Andere verschluckte Gegenstände
Von der Fischgräte über Glas und Wasserperlen bis zur Blisterverpackung: was jeweils zu erwarten ist, was rasch entfernt werden muss und was der Körper selbst erledigt.
Wichtiger Hinweis
Wenn ein Kind plötzlich keine Luft bekommt, nicht sprechen oder wirksam husten kann, blau wird oder das Bewusstsein verliert, liegt möglicherweise eine akute Atemwegsverlegung vor. Sofort 144 beziehungsweise 112 rufen und altersgerechte Erste-Hilfe-Maßnahmen gegen Ersticken beginnen.
Knopfzellen in der Speiseröhre, mehrere Magnete oder ein Magnet zusammen mit einem Metallteil sowie spitze Gegenstände sind zeitkritische Notfälle – auch wenn das Kind noch keine Beschwerden hat. Nicht auf Symptome oder den Stuhlgang warten.
Nach vermutetem Verschlucken nichts blind mit den Fingern aus dem Rachen holen, kein Erbrechen auslösen und das Kind nicht zum Essen zwingen. Bei Knopfzellen gelten besondere Regeln: Kinder ab zwölf Monaten können unter eng definierten Voraussetzungen während der sofortigen Fahrt zur Notaufnahme Honig erhalten. Das darf die medizinische Versorgung niemals verzögern und wird im entsprechenden Abschnitt genau erklärt.
Österreich: Rettung 144, Euro-Notruf 112, Vergiftungsinformationszentrale 01 406 43 43.
27 Scharfe und spitze Gegenstände
Nadeln, Nägel, Schrauben, Reißzwecken, Fischgräten, Knochen, Glasscherben, Zahnspangen- oder Zahnteile können Schleimhaut durchbohren. Ein scharfer Gegenstand in Speiseröhre oder Magen wird meist dringend entfernt, sofern dies sicher möglich ist.
Nach Passage in den Dünndarm kann kontrolliertes Abwarten oder chirurgische Intervention richtig sein. Orientierung, Länge, Symptome und Fortschritt im Röntgen entscheiden. Eltern versuchen nicht, den Gegenstand mit faserreicher Nahrung einzupacken.
28 Fischgräten und Knochen
Fischgräten stecken häufig in Mandeln, Zungengrund oder Rachen, können aber tiefer liegen. Sie sind im Röntgen oft schlecht sichtbar. Ein anhaltendes punktuelles Fremdkörpergefühl, Schluckschmerz, Speichelfluss, Blut oder Fieber erfordert HNO- beziehungsweise endoskopische Untersuchung.
Nicht mit Brotkrusten oder Reis nachschieben. Das kann die Gräte tiefer drücken und eine Perforation fördern. Bei Atemnot sofort 144.
29 Glas
Nicht jedes Glas ist im Röntgen gleich gut sichtbar. Nach möglichem Verschlucken einer Scherbe sind Mundverletzungen, Blut, Schmerz und die Größe der fehlenden Teile wichtig. Keine Nahrung zum Umhüllen geben und kein Erbrechen auslösen.
Scharfes Glas benötigt dringende fachliche Beurteilung. Ein unauffälliges Röntgen kann die Endoskopie bei überzeugender Geschichte nicht immer ersetzen.
30 Große oder lange Gegenstände
Objekte über etwa fünf bis sechs Zentimeter Länge passieren die Duodenalschlinge häufig schlecht; breite Gegenstände über ungefähr 2,5 Zentimeter können am Magenausgang hängen bleiben. Für Säuglinge und kleine Kinder können schon kleinere Maße relevant sein.
Zahnbürsten, Besteckteile und lange Spielzeugstücke werden meist endoskopisch entfernt. Die sichere Technik hängt von Form und Orientierung ab.
31 Essensbolus in der Speiseröhre
Ein Stück Fleisch oder andere Nahrung kann die Speiseröhre verlegen. Kann das Kind Speichel nicht schlucken, hat starke Schmerzen oder Atemprobleme, ist eine sofortige Endoskopie nötig. Bei geringer Symptomatik erfolgt die Entfernung innerhalb von 24 Stunden.
Bei Kindern steckt oft eine Grunderkrankung dahinter. Besonders häufig wird anschließend eine eosinophile Ösophagitis gefunden, eine chronische immunvermittelte Entzündung der Speiseröhre. Auch Narbenverengungen, operierte Fehlbildungen und Bewegungsstörungen sind möglich.
Nach der Entfernung sollte die Ursache untersucht werden, statt den Vorfall nur als schlecht gekauten Bissen abzutun.
32 Wasserperlen und Superabsorber
Wasserperlen bestehen aus stark quellenden Polymeren. Trockene Kügelchen sind winzig, im Darm können sie sich vergrößern und einen Verschluss verursachen. Sie sind im normalen Röntgen meist nicht sichtbar. Symptome können verzögert auftreten.
Wiederholtes Erbrechen, geblähter Bauch, Schmerzen, Nahrungsverweigerung und fehlender Stuhl oder Wind sind Warnzeichen. Ultraschall oder andere Bildgebung kann nötig sein. Weil schwere und tödliche Fälle beschrieben sind, empfiehlt die US-Verbraucherschutzbehörde, Wasserperlen aus Umgebungen kleiner Kinder zu entfernen.
33 Schaumstoff, Silikagel und andere Materialien
Ein kleines weiches Schaumstoffstück passiert meist, kann aber bei Kleinkindern aspiriert werden. Silikagel-Beutel sind oft chemisch wenig giftig, der Beutel selbst kann jedoch ein Erstickungs- oder Fremdkörperrisiko darstellen. Indikatorstoffe und andere Trockenmittel können abweichen.
Produkt und Menge beurteilen lassen. Die Aufschrift „Do not eat“ bedeutet nicht automatisch schwere Vergiftung, aber auch nicht, dass jede Situation harmlos ist.
34 Blei- und andere giftige Gegenstände
Bleihaltige Gewichte, Munitionsteile, Schmuck oder alte Farbchips können Blei freisetzen. Lage, Verweildauer und Blutbleiwert bestimmen, ob eine Entfernung und Behandlung nötig sind. Manche Metallgegenstände enthalten außerdem Cadmium oder andere problematische Stoffe.
Ein Gegenstand kann gleichzeitig mechanisch und toxikologisch gefährlich sein. Deshalb Materialherkunft angeben und VIZ einbeziehen.
35 Medikamentenpackungen und Drogenpäckchen
Jugendliche oder Erwachsene können Drogenpäckchen absichtlich schlucken. Reißt eine Verpackung, droht eine massive, rasch tödliche Vergiftung. Endoskopische Manipulation kann das Päckchen beschädigen; das Management unterscheidet sich grundlegend von einer Münze.
Bei Verdacht sofort Rettung rufen und offen informieren. Nicht erbrechen lassen. Überwachung, Darmspülung oder Operation erfolgen in spezialisierten Teams. Das gilt auch für versehentlich verschluckte Medikamentenblister, die scharfe Kanten haben können.
36 Blisterverpackungen
Abgeschnittene Tablettenblister besitzen harte, scharfe Ecken und sind im Röntgen nicht immer gut sichtbar. Sie können Speiseröhre oder Darm perforieren. Zusätzlich kann das enthaltene Medikament freigesetzt werden.
Produkt, Medikament und fehlende Stücke nennen. Wegen des kombinierten mechanischen und toxikologischen Risikos ist eine zeitnahe ärztliche Beurteilung erforderlich.
37 Haar, Papier, Knete und Pica
Kleine Mengen Papier oder ungiftige Kinderknete passieren meist. Wiederholtes Essen nicht essbarer Dinge wird Pica genannt und kann zu Fremdkörpern, Darmverschluss, Vergiftung oder Infektionen führen. Ursachen reichen von Entwicklungsphase und Stress bis zu Eisenmangel oder Entwicklungsstörungen.
Verschlucktes Haar wird nicht verdaut. Wiederholtes Haareessen kann einen Trichobezoar, einen festen Haarballen im Magen, bilden. Frühe Sättigung, Gewichtsverlust, Bauchschmerz und Erbrechen benötigen ärztliche Abklärung.
38 Fremdkörper bei Jugendlichen
Bei Jugendlichen sind Piercingteile, Zahnschmuck, absichtliche Einnahmen und wiederholtes Verschlucken im Rahmen psychischer Erkrankungen relevanter. Die medizinische Dringlichkeit richtet sich weiterhin nach Objekt und Lage; eine absichtliche Handlung darf eine nötige Endoskopie nicht verzögern.
Zusätzlich ist eine respektvolle psychosoziale und kinder- und jugendpsychiatrische Beurteilung sinnvoll. Wiederholte Eingriffe allein lösen die Ursache nicht.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Erste Hilfe bei Erstickungsgefahr Abschnitt 1–5 · 5
- 2. Was danach geschieht Abschnitt 6–13 · 8
- 3. Münzen, Knopfzellen und Magnete Abschnitt 14–26 · 13
- 4. Andere verschluckte Gegenstände Abschnitt 27–38 · 12
- 5. Unklare Situationen und weitere Untersuchung Abschnitt 39–46 · 8
- 6. Behandlung und Beobachtung Abschnitt 47–54 · 8
- 7. Vorbeugen Abschnitt 55–62 · 8
- 8. Irrtümer, Fragen und Einordnung Abschnitt 63–67 · 5
- 9. Besondere Fälle und Nachbetreuung Abschnitt 68–79 · 12
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