Wann ein Fiebersenker überhaupt sinnvoll ist, wie Sie Paracetamol und Ibuprofen richtig dosieren, warum Acetylsalicylsäure tabu ist – und welche Hausmittel helfen und welche nicht.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Er dient der Orientierung und der Vorbereitung auf das Gespräch in der kinderärztlichen Praxis. Bei Alarmzeichen – siehe der entsprechende Abschnitt weiter unten – wenden Sie sich bitte unverzüglich an Ihre Kinderärztin, Ihren Kinderarzt oder den ärztlichen Notdienst.

9 Fiebersenkende Mittel richtig einsetzen

Wenn das Fieberthermometer eine hohe Zahl anzeigt, ist der Reflex vieler Eltern verständlich: sofort etwas dagegen tun. Die internationale Leitlinienlandschaft rät hier zu einem Perspektivwechsel, der sich durch praktisch alle namhaften Quellen zieht – von der deutschen AWMF-S3-Leitlinie „Fiebermanagement bei Kindern und Jugendlichen" über die britische NICE-Leitlinie NG143 des National Institute for Health and Care Excellence bis zur spanischen AEPap und der italienischen Società Italiana di Pediatria (SIP): Behandelt wird nicht die Zahl auf dem Display, sondern das Befinden Ihres Kindes. Ein munteres Kind mit hohem Fieber braucht oft kein Medikament, ein sichtlich leidendes Kind mit moderatem Fieber dagegen schon. Dieser Grundsatz ist keine österreichische Besonderheit, sondern – wie auch die chinesische 0-bis-5-Jahre-Leitlinie und die portugiesisch-brasilianische Fachgesellschaft SPSP zeigen – gelebter internationaler Konsens.

Wann ein Fiebersenker überhaupt sinnvoll ist

NICE erlaubt Paracetamol oder Ibuprofen ausdrücklich nur, wenn das Kind sichtlich leidet – nicht routinemäßig „vorsorglich" oder allein, um eine bestimmte Temperatur zu unterschreiten. Die SIP-Leitlinie stellt klar, dass die Fieberhöhe für sich genommen kein verlässliches Maß dafür ist, wie ernst eine Erkrankung ist; die AWMF-S3-Leitlinie formuliert denselben Gedanken. Ausschlaggebend sind stattdessen Anzeichen wie starkes Weinen, Reizbarkeit, spürbare Schmerzen, verminderte Aktivität, schlechter Appetit oder gestörter Schlaf – Kriterien, die auch die brasilianische SPSP für die Indikation heranzieht. Mit anderen Worten: Ein Kind, das trotz 39 °C spielt, trinkt und ansprechbar ist, braucht in aller Regel kein Medikament; ein Kind, das sich sichtlich unwohl fühlt, kann davon profitieren – unabhängig von der exakten Gradzahl.

Ebenso einhellig raten die Leitlinien von einer vorsorglichen Gabe ab, etwa routinemäßig rund um Impftermine, „damit gar kein Fieber erst entsteht". Die AWMF-S3-Leitlinie weist darauf hin, dass dies sogar die Antikörperbildung nach der Impfung beeinträchtigen kann; die AEPap formuliert dieselbe Zurückhaltung. Eine ausdrückliche Ausnahme nennt die AWMF-Leitlinie selbst für die Meningokokken-B-Impfung: Hier kann je nach aktueller Impfempfehlung eine vorsorgliche Paracetamol-Gabe sinnvoll sein, weil diese Impfung besonders häufig mit Fieber einhergeht – befolgen Sie dazu die konkrete Empfehlung Ihrer Kinderärztin oder Ihres Kinderarztes. Für alle anderen Impfungen gilt: Ein Fiebersenker gehört nicht routinemäßig prophylaktisch in den Kalender, sondern kommt erst dann zum Einsatz, wenn Ihr Kind ihn tatsächlich braucht.

Welche Wirkstoffe für Kinder üblich sind

In Österreich und Deutschland gelten – wie international nahezu ausnahmslos – zwei Wirkstoffe als Mittel der Wahl für Kinder: Paracetamol und Ibuprofen. Die AWMF-S3-Leitlinie nennt Paracetamol als geeigneten Wirkstoff und Ibuprofen ab dem dritten Lebensmonat; Metamizol bleibt eine ärztlich verordnete Reserveoption für Fälle, in denen diese beiden nicht ausreichend wirken. Beide Wirkstoffe sind seit Langem gut untersucht, in kindgerechten Darreichungsformen – Saft, Zäpfchen, Tabletten – verfügbar und in Apotheken ohne Rezept erhältlich. Das bedeutet aber nicht, dass sich die Dosierung „über den Daumen" abschätzen lässt.

So bestimmen Sie die richtige Dosis

Die richtige Einzeldosis eines Fiebersenkers richtet sich in erster Linie nach dem Körpergewicht Ihres Kindes, nicht nach seinem Alter – und sie unterscheidet sich je nach Präparat und Saftkonzentration, die von Produkt zu Produkt variieren kann. Verlassen Sie sich deshalb konsequent auf den Beipackzettel des jeweiligen Mittels, auf die Angabe Ihrer Apotheke oder auf die Empfehlung Ihrer Kinderärztin bzw. Ihres Kinderarztes – nicht auf Erinnerungswerte vom letzten Infekt oder auf Erfahrungen aus dem Bekanntenkreis. Prüfen Sie besonders bei einem neu gekauften Fiebersaft die Konzentration, denn diese kann sich selbst bei gleichem Wirkstoff unterscheiden. Im Zweifel gilt: lieber einmal zu viel in der Apotheke oder Ordination nachfragen, als die Dosis zu schätzen.

Ibuprofen bei Erbrechen, Durchfall oder Flüssigkeitsmangel: besondere Vorsicht

Ein Punkt, der gerade bei den in diesem Ratgeber ausführlich besprochenen Magen-Darm-Infekten leicht übersehen wird: Die AWMF-S3-Leitlinie weist ausdrücklich darauf hin, dass Ibuprofen bei vermindertem zirkulierendem Blutvolumen beziehungsweise einer Dehydratation – etwa durch Erbrechen und Durchfall – auch bei korrekter Dosierung Nierenprobleme begünstigen kann. Bei Säuglingen ab dem dritten Lebensmonat stuft die Leitlinie die kurzfristige Anwendung nur dann als sicher ein, wenn gleichzeitig eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr gewährleistet ist. Bei deutlich zu wenig Trinken, Austrocknung, starkem Erbrechen oder Durchfall sollten Sie Ibuprofen deshalb nicht einfach routinemäßig geben, sondern vorher ärztlich beziehungsweise in der Apotheke Rücksprache halten – Paracetamol ist in solchen Situationen häufig die unkompliziertere Wahl.

Warum Sie nicht eigenmächtig zwischen Paracetamol und Ibuprofen wechseln sollten

In der Praxis kursiert oft der Rat, bei hartnäckigem Fieber routinemäßig zwischen den beiden Wirkstoffen zu wechseln oder sie miteinander zu kombinieren, um die Wirkung zu verstärken. Von einem solchen eigenmächtigen, routinemäßigen Wechsel raten internationale Fachgesellschaften unabhängig voneinander ab – darunter die spanische AEPap, die italienische SIP-Leitlinie sowie russische, chinesische und brasilianische Quellen. Die Begründung ist durchgängig dieselbe: Die Studienlage zu einem tatsächlichen Wirkungsvorteil ist uneinheitlich, und vor allem steigt das Risiko für Dosierfehler und unbeabsichtigte Überdosierung deutlich, wenn zwei Fläschchen mit unterschiedlichen Gaben zu unterschiedlichen Zeiten verabreicht werden. Die aktuelle deutsche AWMF-Leitlinie ergänzt hier eine wichtige Nuance: Bleibt ein Kind trotz korrekt dosierter Gabe weiter deutlich beeinträchtigt, bevor die nächste Dosis desselben Wirkstoffs fällig wäre, kann nach ärztlicher Rücksprache ein Wechsel beziehungsweise ein alternierendes Vorgehen erwogen werden – vorausgesetzt, die korrekte Dosierung beider Mittel ist gewährleistet. Entscheidend ist also: nicht auf eigene Faust routinemäßig abwechseln, sondern im Zweifel vorher mit der Kinderarztpraxis oder Apotheke besprechen. Die chinesische Fachliteratur weist zudem auf eine Falle hin, die auch hierzulande relevant ist: Viele Erkältungs-Kombinationspräparate enthalten bereits Paracetamol als Bestandteil. Wer zusätzlich separat Paracetamol dosiert, ohne das zu bedenken, riskiert eine unbeabsichtigte Doppeldosierung mit Belastung für Leber oder Nieren. Prüfen Sie deshalb bei jedem zusätzlichen Präparat – auch bei pflanzlichen oder homöopathischen Erkältungsmitteln – aufmerksam die Inhaltsstoffe, bevor Sie einen Fiebersenker dazugeben.

Warum Acetylsalicylsäure bei Kindern tabu ist

Ein Wirkstoff ist bei fiebernden Kindern international ausdrücklich verpönt: Acetylsalicylsäure, besser bekannt unter dem Markennamen Aspirin. Die AWMF-Leitlinie ebenso wie spanische, französische, italienische, arabische, koreanische und russische Quellen lehnen Acetylsalicylsäure bei Kindern übereinstimmend ab – wegen des Risikos für das sogenannte Reye-Syndrom, eine seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Erkrankung mit Leber- und Hirnschädigung, die mit der Einnahme von Acetylsalicylsäure während fieberhafter viraler Infekte im Kindesalter in Verbindung gebracht wird. Die russische Fachgesellschaft lehnt aus ähnlichen Sicherheitsüberlegungen auch weitere Wirkstoffe wie Metamizol-Natrium und Nimesulid für die routinemäßige Anwendung bei Kindern ab. Für Sie als Eltern heißt das ganz praktisch: Greifen Sie bei einem fiebernden Kind nie eigenständig zu einem Präparat, das Acetylsalicylsäure oder Aspirin enthält – auch wenn es in der Hausapotheke griffbereit steht. Als Fiebersenker bei gewöhnlichen viralen Infekten ist dieser Wirkstoff bei Kindern tabu. Eine Ausnahme kennt die Medizin dennoch: Beim – im entsprechenden Kapitel dieses Ratgebers beschriebenen – Kawasaki-Syndrom gehört Acetylsalicylsäure als gezielt und ärztlich kontrolliert eingesetztes Medikament weiterhin zur Standardbehandlung. Das ändert nichts an der Grundregel für zu Hause: Ohne konkrete ärztliche Anweisung hat Aspirin bei einem fiebernden Kind nichts verloren.

Ein japanischer Befund, der zur Vorsicht mahnt

Ein besonders aufschlussreiches Beispiel dafür, warum die Wahl des Wirkstoffs bei fieberhaften Virusinfekten keine Nebensache ist, liefert Japan. Das dortige Gesundheitsministerium (MHLW) und die Arzneimittelbehörde PMDA warnen bereits seit den Jahren 2000/2001 ausdrücklich davor, bestimmte entzündungshemmende Schmerzmittel – namentlich Diclofenac-Natrium und Mefenaminsäure – bei fieberhaften Virusinfekten wie Influenza oder Windpocken einzusetzen. Hintergrund ist eine in Japan beobachtete Häufung schwerer Verläufe einer sogenannten Influenza-assoziierten Enzephalopathie, einer seltenen, aber gefährlichen Gehirnbeteiligung im Rahmen einer Grippeerkrankung. In einer Auswertung der Arzneimittelbehörde PMDA fiel die Sterblichkeit bei Kindern, die während einer solchen Enzephalopathie Diclofenac erhalten hatten, deutlich höher aus als bei Kindern, denen andere Fiebersenker verabreicht worden waren. Als möglicher Mechanismus wird diskutiert, dass Diclofenac die körpereigene Reparatur der Blutgefäßinnenwände hemmt und dadurch die für diese Komplikation typische Gefäßschädigung im Gehirn verstärken könnte. Seither gilt Paracetamol in Japan als Mittel der ersten Wahl bei fieberhaften Infekten einschließlich Influenza, während bestimmte entzündungshemmende Wirkstoffe zurückhaltend eingesetzt werden sollen.

Diese Wirkstoffe spielen in der österreichischen Kinderheilkunde ohnehin keine Rolle, doch der Befund unterstreicht eine Grundregel, die sich in mehreren Ländern wiederfindet: Bei fiebrigen Virusinfekten ist Paracetamol die sicherste erste Wahl. Auch Ibuprofen ist nicht bei jeder Gelegenheit die naheliegende Alternative: Frankreich, Italien und China raten übereinstimmend davon ab, Ibuprofen bei Windpocken oder anderen floriden Infektionen mit erhöhtem Risiko für bakterielle Komplikationen einzusetzen. Fragen Sie im Zweifel – etwa bei Windpocken oder Grippeverdacht – aktiv in der Apotheke oder Kinderarztpraxis nach, welcher Wirkstoff gerade der richtige ist.

Ein weitverbreiteter Irrglaube: Fiebersenker verhindern keine Fieberkrämpfe

Ein Missverständnis hält sich hartnäckig in vielen Familien: die Annahme, wer das Fieber rechtzeitig senke, könne damit einen Fieberkrampf verhindern. Genau das ist nach übereinstimmender Aussage der AWMF-S3-Leitlinie, der NICE-Leitlinie und der spanischen AEPap nicht der Fall. Die AEPap weist darauf hin, dass rund vier Prozent aller Kinder für Fieberkrämpfe veranlagt sind – unabhängig davon, ob und wie konsequent ein Fiebersenker gegeben wird, ändert sich an diesem Risiko nichts. Ein Fiebersenker kann also das Befinden Ihres Kindes verbessern, ist aber kein Schutzinstrument gegen einen Fieberkrampf. Das nimmt Ihnen im Ernstfall auch den unbegründeten Selbstvorwurf, „zu spät" gehandelt zu haben – ein Fieberkrampf ist, so beängstigend er im Moment wirkt, in aller Regel keine Folge einer versäumten Medikamentengabe.

Mythos: „Das Fieber ist nach Paracetamol gesunken – Entwarnung?"

Nein. Ob und wie gut ein Kind auf Paracetamol oder Ibuprofen anspricht, lässt sich laut AWMF-S3-Leitlinie nicht dafür heranziehen, ob eine Erkrankung viral oder bakteriell beziehungsweise harmlos oder schwer ist. Weder ein gutes noch ein ausbleibendes Ansprechen auf einen Fiebersenker sagt etwas über den Schweregrad der zugrunde liegenden Erkrankung aus. Entscheidend bleiben, wie in diesem Ratgeber durchgehend betont, der Allgemeinzustand und die Alarmzeichen Ihres Kindes – nicht, ob und wie schnell das Fieber nach einer Dosis sinkt.

Auf einen Blick lässt sich der Umgang mit Fiebersenkern so zusammenfassen:

  • Nur einsetzen, wenn Ihr Kind sichtlich leidet – nicht routinemäßig oder vorsorglich, etwa rund um Impftermine.
  • Paracetamol und Ibuprofen sind die in Österreich und Deutschland gebräuchlichen Wirkstoffe für Kinder, Ibuprofen erst ab dem dritten Lebensmonat.
  • Nicht eigenmächtig zwischen den beiden Wirkstoffen abwechseln oder sie kombinieren – bei anhaltenden Beschwerden ein alternierendes Vorgehen nur nach ärztlicher Rücksprache.
  • Acetylsalicylsäure/Aspirin hat als Fiebersenker bei viralen Infekten wegen des Reye-Syndrom-Risikos nichts verloren (Ausnahme: gezielte ärztliche Anwendung beim Kawasaki-Syndrom).
  • Bei fiebrigen Virusinfekten gilt Paracetamol als besonders sichere erste Wahl.
  • Ein Fiebersenker verhindert keinen Fieberkrampf – er lindert lediglich das Befinden.

10 Hausmittel und was wirklich hilft

Wadenwickel aus dem Kühlschrank, ein Löffel Franzbranntwein auf der Stirn, das fiebernde Kind rasch ins kalte Badewasser setzen – solche Hausmittel gehören seit Generationen zum familiären Repertoire gegen Fieber. Ein Blick auf die internationale Leitlinienlage zeigt jedoch ein bemerkenswert einheitliches Bild: Viele der für diesen Ratgeber ausgewerteten Fachgesellschaften raten inzwischen eher von aggressiven physikalischen Kühlmaßnahmen ab – nicht, weil diese gar nichts bewirken, sondern weil ihr Effekt gering ist und sie dem Kind eher mehr Unbehagen als Linderung bringen. Was Ihrem Kind stattdessen tatsächlich guttut, ist oft erfreulich unspektakulär.

Das hilft

Die einfachsten Maßnahmen sind zugleich die am besten begründeten. Die französische Haute Autorité de Santé (HAS) fasst den Grundsatz kompakt zusammen: das Kind nicht überwärmen, die Raumtemperatur nicht künstlich erhöhen und ausreichend Flüssigkeit anbieten. Die arabischsprachigen Quellen, darunter das MSD Manual, ergänzen kühl-feuchte Kompressen auf Stirn und Handgelenken als einfache, gut verträgliche Linderung.

  • Viel trinken anbieten. Fieber erhöht den Flüssigkeitsbedarf spürbar – bieten Sie Ihrem Kind regelmäßig kleine Mengen Wasser, verdünnten Tee oder, je nach Alter, Muttermilch beziehungsweise Flaschennahrung an. Ausreichende Flüssigkeitszufuhr wird in praktisch allen ausgewerteten Leitlinien als eine der wichtigsten unterstützenden Maßnahmen genannt.
  • Leichte Kleidung statt Einpacken. Ein fieberndes Kind sollte nicht dick eingepackt oder zugedeckt werden, damit überschüssige Wärme abgegeben werden kann. Wichtig ist dabei aber eine Nuance: Solange Ihr Kind fröstelt oder zittert, sollten Sie es nicht auskühlen lassen, sondern eher zudecken – erst wenn das Frösteln nachlässt, ist leichtere Kleidung wirklich angenehm für das Kind.
  • Angenehm temperiert und nicht überheizt. Ein künstlich aufgeheiztes Zimmer erschwert dem Körper die Wärmeabgabe. Die AWMF-Leitlinie rät aber ausdrücklich davon ab, ein fieberndes Kind absichtlich kühlen Umgebungstemperaturen auszusetzen – entscheidend ist nicht ein möglichst kühles Zimmer, sondern das Wohlbefinden Ihres Kindes.
  • Ruhe und Nähe. Fieber kostet den Körper Energie. Ein ruhiger Tag auf dem Sofa oder im Bett, ohne Programm und ohne Drängen zum Spielen, unterstützt die Genesung mehr als jede physikalische Maßnahme – und die Nähe zu Ihnen gibt Sicherheit in einer Situation, die für ein Kind oft verunsichernd ist.
  • Körperwarme Wadenwickel bei warmen Händen und Füßen. Leidet Ihr Kind sichtlich unter dem Fieber und fühlen sich Hände und Füße dabei warm an, erlaubt die aktuelle AWMF-Leitlinie körperwarme – ausdrücklich nicht kalte – Wadenwickel als unterstützende Maßnahme. Das passt zum eingangs beschriebenen Thermostat-Modell: Erst wenn der Körper die höhere Solltemperatur bereits erreicht hat, erkennbar an warmen Extremitäten, lässt sich überschüssige Wärme sinnvoll unterstützend abgeben.

Davon raten wir ab

Ebenso deutlich fällt die Liste dessen aus, wovon abgeraten wird. Die spanische AEPap, die italienische Società Italiana di Pediatria (SIP) und die arabischsprachigen Quellen lehnen kalte feuchte Tücher, kalte Wadenwickel, Alkoholabreibungen und kalte Bäder übereinstimmend ab. Die SIP-Leitlinie beziffert den messbaren Effekt von Wickeln, Alkoholabreibungen und Eisbeuteln auf unter 0,2 °C Temperatursenkung – bei gleichzeitig deutlich verstärkter Unruhe und vermehrtem Weinen des Kindes. Eine in der brasilianischen SPSP-Leitlinie zitierte (Meremikwu und Kollegen) kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Physikalische Kühlung wirkt allenfalls schnell und kurz, ohne nennenswerten Zusatznutzen gegenüber einer medikamentösen Fiebersenkung – dafür aber mit spürbar mehr kindlichem Unwohlsein wie Frösteln und Gereiztheit.

  • Kalte Wadenwickel bei kalten Extremitäten oder Frösteln. Solange Ihr Kind fröstelt oder sich Hände und Füße kalt anfühlen, kämpft der Körper noch aktiv gegen eine niedrigere Ist-Temperatur an. Kühlende Wickel wirken in dieser Phase dem eigentlichen Fieberverlauf entgegen und verstärken vor allem das Unbehagen, ohne die Temperatur nennenswert zu senken – auch die AWMF-Leitlinie sieht Wadenwickel bei kalten Extremitäten nicht als angezeigt an. Das ist keine generelle Absage an Wadenwickel: Sind Hände und Füße warm, sind körperwarme (nicht kalte) Wickel eine andere Situation – siehe „Das hilft" oben.
  • Alkoholabreibungen. Davon raten wir ausdrücklich ab. Franzbranntwein oder andere alkoholhaltige Einreibungen zur Fiebersenkung sollten bei Kindern nicht angewendet werden. Die SIP-Leitlinie warnt konkret vor dem Risiko einer Unterzuckerung (Hypoglykämie) und einer Gefäßverengung (Vasokonstriktion) durch die Anwendung – bei einem gleichzeitig verschwindend geringen Nutzen ein unnötiges Risiko.
  • Komplett kaltes Bad. Ein Bad in kaltem Wasser löst beim fiebernden Kind reflexartig Zittern und Frösteln aus und wird sowohl von den arabischsprachigen Quellen als auch von der französischen HAS explizit nicht empfohlen. Wenn überhaupt gebadet wird, dann allenfalls lauwarm – niemals kalt.

Eine differenziertere Position: warme und kalte Extremitäten unterschiedlich behandeln

Interessant für Eltern, die genauer hinschauen möchten, ist eine etwas feinere Unterscheidung, die die russische Fachgesellschaft (Союз педиатров России) trifft. Statt physikalische Maßnahmen pauschal abzulehnen, unterscheidet sie danach, wie sich die Extremitäten des Kindes anfühlen: Sind Hände und Füße warm und die Haut gerötet, wird ein Abreiben mit raumtemperiertem Wasser von etwa 22 bis 25 °C – ausdrücklich nicht kälter – als vertretbar beschrieben. Sind Hände und Füße dagegen kalt, gilt das als Zeichen dafür, dass sich die Blutgefäße in der Peripherie verengt haben (periphere Vasokonstriktion); in diesem Fall wird ausdrücklich zum Wärmen statt zum Kühlen geraten, stets verbunden mit ausreichender Flüssigkeitszufuhr. Diese Unterscheidung deckt sich im Kern mit dem, was auch die anderen hier zitierten Quellen betonen: Ein fröstelndes, kaltes Kind profitiert von Wärme und Nähe, nicht von zusätzlicher Kühlung. Auch die chinesische Fachliteratur hält in diesem Zusammenhang fest, dass physikalische Kühlung nach aktuellem Leitlinienstand nicht mehr im Vordergrund stehen soll – stattdessen zählt die Behandlung der eigentlichen Ursache, während Fiebersenker in erster Linie das Unbehagen lindern sollen, nicht die Temperatur um jeden Preis „normalisieren".

Für den Alltag lässt sich daraus eine einfache Faustregel ableiten: Beobachten Sie Ihr Kind, nicht nur das Thermometer. Fühlt es sich warm an und ist ihm ein kühl-feuchtes Tuch auf der Stirn angenehm, spricht nichts dagegen. Fröstelt es dagegen, oder fühlen sich seine Extremitäten kalt an, ist Wärme und Ruhe die bessere Wahl als jede Kühlmaßnahme – und ein Glas Wasser oder Tee hilft in aller Regel mehr als jeder Wickel.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was Fieber ist – und wie Sie richtig messen Abschnitt 1–2 · 2
  2. 2. Alarmzeichen und Fieber nach Alter Abschnitt 3–6 · 4
  3. 3. Fiebrige Infekte und Kinderkrankheiten erkennen Abschnitt 7–8 · 2
  4. 4. Fiebersenker und Hausmittel Abschnitt 9–10 · 2
  5. 5. Andere Länder und das Gespräch mit der Kinderärztin Abschnitt 11–12 · 2
  6. 6. Praxisteil: Checkliste, Hausapotheke und Quellen Abschnitt 13–14 · 2