevention (CDC), USA
- Rotavirus Vaccine (RotaShield®) and Intussusception – Centers for Disease Control and Prevention (CDC), USA, 1999
- Rotavirus Vaccine – National Health Service (NHS), Vereinigtes Königreich
- Rotavirus: The Green Book, Chapter 27b – UK Health Security Agency (UKHSA) / Joint Committee on Vaccination and Immunisation (JCVI), Vereinigtes Königreich, 2013/2015
- Updated Statement on the Use of Rotavirus Vaccines: An Advisory Committee Statement – National Advisory Committee on Immunization (NACI), Kanada, 2010
- National Immunisation Program Schedule – Rotavirus – Australian Government Department of Health / Australian Technical Advisory Group on Immunisation (ATAGI), Australien
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