Besondere Bisse und Erreger
Bisse an Hand und Gesicht folgen eigenen Regeln, Katzenbisse anderen als Hundebisse. Dazu die Erreger, die dabei eine Rolle spielen, und was nach dem Kontakt mit ungewöhnlicheren Tieren gilt.
Wichtiger Hinweis
Eine kleine Bissöffnung kann eine tiefe Verletzung verbergen. Katzenzähne können Bakterien bis zu Sehnen, Gelenken oder Knochen tragen; Hundebisse können Gewebe quetschen und zerreißen. Bisswunden im Gesicht, an Händen, Füßen, Genitalien, über Gelenken oder bei Säuglingen sollten besonders rasch ärztlich beurteilt werden. Das gilt auch bei starker Blutung, Funktionsverlust, Taubheit, ausgeprägter Schwellung, Fieber oder einem auffälligen beziehungsweise unbekannten Tier.
Nach möglichem Tollwutkontakt zählt die Zeit: Wunde sofort etwa 15 Minuten mit viel Wasser und Seife spülen und unverzüglich medizinisch beurteilen lassen. Das gilt insbesondere nach Biss oder Kratzer durch ein unbekanntes Tier im Ausland sowie nach direktem Kontakt mit einer Fledermaus. Nicht auf Symptome warten. Ein eigener ausführlicher Artikel behandelt Tollwut; die wichtigsten Sofortmaßnahmen werden hier dennoch erklärt.
Flöhe, Bettwanzen und Milben sind keine einheitliche Gruppe. Bettwanzen leben in der Umgebung, Krätzmilben in der menschlichen Haut, Hausstaubmilben beißen überhaupt nicht. Deshalb kann dieselbe rote, juckende Papel sehr unterschiedliche Ursachen haben. Die Haut zu behandeln, ohne die tatsächliche Quelle zu klären, führt häufig zu wochenlangen Rückfällen.
Bei Atemnot, Schwellung von Zunge oder Hals, Kreislaufproblemen, Bewusstseinsstörung, nicht stillbarer Blutung, schwerer Gesichts- oder Augenverletzung, einem Schlangenbiss oder einer massiven Tierattacke in Österreich sofort 144 oder 112 rufen.
10 Warum sind Bisse an der Hand besonders gefährlich?
In der Hand liegen Sehnen, Sehnenscheiden, Gelenke, Nerven und Knochen dicht unter der Haut. Wenig Schwellungsraum und komplexe Gleiträume ermöglichen es einer Infektion, sich funktionell bedeutsam auszubreiten. Schon eine kleine Stichwunde kann zu einer Sehnenscheiden- oder Gelenkinfektion führen.
Ein Kind, das nach einem Biss den Finger nicht normal beugt oder streckt, bei passiver Bewegung starke Schmerzen hat oder eine gebeugte Schonhaltung einnimmt, braucht dringende fachärztliche Beurteilung. Verzögerungen können bleibende Bewegungseinschränkungen verursachen.
11 Warum erfordern Bisse im Gesicht besondere Sorgfalt?
Gesichtswunden bluten wegen der guten Durchblutung oft stark, heilen aber unter fachgerechter Versorgung häufig gut. Gleichzeitig können Augen, Tränenwege, Speicheldrüsen, Nerven, Knorpel und Lippenkonturen betroffen sein. Für ein möglichst gutes kosmetisches Ergebnis ist eine frühe, sorgfältige Reinigung und gegebenenfalls plastisch- oder kinderchirurgische Versorgung wichtig.
Anders als viele kontaminierte Bisswunden werden ausgewählte Gesichtswunden nach sehr gründlicher Reinigung manchmal primär verschlossen. Diese Entscheidung gehört in erfahrene Hände und darf nicht durch Kleben zu Hause vorweggenommen werden.
12 Wie unterscheiden sich Hundebisse und Katzenbisse?
Hundebisse verursachen häufig eine Kombination aus Quetschung, Riss und Zug. Unter der Haut kann mehr Gewebe geschädigt sein, als die Wundränder vermuten lassen. Große Hunde können bei kleinen Kindern zusätzlich Knochenbrüche und schwere Kopf-Hals-Verletzungen verursachen.
Katzenbisse erzeugen oft tiefe, schmale Stichkanäle. Sie sehen kleiner aus, haben aber ein besonders hohes Infektionsrisiko. Das österreichische Gesundheitsportal nennt Infektionen bei ungefähr jedem zweiten bis dritten Katzenbiss. Eine punktförmige Wunde an Finger oder Hand darf daher nicht bagatellisiert werden.
Katzenkratzer sind meist oberflächlicher, können aber ebenfalls Bakterien übertragen. Kratzer werden genauso gründlich gereinigt. Bei späterer Lymphknotenschwellung muss an die Katzenkratzkrankheit gedacht werden.
Welches Tier – welches Risiko?
Dieselbe Wundgröße bedeutet je nach Tier etwas völlig anderes. Wählen Sie die Tierart.
13 Welche Rolle spielen Antibiotika?
Nicht jeder Hundebiss braucht vorbeugend Antibiotika. Unnötige Einnahme verursacht Nebenwirkungen und fördert Resistenzen. Das Infektionsrisiko wird anhand von Tierart, Tiefe, Ort, Gewebeschaden, Verschmutzung, Zeit seit dem Biss und Gesundheit des Kindes eingeschätzt.
Eine vorbeugende Behandlung wird besonders häufig erwogen bei:
- Katzenbissen, die die Haut durchdringen und bluten
- tiefen Punktions- oder Quetschwunden
- sichtbarer Gewebeschädigung oder Verunreinigung
- Bissen an Hand, Fuß, Gesicht, Genitalien, Knorpel oder nahe Gelenken
- verspäteter Versorgung
- Immunschwäche, fehlender Milz oder schlecht eingestelltem Diabetes.
Bei bereits infizierten Wunden sind Antibiotika meist erforderlich. Amoxicillin plus Clavulansäure ist in vielen internationalen Leitlinien die übliche erste Wahl, weil es typische aerobe und anaerobe Bisskeime abdeckt. Dosis und Dauer richten sich nach Alter, Gewicht, Allergien, Wundort und Schwere. Bei Penicillinallergie braucht es eine ärztlich ausgewählte Alternative; nicht jede häufig verwendete Hautantibiotikatherapie deckt Pasteurella zuverlässig ab.
Antibiotika allein genügen nicht, wenn Eiter abfließen muss, ein Gelenk eröffnet ist, abgestorbenes Gewebe entfernt werden muss oder ein Fremdkörper steckt.
14 Warum verhindern Antibiotika keinen Tetanus?
Tetanus wird durch ein Nervengift von Clostridium tetani verursacht. Schutz entsteht durch Impfung und, in bestimmten Risikosituationen, durch Tetanus-Immunglobulin. Die CDC zählt Tier- und Menschenbisse wegen Speichelkontamination zu verschmutzten beziehungsweise größeren Wunden.
Ärztlich wird geprüft:
- Ist die Grundimmunisierung vollständig?
- Wann war die letzte tetanushaltige Impfung?
- Handelt es sich um eine saubere kleine oder eine verschmutzte/tiefe Wunde?
- Besteht eine schwere Immunschwäche?
Bei vollständig Grundimmunisierten ist nach einer verschmutzten Wunde typischerweise eine Auffrischung relevant, wenn die letzte Dosis mindestens fünf Jahre zurückliegt. Bei unbekanntem oder unvollständigem Impfschutz können Impfung und bei einer Risikowunde zusätzlich Immunglobulin nötig sein. Der österreichische Impfplan und die konkrete Wundbeurteilung sind maßgeblich.
15 Wann muss an Tollwut gedacht werden?
Die Risikoeinschätzung hängt nicht allein von der Wundgröße ab. Wichtig sind:
- Tierart
- Land und regionale Tollwutsituation
- Haustier oder Wildtier
- Impfstatus und Beobachtbarkeit des Tieres
- ungewöhnliches oder unprovoziertes Verhalten
- Art des Kontakts
- Speichelkontakt mit Schleimhaut oder verletzter Haut
- direkter Fledermauskontakt.
Österreich ist bei terrestrischen Haustieren weitgehend frei von klassischer Tollwut, doch importierte Tiere, Auslandsreisen und Fledermäuse erfordern weiterhin Aufmerksamkeit. Nach relevantem Kontakt wird nicht abgewartet, ob das Tier oder Kind Symptome entwickelt. Die medizinische beziehungsweise behördliche Risikobewertung entscheidet über Impfstoff und Tollwut-Immunglobulin.
Die WHO unterscheidet unter anderem: Berühren oder Lecken intakter Haut ohne Exposition; leichte Kratzer ohne Blutung als Exposition; sowie durch die Haut gehende Bisse, Speichel auf Schleimhaut oder verletzter Haut und direkten Fledermauskontakt als schwere Exposition. Diese Kategorien helfen Fachpersonen bei der Therapieentscheidung.
16 Was ist bei Fledermauskontakt besonders?
Fledermauszähne können sehr kleine, kaum sichtbare Verletzungen erzeugen. Direkter Kontakt, bei dem ein Biss oder Kratzer nicht sicher ausgeschlossen werden kann, gehört daher sofort abgeklärt. Das betrifft besonders kleine Kinder, die den Kontakt nicht zuverlässig beschreiben können.
Eine Fledermaus im Raum bedeutet nicht automatisch, dass jedes Familienmitglied exponiert war. Eine schlafende Person, ein unbeaufsichtigtes Kleinkind oder jemand, der den Kontakt wegen Bewusstseins- oder Wahrnehmungsstörung nicht beurteilen kann, braucht jedoch eine individuelle fachliche Risikobewertung. Das Tier nicht mit bloßen Händen anfassen. Gesundheitsbehörde, Tollwutberatungsstelle beziehungsweise medizinische Versorgung können das weitere Vorgehen koordinieren.
17 Was ist die Katzenkratzkrankheit?
Die Katzenkratzkrankheit wird meist durch Bartonella henselae verursacht. Flöhe spielen im Infektionskreislauf unter Katzen eine wichtige Rolle; Menschen infizieren sich typischerweise über einen Kratzer oder Biss einer Katze, besonders eines jungen Tieres.
An der Eintrittsstelle kann eine kleine Papel entstehen. Tage bis Wochen später schwellen regionale Lymphknoten an, etwa in der Achsel nach einem Kratzer an der Hand. Fieber, Müdigkeit und Schmerzen sind möglich. Die Erkrankung ist bei immungesunden Kindern oft selbstlimitierend, kann aber Augen, Nervensystem, Leber oder Milz betreffen.
Nicht jeder Katzenkratzer braucht Antibiotika oder einen Bartonella-Test. Ein Kind mit anhaltender Lymphknotenschwellung, Fieber, starkem Krankheitsgefühl, Augenbeschwerden oder Immunschwäche sollte untersucht werden. Flohkontrolle beim Tier senkt das Risiko.
18 Was ist Capnocytophaga – und wer ist besonders gefährdet?
Capnocytophaga-Bakterien leben im Maul von Hunden und Katzen. Schwere Infektionen sind selten, können aber sehr schnell zu Sepsis und Gerinnungsstörungen führen. Besonders gefährdet sind Menschen ohne funktionierende Milz, mit schwerer Immunschwäche, bestimmten Krebserkrankungen oder hohem Alkoholkonsum; bei Kindern sind vor allem fehlende Milz und Immunsuppression bedeutsam.
Eltern sollten eine fehlende Milz, Sichelzellkrankheit, Chemotherapie oder andere Immunsuppression bei der Erstversorgung ausdrücklich nennen. Fieber, Erbrechen, Verwirrtheit, rasche Verschlechterung oder Blasen um die Wunde nach Hunde- oder Katzenkontakt sind dringliche Warnzeichen.
19 Welche Besonderheiten haben Nagerbisse?
Hamster, Mäuse, Ratten, Meerschweinchen und andere Kleinsäuger können beißen. Auch diese Wunden werden gründlich gereinigt und hinsichtlich Tiefe, Tetanus und Infektion beurteilt. Bei üblichen kleinen Nagetieren ist Tollwut im Vergleich zu Fledermäusen, Hunden oder bestimmten Wildraubtieren sehr selten; die regionale Gesundheitsbehörde entscheidet im Einzelfall.
Nach Rattenkontakt ist das seltene Rattenbissfieber relevant. Je nach Erreger können einige Tage später Fieber, Erbrechen, Kopf- und Muskelschmerz, Ausschlag sowie Gelenkbeschwerden auftreten. Die ursprüngliche Wunde kann dann schon abgeheilt sein. Deshalb muss bei unklarem Fieber die Rattenexposition erwähnt werden.
Nagetiere können außerdem Erreger über Urin oder Kot übertragen. Das ist ein anderer Übertragungsweg als der Biss und erfordert bei Erkrankung eine genaue Expositionsanamnese.
20 Was ist nach Affenbissen oder -kratzern zu beachten?
Affenbisse sind vor allem auf Reisen relevant. Neben Tollwut und gewöhnlichen Bissbakterien kann bei Makaken das Herpes-B-Virus übertragen werden. Menschliche Erkrankungen sind selten, können aber schwer oder tödlich verlaufen.
Nach Biss, Kratzer oder Schleimhautkontakt mit Körperflüssigkeit eines Makaken:
- sofort sehr gründlich mit Wasser und Seife spülen
- unverzüglich qualifizierte medizinische Hilfe suchen
- Tierart und Ort genau nennen
- nicht bis zur Rückkehr nach Österreich warten.
Je nach Exposition kann zusätzlich zur Tollwutvorsorge eine antivirale Prophylaxe gegen Herpes B erwogen werden. Touristen sollten Affen weder füttern noch berühren; auch Tiere an Tempeln oder Sehenswürdigkeiten bleiben Wildtiere.
21 Was gilt für Kaninchen-, Vogel- und Reptilienbisse?
Auch seltenere Haustiere können tiefe Verletzungen und bakterielle Infektionen verursachen. Bei Kaninchen und Wildhasen können je nach Region besondere Zoonosen wie Tularämie eine Rolle spielen. Vogelbisse können kräftig quetschen; bei Papageien und anderen Vögeln sind neben Wundkeimen spezielle Erreger möglich. Reptilien tragen häufig Salmonellen, wobei die wichtigste Übertragung meist über Hände und Oberflächen erfolgt, nicht nur durch den Biss.
Die Grundregeln bleiben gleich: reinigen, Tiefe und Funktion prüfen, Tetanusstatus klären und Tierart nennen. Bei Wildtieren, exotischen Arten oder auffälliger Erkrankung des Tieres sollte die ärztliche Schwelle niedrig sein.
22 Was ist bei einem Schlangenbiss zu tun?
Ein möglicher Schlangenbiss ist ein Notfall. Auch heimische europäische Vipern können Kinder ernsthaft vergiften; wegen ihres geringeren Körpergewichts kann die relative Giftdosis höher sein.
Richtig ist:
- Kind beruhigen und körperliche Aktivität minimieren
- 144 oder 112 rufen
- betroffene Extremität ruhigstellen
- Ringe, Uhren und enge Gegenstände entfernen
- Zeitpunkt notieren
- Schlange nur aus sicherer Entfernung beschreiben oder fotografieren
- auf Atmung, Bewusstsein und Kreislauf achten.
Falsch und gefährlich sind:
- Abbinden mit einem Tourniquet
- Aufschneiden oder Aussaugen
- Eis direkt auflegen
- elektrische Schocks
- Alkohol geben
- die Schlange verfolgen oder einfangen
- das Kind laufen lassen.
Schwellung, Schmerz, Übelkeit, Erbrechen, Kreislaufprobleme, Blutungszeichen und neurologische Symptome werden im Krankenhaus überwacht. Antivenom ist nicht für jeden Biss nötig, kann bei systemischer Vergiftung oder fortschreitender schwerer Lokalreaktion aber lebensrettend sein.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Tierbisse: die ersten Schritte Abschnitt 1–9 · 9
- 2. Besondere Bisse und Erreger Abschnitt 10–22 · 13
- 3. Ärztliche Versorgung und Vorbeugung Abschnitt 23–27 · 5
- 4. Flöhe Abschnitt 28–33 · 6
- 5. Bettwanzen Abschnitt 34–41 · 8
- 6. Krätze (Skabies) Abschnitt 42–54 · 13
- 7. Milben und juckende Hautstellen Abschnitt 55–68 · 14
- 8. Irrtümer, Einordnung und Quellen Abschnitt 69–73 · 5
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