Die Länderübersicht mit klar getrennten Begriffen: endemisch, Ausbruch, Importation, Umweltnachweis. Dazu, was ein positiver Abwasserbefund tatsächlich aussagt.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Untersuchung. Plötzlich auftretende schlaffe Schwäche oder Lähmung, Atemnot, Schluckstörung, verwaschene Sprache, ungewöhnliche starke Nacken- oder Rückenschmerzen, Bewusstseinsstörung oder eine rasch zunehmende Muskelschwäche sind medizinische Notfälle. Das gilt besonders bei ungeimpften oder unvollständig geimpften Kindern und nach Aufenthalt in einem Gebiet mit Poliovirus-Nachweisen. Sofort den Rettungsdienst verständigen und den möglichen Reise- oder Expositionsbezug nennen. Nicht unangemeldet in ein volles Wartezimmer gehen, wenn Polio ernsthaft vermutet wird: Die weitere Abklärung soll mit Gesundheitsbehörde und Klinik abgestimmt werden.

Die hier genannte Länderlage ist datiert, weil sich Ausbrüche, Abwassernachweise und WHO-Einstufungen ändern. Für eine konkrete Reise zählen zusätzlich die aktuellen Einreisebestimmungen, die Empfehlungen des Ziellandes und die individuelle Impfgeschichte.

65 Wo Polio heute noch vorkommt: zuerst die Begriffe trennen

Eine ehrliche Länderantwort braucht mindestens vier Kategorien:

  1. Länder mit endemischer Wildvirus-Übertragung: Afghanistan und Pakistan.
  2. Länder mit importiertem Wildvirus oder Wildvirus-Nachweis ohne nachgewiesene dauerhafte lokale Übertragung.
  3. Länder mit cVDPV-Fällen oder -Nachweisen; je nach Lage mit lokaler Zirkulation, Importation oder Abwassersignal.
  4. Poliofreie Länder ohne aktuellen Nachweis, in denen wegen möglicher Einschleppung weiter geimpft und überwacht wird.

Wer alle Kategorien zu „Länder mit Polio“ zusammenzieht, erzeugt falsche Eindrücke. Ein gelähmtes Kind durch lokales Wildvirus in Afghanistan, eine cVDPV2-Übertragung in einem Konfliktgebiet und eine einzelne positive Abwasserprobe in einer hoch geimpften europäischen Stadt sind epidemiologisch verschieden.

„Länder mit Polio“ – vier Kategorien, die man nicht vermischen darf

Wählen Sie eine Kategorie. Datenstand der formellen WHO-Listen: 30. April 2026, veröffentlicht am 25. August 2026.

Diese Listen sind keine Rangfolge und keine tagesaktuelle Fallliste. Ein Land bleibt nach der formalen 13-Monats-Regel auch dann in einer Kategorie, wenn der letzte Nachweis Monate zurückliegt – die Einstufung dient abgestuften Maßnahmen und Reiseempfehlungen. Für eine konkrete Reise zählen zusätzlich die aktuellen Einreise- und Ausreisebestimmungen, die Hinweise des Ziellandes und die individuelle Impfgeschichte.

66 Datenstand dieser Länderübersicht

Der redaktionelle Stand dieses Artikels ist 2. September 2026. Die aktuellste frei zugängliche wöchentliche GPEI-Seite war bei der Prüfung auf den 26. August 2026 datiert. Die 45. Sitzung des WHO-Notfallkomitees wurde am 25. August 2026 veröffentlicht; ihre formelle Ländereinstufung beruhte auf Daten, die der WHO-Zentrale am 30. April 2026 vorlagen.

Das scheinbare Zeitgefälle ist wichtig: Eine im August veröffentlichte WHO-Liste kann für rechtliche Reiseempfehlungen einen früheren Datenstichtag benutzen. Wöchentliche Fallzahlen werden nachträglich ergänzt, wenn Laborergebnisse vorliegen. Deshalb werden Stichtage im Folgenden nicht vermischt.

Vor einer Reise werden GPEI „Polio this week“, WHO-IHR-Empfehlungen, österreichischer Impfplan und Ziellandhinweise erneut geprüft.

67 Die zwei weiterhin endemischen Länder

Wildpoliovirus Typ 1 bleibt geografisch auf Afghanistan und Pakistan konzentriert. Beide Länder bilden epidemiologisch einen zusammenhängenden Raum: Menschen bewegen sich über die Grenze, und Viruslinien wurden beiderseits nachgewiesen.

„Endemisch“ bedeutet nicht, dass jedes Dorf betroffen ist oder jedes Kind ein hohes tägliches Risiko hat. Es bedeutet, dass die heimische Übertragung seit Beginn der weltweiten Ausrottung nie für die erforderliche Dauer vollständig unterbrochen und zertifiziert wurde.

Der Unterschied zu einem importierten Fall ist entscheidend. Ein poliofreies Land kann einen eingeschleppten Virusnachweis haben und durch schnelle Reaktion verhindern, dass sich eine dauerhafte lokale Kette etabliert.

68 Afghanistan im Jahr 2026

Die GPEI meldete am 26. August 2026 für Afghanistan 19 WPV1-Lähmungsfälle im Jahr 2026; der jüngste Erkrankungsbeginn war am 17. Juli. Zusätzlich wurden für Juli 18 positive Umweltproben aus Hilmand, Kabul, Kandahar, Herat, Laghman und Nangarhar nachgemeldet.

Herausforderungen sind Sicherheitslage, schwer erreichbare Gebiete, Bevölkerungsbewegungen, niedrige Routineimpfung und die Art der Kampagnendurchführung. Seit Oktober 2024 waren Haus-zu-Haus-Kampagnen eingeschränkt; Impfungen an festen oder wechselnden Standorten erreichen besonders kleine Kinder nicht immer vollständig. Die geringe Beteiligung weiblicher Gesundheitskräfte kann in manchen Gemeinschaften den Zugang zu Müttern und Kindern erschweren.

Das Land führt dennoch wiederholt nationale und regionale Kampagnen durch und stimmt sie mit Pakistan ab. Fallzahlen schwanken und werden nach Laborabschluss rückwirkend korrigiert.

69 Pakistan im Jahr 2026

Auch Pakistan hat weiterhin WPV1-Übertragung. Besonders bedeutsam waren nach Bewertung des WHO-Notfallkomitees Süd-Khyber Pakhtunkhwa, Karachi und der grenznahe Quetta-Block. Abwasserproben zeigen Übertragung oft früher und breiter als Lähmungsfälle.

In schwer erreichbaren Teilen von Süd-Khyber Pakhtunkhwa blieben nach WHO-Schätzung sehr viele Kinder unerreicht. Unsicherheit, Angriffe auf Impfpersonal, Misstrauen, mobile Bevölkerungen und ungleichmäßige Kampagnenqualität erschweren eine durchgehend hohe Immunität.

Pakistan führt mehrere landesweite Kampagnen pro Jahr durch, ergänzt durch gezielte IPV-Aktionen in Hochrisikogebieten. Hohe nationale Durchschnittswerte reichen nicht, wenn einzelne Bezirke oder soziale Gruppen Lücken behalten.

70 Deutschland als Beispiel für einen importierten Wildvirusnachweis

Deutschland ist nicht wieder zu einem endemischen Polioland geworden. 2025 wurden in Abwasserproben genetische Signale von WPV1 gefunden, die auf Importation hinwiesen. Nach Angaben des WHO-Notfallkomitees gab es nach der ersten Oktoberhälfte 2025 keine weiteren WPV1-Nachweise.

Trotzdem führte die formelle WHO-IHR-Liste Deutschland mit Datenstand 30. April 2026 noch als „mit WPV1 infiziert“, weil ein Land erst nach festgelegter Zeit ohne Nachweis aus dieser Kategorie fällt. Das ist eine Vorsichts- und Reisegesundheitskategorie, keine Behauptung einer endemischen klinischen Epidemie.

Es wurden in diesem Zusammenhang keine paralytischen Wildpoliofälle in Deutschland beschrieben. Der Vorgang zeigt aber: Internationale Mobilität bringt Viren über große Entfernungen, und eine poliofreie Region bleibt auf Impfung und Abwasserüberwachung angewiesen.

71 Die formelle WHO-Liste für WPV1, cVDPV1 und cVDPV3

Mit Datenstand 30. April 2026 führte das WHO-Notfallkomitee folgende Staaten in der höchsten gemeinsamen Risikokategorie „mit WPV1, cVDPV1 oder cVDPV3 infiziert, mit oder ohne Nachweis lokaler Übertragung“:

WPV1: - Afghanistan; - Pakistan; - Deutschland wegen eines importierten Abwassernachweises 2025, ohne fortgesetzten Nachweis nach Oktober 2025.

cVDPV1: - Demokratische Republik Kongo; - Dschibuti; - Israel; - Laos; - Südsudan.

cVDPV3: - Kamerun; - Tschad; - Nigeria.

Ein Land kann in der Kategorie verbleiben, obwohl der letzte Nachweis Monate zurückliegt. Die Liste dient vor allem abgestuften Maßnahmen und wird nicht als tagesaktuelle Fallliste gelesen.

72 Die formelle WHO-Liste der cVDPV2-betroffenen Staaten

Mit demselben WHO-Datenstand 30. April 2026 galten folgende 24 Staaten als mit cVDPV2 infiziert, mit oder ohne Nachweis lokaler Übertragung:

  • Algerien
  • Angola
  • Benin
  • Kamerun
  • Zentralafrikanische Republik
  • Tschad
  • Côte d’Ivoire
  • Demokratische Republik Kongo
  • Dschibuti
  • Äthiopien
  • Deutschland
  • Malawi
  • Mali
  • Namibia
  • Niger
  • Nigeria
  • Papua-Neuguinea
  • Somalia
  • Sudan
  • Vereinigtes Königreich
  • Togo
  • Tansania
  • Jemen
  • Sambia.

Diese Liste ist keine Rangfolge und sagt nicht, dass in jedem Land 2026 ein Lähmungsfall auftrat. Sie umfasst auch Umweltfunde, Importationen und Nachweise, die wegen der formalen 13-Monats-Regel weiterhin relevant waren.

73 Aktuelle cVDPV-Beispiele aus August 2026

Die GPEI-Wochenmeldung vom 26. August 2026 zeigt, warum formelle Listen und laufende Meldungen nebeneinander gebraucht werden:

  • Demokratische Republik Kongo: 37 cVDPV2-Lähmungsfälle im Jahr 2026, jüngster Erkrankungsbeginn 15. Juli; fünf Fälle wurden in jener Woche neu gemeldet.
  • Nigeria: 34 cVDPV2-Lähmungsfälle 2026, jüngster Fall 25. Juli; außerdem neun cVDPV3-Fälle, jüngster Fall 9. Juli.

Das sind berichtete und laborbestätigte Fälle zu einem Stichtag. Sie können durch Nachmeldungen steigen. Dass andere Länder in derselben Woche nicht in der Kurzübersicht erscheinen, bedeutet nicht automatisch, dass ihre formelle Ausbruchseinstufung beendet ist.

74 Schwerpunktregionen für cVDPV

Das WHO-Notfallkomitee hob 2026 besonders den Tschadsee-Raum mit Nigeria sowie das Horn von Afrika mit Somalia, Äthiopien und Jemen hervor. Konflikte, Vertreibung, schwer zugängliche Gebiete und niedrige Routineimpfquoten schaffen dort zusammenhängende Immunitätslücken.

Im nördlichen Jemen waren nach WHO-Angaben mehr als 4,5 Millionen Kinder unter fünf Jahren für eine wirksame orale Ausbruchsreaktion schwer erreichbar. Stuhlproben von Lähmungsfällen konnten teils nicht zeitgerecht verschickt werden.

Diese Faktoren erklären, warum Polio kein rein virologisches Problem ist. Ein wirksamer Impfstoff kann Übertragung nur stoppen, wenn Teams jedes Kind erreichen, Proben Labore erreichen und Bevölkerung der Versorgung vertraut.

75 Europa ist poliofrei – aber nicht abgeschottet

Die WHO-Region Europa wurde 2002 als frei von einheimischem Wildpoliovirus zertifiziert. Der letzte indigene Wildvirusfall der Region trat 1998 auf. Zertifizierung bedeutet unterbrochene endemische Übertragung, nicht dass nie wieder ein Virus importiert oder im Abwasser gefunden werden kann.

Von September bis Dezember 2024 wurde ein zusammenhängender cVDPV2-Cluster in Abwasser aus Finnland, Deutschland, Polen, Spanien und dem Vereinigten Königreich entdeckt. Zum Zeitpunkt der ECDC-Bewertung im Januar 2025 waren damit keine klinischen Fälle verbunden. Spätere Nachweise und formelle WHO-Kategorien werden jeweils separat bewertet.

ECDC empfahl, die Quote von drei IPV-Dosen in allen Bevölkerungsgruppen über 90 Prozent zu halten, Lücken zu schließen und AFP- sowie Umweltüberwachung zu stärken.

Was in Europa tatsächlich passiert ist

2010 – Tadschikistan: ein echter Ausbruch mit Lähmungen

Der schwerste Rückschlag der Region seit der Zertifizierung. Das Wildvirus verbreitete sich bis nach Russland. Er zeigt, was passiert, wenn Immunitätslücken auf ein eingeschlepptes Virus treffen – und nicht nur auf eine Abwasserprobe.

2015 – Ukraine: Lähmungsfälle bei einer Durchimpfung um 50 Prozent

In der betroffenen Region war nur etwa jedes zweite Kind geschützt. Der Fall ist das Lehrbuchbeispiel dafür, warum nationale Durchschnittswerte täuschen können: Entscheidend ist die Quote in der einzelnen Gemeinde.

2024/2025 – Abwasserfunde in mehreren Ländern, keine Erkrankten

Von September bis Dezember 2024 fand sich ein zusammenhängender cVDPV2-Cluster im Abwasser aus Finnland, Deutschland, Polen, Spanien und dem Vereinigten Königreich. Das Robert Koch-Institut berichtete für 2024 und die erste Hälfte 2025 wiederholt über impfstoffabgeleitete Polioviren an mehreren deutschen Orten. Klinische Fälle gab es dabei nicht.

Herbst 2025 – Wildvirus Typ 1 im deutschen Abwasser

In einer Abwasserprobe aus Hamburg wurde WPV1 nachgewiesen – ein Importsignal, kein Ausbruch. Nach Angaben des WHO-Notfallkomitees gab es nach der ersten Oktoberhälfte 2025 keine weiteren WPV1-Nachweise, und es wurden keine paralytischen Wildpoliofälle in Deutschland beschrieben.

Was der Unterschied bedeutet

Tadschikistan und die Ukraine sind Beispiele für gelähmte Kinder. Die Funde von 2024 und 2025 sind Beispiele für ein funktionierendes Frühwarnsystem in einer gut geimpften Bevölkerung. Beides gehört zusammen erzählt – sonst entsteht entweder Panik oder falsche Sicherheit.

Das ECDC empfahl, die Quote von drei IPV-Dosen in allen Bevölkerungsgruppen über 90 Prozent zu halten, Lücken zu schließen und die Überwachung akuter schlaffer Lähmungen wie auch des Abwassers zu stärken.
Die beiden roten Zeilen sind älter als die gelben – und trotzdem die wichtigeren: Sie zeigen, wovor die hohen Impfquoten Europas heute schützen. Ein Abwasserfund in einer gut geimpften Stadt und ein Ausbruch in einer Region mit halber Impfdecke sind epidemiologisch zwei völlig verschiedene Ereignisse.

76 Was ein positiver Abwasserbefund aussagt

Bei der Umweltüberwachung werden an festgelegten Stellen Abwasserproben konzentriert und auf Polioviren getestet. Weil Infizierte viel Virus im Stuhl ausscheiden können, erfasst eine Probe die Ausscheidungen vieler Menschen.

Ein positiver Befund beweist: - Poliovirus-Erbmaterial beziehungsweise vermehrungsfähiges Virus war in der erfassten Probe vorhanden; - mindestens eine ausscheidende Quelle muss existiert haben; - weitere Untersuchung ist nötig.

Er beweist nicht automatisch: - dass jemand gelähmt ist; - dass die Quelle im Einzugsgebiet wohnt; - dass das Virus sich bereits lokal von Mensch zu Mensch verbreitet; - wie viele Personen infiziert sind.

Wiederholte Nachweise, genetisch verwandte Proben und räumlich-zeitliche Muster sprechen stärker für Zirkulation als eine Einzelprobe.

Ein positiver Abwasserbefund: was er beweist – und was nicht

Das beweist er

Poliovirus-Erbmaterial beziehungsweise vermehrungsfähiges Virus war in der erfassten Probe vorhanden
↓
Mindestens eine ausscheidende Quelle muss existiert haben
↓
Weitere Untersuchung ist nötig: Virustyp bestimmen, Sequenz vergleichen, erneut beproben

Das beweist er nicht

Dass jemand gelähmt ist
Dass die Quelle im Einzugsgebiet wohnt
Dass sich das Virus bereits lokal von Mensch zu Mensch verbreitet
Wie viele Personen infiziert sind

Weil Infizierte viel Virus im Stuhl ausscheiden können, erfasst eine einzige Probe die Ausscheidungen sehr vieler Menschen – das macht die Methode empfindlich und erklärt zugleich ihre Unschärfe. Für Zirkulation sprechen erst wiederholte Nachweise, genetisch verwandte Proben und ein räumlich-zeitliches Muster, nicht eine Einzelprobe.

Für Familien folgt daraus eine sehr überschaubare Handlungsanweisung: Impfpass prüfen, offizielle Angaben zu Virustyp, Einzugsgebiet und Impfangebot lesen, fehlende Dosen rasch nachholen. Ohne Behördenanweisung sind private Stuhltests und das Vermeiden von Schule oder Kindergarten nicht sinnvoll.

77 Warum Abwasserüberwachung so empfindlich ist

Wenn nur ein kleiner Anteil der Infizierten Lähmungen entwickelt, wäre das Warten auf einen klinischen Fall gefährlich. Abwasser kann Übertragung entdecken, bevor ein Kind neurologische Symptome bekommt. Behörden gewinnen Zeit, Impflücken zu schließen und gezielt zu suchen.

Die Methode hat Grenzen. Nicht jede Region besitzt Kanalisation oder repräsentative Probenpunkte. Regen, Industrieabwasser, Transport, Laborverfahren und Bevölkerungsbewegung beeinflussen Ergebnisse. Kreuzfahrtschiffe, Flughäfen oder mobile Gruppen können Signale erzeugen, deren geografische Herkunft schwer zu bestimmen ist.

Umweltüberwachung ergänzt daher die AFP-Surveillance, ersetzt sie aber nicht.

78 Akute schlaffe Lähmung als globales Frühwarnsystem

Gesundheitssysteme sollen jede akute schlaffe Lähmung bei Kindern unter 15 Jahren rasch melden und untersuchen. Auch ältere Menschen werden erfasst, wenn Polio vermutet wird. Die meisten AFP-Fälle sind keine Polio; genau diese breite Empfindlichkeit ist beabsichtigt.

Qualitätsindikatoren prüfen, ob genügend AFP-Fälle gefunden werden, ob zwei geeignete Stuhlproben rechtzeitig ankommen und ob die Nachuntersuchung nach 60 Tagen Restlähmung dokumentiert. Ein Land ohne gemeldete Fälle kann entweder poliofrei sein oder zu wenig suchen.

Ein Netzwerk akkreditierter Labore typisiert Enteroviren und vergleicht Sequenzen weltweit. Genetische Verwandtschaft kann zeigen, aus welcher Kette ein importierter Nachweis stammt und ob Übertragung unentdeckt geblieben ist.

79 Wie ein Land als poliofrei zertifiziert wird

Eine einzelne Woche ohne Fall reicht nicht. Unabhängige Zertifizierungskommissionen verlangen über einen längeren Zeitraum keine endemische Wildvirusübertragung, hochwertige Überwachung, ausreichende Bevölkerungssicherheit und sichere Laborlagerung.

Die WHO arbeitet in Regionen, weil grenzüberschreitende Übertragung berücksichtigt werden muss. Afrika wurde 2020 für frei von wildem Poliovirus zertifiziert, obwohl cVDPV-Ausbrüche weiterhin vorkommen können. „Wildpoliofrei“ und „frei von jedem Poliovirus“ sind nicht dasselbe.

Die globale Ausrottung von WPV1 kann erst zertifiziert werden, wenn auch Afghanistan und Pakistan die Übertragung beendet haben und weltweit genügend empfindliche Überwachung die Abwesenheit bestätigt.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Sofort handeln und Grundlagen Abschnitt 1–9 · 9
  2. 2. Krankheitsbild und Verlauf Abschnitt 10–22 · 13
  3. 3. Behandlung, Folgen und Post-Polio Abschnitt 23–30 · 8
  4. 4. Impfstoffe: IPV und OPV Abschnitt 31–44 · 14
  5. 5. Die Polioimpfung in der Praxis Abschnitt 45–64 · 20
  6. 6. Wo Polio heute vorkommt Abschnitt 65–79 · 15
  7. 7. Ausrottung und Überwachung Abschnitt 80–92 · 13
  8. 8. Risiko, Geschichte und Virologie Abschnitt 93–109 · 17
  9. 9. Behörden, Impfstatus und Abgrenzung Abschnitt 110–120 · 11
  10. 10. Leben mit Poliofolgen Abschnitt 121–131 · 11
  11. 11. Impfung bei besonderen Erkrankungen Abschnitt 132–149 · 18
  12. 12. Fragen rund um die Impfung Abschnitt 150–164 · 15
  13. 13. Reisen und Nachrichten prüfen Abschnitt 165–183 · 19
  14. 14. Ausrottung: Strategie und Versorgung Abschnitt 184–199 · 16
  15. 15. Länder und Regionen im Detail Abschnitt 200–209 · 10
  16. 16. Familien-Check und Gespräch Abschnitt 210–219 · 10
  17. 17. Häufige Fragen Abschnitt 220–249 · 30
  18. 18. Glossar und Kernaussagen Abschnitt 250–266 · 17
  19. 19. Wie sicher ist das Wissen Abschnitt 267–285 · 19