Was die Studien zu verhaltensbezogenen Schlafmethoden zeigen, ob sie langfristig schaden, was Melatonin kann und was nicht – und warum Co-Sleeping und Schlaftraining weltweit so unterschiedlich bewertet werden.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Er dient der Orientierung und der Vorbereitung auf das Gespräch in der kinderärztlichen Praxis – etwa im Rahmen der Eltern-Kind-Pass-Untersuchungen. Bei Warnzeichen wie beobachteten Atempausen, einer Gedeihstörung oder ausgeprägter Tagesmüdigkeit wenden Sie sich bitte direkt an Ihre Kinderärztin oder Ihren Kinderarzt.

10 Was wirklich hilft: Verhaltensbezogene Methoden

Wenn Eltern erschöpft nach Hilfe suchen, stoßen sie schnell auf ein Wirrwarr an Begriffen und Meinungen: "Schreien lassen", "Ferbern", "sanftes Schlaftraining", "bindungsorientiert". Was in der Fachliteratur tatsächlich untersucht wurde, ist überschaubarer und differenzierter, als es die hitzige öffentliche Debatte vermuten lässt. Dieses Kapitel fasst zusammen, was die Forschung zu verhaltensbezogenen Methoden bei Einschlafproblemen und nächtlichem Aufwachen weiß – und wo sie an ihre Grenzen stößt.

Die Datenlage im Überblick

Die meistzitierte Übersichtsarbeit stammt von der US-amerikanischen Fachgesellschaft für Schlafmedizin (American Academy of Sleep Medicine, AASM). Ein Expertenteam um Jodi Mindell wertete 2006 in der Fachzeitschrift Sleep 52 Behandlungsstudien zu Einschlafproblemen und nächtlichem Aufwachen bei Säuglingen und Kleinkindern aus. In 94 Prozent der Studien zeigten sich die untersuchten Interventionen wirksam, bei mehr als 80 Prozent der behandelten Kinder hielt die Besserung über drei bis sechs Monate an. Eine spätere, methodisch strengere von Meltzer und Mindell (2014) bestätigte diese Richtung, stufte die Gesamtevidenz aber vorsichtiger als "moderat" ein – ein wichtiger Unterschied zwischen "es wirkt oft" und "es ist zweifelsfrei bewiesen". Einen eigenen , der gezielt Verhaltensinterventionen bei Säuglings- und Kleinkindschlaf untersucht, gibt es bislang nicht; die zitierte Evidenz stammt aus Fachgesellschafts-Reviews und Metaanalysen außerhalb der Cochrane-Datenbank.

Welche Methoden untersucht wurden

Die zentrale AASM-Übersichtsarbeit (Mindell et al., Sleep 2006) bewertet die Studienlage nach einem eigenen Evidenzlevel-System und verweist ergänzend auf ältere Einstufungen aus der klinischen Psychologie. Nach der aktuelleren dieser Einstufungen (Kuhn und Elliott, 2003) gelten die unveränderte Löschung ("unmodified extinction", das Kind nach dem Zubettbringen ohne Eingreifen schlafen lassen), die graduierte Löschung (kontrolliertes, schrittweise verlängertes Abwarten, im deutschsprachigen Raum oft "Ferbern" genannt) und die vorbeugende Elternberatung als am besten belegt. Geplantes Wecken (das Kind wird kurz vor einem gewohnten nächtlichen Aufwachen sanft geweckt, um den Zyklus zu unterbrechen) gilt als wahrscheinlich wirksam. Bedtime Fading (die Schlafenszeit wird zunächst spät angesetzt und dann in kleinen Schritten vorgezogen) gilt als vielversprechend, ist aber bislang weniger gut untersucht als die anderen Methoden.

MethodeWas passiert dabeiWie gut belegt
Elternberatung / PsychoedukationInformation über normalen Schlaf, feste Rituale, realistische ErwartungenAm besten belegt
Unveränderte ExtinktionKind wird hingelegt, auf Rufen/Weinen wird nicht reagiertAm besten belegt, aber wenig akzeptiert
Graduierte ExtinktionAbwarten in ansteigenden Zeitabständen, kurze Beruhigung ohne HerausnehmenAm besten belegt
Geplantes WeckenKurzes Wecken vor gewohntem nächtlichem AufwachenWahrscheinlich wirksam, aufwendig
Bedtime FadingSpätere Schlafenszeit, die in kleinen Schritten vorverlegt wirdVielversprechend, weniger gut untersucht
Camping outElternteil bleibt zunächst im Zimmer, zieht sich schrittweise zurückWird in Studien meist mit Beratung kombiniert untersucht

Wichtig für viele Eltern ist ein oft übersehener Befund: Die vorbeugende Elternberatung steht in dieser Bewertung auf derselben höchsten Evidenzstufe wie die Extinktion. Man muss also der Forschung zufolge nicht "schreien lassen", um nachweislich wirksam zu handeln – Aufklärung, feste Rituale und realistische Erwartungen sind für sich genommen bereits eine evidenzbasierte Maßnahme.

Methodenfinder: Welche Wege kommen für uns infrage?

Die Forschung kennt mehrere Wege, und keiner davon macht Eltern zu „besseren“ oder „schlechteren“ Eltern. Stellen Sie das Alter Ihres Kindes ein und wie viel bewusstes Abwarten für Sie persönlich vertretbar ist – die Übersicht zeigt dann nur die Methoden, die dazu passen.

gar keinsich bleibe dabeikurz abwartenauch länger

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Elternberatung und realistische Erwartungen

am besten belegt

Kein Training, sondern Wissen: was in diesem Alter normaler Schlaf ist, wie viele Wachphasen dazugehören, was sich verändern lässt und was nicht. Für viele Familien löst sich der belastende Teil bereits damit auf – nicht weil das Kind anders schläft, sondern weil die Erwartung dazu passt.

In der AASM-Übersicht auf der höchsten Evidenzstufe geführt, gleichauf mit der Extinktion – siehe die Tabelle im Kapiteltext.

Festes Einschlafritual

am besten belegt

So geht es praktisch: drei bis fünf feste Bausteine, immer in derselben Reihenfolge, zusammen 15 bis 30 Minuten – etwa Baden, Zähneputzen, Geschichte, Lied, Licht aus. Nicht im Wohnzimmer, nicht dort, wo tagsüber gespielt oder geschimpft wird. Beginn jeden Abend zur selben Uhrzeit, damit das Kind den Ablauf vorhersehen kann.

Wichtig für die Umsetzung: Regelmäßigkeit schlägt Perfektion. Ein kurzes Ritual an sieben Abenden wirkt mehr als ein aufwendiges an dreien.

Mindell et al., Sleep 2015; Dauer und Ablauf nach AWMF-S1-Leitlinie 028-012.

Feste Zeiten und echte Wahlmöglichkeiten

leitlinienempfohlen

So geht es praktisch: Zubettgeh- und Aufstehzeit bleiben werktags wie am Wochenende gleich. Innerhalb des Ablaufs bekommt das Kind zwei echte Entscheidungen – welches Buch, welcher Schlafanzug –, aber keine über das Ob. Formulieren Sie diese Auswahl als Aussage, nicht als Frage.

Häufiger Fehler: Am Wochenende zwei Stunden später ins Bett und dafür länger schlafen – damit beginnt die Woche jedes Mal mit einer kleinen Zeitverschiebung.

AWMF-S1-Leitlinie 028-012.

Bedtime Pass – „Gutscheine“ für kleine Wünsche

praxiserprobt

So geht es praktisch: Das Kind bastelt sich zwei bis drei Karten und legt sie neben das Bett. Jede Karte steht für einen erlaubten Wunsch nach dem Gutenachtsagen; sie wird eingelöst und abgegeben. Sind alle weg, kommt nichts mehr. Am Morgen wird gewürdigt, was übrig geblieben ist.

Warum das funktioniert: Das Kind behält Einfluss, die Grenze bleibt trotzdem. Der Streit verlagert sich vom Ob auf das Wann – und wird damit verhandelbar, ohne dass Sie nachgeben.

Kindgerechte Methode aus dem französischsprachigen Raum (Putois & Franco); in der AASM-Übersicht nicht eigens als Evidenzstufe geführt.

Klare Grenzen ohne Diskussion

gut begründet

So geht es praktisch: Einigen Sie sich vorher – am besten zu zweit –, was nach dem Gutenachtsagen noch erlaubt ist und was nicht. Diese Linie halten Sie dann jeden Abend gleich, freundlich und ohne neue Begründung. Nicht die Strenge entscheidet, sondern dass die Antwort morgen dieselbe ist wie heute.

Worauf Sie sich einstellen sollten: In den ersten Nächten wird das Rufen meist heftiger, bevor es nachlässt. Genau an diesem Punkt geben die meisten Familien auf – wer ihn kennt, hält ihn leichter aus.

Putois & Franco; das vorübergehende Ansteigen ist ein gut beschriebenes Phänomen.

Camping out – schrittweiser Rückzug

wirksam, meist kombiniert untersucht

So geht es praktisch: Sie sitzen zunächst am Bett, in den folgenden Nächten immer ein Stück weiter entfernt – Zimmermitte, Türrahmen, Flur. Ein Platzwechsel alle zwei bis drei Nächte ist ein realistisches Tempo. Sie bleiben ansprechbar, greifen aber nicht mehr ein.

Für wen es passt: Wenn bewusstes Abwarten für Sie nicht infrage kommt, ist das der sanfteste Weg, der trotzdem eine Richtung hat. Er dauert länger als die abgestuften Verfahren – das ist der Preis.

In Studien meist gemeinsam mit Elternberatung untersucht; eine der Methoden im Fünf-Jahres-Follow-up von Price et al. (2012).

Bedtime Fading – Schlafenszeit von hinten annähern

vielversprechend, weniger gut untersucht

So geht es praktisch: Legen Sie das Kind für einige Nächte bewusst erst dann hin, wenn es wirklich müde ist – oft deutlich später als gewohnt. Schläft es innerhalb von rund 15 Minuten ein, verlegen Sie die Zeit alle paar Nächte um 15 Minuten nach vorn, bis Sie bei der Wunschzeit sind.

Warum das funktioniert: Das Bett wird wieder mit Einschlafen verknüpft statt mit langem Wachliegen. Nebenwirkung ist wenig Protest – dafür braucht es anfangs Geduld mit späten Abenden.

Kuhn & Elliott 2003 („vielversprechend“); Gradisar et al., Pediatrics 2016 – ohne erhöhte Stresswerte oder Auffälligkeiten nach zwölf Monaten.

Geplantes Wecken

wahrscheinlich wirksam

So geht es praktisch: Führen Sie ein bis zwei Wochen Protokoll, bis Sie erkennen, wann Ihr Kind regelmäßig aufwacht. Dann wecken Sie es etwa 15 bis 30 Minuten davor kurz an – so weit, dass es sich rührt, aber nicht wach wird – und lassen es weiterschlafen. Nach einigen Nächten wird das Vorwecken ausgeschlichen.

Voraussetzung: Die Aufwachzeiten müssen regelmäßig genug sein, um vorhersehbar zu sein. Bei wechselnden Zeiten läuft die Methode ins Leere.

Kuhn & Elliott 2003, Einstufung „wahrscheinlich wirksam“.

Graduierte Extinktion („Ferbern“)

am besten belegt

So geht es praktisch: Nach dem Gutenachtsagen verlassen Sie das Zimmer. Beginnt das Kind zu weinen, warten Sie eine vorher festgelegte Zeit – etwa drei Minuten –, gehen dann kurz hinein, beruhigen mit Stimme und Hand, ohne herauszunehmen, und gehen wieder. Die Wartezeiten steigen von Mal zu Mal und von Nacht zu Nacht.

Zur häufigsten Sorge: Ob dabei dauerhafter Stress entsteht, wurde gezielt untersucht – die Ergebnisse und ihre Grenzen stehen im Kapiteltext.

Kuhn & Elliott 2003; Gradisar et al. 2016; Price et al. 2012.

Unveränderte Extinktion

am besten belegt, wenig akzeptiert

Dieselbe Grundidee ohne die Zwischenschritte: hinlegen, Gutenacht sagen, bis zum Morgen nicht mehr reagieren. Formal gehört sie zu den am besten belegten Verfahren – in der Praxis lehnen die meisten Familien sie ab, und in Studien wird sie deutlich seltener durchgehalten als die abgestufte Form.

Sie steht hier der Vollständigkeit halber, nicht als Empfehlung dieser Ordination.

Kuhn & Elliott 2003; Mindell et al., Sleep 2006.

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Zur Einordnung: Die Zuordnung nach Alter folgt den Altersgruppen, in denen die jeweiligen Methoden untersucht wurden; die Einstufung „wie viel Abwarten“ ist eine Lesehilfe dieses Artikels, kein Bestandteil der Leitlinien. Wie belastbar die Gesamtevidenz ist, wie die Kritik daran lautet und für welche Gruppen sie nicht ausreicht, steht im Kapiteltext oberhalb – dieser Finder ordnet nur zu, er bewertet die Studienlage nicht neu. Bei Atempausen, lautem Schnarchen, Gedeihstörung oder plötzlichen unerklärten Veränderungen gehört eine ärztliche Abklärung vor jede Verhaltensmethode.

Wirkt das langfristig – und schadet es?

Die wohl beruhigendste Studie zu dieser Frage stammt von Price, Wake, Ukoumunne und Hiscock, veröffentlicht 2012 in Pediatrics. Die Forschenden begleiteten Familien, deren Kinder im Alter von acht bis zehn Monaten eine Schlafberatung (kontrolliertes Beruhigen bzw. Camping-out) erhalten hatten, bis zum sechsten Lebensjahr. Bei 225 von ursprünglich 326 Familien fanden sich fünf Jahre später keine Unterschiede zur Kontrollgruppe – weder positiv noch negativ – bei emotionalem Verhalten, Sozialverhalten, Eltern-Kind-Beziehung, Stresshormonwerten oder mütterlicher psychischer Gesundheit. Die Autorinnen und Autoren ziehen daraus den Schluss, dass die Methoden weder ausgeprägt schaden noch langfristig entscheidend nützen – Eltern und Fachpersonen könnten sie zur kurz- und mittelfristigen Entlastung bedenkenlos einsetzen.

Eine kleinere australische Studie von Gradisar und Kolleginnen (2016, Pediatrics) ging noch genauer hin: Bei 43 Säuglingen wurden graduierte Extinktion und Bedtime Fading mit einer Kontrollgruppe verglichen, unter anderem mit Messungen des Stresshormons Cortisol im Speichel des Kindes sowie der Bindungsqualität nach zwölf Monaten. Beide Methoden verkürzten die Einschlafzeit deutlich, ohne dass sich erhöhte Stresswerte oder Auffälligkeiten in Bindung, Emotion oder Verhalten zeigten. Diese Studie gilt als bislang direktester Gegenbeleg zur verbreiteten Sorge, Schlaftrainings verursachten dauerhaften ("toxischen") Stress.

Die Kritik – und warum sie ernst zu nehmen ist

Die Debatte ist damit nicht beendet, und das ist wichtig zu wissen. Ein vielbeachteter von Douglas und Hill (2013) kommt zu einem deutlich zurückhaltenderen Ergebnis: Bei Säuglingen unter sechs Monaten sei nicht belegt, dass elternangewandte Schlafinterventionen das Schreien verringern, spätere Schlafprobleme verhindern oder vor postnataler Depression schützen. Die Autorinnen nennen als mögliche unerwünschte Folgen vermehrtes Schreien, frühen Stillabbruch und gesteigerte mütterliche Angst. Kritisiert wird vor allem, dass viele Studien die erste und zweite Hälfte des ersten Lebensjahres nicht sauber trennen und Stillprobleme zu wenig berücksichtigen. Ergänzend wird häufig eine kleine Studie von Middlemiss und Kolleginnen (2012) angeführt: Bei 25 Säuglingen in einem stationären Schlafprogramm blieb das kindliche Cortisol am dritten Tag erhöht, obwohl das Kind äußerlich ruhig war und nicht mehr weinte – ein Hinweis darauf, dass ein "erfolgreiches" Verschwinden des Protestverhaltens nicht zwangsläufig bedeutet, dass innerlich kein Stress mehr besteht. Diese Studie hat allerdings keine Kontrollgruppe und eine sehr kleine Stichprobe, weshalb sie von Befürwortern verhaltensbezogener Methoden methodisch angezweifelt wird. Insgesamt gilt: Die Frage ist in der Fachwelt weniger "ob" Verhaltensmethoden grundsätzlich wirken, sondern "ab welchem Alter" und "bei wem" ihr Einsatz gut begründet ist. Für Kinder mit besonderem Förderbedarf, etwa bei Entwicklungsstörungen, ist die Studienlage nach Einschätzung von Meltzer und Mindell (2014) ausdrücklich zu dünn, um verlässliche Aussagen zu treffen.

Erschöpfung der Eltern zählt mit

Ein Befund wird in der öffentlichen Diskussion oft übersehen: Schlafberatung wirkt sich häufig stärker auf das Befinden der Eltern aus als auf den Schlaf des Kindes selbst. In einer vielzitierten Studie von Hiscock und Wake (2002, BMJ) besserten sich depressive Symptome bei Müttern mit erhöhten Ausgangswerten nach einer Schlafberatung deutlich stärker als in der Kontrollgruppe. Auch eine kanadisch-australische Studie (Hall et al., 2015) fand: Obwohl objektiv gemessen fast alle Säuglinge in Interventions- und Kontrollgruppe weiterhin mehrmals nachts aufwachten, sank der Anteil der Eltern, die das Schlafproblem als "schwerwiegend" einstuften, von 14 auf 4 Prozent – der Gewinn lag also weniger im kindlichen Schlafverhalten als in der veränderten Erwartungshaltung und Entlastung der Eltern. Das ist kein Widerspruch, sondern zeigt, dass elterliches Wohlbefinden ein legitimes und eigenständiges Behandlungsziel ist.

Was das für Sie bedeuten kann

Es gibt nicht die eine richtige Methode für alle Familien. Manche Eltern entscheiden sich für Elternberatung und feste Rituale ohne gezieltes "Trainieren", andere für graduierte Extinktion oder Bedtime Fading, wieder andere lehnen jede Form des bewussten Abwartens für sich ab und bleiben bei sanfterem, schrittweisem Rückzug der eigenen Anwesenheit. Alle diese Wege haben in der Forschung ihren Platz, und keiner davon macht Eltern zu "schlechteren" Eltern. Entscheidend ist, dass eine gewählte Methode zur Familie passt, konsequent und liebevoll umgesetzt wird und dass die Eltern sich dabei nicht allein gelassen fühlen – im Rahmen der Eltern-Kind-Pass-Untersuchungen oder eines Termins in der kinderärztlichen Praxis lässt sich das gut besprechen.

Wichtig ist auch, wann kein Schlaftraining, sondern eine ärztliche Abklärung der richtige nächste Schritt ist: bei Atempausen im Schlaf, lautem, angestrengtem Schnarchen, einer Gedeihstörung, plötzlichen, unerklärlichen Verhaltens- oder Schlafveränderungen oder wenn Sie insgesamt das Gefühl haben, dass mehr dahintersteckt als ein "gewöhnliches" Schlafproblem. In solchen Fällen sollten verhaltensbezogene Methoden nicht ohne vorherige kinderärztliche Einschätzung begonnen werden.

11 Melatonin und Medikamente

Wenn ein Kind seit Wochen schlecht schläft, die Abende zermürbend sind und alle Rituale, Regeln und Geduld nicht zu reichen scheinen, ist der Wunsch nach einer schnellen, sicheren Lösung verständlich. Melatonin wird dabei oft als erstes genannt – im Freundeskreis, in Foren, manchmal auch in der Drogerie um die Ecke. Dieses Kapitel möchte einordnen, was Melatonin ist, wofür es in Österreich und der EU tatsächlich zugelassen ist, was die Studienlage zeigt und warum Kinderärztinnen und Kinderärzte bei der Selbstmedikation mit Schlafmitteln zur Vorsicht raten. Es geht nicht darum, eine Entscheidung zu bewerten, die Sie vielleicht schon getroffen haben – sondern darum, die nächste Entscheidung auf möglichst guter Grundlage zu treffen.

Erst Verhalten, dann Medikament

In praktisch allen Leitlinien, die für dieses Kapitel herangezogen wurden – von der deutschen S1-Leitlinie über spanische, italienische und chinesische Konsensdokumente bis zur europäischen Zulassungsbehörde EMA –, steht derselbe Grundsatz an erster Stelle: Verhaltensorientierte Maßnahmen und eine verlässliche Schlafhygiene (feste Zeiten, Rituale, geeignete Umgebung, wie in den vorangegangenen Kapiteln beschrieben) sind die Basis jeder Behandlung. Medikamente, auch Melatonin, sind als Ergänzung gedacht, wenn diese Maßnahmen allein nicht ausreichen – nicht als Ersatz dafür. Eine kognitive Verhaltenstherapie für Insomnie zeigt bei Kindern und Jugendlichen vielversprechende Effekte und wirkt tendenziell nachhaltiger als eine medikamentöse Behandlung allein.

Was Melatonin überhaupt ist

Melatonin ist ein körpereigenes Hormon, das die Zirbeldrüse im Gehirn bei Dunkelheit ausschüttet und das dem Körper signalisiert, dass Nacht ist. Bei Neugeborenen wird es kaum produziert; die eigene Ausschüttung beginnt erst allmählich ab etwa dem dritten Lebensmonat. Als Medikament oder Nahrungsergänzungsmittel eingenommen, wirkt es nicht in erster Linie sedierend wie ein klassisches Schlafmittel, sondern eher wie ein Zeitgeber, der dem inneren Rhythmus mitteilt, wann Nacht beginnt. Genau deshalb betonen mehrere Fachquellen, etwa eine viel zitierte Übersichtsarbeit zur Rolle von Melatonin in der Kinderneurologie, dass der Einnahmezeitpunkt oft wichtiger ist als die Dosis.

Zulassungslage in Österreich und der EU

Für Familien in Österreich ist die rechtliche Situation unübersichtlich, und das lohnt sich klarzustellen. Als Arzneimittel ist Melatonin nach der österreichischen Rezeptpflichtverordnung unabhängig von der Dosis rezeptpflichtig. Seit 2018 gibt es mit Slenyto (retardiertes, also langsam freisetzendes Melatonin) ein von der europäischen Arzneimittelagentur EMA zugelassenes Kinderarzneimittel – allerdings nur für eng umrissene Situationen: Insomnie bei 2- bis 18-Jährigen mit Autismus-Spektrum-Störung oder bestimmten neurogenetischen Erkrankungen, sowie bei 6- bis 17-Jährigen mit ADHS, und jeweils erst, wenn Schlafhygienemaßnahmen allein nicht ausgereicht haben. Vorgesehen ist zudem eine ärztliche Überprüfung, ob die Behandlung fortgesetzt werden soll, alle sechs Monate. Für gesunde Kinder ohne diese Diagnosen ist Melatonin in Österreich und Deutschland also nicht offiziell zugelassen; ein Einsatz ist dort nur als individueller ärztlicher Heilversuch möglich.

Gleichzeitig wird Melatonin in niedriger Dosierung in Teilen des europäischen Marktes auch als Nahrungsergänzungsmittel angeboten – rechtlich sind das Lebensmittel, keine Arzneimittel. Die EU hat für solche Produkte zwei gesundheitsbezogene Angaben zugelassen: dass 1 Milligramm Melatonin pro Portion zur Verkürzung der Einschlafzeit beiträgt und dass mindestens 0,5 Milligramm das Jetlag-Empfinden lindern können. Wichtig zu wissen: Das ist eine Zulassung für eine Werbeaussage, keine pauschale EU-weite Verkaufsgenehmigung – ob und in welcher Form ein bestimmtes Melatoninprodukt verkauft werden darf, hängt von Produkt, Aufmachung, Dosierung und den nationalen Vorschriften ab und ist innerhalb Europas uneinheitlich geregelt. Für Kinder sind diese Produkte weder geprüft noch beworben, und die zugrunde liegende EU-Verordnung nennt für die Angabe keine Altersgrenze. Diese doppelte Rechtslage – strenge Rezeptpflicht für das geprüfte Arzneimittel auf der einen, ein wenig reguliertes Nahrungsergänzungsmittel auf der anderen Seite – ist eine Grauzone, die Eltern kaum durchschauen können, und sie ist ein Hauptgrund, warum Kinderärztinnen und Kinderärzte von Selbstmedikation mit frei gekauftem Melatonin abraten.

Was die Studien zeigen

Die Wirksamkeit von Melatonin ist am besten belegt für zwei Situationen: die reine Einschlafinsomnie und Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung. Eine von sieben mit knapp 400 Kindern und Jugendlichen fand unter Melatonin ein im Schnitt rund 37 Minuten früheres Einschlafen gegenüber Placebo. Die für die EU-Zulassung entscheidende Studie an 125 Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung ergab nach Darstellung der europäischen Zulassungsbehörde EMA: Unter retardiertem Melatonin schliefen die Kinder im Schnitt 51 Minuten länger als zuvor, unter Placebo 19 Minuten länger – der Unterschied zwischen den beiden Gruppen beträgt also gut eine halbe Stunde, nicht die gesamten 51 Minuten. Zusätzlich schliefen die Kinder unter Melatonin rund 38 Minuten früher ein, unter Placebo 13 Minuten früher. Die sogenannte Number Needed to Treat lag bei etwa 3 – das heißt, bei jedem dritten behandelten Kind zeigte sich ein klinisch relevanter Nutzen, der unter Placebo nicht aufgetreten wäre. In der Verlängerungsstudie über ein Jahr blieb dieser Effekt stabil, ebenso in einer weiteren Nachbeobachtung über zwei Jahre, in der auch Wachstum und Pubertätsentwicklung unauffällig blieben.

Weniger gut belegt ist der Nutzen bei Durchschlafproblemen: Mehrere Übersichtsarbeiten kommen übereinstimmend zu dem Schluss, dass Melatonin die Einschlafzeit zuverlässig verkürzt, nächtliches Erwachen jedoch nicht sicher reduziert. Das ist ein wichtiger Punkt, wenn ein Kind vor allem wegen ungünstiger Einschlafgewohnheiten (zum Beispiel dem Bedürfnis, dass ein Elternteil beim Wiedereinschlafen anwesend ist) mehrmals pro Nacht aufwacht – hier setzt Melatonin oft nicht an der eigentlichen Ursache an, weshalb verhaltensorientierte Maßnahmen hier meist wirksamer sind. Bei Kindern mit ADHS und chronischer Einschlafinsomnie verbesserte Melatonin in einer kontrollierten Studie objektive Schlafparameter wie Einschlafzeit und Gesamtschlafdauer, hatte aber keinen nachweisbaren Effekt auf Verhalten, Konzentration oder Lebensqualität am Tag.

Dosierung und Zeitpunkt – warum weniger oft mehr ist

International schwanken die Dosisempfehlungen erheblich, und genau das zeigt, wie unterschiedlich die Praxis in Europa ist. Eine niederländische Dosisfindungsstudie fand, dass bereits 0,05 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht wirksam waren, sofern die Einnahme etwa ein bis zwei Stunden vor dem gewünschten Schlafenszeitpunkt erfolgte – höhere Dosen brachten in dieser Untersuchung keinen zusätzlichen Nutzen. Andere europäische Fachgesellschaften nennen Zielbereiche zwischen 0,5 und 5 Milligramm, gestaffelt nach Alter, mit dem Grundsatz, mit der niedrigsten Dosis zu beginnen. Übereinstimmend wird empfohlen, Melatonin nicht dauerhaft, sondern zeitlich begrenzt einzusetzen – Vorschläge reichen von drei bis vier Wochen bis zu einer halbjährlichen ärztlichen Kontrolle bei den zugelassenen Präparaten – und die Einnahme mit fortgesetzter Schlafhygiene zu kombinieren. Beim selteneren, aber bei Jugendlichen deutlich häufigeren verzögerten Schlafphasensyndrom (dabei verschiebt sich die innere Uhr so stark, dass Einschlafen erst spät in der Nacht möglich ist) gilt eine andere Logik: Hier wird Melatonin nicht als Schlafmittel, sondern als "Zeitgeber" mehrere Stunden vor der spontanen Einschlafzeit gegeben, kombiniert mit Lichttherapie am Morgen.

SituationWirkprinzipTypischer Zeitpunkt
Einschlafinsomnie bei sonst gesundem Kindsanfte Unterstützung des Einschlafensca. 30–60 Minuten vor der Bettzeit
Autismus-Spektrum-Störung / ADHS (zugelassenes Präparat)verlängerte Freisetzung über die Nacht30–60 Minuten vor der Bettzeit, mit Nahrung
Verzögertes SchlafphasensyndromVerschiebung der inneren Uhrmehrere Stunden vor dem spontanen Einschlafzeitpunkt

Sicherheit und was noch offen ist

Kurzfristig gilt Melatonin bei Kindern nach der derzeitigen Studienlage als vergleichsweise gut verträglich. „Gut verträglich" heißt allerdings nicht „nebenwirkungsfrei": Ein von 37 fand als häufigste Nebenwirkungen Tagesmüdigkeit und Kopfschmerzen und kommt zu dem Schluss, dass nicht schwerwiegende Nebenwirkungen unter Melatonin wahrscheinlich häufiger auftreten als unter Placebo und die Langzeitsicherheit weiterhin unzureichend geklärt ist. Auch die europäische Zulassungsbehörde EMA führt für das verschreibungspflichtige Kinder-Melatoninpräparat Slenyto als häufige Nebenwirkungen – also bis zu einer von zehn behandelten Personen – unter anderem Schläfrigkeit, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Reizbarkeit, Stimmungsschwankungen und ein „Kater"-Gefühl am Morgen auf. Eine niederländische Langzeitbeobachtung von Kindern mit ADHS, die im Schnitt 3,7 Jahre lang Melatonin einnahmen, fand ebenfalls keine sicherheitsrelevanten Auffälligkeiten – wohl aber ein hohes Rückfallrisiko: Bei neun von zehn Kindern kehrten die Einschlafprobleme zurück, wenn das Melatonin abgesetzt wurde. Genau hier liegt die ehrliche Grenze der Evidenz: Echte Langzeitstudien über viele Jahre fehlen weiterhin, und mehrere Übersichtsarbeiten mahnen ausdrücklich zur Vorsicht, gerade weil Melatonin auch in die hormonelle Entwicklung eingreifen könnte – ein theoretisches Bedenken, das bislang nicht ausgeräumt, aber auch nicht belegt ist. Die französische Lebensmittelbehörde ANSES rät Kindern und Jugendlichen deshalb grundsätzlich von frei verkäuflichen Melatonin-Präparaten ab – eine deutlich zurückhaltendere Position als in vielen anderen Ländern.

Warum Selbstmedikation problematisch ist

Der wohl stärkste Grund zur Vorsicht betrifft nicht die Wirkung, sondern die Sicherheit der frei verkäuflichen Produkte selbst. Eine vielzitierte kanadische Laboranalyse von 31 frei erhältlichen Melatoninpräparaten fand, dass nur etwa 29 Prozent den auf der Packung angegebenen Gehalt einigermaßen einhielten – der tatsächliche Gehalt schwankte zwischen 83 Prozent weniger und fast fünfmal mehr als deklariert, selbst zwischen verschiedenen Chargen desselben Produkts. In einem Viertel der untersuchten Präparate fand sich zudem Serotonin, eine deutlich strenger regulierte Substanz, die dort nichts zu suchen hat. Solche Qualitätsschwankungen sind bei einem Hormon, das die innere Uhr eines Kindes beeinflusst, kein Detail.

Noch eindrücklicher sind die Zahlen zu Vergiftungen: In den USA, wo Melatonin als frei verkäufliches Nahrungsergänzungsmittel in hoher Konzentration erhältlich ist, stiegen die bei Giftnotrufzentralen gemeldeten kindlichen Melatonin-Einnahmen zwischen 2012 und 2021 um 530 Prozent, von rund 8.300 auf über 52.500 Fälle pro Jahr – meist, weil kleine Kinder versehentlich an bunt verpackte, gummibärchenartige Präparate gelangten. Fünf Kinder mussten beatmet werden, zwei Kinder starben. Diese Situation lässt sich nicht eins zu eins auf Österreich übertragen, wo Melatonin als Arzneimittel rezeptpflichtig ist, aber sie zeigt sehr deutlich, warum eine sichere Aufbewahrung außerhalb der Reichweite von Kindern wichtig ist, sobald ein Melatoninpräparat im Haus ist – und warum der Kauf über den Onlinehandel, wo Herkunft und Dosierung schwer zu überprüfen sind, mit Vorsicht zu betrachten ist.

Andere Medikamente – ein kurzer Überblick

Antihistaminika der ersten Generation, etwa Diphenhydramin oder Doxylamin, werden in der pädiatrischen Praxis manchmal als vermeintlich harmlose "Beruhigungsmittel" eingesetzt. Zulassung und Altersgrenzen unterscheiden sich dabei erheblich je nach Präparat und Darreichungsform – pauschale Altersangaben für einen Wirkstoff sind irreführend; maßgeblich ist immer die Fachinformation des konkreten Präparats. Die Evidenz für die Wirksamkeit dieser Substanzen bei Kindern ist begrenzt, und dosisabhängig sind ernstzunehmende Nebenwirkungen wie Angstzustände oder Halluzinationen beschrieben. Auch für pflanzliche Präparate wie Baldrian gilt: Die zugelassenen Altersgrenzen hängen vom jeweiligen Produkt ab, und für das Kindesalter existieren praktisch keine kontrollierten Studien zu Wirksamkeit und Sicherheit – hier gilt besondere Zurückhaltung, gerade bei Kombinationspräparaten. Benzodiazepine und verwandte Schlafmittel wie Zolpidem sind für Kinder und Jugendliche in Österreich und Deutschland wegen des Abhängigkeitspotenzials grundsätzlich nicht zugelassen und bleiben, wenn überhaupt, eng begrenzten Ausnahmesituationen unter fachärztlicher Betreuung vorbehalten.

Was das für Ihre Familie bedeutet

Wenn Sie über Melatonin oder ein anderes Medikament nachdenken, ist der erste und wichtigste Schritt das Gespräch mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt – idealerweise, bevor Sie etwas kaufen, nicht danach. Das gilt besonders, wenn zum Schlafproblem weitere Auffälligkeiten hinzukommen: Atempausen im Schlaf, ausgeprägtes Schnarchen, eine Gedeihstörung oder plötzliche, unerklärliche Veränderungen im Schlafverhalten gehören immer in eine ärztliche Abklärung, unabhängig davon, ob ein Medikament erwogen wird. Eine ärztliche Begleitung stellt außerdem sicher, dass Dosis, Zeitpunkt und Präparatequalität zum jeweiligen Kind passen und dass die Einnahme zeitlich begrenzt bleibt. Es gibt hier keinen einzig richtigen Weg – manche Familien kommen mit konsequenter Schlafhygiene allein aus, andere brauchen phasenweise medikamentöse Unterstützung, und beides kann für das jeweilige Kind die richtige Entscheidung sein. Wichtig ist vor allem, diese Entscheidung nicht allein und nicht auf Verdacht zu treffen.

12 Kulturelle Perspektiven auf Kinderschlaf

Bisher war in diesem Artikel oft von "auffälligem" oder "unauffälligem" Schlafverhalten die Rede – von Richtwerten für Schlafdauer, von Ein- und Durchschlafen als Entwicklungsschritten. Ein Blick über den deutschsprachigen Raum hinaus zeigt jedoch: Vieles, was hierzulande als Norm gilt, ist eine unter mehreren möglichen Normen. Das ist keine akademische Randnotiz, sondern für die Beratung von Familien direkt relevant – gerade in Österreich, wo viele Eltern aus Kulturkreisen stammen, in denen Kinderschlaf anders gedacht wird.

Wie unterschiedlich Kinder weltweit schlafen

Die bislang größte Vergleichsstudie zum Schlaf von Säuglingen und Kleinkindern stammt von der Forschungsgruppe um Jodi Mindell und Avi Sadeh (Sleep Medicine, 2010). Befragt wurden Eltern von 29.287 Kindern zwischen 0 und 36 Monaten in 17 Ländern – überwiegend asiatischen (unter anderem China, Japan, Südkorea, Vietnam) und überwiegend "kaukasisch" geprägten Ländern (etwa Neuseeland, Australien, Kanada, USA, Großbritannien). Die Unterschiede waren beträchtlich:

MessgrößeNiedrigster WertHöchster Wert
Mittlere Bettzeit19:27 Uhr (Neuseeland)22:17 Uhr (Hongkong)
Gesamtschlafdauer11,6 Stunden (Japan)13,3 Stunden (Neuseeland)
Bettteilen mit den Eltern5,8 % (Neuseeland)83,2 % (Vietnam)
Elterlich wahrgenommenes Schlafproblem10,1 % (Vietnam)75,9 % (China)

Besonders bemerkenswert ist ein weiterer Befund derselben Studie: Die Rate des gemeinsamen Bett- oder Zimmerschlafens (Co-Sleeping) schwankte zwischen den 17 untersuchten Ländern und Regionen enorm – von 5,8 bis 83,2 Prozent. Gleichzeitig berichteten Eltern in überwiegend asiatisch geprägten Ländern häufiger, nicht seltener, von einem wahrgenommenen Schlafproblem, obwohl dort mehr Kinder das Bett mit den Eltern teilten. Das lässt einen wichtigen Schluss zu: "Selbstständiges Einschlafen" ist kein universelles biologisches Entwicklungsziel, sondern eine kulturell geprägte Erwartung – und ob nächtliches Aufwachen überhaupt als Problem empfunden wird, hängt stark davon ab, was eine Familie erwartet, nicht nur davon, was das Kind tatsächlich tut. Das deckt sich mit der auch in Kapitel 2 genannten Definition: Eine Schlafstörung liegt erst vor, wenn das Verhalten für Kind oder Familie zu spürbarer Belastung führt – nicht schon durch die reine Häufigkeit des Aufwachens.

Auch die in Mitteleuropa oft als Referenz herangezogenen Zürcher Schlafkurven (Iglowstein et al., 2003) beruhen auf einer vergleichsweise kleinen, ethnisch und geografisch engen Stichprobe von 493 Kindern. Eine spanische Studie mit 1.173 Kindern aus acht Gesundheitszentren (Revista de Pediatría de Atención Primaria, 2020) fand deutlich kürzere Schlafzeiten als die Zürcher Kurven vorhersagen, und führte das unter anderem auf kulturelle und gesellschaftliche Unterschiede zurück – etwa spätere Abendessens- und Fernsehzeiten. Referenzkurven sind also eine nützliche Orientierung, aber kein Naturgesetz.

Co-Sleeping: In den meisten Kulturen die Regel, nicht die Ausnahme

Was im deutschsprachigen Raum meist unter dem Vorbehalt der Sicherheitsempfehlungen diskutiert wird, ist in weiten Teilen der Welt selbstverständliche Familienpraxis:

  • In Japan ist gemeinsames Schlafen von Eltern und Kind traditionell weit verbreitet. Die Praxis heißt "kawa no ji ni neru" (川の字に寝る) – "schlafen wie das Schriftzeichen für Fluss", weil Vater, Kind und Mutter nebeneinanderliegen wie die drei Striche des Zeichens. Die Japanische Pädiatrische Gesellschaft widersprach 2025 ausdrücklich einer unreflektierten Übernahme US-amerikanischer Anti-Bedsharing-Empfehlungen, weil diese der japanischen Lebensrealität nicht gerecht würden.
  • In China zeigen Erhebungen an mehreren tausend Kindern, dass 84,8 Prozent der 0- bis 35-Monatigen und noch 78,1 Prozent der Kinder im Vorschulalter das Elternbett teilen. Die chinesische Leitlinie von 2023 empfiehlt zwar das eigene Bett, stuft diese Empfehlung aber selbst nur als schwach ein (Evidenzgrad 2D) und begründet sie vor allem sicherheitsbezogen, nicht entwicklungspsychologisch.
  • In Italien schlafen laut der Erhebung "Ci piace sognare" (SIPPS/SICuPP) 39 Prozent der 1- bis 2-Jährigen und 26 Prozent der 5- bis 6-Jährigen (mindestens zeitweise) im Elternbett. In einer Verbraucherbefragung gab gut die Hälfte der Eltern an, das gemeinsame Schlafen als Ausgleich für zu wenig gemeinsame Zeit tagsüber zu sehen – nicht als Verlegenheitslösung.
  • In Teilen Lateinamerikas, Asiens und Afrikas werden Co-Sleeping-Raten von 60 bis nahezu 100 Prozent berichtet.

Diese Zahlen sind wichtig, um eines klarzustellen: Wenn eine Familie mit anderem kulturellem Hintergrund von gemeinsamem Schlafen berichtet, ist das keine Abweichung von einer Norm, sondern schlicht die in den meisten Weltregionen übliche Praxis.

Sicherheit bleibt Sicherheit – unabhängig von der Kultur

Diese kulturelle Vielfalt darf nicht mit der medizinischen Frage nach dem Risiko des plötzlichen Kindstods (SIDS) verwechselt werden. Hier gibt es tatsächlich international unterschiedliche Beratungsansätze, aber keinen unterschiedlichen Kenntnisstand zu den Risikofaktoren selbst. Die US-amerikanische Kinderärztevereinigung AAP empfiehlt in ihren Leitlinien von 2022, das Elternbett unter keinen Umständen mit dem Säugling zu teilen, rät aber ausdrücklich zum Zimmerteilen ohne Bettteilen für mindestens die ersten sechs Lebensmonate. Britische Stellen wie The Lullaby Trust und die UNICEF-UK Baby-Friendly-Initiative gehen einen anderen Weg: Sie erkennen an, dass Bettteilen in der Praxis stattfindet – geplant oder ungeplant, etwa beim nächtlichen Stillen –, und benennen stattdessen konkrete Bedingungen, unter denen es nie sicher ist: Einschlafen mit dem Baby auf Sofa oder Sessel, Alkohol- oder Drogenkonsum, Rauchen, sedierende Medikamente, Frühgeburtlichkeit oder ein Geburtsgewicht unter 2.500 Gramm.

Die deutschsprachigen Fachgesellschaften – DGKJ und das Bayerische Landesamt für Gesundheit – folgen eher der strengeren Linie: eigenes Bett im Elternschlafzimmer, nicht das Elternbett selbst. Diese Empfehlung hat einen nachvollziehbaren Hintergrund: Die Zahl der SIDS-Todesfälle in Deutschland ist seit den 1990er-Jahren von über 1.300 auf unter 140 pro Jahr gesunken, seit unter anderem Rückenlage und Zimmerteilen als Standard etabliert wurden. Für Familien, die aus kulturellen Gründen im selben Bett schlafen möchten oder es aus Gewohnheit tun, gilt daher unabhängig vom kulturellen Hintergrund: Ein gemeinsames Einschlafen auf dem Sofa ist immer ein hohes Risiko und sollte vermieden werden; Alkohol, Rauchen, starke Müdigkeit oder Medikamente mit dämpfender Wirkung schließen sicheres Bettteilen aus; eine feste, ebene Unterlage ohne Kissen, Decken oder weiche Nestchen ist Voraussetzung. Bei Unsicherheit, welche Lösung für die eigene Familie sicher und stimmig ist, ist das Gespräch mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt – etwa im Rahmen der Eltern-Kind-Pass-Untersuchungen – ein guter Ort, um das offen und ohne Bewertung zu besprechen.

Schlaftraining: eine der umstrittensten Fragen weltweit

Auch bei der Frage, ob und wie Kinder das selbstständige Einschlafen "lernen" sollen, gehen die Meinungen international auseinander – teils deutlicher als im deutschsprachigen Raum bekannt ist. In den USA gilt die sogenannte graduelle Extinktion (schrittweise verlängerte Wartezeiten, bevor Eltern auf Weinen reagieren) vielen Fachleuten als gut belegte Standardmethode. In Italien dagegen löste die Verbreitung des "metodo Estivill" eine öffentliche Fachdebatte aus: Der italienische Kinderärzteverband ACP bezeichnete die Methode als unphysiologisch und potenziell bindungsschädigend und forderte sogar ein Werbeverbot dafür. Der Autor selbst relativierte seine Empfehlungen später und beschränkte sie auf Kinder ab drei Jahren mit erlernten Fehlgewohnheiten. Auch im deutschsprachigen Raum ist die Frage keineswegs einhellig beantwortet: Die deutsche S1-Leitlinie nennt graduelle Extinktion ausdrücklich als eine mögliche Methode, während das öffentlich getragene österreichische Elternbildungsportal eltern-bildung.at Schlaftrainings grundsätzlich ablehnt und mit Stresshormon-Ausschüttung sowie evolutionären Schutzfunktionen des nächtlichen Aufwachens argumentiert. Eine vielzitierte australische Studie mit Cortisolmessungen (Gradisar et al.) fand ein Jahr später keine Hinweise auf erhöhten Stress oder Bindungsschäden, wird von Kritikern jedoch wegen der kleinen Stichprobe (43 Kinder) methodisch infrage gestellt. Diese Kontroverse ist also nicht abschließend geklärt – sie sollte Familien ehrlich als offene Fachdiskussion vermittelt werden, nicht als eindeutige Empfehlung in die eine oder andere Richtung.

Eine Untersuchung in 14 Kulturen (Frontiers in Psychology, 2022) liefert dazu einen interessanten, aber vorsichtig zu deutenden Zusatzbefund: "Passive" Einschlafhilfen wie Vorlesen, leises Sprechen oder Kuscheln gingen kulturübergreifend eher mit einem als unkomplizierter beschriebenen kindlichen Temperament einher als "aktive" Hilfen wie Herumtragen oder Autofahren. Ob passive Techniken dieses Temperament tatsächlich fördern oder ob ruhigere Kinder eher passive Techniken bekommen, lässt sich aus dieser Studie nicht sicher beantworten – die Autor:innen selbst weisen auf diese Grenze hin.

Was das für die Beratung bedeutet

Für den Praxisalltag lässt sich aus diesem internationalen Vergleich vor allem eines mitnehmen: Es gibt nicht den einen richtigen Weg, ein Kind schlafen zu lassen. Wenn eine Familie mit Wurzeln in Japan, Vietnam, Italien oder dem Iran von gemeinsamem Schlafen, spätem Zubettgehen oder einem anderen Umgang mit nächtlichem Weinen berichtet, ist das zunächst Ausdruck einer anderen, ebenso begründeten kulturellen Norm – kein Erziehungsfehler und kein Zeichen mangelnder Fürsorge. Gleichzeitig bleiben die medizinischen Sicherheitsempfehlungen zum plötzlichen Kindstod unabhängig von der Herkunft gültig und sollten in jedem Beratungsgespräch offen, aber ohne Vorwurf angesprochen werden. Der beste Ausgangspunkt ist häufig, gemeinsam mit der Familie zu klären: Womit fühlt sich diese Familie wohl, welche Sicherheitsbedingungen sind erfüllt – und besteht überhaupt ein Leidensdruck, der eine Veränderung nötig macht? Denn wie die eingangs zitierten Zahlen zeigen: Ob nächtliches Aufwachen als "Problem" empfunden wird, ist selbst eine Frage der Erwartung – und diese Erwartung darf, gerade in einer vielfältigen Gesellschaft wie der österreichischen, unterschiedlich ausfallen.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Wie Kinderschlaf funktioniert – und wann er ein Problem ist Abschnitt 1–3 · 3
  2. 2. Das erste Lebensjahr und das Kleinkindalter Abschnitt 4–5 · 2
  3. 3. Nachtschreck, Albträume und Schlafwandeln Abschnitt 6–6 · 1
  4. 4. Schulkind und Jugendliche: Wenn die innere Uhr nach hinten rutscht Abschnitt 7–7 · 1
  5. 5. Medizinische Ursachen und sicherer Schlaf im Säuglingsalter Abschnitt 8–9 · 2
  6. 6. Was wirklich hilft: Methoden, Melatonin und der Blick auf andere Kulturen Abschnitt 10–12 · 3
  7. 7. Wann zur Ärztin oder zum Arzt – und der Praxisteil für Eltern Abschnitt 13–14 · 2
  8. 8. Eltern und Kind: wie das Zusammenspiel den Schlaf prägt Abschnitt 15–15 · 1
  9. 9. Was den Schlaf beeinflusst: Medikamente, Ernährung, Bildschirme, Umgebung Abschnitt 16–19 · 4
  10. 10. Leitlinien, Metaanalysen und Fachgesellschaften Abschnitt 20–20 · 1