Reye Syndrom
Das Reye-Syndrom ist eine seltene, aber potenziell lebensbedrohliche Erkrankung, bei der es bei Kindern und Jugendlichen im Anschluss an einen fieberhaften Virusinfekt – am häufigsten Grippe oder Windpocken – innerhalb weniger Tage bis drei Wochen zu einer akuten Hirnschwellung bei gleichzeitiger Verfettung der Leber kommt. Betroffen sind praktisch ausschließlich Kinder, mit einem Erkrankungsgipfel zwischen dem 5. und 14. Lebensjahr; bei Erwachsenen ist das Reye-Syndrom eine große Ausnahme. Der entscheidende Auslöser ist seit den frühen 1980er-Jahren bekannt: die Gabe von Acetylsalicylsäure (ASS, Aspirin) an fiebernde Kinder während eines Virusinfekts. Seit Ärztinnen, Ärzte und Behörden weltweit konsequent davon abraten, ist das Reye-Syndrom in den USA, im Vereinigten Königreich und in den meisten Industrienationen von jährlich mehreren Hundert auf praktisch null gemeldete Fälle gesunken – eine der eindrücklichsten Erfolgsgeschichten der Kinderarzneimittelsicherheit überhaupt. Für Eltern bleibt trotzdem wichtig, die Warnzeichen zu kennen, konsequent auf ASS bei fiebernden Kindern zu verzichten und die eine medizinisch begründete Ausnahme – das Kawasaki-Syndrom – einordnen zu können.
So ist dieser Ratgeber aufgebaut
Grundlage dieses Artikels sind vor allem US-amerikanische Quellen (StatPearls/NCBI, CDC-Surveillancedaten, New England Journal of Medicine, National Organization for Rare Disorders NORD, National Reye's Syndrome Foundation), britische Quellen (National Health Service NHS, Royal College of Paediatrics and Child Health RCPCH mit den Beständen der ehemaligen National Reye's Syndrome Foundation UK), österreichische Quellen (Gesundheitsportal Österreich, österreichisches Kinderformularium Kindermedika.at) sowie ergänzend kanadische (Health Canada), japanische (Angaben zum Umgang mit fiebersenkenden Mitteln bei Influenza) und deutsche Quellen und eine Einordnung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Liste unentbehrlicher Arzneimittel. Die vollständige Liste finden Sie am Ende des Artikels.
Wenn Sie es eilig haben: Der Abschnitt „Alarmzeichen: Wann Sie sofort ärztliche Hilfe holen sollten" nennt die wichtigsten Notfallzeichen, der Abschnitt „Vorbeugung: Aspirin bei Kindern konsequent vermeiden" die praktisch wichtigste Regel für den Alltag. Warum Kinder mit Kawasaki-Syndrom trotzdem Aspirin bekommen, erklärt der Abschnitt „Die Ausnahme: Kawasaki-Syndrom und die WHO-Liste unentbehrlicher Arzneimittel".
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Er dient der Orientierung und der Vorbereitung auf das Gespräch in der kinderärztlichen Praxis. Ob ein Medikament für Ihr Kind Salicylate enthält, welches Fiebermittel im Einzelfall geeignet ist und wie Symptome bei Ihrem Kind einzuordnen sind, besprechen Sie bitte persönlich mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt beziehungsweise – im akuten Verdachtsfall – mit der nächsten Notaufnahme.
1. Was ist das Reye-Syndrom? Entdeckung und Krankheitsmechanismus
Das Reye-Syndrom ist eine akute, nicht-entzündliche Hirnschwellung (Enzephalopathie) in Kombination mit einer fettigen Verfettung der Leber (Steatose), die praktisch ausschließlich bei Kindern und Jugendlichen auftritt. Erstmals beschrieben wurde das Krankheitsbild 1963 vom australischen Pathologen Ralph Douglas Kenneth „Douglas" Reye gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen G. Morgan und J. Baral im Fachjournal The Lancet, unter dem Titel „Encephalopathy and fatty degeneration of the viscera: a disease entity in childhood". Die Arbeit beschrieb 21 Kinder im Alter von 5 Monaten bis 15 Jahren am Royal Alexandra Hospital for Children in Sydney, die nach einem meist harmlosen Virusinfekt innerhalb weniger Tage schwer erkrankten – mit einer Sterblichkeit von rund 80 % in dieser allerersten Fallserie (Faculty of Medicine and Health Online Museum and Archive, Universität Sydney, Australien). Nur wenige Monate später beschrieb der US-amerikanische Arzt G. M. Johnson unabhängig davon ganz ähnliche Fälle in den USA – die Erkrankung war also kein rein australisches Phänomen, sondern wurde nahezu zeitgleich auf zwei Kontinenten erkannt.
Pathophysiologisch steht eine plötzliche, generalisierte Schädigung der Mitochondrien im Mittelpunkt – jener Zellstrukturen, die als „Kraftwerke" der Zelle Energie liefern und Fettsäuren abbauen. Wird dieser Abbau blockiert, können mehrere Dinge gleichzeitig passieren: Ammoniak reichert sich im Blut an (Hyperammonämie), weil auch der in den Mitochondrien ablaufende Harnstoffzyklus gestört ist; es kommt zu einer Übersäuerung des Blutes (Laktatazidose); und nicht abgebaute Fettsäuren lagern sich tröpfchenförmig in den Leberzellen ein (mikrovesikuläre Steatose), ohne dass es – anders als bei den meisten anderen schweren Leberkrankheiten – zu einer auffälligen Gelbsucht kommt. Das erhöhte Ammoniak und die metabolische Entgleisung führen im Gehirn zu einer Schwellung der Stützzellen (Astrozyten) und in der Folge zu einem diffusen Hirnödem mit steigendem Hirndruck – definitionsgemäß ohne die für eine Gehirnentzündung (Enzephalitis) oder Hirnhautentzündung typischen Entzündungszeichen im Nervenwasser, weshalb man von einer „nicht-entzündlichen" Enzephalopathie spricht (StatPearls/NCBI, USA). Warum diese Kaskade fast ausschließlich Kinder betrifft, ist nicht abschließend geklärt; vermutet wird eine besondere Empfindlichkeit kindlicher Mitochondrien gegenüber Salicylaten während einer akuten Virusinfektion. Ausführliche, gut dokumentierte Fälle bei Erwachsenen gibt es nur vereinzelt – die publizierte Literatur zählt insgesamt nur eine niedrige zweistellige Zahl an gesicherten erwachsenen Reye-Fällen weltweit.
2. Ursache: der enge Zusammenhang mit Aspirin und Salicylaten
Die Entstehung des Reye-Syndroms ist nicht in allen Details geklärt, doch der Zusammenhang mit der Einnahme von Acetylsalicylsäure während eines fieberhaften Virusinfekts gilt seit den frühen 1980er-Jahren als der entscheidende, in großen epidemiologischen Studien mehrfach bestätigte Auslöser bei Kindern. Eine vielzitierte Auswertung des US-amerikanischen Fachportals StatPearls (National Center for Biotechnology Information, NCBI/NIH) fasst die Datenlage so zusammen: Weniger als 0,1 % aller Kinder, die während eines fieberhaften Infekts Aspirin erhalten, entwickeln tatsächlich ein Reye-Syndrom – umgekehrt hatten aber mehr als 80 % der Kinder mit gesichertem Reye-Syndrom in den vorangegangenen drei Wochen ASS eingenommen, und bei 82 % der Fälle ließen sich Salicylate auch direkt im Blut nachweisen. Fall-Kontroll-Studien aus den USA aus den frühen 1980er-Jahren, auf die sich unter anderem die US-amerikanische Fachgesellschaft für Familienmedizin (American Academy of Family Physicians, AAFP) beruft, fanden dabei ein deutlich, teils um mehr als das 20-Fache erhöhtes Reye-Risiko bei Kindern, die während eines fieberhaften Virusinfekts Salicylate erhielten – die genaue Höhe schwankt je nach Studie und Erhebungszeitraum.
Am häufigsten geht dem Reye-Syndrom laut US-amerikanischen CDC-Überwachungsdaten (ausgewertet für die Jahre 1980 bis 1997) eine Grippe (Influenza A oder B, rund 73 % der Fälle) oder eine Windpocken-Erkrankung (Varizellen, rund 21 %) voraus, seltener ein unspezifischer Magen-Darm-Infekt (rund 14 %) oder andere virale Erkrankungen wie Epstein-Barr-Virus-, Cytomegalie- oder Parainfluenza-Infektionen. Auch nach einer Grippe gilt daher: Kinder und Jugendliche sollten während des fieberhaften Infekts kein ASS-haltiges Mittel bekommen. Hersteller von Windpocken-Lebendimpfstoffen wie Varilrix empfehlen aus demselben Grund vorsorglich, in den sechs Wochen nach der Impfung auf Salicylate zu verzichten – das tatsächliche Risiko nach einer Impfung gilt jedoch als deutlich geringer als nach einer durchgemachten Windpocken-Erkrankung selbst, weil die Impfviren im Körper wesentlich schwächer replizieren als das Wildvirus.
Ein zweiter wichtiger Punkt, der in älteren Darstellungen des Reye-Syndroms oft zu kurz kommt: Nicht jede „Reye-artige" Krankheitskombination aus Hirnschwellung und Leberverfettung ist tatsächlich ein klassisches Reye-Syndrom. Das britische Royal College of Paediatrics and Child Health (RCPCH), das seit 2012 die Aufgaben der ehemaligen National Reye's Syndrome Foundation (NRSF) im Vereinigten Königreich übernommen hat, weist ausdrücklich darauf hin, dass mittlerweile 26 verschiedene angeborene Stoffwechselerkrankungen bekannt sind, die ein klinisch nahezu identisches Bild verursachen können – sogenannte „Reye-like syndromes". Dazu zählen vor allem Störungen der Fettsäureoxidation, Aminosäurestoffwechselstörungen, Kohlenhydratstoffwechselstörungen und Harnstoffzyklusdefekte. Drei dieser Erkrankungen – der Medium-Chain-Acyl-CoA-Dehydrogenase-Mangel (MCADD), die Ahornsirupkrankheit (MSUD) und die Isovalerianazidämie – werden im Vereinigten Königreich routinemäßig im Neugeborenen-Screening erfasst, wodurch viele dieser Kinder heute schon vor dem ersten Krankheitsschub identifiziert werden. Hinweise auf eine solche zugrunde liegende Stoffwechselerkrankung statt eines klassischen Reye-Syndroms sind laut RCPCH ein Erkrankungsbeginn vor dem 3. Lebensjahr, bereits frühere ähnliche Krankheitsepisoden, wiederholte Vorfälle bei demselben Kind oder ein plötzlicher Säuglingstod in der Familienanamnese. Einen Überblick über verwandte, in Österreich im Neugeborenenscreening erfasste angeborene Stoffwechselerkrankungen bieten unsere Ratgeber zu Aminoazidopathien und zur Ahornsirupkrankheit.
3. Wie häufig ist das Reye-Syndrom? Internationaler Vergleich
Bevor der Zusammenhang mit Aspirin bekannt war, war das Reye-Syndrom keine Randerscheinung: In den USA wurden dem Centers for Disease Control and Prevention (CDC) zwischen 1974 und 1984 jährlich zwischen 200 und 550 Fälle gemeldet, mit einem historischen Höchststand von 555 gemeldeten Fällen im Jahr 1980. Ab 1980 warnten CDC und die US-Arzneimittelbehörde FDA öffentlich vor der Aspirin-Gabe bei fiebernden Kindern, 1982 folgte eine Erklärung des Surgeon General, ab 1986 wurde ein Warnhinweis auf allen aspirinhaltigen Präparaten gesetzlich vorgeschrieben. Die Fallzahlen brachen daraufhin regelrecht ein: 1985/86 lag der Schnitt bei knapp 100 Fällen pro Jahr, zwischen 1987 und 1993 wurden nie mehr als 36 Fälle pro Jahr gemeldet, zwischen 1991 und 1994 entsprach das einer Häufigkeit von nur noch 0,2 bis 1,1 Fällen pro einer Million Kinder unter 18 Jahren. Seit 1994 werden in den gesamten USA im Schnitt weniger als zwei Fälle pro Jahr registriert (StatPearls/NCBI; New England Journal of Medicine, Auswertung 1981–1997).
Auch im Vereinigten Königreich zeigte sich derselbe Effekt, zeitlich leicht versetzt: Nach einer Fallserienstudie aus Belfast und London sank die Zahl der gemeldeten Fälle von einem Höchststand von 79 Fällen im Jahr 1983/84 (andere britische Quellen sprechen von „nahezu 100 Fällen" 1984) auf nur noch 19 Fälle 1988/89 – begleitet von einem 17-fachen Rückgang der Aspirin-Verordnung bei fiebernden Kindern im selben Zeitraum. Die landesweite Inzidenz fiel von 0,63 Fällen pro 100.000 Kindern (1983/84) auf 0,11 Fälle pro 100.000 (1990/91), ein Rückgang um mehr als 80 % (StatPearls/NCBI, mit Bezug auf britische Originaldaten). Das RCPCH bestätigt: Der letzte gesicherte Fall eines „klassischen" Reye-Syndroms im Vereinigten Königreich wurde im April 2002 registriert; zwischen 2003 und 2009 identifizierte die Arzneimittelsicherheitsbehörde MHRA über ihr Nebenwirkungs-Meldesystem noch drei Fälle von Reye-Syndrom oder Reye-ähnlichen Erkrankungen in England und Wales – seither wird keine aktive nationale Überwachung mehr betrieben, weil die Erkrankung praktisch verschwunden ist.
| Land/Region | Historischer Höchststand | Heutiger Stand | Quelle |
|---|---|---|---|
| USA | 555 Fälle im Jahr 1980 (200–550 Fälle/Jahr 1974–1984) | Weniger als 2 Fälle/Jahr seit 1994 | CDC/StatPearls, NCBI, USA |
| Vereinigtes Königreich | Je nach Quelle rund 79–100 Fälle/Jahr 1983/84 | Letzter klassischer Fall 2002; 2003–2009 nur 3 Fälle (auch Reye-like); seither keine aktive Überwachung | RCPCH/National Reye's Syndrome Foundation, Vereinigtes Königreich |
| Kanada | Keine gesonderte nationale Zählung dokumentiert | Gesetzlich vorgeschriebener ASS-Warnhinweis seit 2013 auf allen Produkten | Health Canada, Kanada, 2013 |
| Australien | Ursprungsland der Erstbeschreibung 1963 (21 Fälle, Sydney); Folgestudie 1973–1982 mit 26 Fällen am Kinderspital Camperdown | Keine aktuellen nationalen Meldezahlen bekannt | Universität Sydney/historische Fallserien, Australien |
| Deutschland/Österreich | Keine gesonderte Meldepflicht bekannt | Gilt als Einzelfallgeschehen, laut einer Sekundärquelle unter 0,1 Fälle pro 1 Million Kinder/Jugendliche pro Jahr | DocCheck Flexikon, Deutschland (Sekundärquelle, in Anlehnung an internationale Daten) |
| Japan | Aspirin bei Kindern historisch ohnehin selten verordnet | Klassisches Reye-Syndrom eine Rarität; eigene Debatte um Influenza-assoziierte Enzephalopathie und bestimmte Fiebersenker (siehe eigener Abschnitt) | Fachliteratur zu Influenza-assoziierter Enzephalopathie, Japan |
Die Zahlen aus mehreren, methodisch unabhängigen Ländern zeigen also dasselbe Muster: Sobald Aspirin bei fiebernden Kindern konsequent gemieden wird, verschwindet das Reye-Syndrom nahezu vollständig – ein seltenes Beispiel dafür, wie direkt eine einzelne Verhaltensänderung bei Eltern und verordnenden Ärztinnen und Ärzten die Häufigkeit einer schweren Erkrankung beeinflussen kann.
4. Symptome bei Kindern: Verlauf in Stadien und altersabhängige Besonderheiten
Tückisch am Reye-Syndrom ist der zeitliche Verlauf: Die Erkrankung beginnt typischerweise erst, wenn die eigentliche Viruserkrankung schon am Abklingen oder sogar bereits überstanden ist – das Kind ist zu diesem Zeitpunkt oft schon wieder fieberfrei und scheinbar auf dem Weg der Besserung. Nach StatPearls/NCBI setzen die ersten Anzeichen meist 3 bis 6 Tage nach Beginn des auslösenden Virusinfekts ein, nach anderen Quellen (NHS, Vereinigtes Königreich) kann der Abstand auch bis zu drei Wochen betragen. Der Krankheitsverlauf lässt sich in fünf zunehmend schwere Stadien einteilen, die sich klinisch fließend ineinander entwickeln können:
| Stadium | Typisches klinisches Bild |
|---|---|
| I – Beginn | Plötzliches, heftiges und anhaltendes Erbrechen, Mattigkeit, auffällige Reizbarkeit oder Aggressivität, beginnende Verwirrtheit |
| II – Fortschreitend | Zunehmende Bewusstseinstrübung, Orientierungsstörung, gesteigerte Reflexe (Hyperreflexie), schnelle/angestrengte Atmung (Hyperventilation), beschleunigter Herzschlag |
| III – Schwer | Beginnende Bewusstlosigkeit (Stupor bis Koma), abnorme Beugehaltung (dekortikative Körperhaltung) |
| IV – Kritisch | Tiefes Koma, weite und lichtstarre Pupillen, abnorme Streckhaltung (dezerebrierte Körperhaltung) |
| V – Lebensbedrohlich | Krampfanfälle, schlaffe Lähmung, Atemstillstand |
Bei rund der Hälfte der betroffenen Kinder lässt sich eine vergrößerte Leber (Hepatomegalie) tasten; eine sichtbare Gelbsucht ist dagegen – anders als bei vielen anderen schweren Leberkrankheiten – untypisch, weil die Leberschädigung vor allem in Form einer Verfettung und weniger als klassische Gallenstauung erfolgt. Laboruntersuchungen zeigen meist deutlich erhöhte Leberwerte (mindestens auf das Dreifache des oberen Normwerts), erhöhtes Ammoniak im Blut, eine verlängerte Blutgerinnungszeit sowie – besonders bei jüngeren Kindern – eine ausgeprägte Unterzuckerung.
Zum Alter: Nach US-amerikanischen CDC-Daten liegt der Erkrankungsgipfel zwischen dem 5. und 14. Lebensjahr (Median 6, Mittelwert 7 Jahre), wobei rund 13,5 % der gemeldeten Fälle jünger als ein Jahr waren. Bei sehr jungen Kindern und Säuglingen kann sich das Reye-Syndrom untypischer präsentieren als bei Schulkindern – insbesondere die Unterzuckerung tritt bei kleinen Kindern häufiger und ausgeprägter auf, weil ihre Glykogenreserven in der Leber geringer sind. Bei Kindern unter 3 Jahren mit einem Reye-artigen Krankheitsbild denken Kinderärztinnen und Kinderärzte deshalb besonders konsequent an eine der oben erwähnten angeborenen Stoffwechselerkrankungen als eigentliche Ursache, statt vorschnell von einem klassischen, aspirinassoziierten Reye-Syndrom auszugehen.
Alarmzeichen: Wann Sie sofort ärztliche Hilfe holen sollten
- Kein Aspirin/ASS bei fieberhaften Virusinfekten: Kindern und Jugendlichen mit Windpocken, Grippe oder anderen fieberhaften Virusinfekten kein acetylsalicylsäurehaltiges Mittel geben – auch nicht „nur einmal" und auch nicht in Kombipräparaten (manche Magen-Darm- oder Erkältungsmittel enthalten ebenfalls Salicylate). Im Zweifel in der Apotheke nachfragen.
- Anhaltendes, nicht zu stillendes Erbrechen bei einem Kind, das gerade einen Virusinfekt durchmacht oder erst kürzlich hatte – besonders, wenn das Kind eigentlich schon wieder fieberfrei war
- Ungewöhnliche Schläfrigkeit, Verwirrtheit, Wesensveränderung, auffällige Reizbarkeit oder Aggressivität
- Krampfanfälle oder zunehmende Bewusstseinstrübung
- Schnelle, angestrengte Atmung oder ein deutlich beschleunigter Puls
Bei diesen Anzeichen zählt jede Stunde: sofort die Kinderärztin oder den Kinderarzt kontaktieren, oder direkt die nächste Kinderklinik-Notaufnahme aufsuchen beziehungsweise den Rettungsdienst (144) rufen. Sowohl NHS als auch RCPCH betonen: Je früher die Erkrankung erkannt und behandelt wird, desto besser die Prognose.
6. Diagnostik und Abgrenzung zu „Reye-like"-Stoffwechselerkrankungen
Es gibt keinen einzelnen Test, der ein Reye-Syndrom beweist – die Diagnose stützt sich auf das klinische Bild in Kombination mit Laborwerten und dem Ausschluss anderer Ursachen. Die 1990 formulierte, bis heute als Referenz zitierte CDC-Falldefinition verlangt drei Kernkriterien gleichzeitig: erstens eine akute Bewusstseinsveränderung, wobei bei einer Nervenwasseruntersuchung (Liquorpunktion) höchstens 8 weiße Blutkörperchen pro Mikroliter nachweisbar sein dürfen (zur Abgrenzung von einer infektiösen Hirnhaut- oder Gehirnentzündung); zweitens ein Nachweis der Leberbeteiligung, entweder durch eine mindestens dreifache Erhöhung der Leberwerte (AST/ALT) oder des Ammoniakspiegels im Blut, gegebenenfalls bestätigt durch eine Leberbiopsie mit dem typischen Bild einer mikrovesikulären Verfettung ohne Entzündungszeichen; und drittens, dass es keine plausiblere andere Erklärung für die kombinierte Hirn- und Leberschädigung gibt.
Genau dieser dritte Punkt – der Ausschluss anderer Ursachen – hat in den vergangenen Jahrzehnten stark an Bedeutung gewonnen. Eine britische Untersuchung von 418 ursprünglich als Reye-Syndrom gemeldeten Fällen ergab, dass bei 89 Fällen die Diagnose im Nachhinein revidiert werden musste – am häufigsten (in 31 der 89 revidierten Fälle, rund 36 %) stellte sich eine angeborene Stoffwechselerkrankung als eigentliche Ursache heraus (Studie aus Belfast/London, publiziert in einer britischen Fachzeitschrift für Kinderheilkunde). Das erklärt, warum moderne diagnostische Abklärung bei Verdacht auf ein Reye-Syndrom immer auch eine Stoffwechseluntersuchung (Bestimmung organischer Säuren im Urin, Acylcarnitin-Profil im Blut) umfasst, um Erkrankungen wie den Medium-Chain-Acyl-CoA-Dehydrogenase-Mangel (MCADD), Harnstoffzyklusdefekte, Organoazidopathien oder die Ahornsirupkrankheit zuverlässig auszuschließen. In Österreich werden mehrere dieser angeborenen Stoffwechselerkrankungen bereits im Neugeborenenscreening im Rahmen des Eltern-Kind-Passes erfasst, wodurch ein Teil der betroffenen Kinder schon vor dem ersten schweren Krankheitsschub identifiziert wird – ähnlich wie im Vereinigten Königreich, wo MCADD, MSUD und Isovalerianazidämie seit Langem Teil des landesweiten Neugeborenen-Screenings sind.
7. Behandlung: intensivmedizinische Therapie
Eine gezielt gegen die Ursache wirkende Therapie gibt es beim Reye-Syndrom bis heute nicht – behandelt werden ausschließlich die Symptome und Organfunktionsstörungen, grundsätzlich auf einer Kinderintensivstation. Im Vordergrund stehen laut StatPearls/NCBI und RCPCH mehrere parallel laufende Maßnahmen:
- Blutzucker: intravenöse Gabe von Glukose, um eine gefährliche Unterzuckerung zu vermeiden beziehungsweise auszugleichen (Zielbereich meist 100–120 mg/dl)
- Säure-Basen-Haushalt und Kreislauf: Ausgleich einer Übersäuerung des Blutes (Laktatazidose), Flüssigkeits- und Elektrolytgabe über die Vene, engmaschige Überwachung von Herzfrequenz, Blutdruck, Atmung und Körpertemperatur
- Ammoniak: bei stark erhöhten Werten Gabe ammoniaksenkender Medikamente, in schweren Fällen auch eine Blutwäsche (Hämodialyse)
- Blutgerinnung: Gabe von Gerinnungsfaktoren, gefrorenem Frischplasma oder Vitamin K bei nachgewiesener Gerinnungsstörung
- Hirndruck: Hochlagerung des Kopfes, konsequente Fiebersenkung, harntreibende und hirndrucksenkende Medikamente, in schweren Fällen Hirndruckmessung, Beatmung und tiefe Sedierung
- Krampfanfälle: vorbeugende oder akute Gabe krampflösender Medikamente
Je früher die Erkrankung erkannt und intensivmedizinisch behandelt wird, desto besser die Aussichten. Sobald die Hirnschwellung zurückgeht, normalisieren sich die übrigen Organfunktionen laut RCPCH meist innerhalb weniger Tage, auch wenn der gesamte Krankenhausaufenthalt sich über mehrere Wochen hinziehen kann.
8. Verlauf, Komplikationen und Prognose
Die Sterblichkeit des Reye-Syndroms ist im Lauf der Jahrzehnte durch frühere Diagnose und moderne Intensivmedizin dramatisch gesunken: In der allerersten von Douglas Reye 1963 beschriebenen Fallserie starben noch rund 80 % der Kinder; heute liegt die Sterblichkeit laut StatPearls/NCBI bei insgesamt noch etwa 20 %, wobei sie stark vom Stadium bei Diagnosestellung abhängt – bei leichten Verläufen (Stadium I–II) deutlich niedriger, bei tiefem Koma (Stadium IV–V) dagegen deutlich höher liegend, in älteren Stadien-Auswertungen mit unter 2 % gegenüber über 80 %. Unter den überlebenden Kindern erholt sich nach US-amerikanischen Angaben rund zwei Drittel vollständig; bei einem Teil der übrigen Kinder bleiben je nach Ausmaß der Hirnschädigung neurologische Folgen zurück, von leichten Lern- oder Sprachschwierigkeiten bis zu ausgeprägteren dauerhaften Beeinträchtigungen. Alle Kinder, die ein Reye-Syndrom durchgemacht haben, sollten deshalb nach dem Krankenhausaufenthalt konsequent zu entwicklungsneurologischen Nachuntersuchungen gehen, um mögliche Folgen frühzeitig zu erkennen und gezielt zu fördern. Ein erneutes Auftreten eines echten, klassischen Reye-Syndroms bei demselben Kind ist nach Angaben des RCPCH extrem selten – wiederholte Episoden sprechen im Gegenteil eher für eine der oben genannten zugrunde liegenden Stoffwechselerkrankungen.
9. Vorbeugung: Aspirin bei Kindern konsequent vermeiden
Die wichtigste vorbeugende Maßnahme ist denkbar einfach zu formulieren, auch wenn sie in der Praxis Aufmerksamkeit erfordert: Kinder und Jugendliche sollten bei fieberhaften Virusinfekten kein acetylsalicylsäurehaltiges Mittel erhalten. Wie genau diese Regel formuliert wird – insbesondere die Altersgrenze –, unterscheidet sich international allerdings spürbar, wie die folgende Übersicht zeigt:
| Land/Region | Altersgrenze/Empfehlung | Quelle |
|---|---|---|
| Vereinigtes Königreich | Kein ASS unter 16 Jahren, außer ausdrücklich ärztlich verordnet | NHS/RCPCH, Vereinigtes Königreich |
| USA | Kein ASS-haltiges Mittel bei fieberhaften Erkrankungen unter 19 Jahren | CDC/FDA/American Academy of Family Physicians, USA |
| Kanada | Kein ASS bei Windpocken-, Erkältungs- oder Grippesymptomen unter 18 Jahren ohne ärztliche/pharmazeutische Rücksprache | Health Canada, 2013 |
| Österreich | ASS bei fieberhaften Virusinfekten im Kindes- und Jugendalter nur nach ausdrücklicher ärztlicher Verordnung; laut Kinderformularium nur für definierte Ausnahmeindikationen wie das Kawasaki-Syndrom oder die Thromboseprophylaxe eingesetzt | Kindermedika.at (österreichisches Kinderformularium), Österreich |
| Deutschland | Fachinformationen warnen seit rund 30 Jahren einheitlich: „Acetylsalicylsäure soll bei Kindern und Jugendlichen mit fieberhaften Erkrankungen nur nach ärztlichem Rat angewendet werden" | Zusammengefasst nach deutschsprachigen Fachportalen, Deutschland |
Konkret bedeutet das für den Familienalltag: Als Fiebersenker eignen sich für Kinder Paracetamol oder Ibuprofen – Dosierung immer nach Körpergewicht, wie es zum Beispiel die Beipackzettel von Benuron oder Ibuprofen Genericon beschreiben. Wie Sie die Körpertemperatur Ihres Kindes korrekt messen, damit sich die richtige Dosierung und der Krankheitsverlauf zuverlässig einschätzen lassen, erklärt unser Ratgeber So messen Sie Ihr Kind richtig; allgemeine, nach Alter gestaffelte Informationen rund um Fieber bei Kindern finden Sie unter Fieber bei Kindern. Wichtig ist außerdem der Blick auf den Beipackzettel: Auch manche Kombinationspräparate gegen Erkältungs- oder Magen-Darm-Beschwerden enthalten Salicylate, die auf den ersten Blick nicht als „Aspirin" erkennbar sind – im Zweifel lohnt sich die kurze Nachfrage in der Apotheke.
10. Die Ausnahme: Kawasaki-Syndrom und die WHO-Liste unentbehrlicher Arzneimittel
Angesichts dieser weltweit einheitlichen Warnung stellt sich eine berechtigte Frage: Warum führt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Acetylsalicylsäure dann überhaupt noch auf ihrer Liste unentbehrlicher Arzneimittel (Model List of Essential Medicines), die eigens definiert, welche Medikamente ein Gesundheitssystem mindestens vorhalten sollte? Die Antwort liegt in den auf dieser Liste ausdrücklich genannten Indikationen: Neben der Schmerz- und Fiebertherapie bei Erwachsenen sowie der Verwendung als Thrombozytenhemmer nach Herzinfarkt oder Schlaganfall führt die WHO Acetylsalicylsäure explizit auch für das akute rheumatische Fieber, die juvenile idiopathische Arthritis und das „mucocutaneous lymph node syndrome" – die englische Fachbezeichnung für das Kawasaki-Syndrom – als anerkannte Indikation (WHO Model List of Essential Medicines, laufend aktualisiert). Aspirin bleibt also nicht trotz, sondern gewissermaßen mit voller Kenntnis des Reye-Risikos auf der Liste, weil es für diese eng umgrenzten Krankheitsbilder einen klar belegten, durch nichts anderes gleichwertig zu ersetzenden Nutzen hat.
Beim Kawasaki-Syndrom – einer seltenen, fieberhaften Gefäßentzündung, die vor allem Kinder unter fünf Jahren betrifft – ist Acetylsalicylsäure seit den 1970er-Jahren fester Bestandteil der Standardtherapie neben hochdosierten Immunglobulinen. Historische japanische Vergleichsstudien aus jener Zeit zeigten, dass ein Jahr nach der Erkrankung nur rund 1 % der mit Aspirin behandelten Kinder noch Veränderungen an den Herzkranzgefäßen aufwiesen, gegenüber 9 bis 12 % in Vergleichsgruppen mit anderen entzündungshemmenden Medikamenten. Das österreichische Kinderformularium (Kindermedika.at) nennt für diese Indikation eine hochdosierte Initialtherapie von 30 bis 50 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, die nach Abklingen von Fieber und Entzündungswerten auf eine niedrig dosierte Erhaltungstherapie von 3 bis 5 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag reduziert wird – und weist dabei ausdrücklich, direkt neben der Dosierungsanleitung, auf das Reye-Risiko hin: „Reye-Syndrom wurde bei Kindern mit Virusinfektionen beobachtet, die Acetylsalicylsäure erhielten. In solchen Situationen sollte Acetylsalicylsäure nur verabreicht werden, wenn alle Alternativen wirkungslos geblieben sind."
Kinder, die wegen eines Kawasaki-Syndroms oder aus anderen medizinischen Gründen dauerhaft niedrig dosiertes Aspirin einnehmen, werden deshalb besonders engmaschig betreut: Eine jährliche Grippeimpfung wird empfohlen, und Eltern sollen sich bei ersten Anzeichen einer Grippe oder von Windpocken umgehend an die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt wenden, damit die Aspirin-Therapie im Bedarfsfall vorübergehend pausiert oder auf ein Alternativpräparat umgestellt werden kann. Mehr zum Krankheitsbild selbst, den Warnzeichen und der Behandlung lesen Sie in unserem ausführlichen Ratgeber Kawasaki-Syndrom.
11. Japan und Ostasien: ein eigener Sonderweg bei fiebersenkenden Mitteln
International lohnt sich außerdem ein Blick nach Japan, weil dort ein etwas anderes historisches Muster zu beobachten ist. Acetylsalicylsäure wird in Japan bei Kindern als Fiebersenker traditionell deutlich seltener eingesetzt als in Europa oder Nordamerika – ein klassisches, aspirinassoziiertes Reye-Syndrom war dort entsprechend schon vor den internationalen Warnungen der 1980er-Jahre eine Rarität. Stattdessen wurden in Japan über viele Jahre andere fiebersenkende Wirkstoffe bevorzugt, insbesondere die nichtsteroidalen Entzündungshemmer Diclofenac-Natrium und Mefenaminsäure. Genau diese beiden Wirkstoffe gerieten jedoch Ende der 1990er-Jahre in einen eigenen, von Reye zu unterscheidenden Zusammenhang: Bei Kindern mit einer sogenannten Influenza-assoziierten Enzephalopathie – einem eigenständigen, in Japan besonders gut untersuchten Krankheitsbild mit ebenfalls schwerer Hirnbeteiligung im Rahmen einer Grippe – zeigte sich unter Diclofenac und Mefenaminsäure eine deutlich erhöhte Sterblichkeit. Das japanische Gesundheitsministerium (MHLW) reagierte darauf mit gezielten Anwendungsbeschränkungen: Diclofenac wurde 2000, Mefenaminsäure 2001 für den Einsatz bei fiebernden Kindern mit Verdacht auf Influenza eingeschränkt beziehungsweise nicht mehr empfohlen. Als bevorzugtes Fiebermittel gilt seither auch in Japan Paracetamol.
Für Eltern in Österreich ist diese japanische Entwicklung vor allem als Beleg dafür interessant, dass die Reye-Syndrom-Warnung kein Einzelfall ist: Verschiedene Länder haben unabhängig voneinander gelernt, dass bestimmte fiebersenkende Wirkstoffe bei Kindern mit bestimmten Virusinfekten mit einem erhöhten Risiko für schwere neurologische Komplikationen einhergehen können – auch wenn es sich beim japanischen Diclofenac/Mefenaminsäure-Problem und beim klassischen, aspirinassoziierten Reye-Syndrom um zwei unterschiedliche, nicht deckungsgleiche Krankheitsbilder handelt. Diclofenac und Mefenaminsäure spielen in der österreichischen Kinderheilkunde als Fiebersenker ohnehin praktisch keine Rolle; hierzulande gelten Paracetamol und Ibuprofen als Mittel der Wahl (siehe auch unseren Ratgeber Fieber bei Kindern).
12. Häufige Fragen von Eltern
Darf mein Kind Ibuprofen oder Paracetamol bekommen, wenn es Fieber hat?
Ja. Sowohl Paracetamol als auch Ibuprofen gelten für Kinder als sichere, gut untersuchte Fiebersenker und sind nicht mit dem Reye-Syndrom in Verbindung gebracht worden. Wichtig ist eine gewichtsadaptierte Dosierung – Details dazu finden Sie in den jeweiligen Beipackzetteln sowie in unserem Ratgeber Fieber bei Kindern.
Wie erkenne ich, ob ein Medikament Aspirin oder Salicylate enthält?
Suchen Sie auf der Packung und im Beipackzettel nach den Begriffen „Acetylsalicylsäure", „ASS" oder „Salicylat" beziehungsweise „Salicylsäure". Diese Wirkstoffe stecken nicht nur in klassischen Kopfschmerztabletten, sondern gelegentlich auch in Kombinationspräparaten gegen Erkältung oder Magen-Darm-Beschwerden. Im Zweifel hilft die kurze Nachfrage in der Apotheke oder in der Kinderarztpraxis.
Mein Kind hat aus Versehen einmal ASS bekommen, während es Fieber hatte. Muss ich jetzt in Panik geraten?
Nein, aber Aufmerksamkeit ist angebracht. Weniger als 0,1 % der Kinder, die während eines fieberhaften Infekts Aspirin erhalten, entwickeln tatsächlich ein Reye-Syndrom – das absolute Risiko nach einer einzelnen versehentlichen Einnahme ist also gering. Beobachten Sie Ihr Kind in den folgenden Tagen dennoch aufmerksam auf die im Abschnitt „Alarmzeichen" genannten Symptome, insbesondere anhaltendes Erbrechen, ungewöhnliche Schläfrigkeit oder Verwirrtheit, und kontaktieren Sie im Zweifel Ihre Kinderärztin oder Ihren Kinderarzt.
Ist das Reye-Syndrom ansteckend?
Nein. Das Reye-Syndrom selbst ist keine ansteckende Erkrankung. Ansteckend ist lediglich der vorausgehende Virusinfekt – etwa Grippe oder Windpocken –, der beim jeweiligen Kind unter bestimmten Umständen (insbesondere bei gleichzeitiger Aspirin-Gabe) das Reye-Syndrom auslösen kann.
Warum bekommt mein Kind mit Kawasaki-Syndrom trotzdem Aspirin, obwohl ich überall lese, dass ASS bei Kindern tabu ist?
Weil das Kawasaki-Syndrom eine der wenigen medizinisch klar belegten Ausnahmen ist, bei denen der Nutzen von Aspirin für die Herzkranzgefäße das ohnehin geringe Reye-Risiko deutlich überwiegt. Die Behandlung erfolgt dabei stets unter engmaschiger ärztlicher Kontrolle, mit besonderer Wachsamkeit für Anzeichen einer Grippe oder von Windpocken während der Aspirin-Therapie. Details finden Sie im Abschnitt „Die Ausnahme: Kawasaki-Syndrom" sowie in unserem separaten Ratgeber Kawasaki-Syndrom.
Kann ein Erwachsener auch ein Reye-Syndrom bekommen?
Das ist möglich, aber extrem selten – in der medizinischen Fachliteratur sind insgesamt nur wenige Dutzend gesicherte Fälle bei Erwachsenen dokumentiert, meist im Zusammenhang mit einer Virusinfektion und gleichzeitiger Salicylat-Einnahme sowie mitunter einer bis dahin unerkannten Stoffwechselerkrankung. Für die kinderärztliche Praxis bleibt das Reye-Syndrom aber ganz überwiegend ein Thema des Kindes- und Jugendalters.
13. Quellen
- Reye Syndrome – StatPearls, National Center for Biotechnology Information (NCBI)/National Institutes of Health (NIH), USA, laufend aktualisiert
- Reye's Syndrome in the United States from 1981 through 1997 – New England Journal of Medicine (NEJM), USA, 1999
- Trends in the incidence of Reye's syndrome and the use of aspirin – britische Fallserienstudie (Belfast/London), Vereinigtes Königreich, 1994
- Reye's syndrome – National Health Service (NHS), Vereinigtes Königreich
- About Reye's syndrome: Causes, Signs and symptoms, Reye-like syndromes, After diagnosis, About us – Royal College of Paediatrics and Child Health (RCPCH), in Fortführung der National Reye's Syndrome Foundation (NRSF), Vereinigtes Königreich
- Reye-Syndrom – Gesundheitsportal Österreich (gesundheit.gv.at), Österreich
- Acetylsalicylsäure – Monographie – Kindermedika.at (österreichisches Kinderformularium), Österreich
- Updated labelling information for acetylsalicylic acid (ASA) products – Health Canada, Kanada, 2013
- Reye Syndrome – Symptoms, Causes, Treatment – National Organization for Rare Disorders (NORD), USA
- Reye syndrome – Genetic and Rare Diseases Information Center (GARD), National Institutes of Health (NIH), USA
- National Reye's Syndrome Foundation, Inc., gegründet 1974, Bryan/Ohio, USA
- Reye Syndrome Surveillance – Morbidity and Mortality Weekly Report (MMWR), Centers for Disease Control and Prevention (CDC), USA
- Reye, Ralph Douglas Kenneth – Faculty of Medicine and Health Online Museum and Archive, University of Sydney, Australien
- Aspirin Use in Children for Fever or Viral Syndromes – American Academy of Family Physicians (AAFP), USA, 2009
- Aspirin Dose and Treatment Outcomes in Kawasaki Disease: A Historical Control Study in Japan – wissenschaftliche Kohortenstudie, Japan
- Model List of Essential Medicines – Eintrag Acetylsalicylic acid – Weltgesundheitsorganisation (WHO), laufend aktualisiert
- Fachliteratur zur Influenza-assoziierten Enzephalopathie und zu Anwendungsbeschränkungen für Diclofenac und Mefenaminsäure durch das Ministry of Health, Labour and Welfare (MHLW), Japan
- Reye-Syndrom – DocCheck Flexikon, Deutschland
- Reye-Syndrom – Wikipedia-Fachredaktion, Deutschland (als eine von mehreren Sekundärquellen)
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