Die offiziellen Beikostempfehlungen aus mehr als zwanzig Ländern nebeneinander – und sechs Länderprofile von Frankreich über Japan und Israel bis Indien, Brasilien und die Golfstaaten.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Er dient der Orientierung und der Vorbereitung auf das Gespräch in der kinderärztlichen Praxis – etwa im Rahmen der Eltern-Kind-Pass-Untersuchungen. Für Frühgeborene, für Kinder mit Gedeihstörung, chronischer Erkrankung oder bereits bekannter Nahrungsmittelallergie gelten eigene Regeln, die individuell festgelegt werden müssen. Besprechen Sie den Beikoststart in diesen Fällen bitte immer persönlich.

5 Der internationale Vergleich

Für diesen Ratgeber haben wir die offiziellen Empfehlungen aus mehr als zwanzig Ländern und Regionen im Original gesichtet – von den Österreichischen Beikostempfehlungen über den japanischen Leitfaden des Gesundheitsministeriums bis zum Gesetzestext der Philippinen. Das Ergebnis lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Die Welt zerfällt in zwei Lager.

Das eine Lager nennt ein Zeitfenster, das mit vier vollendeten Monaten (17 Wochen) beginnt. Dazu gehören praktisch alle west- und südeuropäischen Länder, die USA, Japan, Südkorea und – seit 2025 – auch ein regionaler Fachkonsens für den Nahen Osten und Nordafrika. Das andere Lager nennt einen festen Zeitpunkt: sechs Monate, 180 Tage. Dazu gehören die WHO, Indien, Brasilien, Mexiko, die Philippinen – und seit Februar 2026 auch Deutschland.

Wann darf Beikost beginnen? Empfehlungen im Ländervergleich

Die Balken zeigen den jeweils offiziell zulässigen Zeitraum in vollendeten Lebensmonaten. Ein schmaler Balken bedeutet: Es wird ein fester Zeitpunkt genannt, kein Fenster.

WHO (2023) ESPGHAN / EFSA Österreich Deutschland (bis 2026) Deutschland (S3 2026) Frankreich Spanien Italien Vereinigtes Königreich USA Kanada Japan Südkorea Golfstaaten / MENA Israel Mexiko Brasilien Indien Philippinen 4 5 6 7 vollendete Lebensmonate Stand: August 2026
Zu lesen als: Österreich (kräftig hervorgehoben) erlaubt den Start irgendwo zwischen vier und sechs vollendeten Monaten. Die WHO und die Länder mit schmalem Balken nennen dagegen sechs Monate als Zeitpunkt. Kanada formuliert „einige Wochen vor bis kurz nach sechs Monaten", Japan „etwa fünf bis sechs Monate".

Die Empfehlungen im Detail

Land / InstitutionEmpfehlung im OriginalFrühestensHerausgeber, Jahr
Österreich „frühestens mit Beginn des 5. Monats und spätestens mit Beginn des 7. Monats (nicht vor dem Alter von 17 Wochen und nicht später als mit 26 Wochen)" 4 Mon. AGES / „Richtig essen von Anfang an", 2022
WHO „Infants should be introduced to complementary foods at 6 months (180 days) while continuing to breastfeed" 6 Mon. WHO-Leitlinie, 2023
ESPGHAN / EFSA „should not be introduced before 4 months but should not be delayed beyond 6 months" 4 Mon. ESPGHAN 2017; EFSA-Gutachten 2019
Deutschland „frühestens mit Beginn des 5., spätestens mit Beginn des 7. Monats"; die neue S3-Leitlinie zur Stilldauer (2026) empfiehlt dagegen sechs Monate ausschließliches Stillen 4 Mon. / 6 Mon. Netzwerk Gesund ins Leben 2016/2024; AWMF 027-072, 2026
Frankreich „entre 4 et 6 mois (pas avant 4 mois révolus, pas après 6 mois révolus)" – zwischen 4 und 6 Monaten, nicht vor 4 vollendeten, nicht nach 6 vollendeten Monaten 4 Mon. Haut Conseil de la santé publique 2020; Santé publique France 2021
Spanien „no antes de las 17 semanas ni más tarde de las 26 semanas"; gestillte Kinder eher mit 6 Monaten, flaschenernährte 4–6 Monate 4 Mon. Asociación Española de Pediatría 2018/2021; AESAN 2025
Italien „non prima del 4° mese compiuto e, possibilmente, a 6 mesi di vita" – nicht vor dem vollendeten 4. Monat und möglichst mit 6 Monaten 4 Mon. SIPPS, FIMP, SINUPE, SIDOHaD, 2021
Vereinigtes Königreich „should start when your baby is around 6 months old"; Untergrenze 17 Wochen nennen die Fachgesellschaften, nicht die NHS-Elterntexte 4 Mon. SACN 2018; NHS, geprüft 02/2026
USA „At about 6 months of age, infants may begin to have solid foods"; CDC: „Introducing foods before 4 months is not recommended" 4 Mon. Dietary Guidelines 2025–2030 (Jan. 2026); AAP 2022; CDC
Kanada „at about six months"; ausdrücklich mit Spielraum: „a few weeks before or just after the sixth month" ca. 5,5 Mon. Health Canada, CPS u. a., 2012/2014 (Revision läuft)
Japan 「生後5、6か月頃が適当である」 – „etwa 5 bis 6 Lebensmonate sind angemessen" 5 Mon. 厚生労働省 (Gesundheitsministerium), Leitfaden 2019
Südkorea 「생후 4~6개월」 – 4 bis 6 Lebensmonate; gestillte Kinder eher mit 6 Monaten, flaschenernährte ab 4 4 Mon. Korean Academy of Pediatric Allergy and Respiratory Disease, 2015; KDCA
Golfstaaten, Ägypten (MENA) „weaning starting not earlier than the end of 4 months and no later than the end of 6 months" 4 Mon. Regionaler Fachkonsens (Saudi-Arabien, VAE, Katar, Ägypten), 2025
Israel „um das Alter von 6 Monaten herum"; Erdnuss, Ei und Sesam bei Hochrisikokindern jedoch ab 4 Monaten 6 Mon. (Allergene 4 Mon.) Gesundheitsministerium, Rundschreiben 2021; Portal 2025
Mexiko „a partir de los seis meses"; ein Start vor Woche 17 gilt als zu früh, nach Woche 26 als zu spät 6 Mon. Nationaler Fachkonsens (AMP, CONAPEME u. a.), 2016
Brasilien „nos primeiros 6 meses… somente leite materno" – in den ersten 6 Monaten ausschließlich Muttermilch 6 Mon. Ministério da Saúde
Indien „Start complementary feeds after completion of 180 days" 6 Mon. Indian Academy of Pediatrics, 2021
Philippinen „complementary food… for all infants from six (6) months up to two (2) years" – gesetzlich verankert 6 Mon. Republic Act 11148 (First 1000 Days Law), 2018

6 Länderprofile: Wie andere es halten

Hinter den Zahlen stecken Geschichten. Sechs davon sind besonders aufschlussreich.

Frankreich: das früheste Fenster Europas

Frankreich geht offensiver vor als die meisten Nachbarn. Der Hohe Rat für öffentliche Gesundheit begründet das Fenster ab vier vollendeten Monaten ausdrücklich präventiv: „Um das Risiko für Adipositas, Infektionen, Zöliakie und Nahrungsmittelallergien zu senken, ist es bei reif geborenen Kindern vorzuziehen, die Beikost nach dem Alter von 4 (vollendeten) Monaten zu beginnen." In der offiziellen Übersichtstabelle sind sämtliche Lebensmittelgruppen – Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch, Ei, Getreide, Hülsenfrüchte, Milchprodukte, Fette – bereits in der Spalte „5. Monat" als möglich eingetragen. Die Kernbotschaft der Kampagne von 2021 lautete wörtlich: alle Lebensmittelgruppen, „einschließlich der als allergen geltenden", ab Beginn der Beikost – „auch beim Kind mit Allergierisiko". Und die Praxis folgt: Das mediane Startalter liegt in Frankreich bei rund 4,5 Monaten, 91 % der Familien starten im empfohlenen Fenster.

Japan: fünf Monate sind offizieller Standard

Kein Land benennt den fünften Lebensmonat so selbstverständlich wie Japan. Der Leitfaden des Gesundheitsministeriums nennt „etwa 5 bis 6 Lebensmonate" als angemessenen Zeitpunkt und beschreibt vier klar definierte Stufen – von der glatt pürierten Anfangsphase über zungen- und zahnfleischzerdrückbare Kost bis zum Abschluss der Beikostphase mit 12 bis 18 Monaten. Ausdrücklich heißt es dort: Da es keine wissenschaftliche Evidenz für einen präventiven Effekt eines verzögerten Beikoststarts gebe, solle mit etwa fünf bis sechs Monaten begonnen werden. Und die japanischen Familien halten sich daran: 40,7 % starten im fünften, 44,9 % im sechsten Monat – vor vier Monaten nur 1,3 %.

Israel: wie ein Erdnuss-Snack die Weltmedizin verändert hat

Israel ist der Ort, an dem die moderne Allergieprävention ihren Ausgang nahm. Eine Untersuchung von 2008 verglich jüdische Schulkinder in Israel und Großbritannien: Die Erdnussallergie- lag bei 0,17 % in Israel gegenüber 1,85 % in Großbritannien – ein rund zehnfacher Unterschied bei vergleichbarem genetischem Hintergrund. Der auffälligste Unterschied im Ernährungsverhalten: Israelische Säuglinge aßen im Alter von 8 bis 14 Monaten im 7,1 Gramm Erdnussprotein pro Monat, meist in Form des Maissnacks „Bamba", der typischerweise ab etwa sieben Monaten gegeben wird; britische Säuglinge aßen null. Entscheidend war also weniger ein extrem früher Erstkontakt als die Regelmäßigkeit – genau das, was die heutigen Leitlinien betonen. Aus dieser Beobachtung wurde die LEAP-Studie, und aus LEAP wurden die Empfehlungen fast aller Industrieländer.

Bemerkenswert ist auch das israelische Eisenprogramm: Säuglinge erhalten ab dem vollendeten vierten Monat routinemäßig Eisentropfen, zunächst 7,5 mg täglich, ab dem sechsten Monat 15 mg – bis zum Ende des 18. Lebensmonats. Historisch fiel die Anämierate bei jüdischen Säuglingen dadurch von 68 % (1946) auf rund 11 % (1996); heute liegt sie bei 4,2 %. Israel zeigt damit zugleich, wie schwer sich Empfehlungen durchsetzen: Nur 46,4 % der Familien halten sich an die Eisenvorgabe, und obwohl das mittlere Alter der „regulären" Beikost bei 6,5 Monaten liegt, hatten 72 % der Kinder schon vor dem sechsten Monat den ersten Kontakt mit fester Nahrung – meist als Probierbissen. Sesam ist in Israel ein besonders relevantes Allergen: 0,93 % der Kleinkinder sind betroffen, viermal mehr als bei Erdnuss.

Indien und die Philippinen: wenn „zu spät" das eigentliche Problem ist

In Ländern mit hoher Infektionslast und Mangelernährung ist die Debatte eine völlig andere. Indien folgt strikt der 180-Tage-Regel – doch das eigentliche Problem liegt am anderen Ende: Nur rund 46 % der indischen Kinder im Alter von sechs bis acht Monaten bekommen überhaupt Beikost, und nur etwa jedes zehnte Kind zwischen sechs und 23 Monaten erhält eine als „minimal ausreichend" eingestufte Ernährung. Die Folge: 35,5 % der Kinder unter fünf Jahren sind chronisch unterernährt, und die Anämierate bei Kleinkindern liegt bei 67,1 %. Auf den Philippinen ist der Sechs-Monats-Start sogar gesetzlich verankert („First 1000 Days Law" von 2018), flankiert von einem der weltweit strengsten Werbeverbote für Säuglingsnahrung. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum die WHO an einer einfachen, global einheitlichen Botschaft festhält.

Brasilien und Chile: was Politik bewirken kann

Brasilien ist die Erfolgsgeschichte unter den großen Ländern. Der Anteil der ausschließlich gestillten Säuglinge unter sechs Monaten stieg von 26,9 % (1996) über 39,0 % (2006) auf 45,8 % (2019); 96,2 % der Kinder werden überhaupt gestillt, 86,3 % der Sechs- bis Achtmonatigen erhalten Beikost. Getragen wird das von einem Werbeverbot für Säuglingsnahrung und dem größten Frauenmilchbanken-Netz der Welt.

Und doch zeigt gerade Brasilien, dass „richtiger Zeitpunkt" nur die halbe Frage ist. Denn 80,5 % der Kinder zwischen sechs und 23 Monaten konsumieren bereits ultraverarbeitete Lebensmittel – Kekse (51,3 %), Instantbreie (41,4 %), gesüßte Getränke (24,5 %). Nur 8,4 % erreichen eine ausreichende Ernährungsvielfalt ohne solche Produkte. Deshalb ist die brasilianische Leitlinie so kompromisslos gegen ultraverarbeitete Kost formuliert.

Chile wiederum liefert den Beleg, dass Regulierung wirkt: Nach Einführung der schwarzen Warnetiketten (Gesetz 20.606, seit 2016) sank in den Einkäufen der Haushalte der Zuckergehalt um 36,8 %, die Energiezufuhr um 23,0 % und das Natrium um 21,9 %. Nötig war das, weil in Chile inzwischen 51,4 % der Vorschul- und Schulkinder übergewichtig oder adipös sind. Mexiko ist denselben Weg gegangen – mit Zuckersteuer seit 2014 und einem Verbot von Comicfiguren auf Kinderprodukten seit 2020.

Die Golfstaaten: ein neuer Konsens für den Nahen Osten

2025 hat eine Gruppe von Kinderärztinnen und Kinderärzten aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar und Ägypten erstmals einen regionalen Beikost-Konsens veröffentlicht. Er formuliert – fast wortgleich mit der österreichischen Regel – „nicht früher als nach Vollendung des 4. Monats und nicht später als nach Vollendung des 6. Monats". Zugleich ist das Weiterstillen bis zwei Jahre in der Region kulturell und religiös tief verankert: Sure 2:233 des Korans nennt „zwei volle Jahre" Stillzeit.

Die Realität sieht allerdings dramatisch anders aus – und erklärt, warum dieser Konsens überhaupt nötig wurde. In Saudi-Arabien erhielten je nach Studie 62,5 bis 64,3 % der Säuglinge feste Nahrung schon vor der 17. Woche; in den Vereinigten Arabischen Emiraten waren es in einer älteren Erhebung 83,5 % vor sechs Monaten. Nur 15,5 % der saudischen Säuglinge unter sechs Monaten werden ausschließlich gestillt. Als Ursachen nennen Übersichtsarbeiten aus der Golfregion unter anderem Scham beim Stillen in der Öffentlichkeit, hohe Kaiserschnittraten und frühe Zufütterung in den ersten Lebenstagen. Der arabische Raum ist damit das Gegenstück zu Indien: Dort ist Beikost zu spät und zu einseitig, hier kommt sie viel zu früh.

Kanada und die USA: dieselbe Zahl, andere Strenge

Beide Länder nennen „etwa sechs Monate" – doch sie meinen Unterschiedliches. Kanada formuliert einen engen Spielraum („einige Wochen davor bis kurz danach") und kennt kein 17-Wochen-Fenster; die USA setzen mit vier vollendeten Monaten eine ausdrückliche Untergrenze und erlauben bei hohem Allergierisiko sogar gezielt einen früheren Erdnusskontakt. Neu ist, dass die im Januar 2026 erschienenen US-Ernährungsleitlinien 2025–2030 erstmals die Formel „zwei Jahre oder länger" für das Weiterstillen übernommen haben – zuvor hieß es dort „mindestens ein Jahr".

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Wann beginnen: die österreichische Empfehlung und die Reifezeichen Abschnitt 1–4 · 4
  2. 2. Der internationale Vergleich Abschnitt 5–6 · 2
  3. 3. Warum die Empfehlungen auseinandergehen – und was bei Allergien gilt Abschnitt 7–9 · 3
  4. 4. Was Eltern tun – und der Fahrplan für die ersten Monate Abschnitt 10–11 · 2
  5. 5. Was auf den Löffel kommt – und was nicht Abschnitt 12–15 · 4
  6. 6. Häufige Fragen, der Weg in die Ordination und Quellen Abschnitt 16–18 · 3