Der wichtigste Handgriff dauert eine Viertelstunde: gründliches Waschen der Wunde. Dazu, wie Kontakte eingeteilt werden, was in Österreich als Exposition gilt und was bei Fledermäusen anders ist.

Wichtiger Hinweis

Tollwut ist nach Beginn klinischer Symptome praktisch immer tödlich. Vor dem Ausbruch lässt sie sich nach einer Exposition jedoch mit sofortiger Wundreinigung und korrekt durchgeführter Postexpositionsprophylaxe, kurz PEP, sehr zuverlässig verhindern.

Nach einem möglichen Risikokontakt nicht auf Symptome warten und nicht erst nach der Rückreise handeln. Biss- und Kratzwunden sowie Speichelkontakt mit verletzter Haut oder Schleimhaut sofort etwa 15 Minuten mit viel Wasser und Seife spülen. Danach unverzüglich medizinisch beurteilen lassen. Das gilt besonders nach Kontakt mit Hunden, Katzen, Affen oder Fledermäusen in einem Tollwutgebiet sowie bei einem aus dem Ausland importierten, nicht zuverlässig dokumentierten Tier.

Österreich ist seit 2008 offiziell frei von terrestrischer Tollwut. Das bedeutet, dass das klassische Tollwutvirus bei heimischen landlebenden Säugetieren nicht dauerhaft zirkuliert. Es bedeutet nicht, dass jedes Tollwutrisiko ausgeschlossen ist: In Österreich wurde 2023 erstmals ein Fledermaus-Lyssavirus nachgewiesen, und infizierte Tiere können illegal aus Endemiegebieten eingeführt werden.

Eine vorherige Tollwutimpfung ersetzt nach einem verdächtigen Kontakt nicht die medizinische Abklärung. Sie vereinfacht die Behandlung, weil normalerweise kein Tollwut-Immunglobulin nötig ist und weniger Impfungen folgen.

Bei schwerer Bissverletzung, starker Blutung, Gesichts- oder Augenverletzung, Bewusstseinsstörung oder Kreislaufproblemen in Österreich 144 beziehungsweise 112 rufen. Die akute Wundversorgung hat Vorrang; die Tollwutbewertung wird parallel organisiert.

21 Was ist unmittelbar nach einem möglichen Kontakt zu tun?

  1. Kind und Tier sicher trennen. Weitere Bisse vermeiden. Wildtier oder fremden Hund nicht selbst einfangen.
  2. Lebensbedrohliche Blutung zuerst durch direkten Druck versorgen und Notruf wählen.
  3. Alle Biss- und Kratzwunden sofort mindestens etwa 15 Minuten mit Seife oder Detergens und reichlich fließendem Wasser waschen und spülen.
  4. Falls verfügbar anschließend ein viruzides, beispielsweise jodhaltiges Wundantiseptikum verwenden, sofern keine Unverträglichkeit besteht.
  5. Sauber und locker abdecken. Wunde nicht selbst kleben oder zunähen.
  6. Ohne Verzögerung medizinische Hilfe suchen und ausdrücklich „mögliche Tollwutexposition“ sagen.
  7. Zeitpunkt, Ort, Land, Tierart, Besitzer, Impfunterlagen und Art des Kontakts dokumentieren.
  8. Wenn sicher möglich die Behörden bei der Identifikation des Tiers unterstützen, aber keinen weiteren Kontakt riskieren.

Die ersten Minuten nach möglichem Kontakt

Sofort tun

Kind und Tier sicher trennen – Wildtier oder fremden Hund nicht selbst einfangen
↓
Lebensbedrohliche Blutung zuerst: direkter Druck, Notruf
↓
Alle Biss- und Kratzwunden mindestens etwa 15 Minuten mit Seife und viel fließendem Wasser waschen
↓
Danach, falls verfügbar, ein viruzides Wundantiseptikum (z. B. jodhaltig)
↓
Sauber und locker abdecken, ohne die Wunde zu verschließen
↓
Sofort medizinische Hilfe suchen und ausdrücklich „mögliche Tollwutexposition“ sagen

Auf keinen Fall

Bis zur Rückreise oder bis zu ersten Symptomen warten
Die Wunde kleben, nähen oder fest verschließen
Nur kurz abspülen – die 15 Minuten sind der Kern der Maßnahme
Ätzende oder aggressive Flüssigkeiten hineingießen
Das verdächtige Tier selbst fangen, töten oder transportieren
Darauf vertrauen, dass ein geimpft aussehendes Tier kein Risiko darstellt

Die gründliche Wundreinigung ist keine Nebensache, sondern eine eigenständige, wirksame Maßnahme: Sie entfernt und inaktiviert Viruspartikel an der Eintrittsstelle, bevor sie Nervenenden erreichen. Sie ersetzt die Prophylaxe nicht – aber sie senkt das Risiko messbar, und sie funktioniert überall, auch ohne Klinik in der Nähe.

22 Warum muss eine Wunde 15 Minuten gewaschen werden?

Mechanisches Spülen entfernt Speichel, Schmutz und einen Teil der Virusmenge. Seife schädigt die Lipidhülle des Virus. Tierexperimentelle und epidemiologische Erfahrungen zeigen, dass gründliche Wundreinigung das Tollwutrisiko deutlich senkt.

Ein kurzer Wasserstrahl oder Desinfektionsspray ersetzt die ausgiebige Reinigung nicht. Gleichzeitig ist Waschen allein nach einer Kategorie-II- oder Kategorie-III-Exposition kein vollständiger Schutz. Es ergänzt Impfstoff und, bei schwerer Exposition, Immunglobulin.

Auch wenn seit dem Biss Stunden vergangen sind, wird die Wunde noch gereinigt. Eine bereits verschlossene oder versorgte Wunde muss ärztlich neu beurteilt werden, wenn eine Tollwutexposition erst später erkannt wird.

23 Was darf man mit der Wunde nicht tun?

  • Nicht aussaugen.
  • Nicht ausbrennen oder ätzende Mittel auftragen.
  • Nicht mit Erde, Kräutern, Kaffee, Chili oder Tierhaar bedecken.
  • Nicht fest abbinden.
  • Nicht zu Hause zukleben.
  • Nicht allein deshalb auf die Impfung verzichten, weil die Wunde klein ist.
  • Nicht warten, ob das Tier „doch gesund aussieht“.

Wenn eine Naht medizinisch nötig ist, wird sie nach gründlicher Reinigung und bei Kategorie III nach Infiltration des Immunglobulins möglichst zurückhaltend gesetzt. Gesichtsverletzungen können aus funktionellen oder kosmetischen Gründen einen fachgerechten Verschluss benötigen.

24 Was bedeutet Postexpositionsprophylaxe?

Postexpositionsprophylaxe, PEP, ist die Behandlung nach einer möglichen Ansteckung. Sie hat drei Säulen:

  1. sofortige gründliche Wundreinigung,
  2. aktive Impfung, damit der Körper eigene neutralisierende Antikörper bildet,
  3. bei schwerer Exposition und fehlender Vorimpfung passive Antikörper durch Tollwut-Immunglobulin oder in manchen Ländern zugelassene monoklonale Antikörper.

Die PEP ist kein Versuch, eine bereits ausgebrochene Tollwut zu heilen. Sie verhindert, dass das Virus das Nervensystem erreicht. Bei korrekter Durchführung ist sie hochwirksam.

25 Wie werden Expositionen eingeteilt?

Die WHO verwendet drei Kategorien. Sie gelten nur, wenn das Tier beziehungsweise die Situation tatsächlich tollwutverdächtig ist.

Kategorie I – keine Exposition:

  • Tier berühren oder füttern
  • Lecken intakter Haut.

Maßnahme: Haut waschen, keine PEP bei verlässlicher Anamnese.

Kategorie II – Exposition:

  • Knabbern an unbedeckter Haut
  • kleine Kratzer oder Abschürfungen ohne Blutung.

Maßnahme bei zuvor ungeimpften Personen: Wundreinigung und sofortige Impfung.

Kategorie III – schwere Exposition:

  • ein oder mehrere Bisse oder Kratzer durch die Haut
  • Speichel auf Schleimhaut
  • Lecken verletzter Haut
  • relevanter direkter Fledermauskontakt.

Maßnahme bei zuvor ungeimpften Personen: Wundreinigung, sofortige Impfung und Tollwut-Immunglobulin beziehungsweise geeignete monoklonale Antikörper.

Die drei WHO-Expositionskategorien

Wählen Sie den Kontakt, der am ehesten zutrifft. Die Kategorien gelten nur, wenn Tier oder Situation tatsächlich tollwutverdächtig sind.

Die Einteilung entscheidet nicht allein: Land, Tierart, Impfstatus des Tieres, Beobachtbarkeit und der Immunstatus des Kindes gehen ebenso ein. Deshalb ersetzt diese Übersicht keine fachliche Bewertung – sie erklärt, worüber dabei gesprochen wird.

26 Ist jeder Hundekontakt in Österreich eine Tollwutexposition?

Nein. Ein normaler Kontakt mit einem heimischen, gesund wirkenden Hund ist keine Exposition. Selbst ein Hundebiss in Österreich führt wegen des tollwutfreien Status nicht automatisch zu einer Tollwutimpfung.

Eine fachliche Abklärung wird wichtig, wenn:

  • das Tier kürzlich aus einem Endemiegebiet eingeführt wurde
  • Herkunft oder Dokumente unklar sind
  • der Import illegal oder die Impfung nicht ordnungsgemäß war
  • das Tier auffällige neurologische Symptome zeigt
  • eine behördliche Beobachtung nicht möglich ist
  • der Kontakt im Ausland stattfand.

Unabhängig von Tollwut benötigen Hundebisse Wundreinigung, Tetanusprüfung und Beurteilung bakterieller Infektionen.

27 Was gilt nach einem Katzenbiss?

Katzen können in Tollwutgebieten infiziert sein. Ein Biss oder tiefer Kratzer einer unbekannten Katze im Ausland wird deshalb genauso ernst bewertet wie ein Hundekontakt. Ein scheinbar gepflegtes Tier oder eine Katze an einem Hotel ist nicht automatisch geimpft.

Zusätzlich haben Katzenbisse ein hohes bakterielles Infektionsrisiko, besonders an der Hand. Die Tollwutentscheidung ersetzt nicht die chirurgische und antibiotische Wundbeurteilung.

In Österreich ist ein Biss durch eine heimische Hauskatze normalerweise kein Tollwutrisiko, sofern keine besondere Import- oder Fledermausexposition des Tiers besteht. Die konkrete Situation entscheidet.

28 Was gilt nach einem Affenbiss oder -kratzer?

In touristischen Regionen Asiens und Afrikas sind Affenkontakte häufig. Affen können Tollwut übertragen, auch wenn sie weltweit deutlich seltener die Quelle sind als Hunde. Ein Biss, Kratzer oder Speichelkontakt wird sofort gespült und vor Ort medizinisch bewertet.

Bei Makaken kommt zusätzlich das seltene, aber gefährliche Herpes-B-Virus infrage. Deshalb kann eine antivirale Prophylaxe nötig sein. Eltern sollten Tierart und Ort genau nennen.

Die beste Prävention ist vollständiger Abstand: keine Affen füttern, keine Selfies mit engem Kontakt, Essen und glänzende Gegenstände sicher verstauen und Kinder an Tempelanlagen eng beaufsichtigen.

29 Was gilt bei Fledermäusen in Österreich?

Fledermäuse sind geschützte, ökologisch wichtige Tiere. Sie greifen Menschen nicht typischerweise an, können aber bei Krankheit, Verletzung oder Festhalten beißen.

Der österreichische Impfplan 2025/2026 unterscheidet klar:

  • Die bloße Anwesenheit einer Fledermaus im selben Zimmer ist noch kein tollwutverdächtiger Kontakt.
  • Biss, Kratzer, Abrasion oder begründeter Verdacht auf eine solche Verletzung braucht medizinische Abklärung.
  • Direkter Schleimhautkontakt mit Material des Tiers ist relevant.

Fledermauszähne können winzige Spuren hinterlassen. Bei einem Kleinkind, das eine Fledermaus in der Hand hatte oder auf dem Tier lag, kann ein begründeter Verdacht bestehen, auch wenn keine deutliche Wunde sichtbar ist. Das wird individuell mit der Tollwutberatungsstelle geklärt.

30 Was tun, wenn eine Fledermaus im Zimmer fliegt?

  • Ruhe bewahren, Kinder und Haustiere aus dem Raum bringen.
  • Türen zu anderen Räumen schließen, Außenfenster weit öffnen und Licht reduzieren.
  • Tier nicht mit bloßen Händen fangen oder schlagen.
  • Wenn direkter Kontakt stattfand, die Fledermaus möglichst nicht entkommen lassen, ohne sich selbst zu gefährden; Fachleute können über sichere Bergung und Testung beraten.
  • Nach möglichem Biss oder Kratzer sofort waschen und medizinische Beratung suchen.

Für ein offensichtlich krankes oder verletztes Tier ist in Österreich die Fledermausstation zuständig. Aktuelle Kontaktdaten stehen im Impfplan und auf fledermausstation.at. Die Bergung sollte durch geschulte Personen erfolgen.

31 Warum reicht es nicht, das Tier selbst zehn Tage zu beobachten?

Die Beobachtungsregel ist ein veterinärmedizinisch kontrolliertes Verfahren für bestimmte Haustiere, vor allem Hund, Katze und Frettchen. Sie setzt sichere Identifikation, Quarantäne, tägliche Beobachtung und behördliche Erreichbarkeit voraus.

Sie gilt nicht für Fledermäuse, beliebige Wildtiere oder ein Tier, das verschwunden ist. In Endemiegebieten wird die PEP bei relevanter Exposition sofort begonnen und nicht bis zum Ende der Beobachtung hinausgezögert. Wenn das Tier fachgerecht negativ getestet wird oder während einer zulässigen Beobachtungszeit gesund bleibt, kann die zuständige Stelle die Behandlung beenden.

Eltern dürfen Impfungen nicht eigenmächtig abbrechen, weil ein Foto des Tiers später „gesund aussieht“.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was Tollwut ist und wo sie vorkommt Abschnitt 1–5 · 5
  2. 2. Übertragung und Verlauf Abschnitt 6–20 · 15
  3. 3. Nach einem Tierkontakt Abschnitt 21–31 · 11
  4. 4. Die Vorsorgebehandlung nach Kontakt Abschnitt 32–45 · 14
  5. 5. Impfung vor der Reise Abschnitt 46–50 · 5
  6. 6. Häufige Situationen Abschnitt 51–62 · 12
  7. 7. Irrtümer, Fehler und das Gespräch mit dem Kind Abschnitt 63–73 · 11
  8. 8. Entscheidungsweg, Checkliste und Quellen Abschnitt 74–79 · 6