Nachtschreck, Albträume und Schlafwandeln
Das Kind schreit mit offenen Augen und ist nicht ansprechbar, oder es läuft nachts durch die Wohnung: wie sich Nachtschreck und Albtraum unterscheiden, was hinter Schlafwandeln, Zähneknirschen und nächtlichem Einnässen steckt und wann eine Abklärung sinnvoll ist.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Er dient der Orientierung und der Vorbereitung auf das Gespräch in der kinderärztlichen Praxis – etwa im Rahmen der Eltern-Kind-Pass-Untersuchungen. Bei Warnzeichen wie beobachteten Atempausen, einer Gedeihstörung oder ausgeprägter Tagesmüdigkeit wenden Sie sich bitte direkt an Ihre Kinderärztin oder Ihren Kinderarzt.
6 Nachtschreck, Albträume und Schlafwandeln: Wenn die Nacht ungewöhnlich wird
Viele Eltern erleben irgendwann eine Nacht, in der ihr Kind sich im Bett aufsetzt, schreit, die Augen weit geöffnet hat – und trotzdem nicht ansprechbar wirkt. Oder das Kind steht auf und läuft ziellos durch die Wohnung. Solche Momente wirken dramatisch, gehören aber zu den sogenannten Parasomnien: Verhaltensauffälligkeiten rund um den Schlaf, die aus einer unvollständigen Aufwachreaktion aus dem Tiefschlaf entstehen. Die gute Nachricht vorweg: Parasomnien sind im Kindesalter außerordentlich häufig, in aller Regel harmlos und wachsen sich fast immer von selbst aus. Eine große kanadische studie (Petit et al., erschienen 2015 im Fachjournal JAMA Pediatrics, ausgewertet an rund 1.940 Kindern) fand, dass über die gesamte Kindheit hinweg – kumulativ bis zum 13. Lebensjahr – 56,2 Prozent aller Kinder mindestens eine Episode von Pavor nocturnus, dem sogenannten Nachtschreck, erleben. Der Nachtschreck ist damit im Kleinkindalter sehr häufig: Mehr als die Hälfte der Kinder erlebt bis zum Jugendalter mindestens eine solche Episode. Das heißt allerdings nicht, dass in einem bestimmten Alter mehr als die Hälfte der Kinder betroffen wäre – der höchste altersbezogene Wert lag in dieser Studie bei 34,4 Prozent im Alter von eineinhalb Jahren.
Nachtschreck oder Albtraum? Der wichtigste Unterschied
Für Eltern ist die Unterscheidung zwischen Nachtschreck und Albtraum die wichtigste Orientierung, weil sich das sinnvolle Verhalten deutlich unterscheidet. Übereinstimmend beschreiben die deutsche AWMF-Leitlinie zu nichtorganischen Schlafstörungen sowie internationale Fachquellen wie StatPearls: Pavor nocturnus entsteht aus dem Tiefschlaf heraus, tritt deshalb typischerweise im ersten Nachtdrittel auf, geht mit Herzrasen, Schwitzen und einem panikartigen Schrei einher – und wird am nächsten Morgen so gut wie nie erinnert. Der Albtraum dagegen ist ein Traumerlebnis aus dem REM-Schlaf, tritt eher in der zweiten Nachthälfte auf und wird meist lebhaft erinnert; das Kind wacht auf, ist ängstlich, aber klar orientiert und lässt sich trösten.
| Merkmal | Pavor nocturnus (Nachtschreck) | Albtraum |
|---|---|---|
| Zeitpunkt in der Nacht | erstes Drittel, aus dem Tiefschlaf | zweite Nachthälfte, aus dem REM-Schlaf |
| Verhalten des Kindes | Schreien, Panik, Herzrasen, Schwitzen, Augen oft offen, nicht ansprechbar | Aufwachen, Angst, aber wach und orientiert |
| Erinnerung am Morgen | praktisch keine | meist genau erinnert |
| Trost hilft? | kaum, Kind reagiert nicht wirklich | ja, Kind lässt sich beruhigen |
| Häufigster Altersgipfel | etwa 1,5 bis 5 Jahre | 2 bis 12 Jahre, gelegentlich sehr verbreitet |
Zur groben Einordnung der Häufigkeit: In der genannten kanadischen Studie lag der Häufigkeitsgipfel des Nachtschrecks bei 34,4 Prozent im Alter von eineinhalb Jahren, mit Rückgang auf 5,3 Prozent mit 13 Jahren. Gelegentliche Albträume sind laut mehreren kinderärztlichen Quellen sogar noch verbreiteter – manche nennen bis zu drei Viertel aller Kinder, die irgendwann einen Albtraum erleben, was angesichts der blühenden Vorstellungskraft im Alter von etwa 2 bis 6 Jahren (Monster, Dunkelheit, Trennungsängste) nachvollziehbar ist. Die publizierten Prozentzahlen schwanken je nach Studie und Definition – manche zählen jede Einzelepisode, andere nur wiederkehrende Störungen –, weshalb Sie in unterschiedlichen Quellen sehr unterschiedliche Angaben finden können. Entscheidend ist nicht die exakte Zahl, sondern: Beides ist normal und in aller Regel kein Grund zur Sorge.
Schlafwandeln (Somnambulismus)
Schlafwandeln gehört zur selben Familie von Tiefschlaf-Störungen wie der Nachtschreck und tritt ebenfalls meist im ersten Nachtdrittel auf: Das Kind steht auf, geht umher, hat einen leeren, starren Gesichtsausdruck und erinnert sich am nächsten Tag nicht daran. Anders als der Nachtschreck beginnt Schlafwandeln im Vorschulalter selten und nimmt eher mit dem Schulalter zu: Die erwähnte kanadische Studie fand eine kumulative von 29,1 Prozent bis zum 13. Lebensjahr, mit stetigem Anstieg bis zu einem Gipfel von 13,4 Prozent im Alter von 10 Jahren. Rund ein Drittel der Kinder mit frühem Nachtschreck entwickelt später auch Schlafwandel-Episoden.
Auffällig ist die starke familiäre Häufung. In derselben Studie lag die Schlafwandel-Wahrscheinlichkeit bei 22,5 Prozent, wenn kein Elternteil betroffen war, bei 47,4 Prozent bei einem betroffenen Elternteil und bei 61,5 Prozent, wenn beide Elternteile als Kind schlafwandelten. Wenn Sie selbst als Kind schlafgewandelt sind, ist es also sehr wahrscheinlich, dass auch Ihr Kind dazu neigt – das ist keine Erziehungsfrage, sondern genetisch mitbedingt. Wichtigstes Thema beim Schlafwandeln ist nicht die Störung selbst, sondern die Sicherheit: Treppen absichern, Fenster und Wohnungstür verschließen, damit ein umherwandelndes Kind sich nicht verletzen kann.
Zähneknirschen (Bruxismus)
Nächtliches Zähneknirschen ist ebenfalls sehr häufig und wird oft im Zusammenhang mit dem Zahnwechsel beobachtet. Die publizierten Häufigkeiten schwanken je nach Erhebungsmethode beträchtlich, grob zwischen 14 und 26 Prozent der Kinder, wobei einzelne Übersichtsarbeiten auch deutlich höhere oder niedrigere Werte nennen. Anders als Pavor nocturnus und Schlafwandeln nimmt Bruxismus mit dem Alter nicht unbedingt ab, sondern kann bis ins Jugendalter bestehen bleiben. Bei regelmäßigem, kräftigem Knirschen über längere Zeit lohnt sich eine zahnärztliche Kontrolle, weil Zahnschmelz und Kiefergelenke betroffen sein können; für die meisten Kinder ist gelegentliches Knirschen jedoch harmlos.
Nächtliches Einnässen (Enuresis nocturna)
Auch wenn Bettnässen keine Parasomnie im engeren Sinn ist – es ist keine Störung des Aufwachverhaltens, sondern hat mit Blasenkontrolle und Hormonregulation im Schlaf zu tun –, wird es von Familien häufig genauso als „Schlafproblem" erlebt und soll deshalb hier eingeordnet werden. Der britische Gesundheitsdienst NHS stellt unmissverständlich fest: Bettnässen ist bei jungen Kindern normal und betrifft einen relevanten Teil aller unter Fünfjährigen; es tritt familiär gehäuft auf und hat meist mit noch unreifer Wahrnehmung des Harndrangs im Schlaf, größerer nächtlicher Urinmenge oder Reifungsverzögerung zu tun. Die deutschsprachige S2k-Leitlinie zu Enuresis (AWMF-Register 028-026, 2021) nennt eine Häufigkeit von bis zu 20 Prozent bei Fünfjährigen, mit stetigem Rückgang danach; Buben sind deutlich häufiger betroffen als Mädchen.
Ganz wichtig, und hier sind sich NHS und deutschsprachige Leitlinie einig: Bestrafung hat beim Bettnässen nichts verloren und kann die Situation sogar verschlimmern. Sinnvoll sind zunächst einfache Maßnahmen zu Hause – ausreichend Trinken über den Tag verteilt, regelmäßige Toilettengänge, ein nachts leicht erreichbares WC und positive Bestärkung statt Druck. Bleibt das Einnässen bestehen oder kehrt es nach mindestens einem halben Jahr Trockenheit wieder zurück, ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll. Als wirksame Behandlungsoptionen nennen sowohl NHS als auch die internationale Fachgesellschaft ICCS (International Children's Continence Society, Konsensdokument 2020) in erster Linie die sogenannte Klingelhose – ein Feuchtigkeitssensor, der das Kind beim ersten Tropfen weckt und so die nächtliche Wahrnehmung trainiert – sowie das Medikament Desmopressin, das die nächtliche Urinmenge senkt. Beide Optionen bespricht man am besten mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt, auch im Rahmen der Eltern-Kind-Pass-Untersuchungen oder schulärztlicher Kontrollen ist das Thema gut aufgehoben.
Warum passiert das – und was können Eltern tun?
Bei Pavor nocturnus und Schlafwandeln gilt: Beides sind Störungen des Tiefschlafs, und alles, was den Tiefschlafdruck erhöht oder das Nervensystem übererregt, begünstigt Episoden – allen voran Schlafmangel, dazu Fieber, ungewohnter Stress, Lärm oder ein unregelmäßiger Tagesablauf. Interessant für die Beratung: Eine kontrollierte Studie (Laberge et al., 2000, veröffentlicht in Pediatrics) fand keinen Zusammenhang zwischen familiären Belastungen wie Scheidung oder sozioökonomischem Stress und dem Auftreten von Parasomnien – Eltern müssen sich also nicht fragen, was sie „falsch gemacht" haben.
Im Umgang mit einer akuten Episode raten praktisch alle eingesehenen Quellen übereinstimmend zum Gleichen: Das Kind während eines Nachtschrecks oder beim Schlafwandeln nicht aktiv wecken, das verstärkt eher die Verwirrung. Stattdessen: für Sicherheit sorgen, ruhig in der Nähe bleiben, das Kind sanft zurück ins Bett begleiten. Am nächsten Morgen muss die Episode nicht großartig thematisiert werden, da sich das Kind ohnehin meist nicht erinnert. Treten die Episoden sehr regelmäßig zur gleichen Uhrzeit auf, beschreibt die AWMF-Leitlinie eine zusätzliche Möglichkeit: das Kind 15 bis 30 Minuten vor der erwarteten Episode kurz und sanft zu wecken, um den Auslösemechanismus zu unterbrechen – allerdings ist die wissenschaftliche Absicherung dieser Methode noch vergleichsweise dünn. Bei Albträumen hilft vor allem Trösten, Dableiben und – wenn das Kind mag – kurz über den Trauminhalt sprechen; feste, beruhigende Einschlafrituale beugen vor. Nur bei häufigen, quälenden Albträumen im Zusammenhang mit einem traumatischen Erlebnis kommt in spezialisierter fachärztlicher Behandlung ergänzend eine traumafokussierte Psychotherapie oder – als medikamentöse Option bei posttraumatisch bedingten Albträumen – der Wirkstoff Prazosin infrage; für den weit überwiegenden, nicht traumaassoziierten Albtraum bei Kindern ist das nicht relevant.
Wann sollte man abklären lassen?
Eine ärztliche Abklärung ist sinnvoll, wenn Episoden sehr häufig auftreten, mit Verletzungsgefahr einhergehen, ungewöhnlich verlaufen (etwa immer exakt gleichförmig, mit rhythmischen Zuckungen oder mehrfach pro Nacht) oder das Kind tagsüber auffällig müde oder gereizt ist. Ein Grund dafür: Manche scheinbaren Parasomnien sind in Wirklichkeit nächtliche epileptische Anfälle, insbesondere eine Form namens Sleep-related hypermotor epilepsy, die früher als nächtliche Frontallappenepilepsie bezeichnet wurde. Die Abgrenzung ist selbst für Fachleute anspruchsvoll und stützt sich vor allem auf eine genaue Beschreibung des Ablaufs; im Zweifel kann eine kinderneurologische Untersuchung samt EEG sinnvoll sein.
Ein weiterer wichtiger Punkt aus der Forschung: Eine kleine, unkontrollierte Fallserie von Guilleminault und Kollegen (Pediatrics 2003, 84 Kinder eines spezialisierten Schlafzentrums) fand bei Kindern mit häufigen, hartnäckigen Parasomnien in 61 Prozent der Fälle eine zusätzliche, behandelbare Schlafstörung im Hintergrund – meist eine leichte schlafbezogene Atemstörung wie vergrößerte Rachenmandeln, seltener unruhige Beine. Wurde diese zugrunde liegende Störung behandelt, verschwanden die Parasomnien bei allen 45 nachbeobachteten Kindern dieser kleinen Studie vollständig – ein sehr hoher Wert, der bislang nicht durch größere, kontrollierte Studien bestätigt wurde und daher mit Vorsicht zu lesen ist. Schnarchen, hörbare Atempausen im Schlaf oder auffällige Tagesmüdigkeit sind daher wichtige Hinweise, die man beim nächsten Kontrolltermin ansprechen sollte – ebenso wie ein plötzlicher, unerklärter Rückfall beim Einnässen nach längerer Trockenheit, was gelegentlich auf andere Ursachen wie einen Harnwegsinfekt hindeuten kann. Für die überwiegende Mehrheit der Kinder gilt jedoch: Nachtschreck, Albtraum, gelegentliches Schlafwandeln, Zähneknirschen und Bettnässen sind Teil einer normalen, wenn auch manchmal aufregenden kindlichen Entwicklung – und verschwinden mit der Zeit von selbst.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Wie Kinderschlaf funktioniert – und wann er ein Problem ist Abschnitt 1–3 · 3
- 2. Das erste Lebensjahr und das Kleinkindalter Abschnitt 4–5 · 2
- 3. Nachtschreck, Albträume und Schlafwandeln Abschnitt 6–6 · 1
- 4. Schulkind und Jugendliche: Wenn die innere Uhr nach hinten rutscht Abschnitt 7–7 · 1
- 5. Medizinische Ursachen und sicherer Schlaf im Säuglingsalter Abschnitt 8–9 · 2
- 6. Was wirklich hilft: Methoden, Melatonin und der Blick auf andere Kulturen Abschnitt 10–12 · 3
- 7. Wann zur Ärztin oder zum Arzt – und der Praxisteil für Eltern Abschnitt 13–14 · 2
- 8. Eltern und Kind: wie das Zusammenspiel den Schlaf prägt Abschnitt 15–15 · 1
- 9. Was den Schlaf beeinflusst: Medikamente, Ernährung, Bildschirme, Umgebung Abschnitt 16–19 · 4
- 10. Leitlinien, Metaanalysen und Fachgesellschaften Abschnitt 20–20 · 1
Hinweis zur Entstehung dieses Beitrags
Dieser Beitrag wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben und überarbeitet.
War dieser Beitrag hilfreich?
Woran lag es?
Danke – das hilft uns bei der Überarbeitung.