Fünfzehn Fachbegriffe von AFP bis WPV in je einem Absatz erklärt – und die Kernaussagen einmal für die kinderärztliche Beratung und einmal für Eltern.

  • Abschnitt 250 bis 266 von 285
  • Stand: 2. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Plötzlich auftretende schlaffe Schwäche oder Lähmung, Atemnot, Schluckstörung, verwaschene Sprache, ungewöhnliche starke Nacken- oder Rückenschmerzen, Bewusstseinsstörung oder eine rasch zunehmende Muskelschwäche sind medizinische Notfälle. Das gilt besonders bei ungeimpften oder unvollständig geimpften Kindern und nach Aufenthalt in einem Gebiet mit Poliovirus-Nachweisen. Sofort den Rettungsdienst verständigen und den möglichen Reise- oder Expositionsbezug nennen. Nicht unangemeldet in ein volles Wartezimmer gehen, wenn Polio ernsthaft vermutet wird: Die weitere Abklärung soll mit Gesundheitsbehörde und Klinik abgestimmt werden.

Die hier genannte Länderlage ist datiert, weil sich Ausbrüche, Abwassernachweise und WHO-Einstufungen ändern. Für eine konkrete Reise zählen zusätzlich die aktuellen Einreisebestimmungen, die Empfehlungen des Ziellandes und die individuelle Impfgeschichte.

250 Glossar: AFP

Akute schlaffe Lähmung, englisch acute flaccid paralysis. Ein Überwachungssyndrom mit plötzlich kraftlosen, nicht spastischen Muskeln. Viele Ursachen sind möglich; jeder Fall wird auf Polio untersucht.

251 Glossar: aseptische Meningitis

Entzündung der Hirn- und Rückenmarkshäute, bei der die übliche Bakterienkultur negativ bleibt. Häufig viral. Sie kann bei Polio ohne Lähmung auftreten.

252 Glossar: bOPV, tOPV und mOPV

bOPV ist bivalente orale Lebendimpfung gegen Typ 1 und 3. tOPV deckt alle drei Typen ab. mOPV richtet sich gegen einen Typ. Die Buchstaben beschreiben Typabdeckung, OPV die orale vermehrungsfähige Form.

253 Glossar: cVDPV

Zirkulierendes impfstoffabgeleitetes Poliovirus. Ein früher abgeschwächtes OPV-Virus hat sich bei längerer Weitergabe in einer unzureichend immunen Bevölkerung genetisch verändert und kann Lähmungen verursachen.

254 Glossar: endemisch

Fortdauernde heimische Übertragung in einer Region. Bei Wildpoliovirus Typ 1 betrifft dies 2026 Afghanistan und Pakistan.

255 Glossar: Eradikation, Elimination und Kontrolle

Kontrolle senkt Erkrankungen auf ein akzeptiertes Niveau und verlangt fortlaufende Maßnahmen. Elimination unterbricht Übertragung in einer Region, während Importation möglich bleibt. Eradikation bedeutet weltweite dauerhafte Unterbrechung der natürlichen Übertragung eines Erregers oder Typs.

256 Glossar: IPV

Inaktivierter Polioimpfstoff als Spritze. Er enthält keine vermehrungsfähigen Viren, schützt sehr gut vor Lähmung und kann keine VAPP oder cVDPV verursachen.

257 Glossar: nOPV2

Genetisch stabilerer neuartiger oraler Lebendimpfstoff gegen Typ 2. Er wird vor allem zur Bekämpfung von cVDPV2-Ausbrüchen genutzt und erzeugt Darmschleimhautimmunität.

258 Glossar: OPV

Oraler Polio-Lebendimpfstoff aus abgeschwächten Viren. Er schützt im Blut und besonders im Darm, kann aber sehr selten VAPP oder nach langer Zirkulation cVDPV verursachen.

259 Glossar: PHEIC

Public Health Emergency of International Concern, gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite. Sie ermöglicht koordinierte zeitlich begrenzte WHO-Empfehlungen, unter anderem für Reiseimpfung.

260 Glossar: Post-Polio-Syndrom

Neue oder zunehmende Schwäche, Ermüdung und Schmerzen Jahrzehnte nach paralytischer Polio und langer Stabilität. Es ist keine erneute Infektion und nicht ansteckend.

261 Glossar: Serotyp

Immunologisch unterscheidbare Virusvariante. Antikörper gegen einen Poliovirustyp schützen nicht zuverlässig gegen die anderen. Daher deckt IPV Typ 1, 2 und 3 ab.

262 Glossar: VAPP

Impfassoziierte paralytische Poliomyelitis durch ein abgeschwächtes OPV-Virus bei Geimpften oder engem Kontakt. Extrem selten; mit IPV biologisch nicht möglich.

263 Glossar: Virämie

Vorübergehendes Vorhandensein von Virus im Blut. Neutralisierende Antikörper nach Impfung sollen verhindern, dass Poliovirus von dort das Nervensystem erreicht.

264 Glossar: WPV

Wild poliovirus, wildes Poliovirus. WPV1 zirkuliert weiterhin; WPV2 und WPV3 sind als ausgerottet zertifiziert.

265 Kernaussagen für die kinderärztliche Beratung

Die Beratung beginnt mit der Schwere der vermeidbaren Erkrankung und erklärt dann die konkrete Impfstoffart. In Österreich wird IPV gespritzt; die bekannten Risiken der Schluckimpfung sind deshalb keine Risiken dieses Produktes.

Eine vollständige Serie schützt sehr zuverlässig vor Lähmung. Fehlende Dosen werden ergänzt, nicht neu begonnen. Reiseberatung ist datiert und berücksichtigt WHO-IHR-Regeln.

Bei akuter schlaffer Schwäche zählt sofortige Meldung und Stuhldiagnostik, auch wenn die Region poliofrei ist.

266 Kernaussagen für Eltern

Prüfen Sie den Impfpass, nicht die Erinnerung. Lassen Sie Lücken schließen. Vor Langzeitreisen früh beraten lassen. Ein Abwasserfund ist ein Warnsignal, kein Beweis vieler Erkrankter. Ein vollständig IPV-geimpftes Kind ist sehr gut vor der gefürchteten Lähmung geschützt.

Neue Schwäche, Atem- oder Schluckproblem ist immer ein Notfall. Warten Sie nicht auf Fieber oder Schmerz.

Die globale Ausrottung ist weit fortgeschritten, aber noch nicht beendet.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Sofort handeln und Grundlagen Abschnitt 1–9 · 9
  2. 2. Krankheitsbild und Verlauf Abschnitt 10–22 · 13
  3. 3. Behandlung, Folgen und Post-Polio Abschnitt 23–30 · 8
  4. 4. Impfstoffe: IPV und OPV Abschnitt 31–44 · 14
  5. 5. Die Polioimpfung in der Praxis Abschnitt 45–64 · 20
  6. 6. Wo Polio heute vorkommt Abschnitt 65–79 · 15
  7. 7. Ausrottung und Überwachung Abschnitt 80–92 · 13
  8. 8. Risiko, Geschichte und Virologie Abschnitt 93–109 · 17
  9. 9. Behörden, Impfstatus und Abgrenzung Abschnitt 110–120 · 11
  10. 10. Leben mit Poliofolgen Abschnitt 121–131 · 11
  11. 11. Impfung bei besonderen Erkrankungen Abschnitt 132–149 · 18
  12. 12. Fragen rund um die Impfung Abschnitt 150–164 · 15
  13. 13. Reisen und Nachrichten prüfen Abschnitt 165–183 · 19
  14. 14. Ausrottung: Strategie und Versorgung Abschnitt 184–199 · 16
  15. 15. Länder und Regionen im Detail Abschnitt 200–209 · 10
  16. 16. Familien-Check und Gespräch Abschnitt 210–219 · 10
  17. 17. Häufige Fragen Abschnitt 220–249 · 30
  18. 18. Glossar und Kernaussagen Abschnitt 250–266 · 17
  19. 19. Wie sicher ist das Wissen Abschnitt 267–285 · 19