Was ist Krätze (Skabies)?

Krätze, medizinisch Skabies, ist eine hoch ansteckende, stark juckende Hauterkrankung, die durch die Krätzmilbe (Sarcoptes scabiei var. hominis) ausgelöst wird. Die Milbe ist mit bloßem Auge kaum zu erkennen (Weibchen 0,3–0,5 mm, Männchen 0,21–0,29 mm groß), besitzt vier Beinpaare und lebt ausschließlich in der obersten Hornschicht der menschlichen Haut. Da sie zum Atmen auf Sauerstoff aus der Umgebungsluft angewiesen ist, dringt sie nie tiefer in den Körper ein.

Die begatteten Weibchen graben täglich rund 0,5 bis 5 mm lange Gänge in die Hornschicht und legen darin fortlaufend Eier ab. Aus den Eiern schlüpfen nach 4–5 Tagen Larven, die sich über mehrere Zwischenstadien innerhalb von 10–17 Tagen zu geschlechtsreifen Milben entwickeln. Ein Weibchen wird 4–6 Wochen alt und legt in dieser Zeit insgesamt etwa 35–50 Eier; die kleineren Männchen sterben schon wenige Tage nach der Paarung. Auf der Hautoberfläche bewegt sich eine Milbe rund 2,5 cm pro Minute fort – das ist so langsam, dass eine Übertragung fast immer engen, länger dauernden Kontakt voraussetzt. Ohne menschlichen Wirt überlebt die Milbe meist nur 2–4 Tage.

Weltweit sind schätzungsweise 300 Millionen Menschen mit Krätzmilben befallen. In Ländern des globalen Südens ist Skabies eine armutsassoziierte, endemische Erkrankung mit einer Prävalenz von bis zu 15 % in der Gesamtbevölkerung – in besonders gefährdeten Gruppen wie Waisen- oder Straßenkindern kann sie sogar über 70 % betragen. Auch in Mitteleuropa nehmen die Fallzahlen seit einigen Jahren spürbar zu.

Deutliche Zunahme der Fallzahlen in Europa

Laut Robert Koch-Institut wurden in Deutschland 2018 mehr als 380.000 Skabies-Diagnosen gestellt (Inzidenz 525 je 100.000 Einwohner) – ein etwa 9-facher Anstieg gegenüber 2009. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen fiel der Anstieg mit mehr als dem 11-Fachen sogar noch deutlicher aus; 2023 wurden zusätzlich noch 7.094 Fälle als Hauptdiagnose in Kliniken behandelt. Auch die österreichischen Fachgesellschaften ÖGSTD und ÖGDV berichten von steigenden Fallzahlen in Österreich und haben ihre Therapieempfehlungen deshalb angepasst. Zum Vergleich: In Südkorea ist die Zahl der Skabies-Fälle laut Gesundheitsbehörde KDCA im Zeitraum 2013–2022 leicht rückläufig und betrifft dort überwiegend Menschen über 50 Jahre – während die Krätze in Europa zunehmend auch Kinder und junge Erwachsene erfasst.

Krätze kann grundsätzlich in jedem Alter und in jeder Bevölkerungsschicht auftreten und hat nichts mit mangelnder Hygiene zu tun. Besondere Risikogruppen sind Säuglinge und Kleinkinder, ältere Menschen, Menschen mit eingeschränkter Juckreizwahrnehmung (z. B. bei Diabetes oder Trisomie 21) sowie Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Anders als in Deutschland, wo Gemeinschaftseinrichtungen Skabiesfälle laut Infektionsschutzgesetz an das Gesundheitsamt melden müssen, besteht in Österreich für Einzelfälle keine gesetzliche Meldepflicht.

Übertragung und Inkubationszeit

Direkter Hautkontakt

  • Krätze wird fast ausschließlich durch engen, großflächigen Haut-zu-Haut-Kontakt von mindestens 5–10 Minuten Dauer übertragen – etwa beim gemeinsamen Schlafen, ausgiebigem Kuscheln, Stillen oder bei der Körperpflege von Kleinkindern.
  • Bereits die Übertragung eines einzigen begatteten Milbenweibchens reicht für eine Ansteckung aus.
  • Händeschütteln, ein kurzes Begrüßungsküsschen oder eine flüchtige Umarmung reichen normalerweise nicht aus – Ausnahme ist die hoch ansteckende Sonderform Scabies crustosa (Borkenkrätze).
  • Auch Betroffene ohne sichtbare Symptome sind bereits ansteckend.

Indirekte Übertragung

Eine Übertragung über Textilien, Bettwäsche, Kuscheltiere oder Handtücher ist theoretisch möglich, da Milben auch außerhalb der Haut noch einige Tage überleben. In der Praxis spielt dieser Weg bei der gewöhnlichen Skabies aber eine untergeordnete Rolle, weil sich die Milben nur sehr langsam fortbewegen und bei intaktem Immunsystem meist nur wenige Tiere auf der Haut vorhanden sind. Auch in öffentlichen Schwimmbädern ist eine Ansteckung selten, da dort in der Regel kein ausreichend langer Hautkontakt besteht – über gemeinsam genutzte Handtücher in Duschräumen ist eine Übertragung dagegen möglich.

Inkubationszeit

Bei einer Erstinfektion vergehen bis zum Auftreten der ersten Symptome durchschnittlich 4–6 Wochen (Spanne 2–8 Wochen), weil sich erst eine Immunreaktion auf die Milben und ihre Ausscheidungen aufbauen muss. Betroffene sind aber schon während dieser beschwerdefreien Zeit ansteckend. Bei einer erneuten Infektion – wenn das Immunsystem die Milbe bereits „kennt" – treten Beschwerden dagegen schon nach 1–4 Tagen auf.

Symptome: bei Säuglingen und Kleinkindern anders verteilt als bei älteren Kindern

Das Hauptsymptom ist in jedem Alter ein starker Juckreiz, der nachts durch die Bettwärme deutlich zunimmt, weil die Milben dann aktiver werden. Typisch sind feine, rötliche, wenige Millimeter bis Zentimeter lange Gänge in der Haut, an deren Ende sich oft ein kleiner geröteter „Milbenhügel" (Aufenthaltsort des Weibchens) zeigt.

Bei älteren Kindern und Erwachsenen finden sich die Hautveränderungen bevorzugt in den Fingerzwischenräumen, an Handgelenken, Ellenbogen, Achseln, um die Brustwarzen, am Bauchnabel sowie im Genitalbereich – das Gesicht bleibt in der Regel ausgespart.

Besonderheit bei Babys und Kleinkindern

Bei Säuglingen und Kleinkindern – laut deutscher AWMF-Leitlinie die Altersgruppe mit der höchsten Skabies-Häufigkeit überhaupt, mit dem Prävalenzgipfel in den ersten beiden Lebensjahren – ist der Befall nicht auf diese „Erwachsenen-Stellen" beschränkt. Deutlich häufiger als bei älteren Kindern sind zusätzlich betroffen:

  • Füße einschließlich Fußsohlen
  • Knöchelregion
  • Kopfhaut und Gesicht
  • Achseln, Kniekehlen und Unterschenkel

Auch international wird dieses Muster bestätigt: spanische, italienische und ostasiatische Kinderarzt-Quellen berichten übereinstimmend, dass bei Babys zusätzlich häufig die Handflächen betroffen sind. Das Hautbild ist bei den Kleinsten insgesamt vielgestaltiger und stärker nässend, mit vermehrt Bläschen, kleinen Blasen und Pusteln. Auch juckende Knötchen (Scabies nodosa) in großen Hautfalten und am Rumpf kommen bei Babys und Kleinkindern häufiger vor als bei älteren Kindern. Ein befallener Säugling kann durch den Juckreiz gereizt und appetitlos wirken, schlechter schlafen und in ausgeprägten Fällen sogar in seinem Gedeihen beeinträchtigt sein.

Der Juckreiz kann durch eine allergische Reaktion des Immunsystems auch bislang nicht befallene Hautareale betreffen und trotz erfolgreicher Behandlung noch mehrere Wochen anhalten.

Was tun bei Kontakt zu einer erkrankten Person?

Wer engen Hautkontakt zu einer Person mit Krätze hatte, kann die Milbe weitergeben, noch bevor selbst Symptome spürbar sind. Eine Vorstellung bei der Kinderärztin oder dem Kinderarzt ist deshalb sinnvoll; sie oder er entscheidet, ob eine zeitgleiche vorbeugende Behandlung angezeigt ist. Als enger Kontakt gelten vor allem Familienmitglieder und Mitbewohner:innen, eng vertraute Geschwister, Eltern von Kleinkindern sowie Pflegepersonen.

Ohne engen Kontakt genügt es meist, sich für etwa 5–6 Wochen aufmerksam zu beobachten und bei ersten Anzeichen umgehend ärztlichen Rat einzuholen. Bei einem Ausbruch in einer Gemeinschaftseinrichtung – ähnlich wie bei einem Läusebefall in der Kita – kann es notwendig sein, alle Kontaktpersonen gleichzeitig zu untersuchen und vorbeugend zu behandeln, um die Infektionskette sicher zu unterbrechen.

Diagnose und Behandlung – altersabhängig

Die Diagnose stellt die Ärztin oder der Arzt anhand des typischen nächtlichen Juckreizes und der sichtbaren Milbengänge, ergänzt durch eine Betrachtung mit Lupe oder Dermatoskop. Krätze heilt nicht von selbst ab und muss immer mit einem verordneten Medikament (Skabizid) behandelt werden – nicht nur bei der erkrankten Person, sondern gleichzeitig bei allen engen Kontaktpersonen im Haushalt, unabhängig davon, ob dort bereits Symptome bestehen.

Mittel der ersten Wahl ist eine 5%ige Permethrin-Creme, die auf den ganzen Körper aufgetragen und nach 8–12 Stunden abgeduscht wird. Die genaue Anwendung unterscheidet sich jedoch deutlich nach Alter:

AltersgruppeAnwendung nach deutsch-/österreichisch-/schweizerischen Fachempfehlungen
Kinder ab ca. 6 Jahren, ErwachsenePermethrin 5 % vom Unterkiefer abwärts auf den ganzen Körper, 8–12 Std. einwirken lassen
Kinder 3–5 JahrePermethrin 5 % wie oben; alternativ Crotamiton 10 % an 3–5 Abenden oder Ivermectin oral ab 15 kg Körpergewicht
Kinder unter 3 JahrenPermethrin 5 % zusätzlich auf Kopfhaut und Gesicht auftragen (Mund- und Augenpartie aussparen)
Säuglinge und NeugeboreneGleiches Vorgehen, allerdings off-label (in Deutschland offiziell erst ab dem 3. Lebensmonat zugelassen); Behandlung möglichst unter engmaschiger ärztlicher Aufsicht bzw. stationär

Bei den Kleinsten wird während der Einwirkzeit häufig das Tragen von Baumwollhandschuhen empfohlen, damit die Creme nicht abgeleckt wird. Für Säuglinge unter 2 Monaten wird in einigen Ländern stattdessen eine mildere Schwefelsalbe (6–10 %) über mehrere Nächte eingesetzt, da Permethrin für dieses Alter nicht ausreichend erprobt ist. In der Schweiz und zunehmend auch in Österreich setzen Kinderkliniken bei ausgedehntem Befall oder in Ausbruchssituationen wegen der steigenden Fallzahlen inzwischen häufiger eine Kombination aus Permethrin-Creme und oralem Ivermectin ein, um Behandlungsversagen vorzubeugen. Eine zweite Behandlung nach 7–10 Tagen wird unter anderem bei ausgedehntem Befall, in Ausbruchssituationen, bei Immunsuppression oder bei Zweifeln an der korrekten ersten Anwendung empfohlen. Welches Vorgehen im Einzelfall sinnvoll ist, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.

Nach einer korrekt durchgeführten Erstbehandlung gelten gesunde, nicht immungeschwächte Personen in der Regel innerhalb von 24 Stunden als nicht mehr ansteckend; eine Isolation ist nicht erforderlich. Nach japanischen kinderärztlichen Empfehlungen kann ein behandeltes Kind beispielsweise auch wieder schwimmen gehen, sollte aber Spiele mit engem Körperkontakt wie Händchenhalten vorerst meiden.

Wann sofort in die Praxis?

Suchen Sie umgehend ärztlichen Rat, wenn zusätzlich zum Juckreiz gelbliche Krusten, Eiterbläschen oder eine großflächige Hautrötung auftreten. Bei Kindern begünstigt das Aufkratzen der Haut bakterielle Sekundärinfektionen mit Staphylokokken oder Streptokokken (Eiterflechte); in seltenen Fällen kann daraus eine Nierenentzündung als Folgeerkrankung entstehen. In diesem Fall ist zusätzlich eine antibiotische Behandlung notwendig.

Hygienemaßnahmen im Haushalt

  • Unterwäsche, Bettwäsche und -decken alle 12–24 Stunden wechseln, Handtücher zweimal täglich
  • Kleidung, Bettwäsche und Handtücher mit längerem Körperkontakt bei mindestens 60 °C für wenigstens 10 Minuten waschen (alternativ heiß trocknen oder mit einem Dampfgerät behandeln)
  • Nicht waschbare Gegenstände für mindestens 72 Stunden luftdicht in Plastiksäcken lagern – Milben überleben ohne Wirt meist nur 2–4 Tage –, alternativ bei mindestens -25 °C einfrieren
  • Polstermöbel, Kissen und Teppiche gründlich absaugen und den Staubsaugerbeutel danach entsorgen, oder die Möbel für 2–3 Tage nicht benutzen
  • Gegenstände mit nur kurzem Hautkontakt müssen nicht gesondert behandelt werden

Muss mein Kind wegen Krätze zu Hause bleiben?

Ja: Ein erkranktes Kind (oder eine erkrankte Betreuungsperson) darf die Gemeinschaftseinrichtung vorübergehend nicht besuchen. Vor der Wiederzulassung ist der Einrichtung eine Bestätigung der Kinderärztin oder des Kinderarztes vorzulegen, dass eine Behandlung stattgefunden hat und korrekt durchgeführt wurde. Da die Ansteckungsfähigkeit bereits kurz nach Beginn der ersten korrekten Behandlung deutlich sinkt, ist die Ausfallzeit in der Regel kurz.

Download

  • Krätze
  • Elterninformationen Krätze
  • Ärzteinformationsblatt Krätze

Quellen

  • AWMF S1-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Skabies" – Deutsche Dermatologische Gesellschaft (DDG), Deutschland
  • Robert Koch-Institut – Skabies (Krätzmilbenbefall), Antworten auf häufig gestellte Fragen, Deutschland
  • Kinderspital Zürich – Scabies-Management bei Kindern und deren Familien (Kispi-Wiki), Schweiz
  • Österreichische Gesellschaft für Sexually Transmitted Diseases und dermatologische Mykologie (ÖGSTD) – Skabies-Therapiemanagement, Österreich
  • Österreichische Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie (ÖGDV), Österreich
  • World Health Organization (WHO) – Scabies, Fact Sheet, international
  • Korea Disease Control and Prevention Agency (KDCA) – Leitfaden zur Skabies-Prävention und zum Skabies-Management 2024, Südkorea
  • Asociación Española de Pediatría de Atención Primaria (familiaysalud.es) – La sarna o escabiosis, Spanien
  • Japan Pediatric Society (Nihon Shōnika Gakkai) – Informationsseite zu Skabies, Japan