Wie österreichische Familien den Beikoststart tatsächlich handhaben, und der schrittweise Aufbau: die ersten Tage ganz konkret, eine Milchmahlzeit nach der anderen, Gluten in kleinen Mengen.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Er dient der Orientierung und der Vorbereitung auf das Gespräch in der kinderärztlichen Praxis – etwa im Rahmen der Eltern-Kind-Pass-Untersuchungen. Für Frühgeborene, für Kinder mit Gedeihstörung, chronischer Erkrankung oder bereits bekannter Nahrungsmittelallergie gelten eigene Regeln, die individuell festgelegt werden müssen. Besprechen Sie den Beikoststart in diesen Fällen bitte immer persönlich.

10 Was Eltern tatsächlich tun

Empfehlungen sind das eine, der Familienalltag das andere. Die Daten dazu sind aufschlussreich – und für Österreich erfreulich.

Österreich hält sich weitgehend an die Empfehlung

Die SUKIE-Studie, die bislang einzige österreichweit repräsentative Erhebung zum Thema (1.214 Mütter, Erhebung 2019 mit Nachbefragungen bis zum zwölften Monat), ergab: Das mediane Alter beim Beikoststart lag bei 22 Wochen – also mitten im empfohlenen Fenster, näher an der Mitte als am Rand. 82,3 % der Familien starteten innerhalb der 17. bis 26. Woche; 9,9 % begannen vor der 17. Woche, also zu früh; die übrigen später.

Wie viele Kinder bekommen Beikost vor dem 5. Lebensmonat?

Anteil der Säuglinge, bei denen die Beikost vor vier vollendeten Monaten (17 Wochen) begonnen wurde – also vor der Untergrenze aller Leitlinien.

30 % 20 % 10 % 27,8 % 16,3 % 9,9 % 6,8 % 4,0 % 1,3 % Kanada USA Österreich Südkorea Frankreich Japan Québec-Kohorte NHANES SUKIE 2019 Vorsorgedaten Epifane 2021 MHLW 2015 Erhebungen unterschiedlicher Jahre und Methoden – die Werte sind Größenordnungen, keine exakten Ränge.
Auffällig: Japan und Frankreich – also gerade die beiden Länder mit den frühesten offiziellen Startfenstern – haben die niedrigsten Raten eines verfrühten Beginns. Ein klar benanntes Fenster scheint besser zu wirken als ein Verbot ohne Alternative.

Die Kluft beim Stillen

Beim zweiten Teil der Empfehlung – dem ausschließlichen Stillen – klaffen Anspruch und Wirklichkeit in Mitteleuropa dagegen weit auseinander. In Österreich werden 97,5 % der Kinder zumindest anfangs gestillt, und mit vier Monaten werden noch 30,5 % ausschließlich gestillt. Mit sechs Monaten sind es nach der SUKIE-Studie allerdings nur noch 1,9 %. Nach dem international gebräuchlichen WHO-Indikator – dem Anteil der Säuglinge unter sechs Monaten, die ausschließlich gestillt werden – liegt Österreich bei 9,0 %.

Ausschließliches Stillen unter sechs Monaten im Ländervergleich

Der globale Durchschnitt lag 2022 bei 48 %. Die Weltgesundheitsversammlung hat 2025 als Ziel für 2030 mindestens 60 % festgelegt.

Weltschnitt 48 % WHO-Ziel 60 % Indien 63,7 % Brasilien 45,8 % Philippinen 40,9 % Ägypten 40,2 % Kanada 38,0 % Japan 37,4 % Mexiko 33,6 % USA 29,8 % Ver. Königreich 26,0 % Israel 22,2 % Saudi-Arabien 15,5 % Österreich 9,0 % Südkorea 8,8 % Deutschland 8,3 % 0 20 % 40 % 60 % Nationale Erhebungen 2015–2025; Erhebungsmethoden und Altersfenster unterscheiden sich teilweise.
Wichtige Einschränkung: Für wohlhabende Länder fehlen die international harmonisierten Erhebungen; die Werte stammen dort aus nationalen Studien mit unterschiedlichen Definitionen. Der Vergleich zeigt Größenordnungen, keine millimetergenauen Ränge. Der Befund selbst ist aber robust: Reiche Länder stillen kürzer ausschließlich als ärmere.

Dieses Muster – hohe Stillbeginn-Raten, aber ein rascher Abfall in den ersten Monaten – zieht sich durch fast alle wohlhabenden Länder. Es hat wenig mit dem Beikostalter zu tun und viel mit Rahmenbedingungen: Rückkehr in den Beruf, Stillberatung nach der Entlassung, sozialer Gradient. In Österreich zeigt die SUKIE-Studie einen deutlichen Bildungsunterschied: Mit vier Monaten stillen 51,9 % der Mütter mit hoher Bildung ausschließlich, aber nur 35,1 % der Mütter mit niedriger Bildung. Ein Haushaltsnettoeinkommen unter 2.500 Euro ist mit einem rund 80 % höheren Risiko für frühe Zufütterung verbunden.

Was diese Zahlen für Sie bedeuten – und was nicht

Sie bedeuten nicht, dass Sie etwas falsch machen, wenn Ihr Kind mit vier Monaten nicht mehr ausschließlich gestillt wird. Sie zeigen, dass die allermeisten Familien in Österreich den Beikoststart gut treffen – und dass das Stillen dort scheitert, wo Unterstützung fehlt, nicht dort, wo Eltern es nicht wollen. Wenn Sie weiterstillen möchten und auf Schwierigkeiten stoßen, sprechen Sie uns an: Stillberatung ist Teil unseres Angebots.

11 Der Fahrplan für die ersten Monate

Die österreichischen Empfehlungen sehen einen schrittweisen Aufbau vor: Etwa alle vier Wochen wird eine Milchmahlzeit durch eine Beikostmahlzeit ersetzt. Das gibt dem Kind Zeit, sich an Geschmack und Konsistenz zu gewöhnen, und Ihnen die Möglichkeit, Unverträglichkeiten zu bemerken.

SchrittMahlzeitWas hineingehörtWarum
1. Brei
(ab Start)
Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei, meist mittags Gemüse, Kartoffeln, Fleisch oder Fisch, hochwertiges Öl, ein Schuss Vitamin-C-reicher Saft oder Obstpüree Liefert Eisen in gut verwertbarer Form; Vitamin C verbessert die Eisenaufnahme deutlich
2. Brei
(etwa 4 Wochen später)
Milch-Getreide-Brei, meist abends Vollmilch oder Muttermilch mit Getreideflocken Deckt Energie- und Calciumbedarf; ersetzt die Abendmilchmahlzeit
3. Brei
(etwa 4 Wochen später)
Getreide-Obst-Brei, meist nachmittags Getreideflocken, Obst, etwas Öl – ohne Milch Milchfrei, damit das Eisen aus dem Getreide besser aufgenommen wird
Ab etwa 10 Monaten Übergang zur Familienkost Stückige Kost, Fingerfood, gemeinsame Mahlzeiten Kauen und Selbstessen wollen geübt werden; zu langes Pürieren erschwert den Übergang

Die ersten Tage ganz konkret

Beginnen Sie mit ein bis zwei Teelöffeln vor oder nach einer Milchmahlzeit und steigern Sie langsam über ein bis zwei Wochen, bis eine ganze Mahlzeit ersetzt ist. Führen Sie neue Lebensmittel einzeln ein und lassen Sie einige Tage dazwischen – so lässt sich eine Reaktion zuordnen. Und rechnen Sie damit, dass das meiste zunächst wieder herauskommt: Essen mit dem Löffel ist eine motorische Fähigkeit, die geübt sein will.

Gluten: kleine Mengen, früh, unter Weiterstillen

Die österreichischen Beikostempfehlungen sehen vor, Gluten in kleinen Mengen – unter 7 Gramm Mehl pro Tag – zwischen dem Beginn des 5. und dem Beginn des 7. Monats einzuführen, möglichst während noch gestillt wird. Der Hintergrund: Große Studien (unter anderem die italienische CELIPREV-Studie, veröffentlicht 2014 im New England Journal of Medicine) haben gezeigt, dass der Zeitpunkt der Glutenei­nführung das Zöliakierisiko zwar nicht verändert – ein sehr später Start bringt aber keinen Vorteil und verschiebt die Erkrankung allenfalls nach hinten.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Wann beginnen: die österreichische Empfehlung und die Reifezeichen Abschnitt 1–4 · 4
  2. 2. Der internationale Vergleich Abschnitt 5–6 · 2
  3. 3. Warum die Empfehlungen auseinandergehen – und was bei Allergien gilt Abschnitt 7–9 · 3
  4. 4. Was Eltern tun – und der Fahrplan für die ersten Monate Abschnitt 10–11 · 2
  5. 5. Was auf den Löffel kommt – und was nicht Abschnitt 12–15 · 4
  6. 6. Häufige Fragen, der Weg in die Ordination und Quellen Abschnitt 16–18 · 3