Ohrringe stechen bei Kindern
Ohrlochstechen gehört weltweit zu den häufigsten kleinen körperlichen Eingriffen im Kindesalter – in manchen Ländern ist es üblich, Mädchen bereits als Baby die Ohrläppchen zu durchstechen, in anderen gilt das als verfrüht oder wird von Fachgesellschaften sogar kritisch gesehen. Für Eltern stellen sich dabei ganz praktische Fragen: Ab welchem Alter ist es unbedenklich, welches Material verträgt die empfindliche Kinderhaut, wie läuft der Stich selbst ab, und worauf muss man in den Wochen danach achten? Dieser Ratgeber erklärt den Ablauf des Ohrlochstechens in unserer Ordination in Wiener Neustadt im Detail und ordnet ihn in die internationale Empfehlungslage ein – von der amerikanischen Kinderärztevereinigung über deutsche und österreichische Fachgremien bis zu britischen, kanadischen und australischen Gesundheitsbehörden. Geht es Ihnen nicht nur um das Ohrloch, sondern um Kinderschmuck insgesamt – Halsketten, Armbänder, Magnetschmuck, Bernsteinketten oder Piercings an anderen Körperstellen –, finden Sie das im Ratgeber Schmuck bei Babys und Kindern.
So ist dieser Ratgeber aufgebaut
Grundlage dieses Artikels sind Stellungnahmen und Patienteninformationen der American Academy of Pediatrics (AAP, USA), des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ, Deutschland), des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR, Deutschland) zur Nickelallergie, der EU-Chemikalienverordnung REACH zum Nickelgrenzwert bei Ohrsteckern, des österreichischen Gesundheitsportals sowie des Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuchs (ABGB) zur rechtlichen Einwilligung, des britischen National Health Service (NHS), von Raising-Children-Ressourcen aus Australien sowie der Canadian Paediatric Society. Ergänzt wird dies durch mehrere internationale Studien zu Komplikationsraten. Die vollständige Liste finden Sie am Ende des Artikels.
Wenn Sie es eilig haben: Der Abschnitt „Ab welchem Alter? Empfehlungen im internationalen Vergleich" beantwortet die am häufigsten gestellte Frage, der Abschnitt „Der Ablauf in unserer Praxis" beschreibt genau, was Sie und Ihr Kind bei uns erwartet.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Er dient der Orientierung und der Vorbereitung auf das Gespräch in der kinderärztlichen Praxis. Ob, wann und unter welchen Voraussetzungen bei Ihrem Kind Ohrlöcher gestochen werden sollen, besprechen Sie bitte persönlich mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt – insbesondere bei bekannter Nickelallergie, einer Blutgerinnungsstörung, einem Immundefekt, unvollständigem Impfschutz oder einer familiären Neigung zu Keloiden (überschießender Narbenbildung).
1. Was ist Ohrlochstechen? Methode und Materialien
Prinzipiell können Ohrlöcher professionell auf drei Arten gestochen werden: mit einem Ohrlochstechsystem, freihändig mit einer Nadel oder mittels Dermal Punching, bei dem ein winziger Hautzylinder entnommen wird – Letzteres kommt praktisch nur bei größeren Knorpelpiercings Erwachsener zum Einsatz und ist für Kinderohrläppchen nicht relevant. In unserer Kinderarztpraxis verwenden wir das Ohrlochstechsystem.
Ohrlochstechsysteme sind Instrumente, in die eine sterile Einweg-Kartusche eingesetzt wird, die je einen medizinischen Ohrstecker und einen Ohrsteckerverschluss enthält. Das Ohrloch entsteht, indem der spezielle Ohrstecker durch das Ohrläppchen gedrückt wird. Die dafür verwendeten Stecker haben einen Stift, der etwa 0,8 bis 1,0 mm dünn und am Ende leicht angespitzt ist. Sie bestehen aus Chirurgenstahl, Titan oder Echtgold und müssen laut EU-Recht nickelabgabefrei sein (Details dazu im Abschnitt „Materialien und Nickelallergie").
Ein entscheidender Hygienevorteil dieses Systems: Das Ohr kommt beim Stechen idealerweise nicht mit dem Instrument selbst in Berührung, sondern ausschließlich mit der sterilen Kartusche, dem sterilen Ohrstecker und dem Verschluss. Der Verschluss rastet beim Stechvorgang hinter dem Ohr am Steckerstift ein. Auch moderne Ohrlochstechsysteme eignen sich ausdrücklich nur für das Stechen im weichen Ohrläppchen. Im Knorpelbereich des Ohrs – etwa an der Helix, dem oberen Rand der Ohrmuschel – ist davon abzuraten, weil der Knorpel dabei splittern und sich in der Folge leichter entzünden kann. Aus diesem Grund stechen wir in unserer Ordination ausschließlich Ohrringe durch das weiche Ohrläppchen, niemals durch Knorpelgewebe.
2. Der Ablauf in unserer Praxis
Das Stechen von Ohrringen inklusive medizinischer Erstohrstecker kostet in unserer Praxis 50 Euro. Der Ablauf ist bewusst kindgerecht gestaltet: Ihr Kind sitzt während des gesamten Vorgangs auf dem Schoß eines Elternteils und wird dort gehalten. Zunächst wird das Ohrläppchen sorgfältig desinfiziert, danach zeichnet unser Team mit einem sterilen Stift eine Markierung auf beide Ohrläppchen, um ein möglichst symmetrisches Ergebnis zu erzielen. Beim eigentlichen Stechen wird der Kopf des Kindes von unserer Kinderkrankenschwester vorsichtig stabilisiert. Der Stich selbst dauert nur einen Bruchteil einer Sekunde – anschließend wird nach demselben Ablauf die zweite Seite gestochen.
Wer möchte, kann das Ohrläppchen vorab betäuben lassen: Eine Betäubungssalbe wie beispielsweise Emla® kann etwa eine Stunde vor dem Termin aufgetragen werden. Auf Wunsch übernehmen wir das gerne kostenlos direkt in der Ordination, sodass Sie sich um nichts weiter kümmern müssen. Mehr zu Wirkweise und Altersgrenzen solcher Betäubungscremes lesen Sie im Abschnitt „Schmerzlinderung: Betäubungssalbe EMLA & Co.".
3. Ab welchem Alter? Empfehlungen im internationalen Vergleich
Kaum eine Frage rund ums Ohrlochstechen wird international so unterschiedlich beantwortet wie die nach dem richtigen Alter. In keinem der hier untersuchten Länder gibt es ein einheitliches gesetzliches Mindestalter – wohl aber sehr unterschiedliche fachliche Empfehlungen und kulturelle Gepflogenheiten.
| Land/Region | Gesetzliche Lage | Fachliche Empfehlung / Praxis |
|---|---|---|
| Österreich | Kein gesetzliches Mindestalter für das Ohrläppchen; für Minderjährige unter 18 Jahren ist grundsätzlich die Zustimmung der Eltern erforderlich | Ab 14 Jahren können „mündige Minderjährige" laut ABGB bei ausreichender Einsichtsfähigkeit selbst einwilligen; in der Praxis wird bei jüngeren Kindern zusätzlich die persönliche Anwesenheit eines Elternteils erwartet, ab 16 Jahren genügt vielerorts eine schriftliche Einverständniserklärung |
| Deutschland | Kein gesetzliches Mindestalter; Entscheidung liegt bei den Eltern | Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) rät ausdrücklich ab und wertet den Eingriff bei Minderjährigen als Körperverletzung ohne medizinische Notwendigkeit |
| USA | Kein bundesweites Mindestalter | American Academy of Pediatrics (AAP) empfiehlt seit 2004, mit dem Stechen zu warten, „bis das Kind reif genug ist, die Pflegestelle selbst zu versorgen" – ohne feste Altersangabe |
| Vereinigtes Königreich | Kein landesweites Mindestalter für das Ohrläppchen; einzelne Kommunen regeln die Zulassung von Piercingstudios über lokale Satzungen | NHS-Informationsseiten fokussieren auf Hygiene und Nachsorge statt auf ein Mindestalter; viele Studios verlangen bei Minderjährigen die Anwesenheit eines Erziehungsberechtigten |
| Australien | Kein gesetzliches Mindestalter | Anbieter legen meist eigene Untergrenzen fest (häufig ab etwa 6 Monaten); viele Familien warten laut Elternratgebern bis zum Schulalter, wenn das Kind die Pflege besser versteht |
| Kanada | Keine offizielle Position der Canadian Paediatric Society zum Mindestalter | Viele Kinderärztinnen und Kinderärzte raten praktisch dazu, zumindest die ersten Routineimpfungen abzuwarten, bevor eine offene Wunde wie ein frisches Ohrloch entsteht |
| Spanien, Lateinamerika, Indien, Nigeria (kulturelle Praxis) | Unterschiedlich, meist keine spezifische Regelung | In diesen Regionen ist es weit verbreitet, Mädchen bereits in den ersten Lebenswochen die Ohren stechen zu lassen; oft wird dies noch im Geburtsspital angeboten |
In den USA ist die offizielle Haltung der AAP damit bewusst offen formuliert: Entscheidend sei nicht ein Stichtag, sondern ob das Ohrloch „sorgfältig gestochen und gewissenhaft gepflegt" wird – dann bestehe unabhängig vom Alter des Kindes nur ein geringes Risiko. In der Praxis vieler US-amerikanischer Kinderarztpraxen wird trotzdem häufig empfohlen, frühestens nach den ersten Routineimpfungen im Säuglingsalter zu stechen, damit das Immunsystem bereits etwas ausgereifter ist. In Deutschland positioniert sich der BVKJ deutlich kritischer als die AAP: Dr. Wolfram Hartmann, damals Präsident des BVKJ, forderte 2008 in einer Stellungnahme des Verbands ein gesetzliches Verbot von Piercings und Tätowierungen bei Minderjährigen und warnte ausdrücklich vor dem frühen Ohrlochstechen bei Säuglingen und Kleinkindern: Wachse der Ohrstecker ein, drohten schmerzhafte, langwierige Entzündungen – als Kinder- und Jugendärzte rate man daher davon ab, Säuglingen und Kleinkindern die Ohren stechen zu lassen.
International sehr verbreitet ist dagegen das frühe Stechen aus kultureller Tradition: In Spanien ist es in vielen Geburtskliniken möglich, bereits kurz nach der Geburt Ohrlöcher stechen zu lassen, häufig mit kleinen Goldsteckern – ähnliche Bräuche gibt es unter anderem in Lateinamerika, Indien und Teilen Afrikas, wo das frühe Stechen laut zusammenfassenden Übersichtsdarstellungen unter anderem damit begründet wird, dass Säuglinge die Wunde noch nicht selbst berühren und Ohrlöcher in sehr jungem Gewebe rasch verheilen. Diese kulturelle Praxis zeigt: Aus rein medizinischer Sicht ist – bei sauberer, professioneller Technik – Ohrlochstechen in fast jedem Alter grundsätzlich durchführbar. Die Altersfrage ist damit letztlich eine Abwägung zwischen elterlicher Entscheidung, kultureller Prägung und der Fähigkeit des Kindes, an der eigenen Nachsorge mitzuwirken.
4. Materialien und Nickelallergie: Was die EU vorschreibt
Nickel ist die weltweit häufigste Ursache einer allergischen Kontaktdermatitis – und ausgerechnet frisch gestochene Ohrlöcher sind eine der wirksamsten Eintrittspforten dafür, weil das Metall bei jedem Tragen direkt mit der noch nicht vollständig verheilten Wunde in Kontakt kommt. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hielt bereits 2008 in einer eigenen Stellungnahme fest, dass Piercing – dazu zählt auch das klassische Ohrlochstechen – zu einer Sensibilisierung gegenüber Nickel führen kann, und empfahl unter anderem, Minderjährige und ihre Eltern gezielt über dieses Risiko aufzuklären. Übersichtsarbeiten aus mehreren europäischen Ländern beziffern die Nickelallergie-Häufigkeit bei Erwachsenen auf etwa 8 bis 19 Prozent, bei Kindern und Jugendlichen auf etwa 8 bis 10 Prozent – mit einem klaren Zusammenhang: Je früher und intensiver der Nickelkontakt beginnt, desto höher das Risiko einer lebenslangen Sensibilisierung.
Die Europäische Union reagiert darauf mit einer der strengsten Regelungen weltweit. Ursprünglich in der sogenannten Nickel-Richtlinie (94/27/EG, verschärft durch 2004/96/EG) verankert, ist die Vorgabe heute in der EU-Chemikalienverordnung REACH (Verordnung (EG) Nr. 1907/2006), Anhang XVII, Eintrag 27, geregelt: Für Gegenstände, die in durchstochene Körperteile eingeführt werden – also genau für Ohrstecker – darf die Nickelabgabe 0,2 Mikrogramm pro Quadratzentimeter und Woche nicht überschreiten. Das ist strenger als der allgemeine Grenzwert von 0,5 µg/cm²/Woche für Gegenstände mit lang anhaltendem, aber nicht durchstechendem Hautkontakt. Geprüft wird die Einhaltung nach der europäischen Norm EN 1811. Die für unser Ohrlochstechsystem verwendeten Stecker aus Chirurgenstahl, Titan oder Echtgold erfüllen diese Vorgabe und sind damit nickelabgabefrei im Sinn der EU-Richtlinie.
Dass diese Regelung nicht nur graue Theorie ist, zeigen Marktkontrollen: In stichprobenartigen Untersuchungen europäischer Behörden um das Jahr 2010 überschritt ein erheblicher Teil der aus bestimmten Nicht-EU-Herkunftsländern importierten, günstigen Modeschmuck-Ohrstecker den zulässigen Nickelgrenzwert deutlich – ein Hinweis darauf, warum die Herkunft und Qualität des verwendeten Erstohrsteckers gerade bei Kindern keine Nebensache ist, sondern eine der wichtigsten Vorbeugungsmaßnahmen gegen eine spätere, oft lebenslange Nickelallergie.
5. Risiken und Komplikationen
Ohrlochstechen gilt insgesamt als risikoarmer Eingriff, ist aber kein Eingriff ohne jedes Risiko. Eine oft zitierte US-amerikanische Untersuchung an rund 1.200 gestochenen Ohren fand bei bis zu 35 Prozent der Stellen irgendeine Form von Komplikation – davon betrafen etwa 77 Prozent milde Infektionen, rund 43 Prozent allergische Reaktionen, 2,5 Prozent eine Keloidbildung und 2,5 Prozent einen traumatischen Einriss; schwere, behandlungsbedürftige Komplikationen blieben demgegenüber die Ausnahme. Eine Kohortenstudie an über 450 Pflegepersonen, die sich selbst die Ohren hatten stechen lassen, fand Infektionsraten von etwa 20 Prozent bei Ohrläppchen- und rund 30 Prozent bei Piercings im oberen, knorpeligen Ohrbereich – ein deutlicher Hinweis darauf, warum seriöse Anbieter Knorpelpiercings bei Kindern generell ablehnen.
| Studie / Quelle | Stichprobe | Wesentliches Ergebnis |
|---|---|---|
| Simplot & Hoffman, USA, 1998 | ca. 1.200 gestochene Ohrstellen | Bis zu 35 % Komplikationen insgesamt (davon ca. 77 % milde Infektionen, 43 % allergische Reaktion, 2,5 % Keloidbildung, 2,5 % traumatischer Einriss) |
| Kohortenstudie an Pflegepersonal, USA | >450 Personen mit gestochenen Ohren | Infektionsrate ca. 20 % bei Ohrläppchen, ca. 30 % bei oberem Ohr/Knorpel |
| Macgregor, Scottish Medical Journal, Vereinigtes Königreich, 2001 | Übersichtsarbeit zu Kindern | Warnt vor Embedding (eingewachsenem Ohrstecker), Nickelallergie und – bei unsachgemäßer, nicht steriler Technik – theoretischem Übertragungsrisiko für Hepatitis B, Hepatitis C und HIV |
| Fallserie zu ausgeprägten Ohrkeloiden, mehrere afrikanische Zentren | Retrospektive Fallserie | Ohrlochstechen als häufigster Auslöser von Ohrkeloiden bei genetisch veranlagten Personen; Rezidivrate nach alleiniger operativer Entfernung je nach Quelle etwa 45–100 % |
Zu den in der Literatur am häufigsten beschriebenen Komplikationen zählen:
- Lokale Infektion: Rötung, Druckschmerz, Schwellung, gegebenenfalls Ausfluss rund um die Einstichstelle – meist durch Hautkeime wie Staphylokokken, seltener durch Pseudomonas ausgelöst, besonders bei Knorpelbeteiligung.
- Eingewachsener Ohrstecker (Embedding): Sitzt der Verschluss zu fest oder schwillt das Ohrläppchen an, kann der Stecker teilweise ins Gewebe einwachsen. Das betrifft besonders jüngere Kinder mit fülligen, weichen Ohrläppchen und tritt nach Beobachtungen aus der Praxis deutlich häufiger bei federbelasteten Mehrweg-Pistolen auf, die den Verschluss zu stark zusammendrücken.
- Verletzungen des Ohrläppchens: Versehentliches Herausreißen des Ohrsteckers, etwa beim Anziehen, beim Spielen, beim Sport oder durch ein Haustier, kann zu Einrissen bis hin zu einer sichtbaren Spaltung des Ohrläppchens führen.
- Allergische Kontaktreaktion: Juckreiz, Rötung und Bläschenbildung rund um die Einstichstelle als Zeichen einer beginnenden Nickelallergie (siehe Abschnitt oben).
- Keloidbildung: Überschießende, über die ursprüngliche Wunde hinauswachsende Narbe – dazu mehr im nächsten Abschnitt.
Historisch wurde in der Fachliteratur auch auf ein theoretisches Risiko der Übertragung blutübertragbarer Erreger wie Hepatitis B, Hepatitis C oder HIV bei unsauberer, nicht steriler Technik hingewiesen. Mit modernen sterilen Einweg-Kartuschensystemen, wie wir sie in unserer Praxis verwenden, ist dieses Risiko heute verschwindend gering, solange jede Kartusche – wie vorgeschrieben – ausschließlich einmal verwendet und danach fachgerecht entsorgt wird.
Wann Sie sofort ärztlichen Rat suchen sollten
Eine leichte Rötung und ein gewisser Druckschmerz sind in den ersten Tagen nach dem Stechen normal. Kontaktieren Sie dagegen zeitnah unsere Ordination oder Ihre Kinderärztin bzw. Ihren Kinderarzt, wenn sich die Rötung über das Ohrläppchen hinaus ausbreitet, die Schwellung auch nach dem dritten Tag zunimmt statt abzuklingen, gelblich-grünlicher oder übelriechender Ausfluss auftritt, das Ohrläppchen deutlich überwärmt oder zunehmend schmerzhaft ist, Fieber hinzukommt oder der Ohrstecker sichtlich ins Gewebe eingewachsen erscheint. Versuchen Sie in keinem dieser Fälle, den Stecker gewaltsam selbst zu entfernen – das kann die Situation verschlimmern. Bei rasch fortschreitender Schwellung, hohem Fieber oder einem deutlich beeinträchtigten Allgemeinzustand des Kindes suchen Sie bitte umgehend eine Kinder-Notaufnahme auf.
6. Keloide: Wer ist besonders gefährdet?
Ein Keloid ist eine überschießende Narbe, die über die Grenzen der ursprünglichen Wunde hinauswächst, oft wulstartig, gerötet und gelegentlich juckend oder schmerzhaft ist – anders als eine gewöhnliche, flache Narbe bildet es sich meist nicht von selbst zurück. Ohrlochstechen gilt in der Fachliteratur als einer der häufigsten Auslöser von Ohrkeloiden bei entsprechend veranlagten Personen. Der wichtigste Risikofaktor ist dabei eindeutig die familiäre Vorbelastung: Wenn ein Elternteil, Geschwisterkind oder Großelternteil bereits Keloide entwickelt hat, steigt das Risiko deutlich. Auch ethnische Herkunft spielt eine Rolle – Keloide treten bei Menschen afrikanischer und asiatischer Abstammung überdurchschnittlich häufig auf, wobei die genetische Veranlagung insgesamt stärker ins Gewicht fällt als das Lebensalter beim Stechen selbst. Manche Untersuchungen berichten von einem höheren Keloidrisiko, wenn das Ohrloch erst nach dem Kleinkindalter beziehungsweise im Schulalter gestochen wird; bei bekannter familiärer Keloidneigung wird in einzelnen Fallserien sogar diskutiert, ob ein sehr frühes Stechen im Säuglingsalter das Risiko eher senken könnte. Eine einheitliche, gesicherte Altersregel lässt sich daraus jedoch nicht ableiten – entscheidend bleibt die individuelle Familienanamnese.
Praktisch bedeutet das: Besteht in der Familie eine bekannte Neigung zu Keloiden, sollte das Für und Wider des Ohrlochstechens vorab gezielt mit der Kinderärztin oder dem Kinderarzt und gegebenenfalls einer dermatologischen Fachperson besprochen werden. Ist bereits ein Ohrkeloid entstanden, ist die Behandlung anspruchsvoll: Nach alleiniger operativer Entfernung berichten Fallserien je nach Quelle Rezidivraten von rund 45 bis 100 Prozent, weshalb meist eine Kombination aus Operation und begleitenden Maßnahmen wie Drucktherapie, Kortison-Injektionen oder anderen ergänzenden Verfahren notwendig ist.
7. Schmerzlinderung: Betäubungssalbe EMLA & Co.
Der eigentliche Einstich beim Ohrlochstechen dauert nur einen Bruchteil einer Sekunde und wird von den meisten Kindern als kurzer Piks empfunden. Wer die Empfindung dennoch zusätzlich abmildern möchte, kann vorab eine örtlich betäubende Creme auf Lidocain-Prilocain-Basis auftragen lassen, in Österreich am bekanntesten unter dem Markennamen Emla®. Solche Cremes werden dick aufgetragen und benötigen typischerweise rund eine Stunde Einwirkzeit, bevor die betäubende Wirkung auf der Haut vollständig eintritt.
Wichtig ist dabei die altersgerechte Anwendung: Laut Fachinformation und Empfehlungen der deutschen Arzneimittelkommission der Ärzteschaft sollte Emla-Creme bei Kindern unter drei Monaten nur unter ärztlicher Aufsicht angewendet werden, und bei Säuglingen unter zwölf Monaten ist gleichzeitig besondere Vorsicht geboten, wenn zusätzlich andere Arzneimittel eingenommen werden, die den Blutfarbstoff beeinflussen können (Methämoglobinämie-Risiko). Für ältere Kinder gilt: In 24 Stunden dürfen in der Regel höchstens zwei Anwendungen im Abstand von etwa zwölf Stunden erfolgen. In unserer Ordination können Sie die Salbe daher gerne rund eine Stunde vor dem eigentlichen Stechtermin kostenlos direkt bei uns auftragen lassen – so ist die Einwirkzeit korrekt eingehalten, und Sie müssen zu Hause nichts falsch dosieren. Allgemeine Informationen zum Umgang mit Medikamenten bei Kindern finden Sie unter Medikamente.
8. Stechsystem, Nadel oder Pistole? Hygienestandards im Vergleich
International wird immer wieder diskutiert, ob wiederverwendbare, federbelastete „Ohrlochpistolen", wie sie klassischerweise in Juweliergeschäften oder Kaufhäusern verwendet werden, ein höheres Risiko bergen als sterile Einweg-Systeme oder die freihändige Nadeltechnik professioneller Piercerinnen und Piercer. Internationale Berufsverbände wie die Association of Professional Piercers (APP, international tätig, Sitz USA) lehnen wiederverwendbare Pistolen grundsätzlich ab – mit der Begründung, dass deren Gehäuse zwar oberflächlich desinfiziert, jedoch nicht im medizinischen Sinn sterilisiert werden kann. Auch die US-amerikanische National Environmental Health Association hat sich in eigenen Positionspapieren kritisch zu solchen Mehrweg-Geräten geäußert.
Histologische Vergleichsstudien relativieren allerdings einen Teil der oft kolportierten Sorge: Beim reinen Gewebeschaden am Ohrläppchen selbst fanden Untersuchungen zwischen Pistolen- und Nadeltechnik keine bedeutsamen Unterschiede. Der entscheidende Unterschied liegt daher weniger im Werkzeug an sich als in der Sterilität der Teile, die tatsächlich mit der Wunde in Kontakt kommen. Genau hier setzt das in unserer Praxis verwendete Ohrlochstechsystem an: Weil Ohrstecker, Verschluss und die unmittelbar umgebende Kartusche als sterile Einwegeinheit verpackt sind und nur diese Teile das Ohr berühren, entspricht der Hygienestandard dem, was Fachverbände fordern – unabhängig davon, dass das äußere Instrumentengehäuse mehrfach verwendet wird. Für den Knorpelbereich gilt unabhängig vom Instrument: Weil Studien dort höhere Infektionsraten und ein Risiko für eine sogenannte Perichondritis (Knorpelhautentzündung, häufig durch Pseudomonas-Bakterien) zeigen, sollte dieser Bereich ausschließlich geschulten Fachkräften mit Nadeltechnik vorbehalten bleiben – ein weiterer Grund, warum wir uns in der Ordination bewusst auf das Ohrläppchen beschränken.
9. Nachsorge: Pflege des frischen Ohrlochs
Übereinstimmend geben der britische NHS, die kanadische Canadian Paediatric Society und die amerikanische AAP eine ganz ähnliche Faustregel aus: Die frisch gestochenen Erstohrstecker sollten mindestens sechs Wochen lang durchgehend im Ohrläppchen bleiben, bevor sie erstmals gewechselt werden – so lange dauert es im Regelfall, bis der Stichkanal ausreichend stabil verheilt ist. Gerade bei jüngeren Kindern kann sich ein noch nicht vollständig verheiltes oder erst kürzlich verheiltes Ohrloch zudem überraschend rasch wieder verschließen, wenn zwischenzeitlich kein Schmuck getragen wird.
Zur täglichen Pflege gehören saubere Hände vor jeder Berührung des Ohrläppchens sowie das regelmäßige, vorsichtige Reinigen der Einstichstelle nach den Anweisungen, die Sie bei uns in der Ordination erhalten. Manche Quellen, darunter die amerikanische AAP, empfehlen zusätzlich ein sanftes tägliches Drehen des Steckers während der Reinigung; britische und kanadische Stellen legen den Schwerpunkt stärker auf Sauberkeit und das Vermeiden von unnötigem Berühren. Einigkeit besteht dagegen bei folgenden Punkten: Schwimmbäder, Seen, Flüsse und das Meer sollten während der Heilungsphase gemieden werden, da dort ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht, und die Einstichstelle sollte in den ersten Tagen möglichst trocken gehalten werden. Da jedes Ohrlochstechen eine kleine offene Wunde erzeugt, ist ein vollständiger Tetanus-Basisschutz vor dem Termin sinnvoll – Details zum österreichischen Impfschema finden Sie unter Impfplan für Säuglinge und Kleinkinder und Tetanus, Wundstarrkrampf. Sollte es trotz sorgfältiger Pflege zu einer spürbaren Entzündung kommen, kann je nach Ausprägung eine lokale oder in selteneren Fällen auch eine systemische antibiotische Behandlung notwendig werden; Grundlegendes dazu erklärt unser Artikel Antibiotika bei Kindern.
10. Rechtliches in Österreich: Wer entscheidet, wer darf stechen?
In Österreich gibt es, wie in den meisten hier verglichenen Ländern, kein eigenes Gesetz, das ein bestimmtes Mindestalter für das Ohrlochstechen festlegt. Die Entscheidung liegt grundsätzlich bei den Eltern beziehungsweise den mit Pflege und Erziehung betrauten Personen. Nach dem Allgemeinen Bürgerlichen Gesetzbuch (ABGB) gilt dabei eine Besonderheit: Ab 14 Jahren gelten Kinder als „mündige Minderjährige" und können – sofern sie Bedeutung und Folgen eines Eingriffs wie des Ohrlochstechens ausreichend verstehen und beurteilen können – grundsätzlich selbst in eine medizinische Behandlung einwilligen. Bei jüngeren Kindern treffen die Eltern die Entscheidung; bei Kindern unter 16 Jahren wird zudem erwartet, dass ein Elternteil beim Termin persönlich anwesend ist, bei 16- bis 18-Jährigen genügt in der Regel eine schriftliche Einverständniserklärung.
Wer Ohrlöcher stechen darf, ist in Österreich über die Gewerbeordnung geregelt: Das Stechen von Ohrläppchen dürfen unter bestimmten hygienischen Voraussetzungen auch entsprechend geschulte Gewerbetreibende wie etwa Juweliergeschäfte durchführen, während Piercings im Knorpelbereich einem strengeren Rahmen unterliegen und häufig medizinischem Fachpersonal vorbehalten sind. Einzelne Anbieter legen darüber hinaus eigene, über die gesetzliche Mindestanforderung hinausgehende Altersgrenzen fest, etwa ein Mindestalter für das Ohrläppchen erst ab dem Schulalter oder für Knorpelpiercings erst ab 16 Jahren – eine sinnvolle Orientierung, auch wenn sie rechtlich nicht bindend ist. Da unsere Ordination ein medizinischer Betrieb mit geschultem Fachpersonal ist, gilt bei uns unabhängig von diesen Detailregelungen ohnehin der strengere medizinische Maßstab: ausschließlich sterile Einwegkartuschen, ausschließlich das Ohrläppchen, und die Entscheidung wird gemeinsam mit den Eltern im persönlichen Gespräch getroffen.
11. Häufige Fragen von Eltern
Ab welchem Alter kann mein Kind bei euch die Ohren stechen lassen?
Es gibt bei uns kein starres Mindestalter. Weil weder in Österreich noch in den meisten anderen hier verglichenen Ländern eine gesetzliche Altersgrenze existiert, besprechen wir die Entscheidung individuell mit Ihnen – unter anderem abhängig davon, ob der Impfschutz Ihres Kindes vollständig ist und wie gut absehbar ist, dass Ihr Kind nicht ständig am frischen Ohrstecker zieht.
Tut das Ohrlochstechen meinem Kind weh?
Der Einstich selbst dauert nur einen Bruchteil einer Sekunde und wird von den meisten Kindern als kurzer Piks wahrgenommen. Wer zusätzliche Sicherheit möchte, kann rund eine Stunde vorher eine Betäubungssalbe wie Emla® auftragen lassen – das übernehmen wir auf Wunsch kostenlos direkt bei uns in der Ordination.
Muss mein Kind vor dem Ohrlochstechen geimpft sein?
Ein vollständiger Basisschutz gegen Tetanus (Wundstarrkrampf) ist sinnvoll, weil jedes gestochene Ohrloch eine kleine offene Wunde darstellt. Details zum empfohlenen Impfzeitpunkt in Österreich finden Sie in unserem Artikel Impfplan für Säuglinge und Kleinkinder.
Können auch Buben Ohrringe stechen lassen?
Ja, medizinisch besteht kein Unterschied zwischen den Geschlechtern. In vielen Ländern und Kulturen ist das Tragen von Ohrringen bei Buben und Männern ebenso etabliert wie bei Mädchen und Frauen.
Wie lange müssen die Erstohrstecker getragen werden?
International übereinstimmend wird geraten, die ersten Ohrstecker mindestens sechs Wochen ununterbrochen zu tragen, bevor sie erstmals abgenommen oder gewechselt werden – so lange dauert es üblicherweise, bis der Stichkanal ausreichend verheilt ist.
Was tun, wenn sich das Ohrläppchen nach dem Stechen entzündet?
Eine leichte Rötung in den ersten Tagen ist normal. Nimmt die Rötung zu, kommen Schwellung, Ausfluss oder Fieber hinzu, sollten Sie sich zeitnah bei uns oder Ihrer Kinderärztin bzw. Ihrem Kinderarzt melden – die genauen Alarmzeichen finden Sie im Abschnitt „Risiken und Komplikationen".
Warum stecht ihr nur das Ohrläppchen und keine Knorpelpiercings?
Weil Studien im Knorpelbereich deutlich höhere Infektionsraten zeigen und der Knorpel beim Stechen splittern kann, was Entzündungen wie eine Perichondritis begünstigt. Aus Sicherheitsgründen beschränken wir uns deshalb bewusst auf das weiche, gut durchblutete Ohrläppchen.
Übernimmt die Krankenkasse die Kosten?
Nein. Ohrlochstechen ist ein kosmetischer, medizinisch nicht notwendiger Eingriff und daher eine reine Selbstzahlerleistung – bei uns pauschal 50 Euro inklusive medizinischem Erstohrstecker. Einen Überblick über Kassenleistungen und Wahlleistungen in unserer Ordination finden Sie unter Kassen und Honorare.
12. Quellen
- Ear Piercing, Pediatrics in Review, Bd. 40, Heft 1 – Parekh J., Kokotos F., American Academy of Pediatrics (AAP), USA, 2019
- Avoiding Infection After Ear Piercing – HealthyChildren.org, American Academy of Pediatrics (AAP), USA, laufend aktualisiert
- Piercing für Jugendliche verbieten – Pressemitteilung des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), Deutschland, 21.4.2008
- Piercing kann zur Sensibilisierung gegenüber Nickel führen, Stellungnahme Nr. 046/2008 – Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), Deutschland, 2008
- Nickel Allergic Contact Dermatitis: Identification, Treatment, and Prevention, Pediatrics – American Academy of Pediatrics (AAP), USA, 2020
- Prevalence of nickel allergy in Europe following the EU Nickel Directive – a review, Contact Dermatitis – Ahlström M. G. et al., mehrere europäische Länder, 2017
- REACH-Verordnung (EG) Nr. 1907/2006, Anhang XVII, Eintrag 27 (Nickel) – Europäische Chemikalienagentur (ECHA)/Europäische Union, laufend aktualisiert
- Gebrauchsinformation Emla 5 % Creme – Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG)/AGES Medizinmarktaufsicht, Österreich, laufend aktualisiert
- Methämoglobinämie nach Überdosierung von Emla-Creme bei einem Säugling – Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ), Deutschland
- Tetanus-Impfung (Wundstarrkrampf) – Gesundheitsportal Österreich (gesundheit.gv.at), Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, Österreich
- Allgemeines Bürgerliches Gesetzbuch (ABGB) § 173, Einwilligung mündiger Minderjähriger in medizinische Behandlungen – Rechtsinformationssystem des Bundes (RIS), Österreich
- Gewerbeordnung 1994 (idgF), Bestimmungen zum Ohrlochstechen durch Gewerbetreibende – Österreich
- Comparison between cartilage and soft tissue ear piercing complications – Simplot T. C., Hoffman H. T., American Journal of Otolaryngology, USA, 1998
- The Risks of Ear Piercing in Children – Macgregor D. M., Scottish Medical Journal, Vereinigtes Königreich, 2001
- Ear piercing – National Health Service (NHS), Vereinigtes Königreich, laufend aktualisiert
- Ear piercing care for kids: Safety tips from a pediatrician – Riley Children's Health, USA
- The Risks of Infant Ear Piercing – Johns Hopkins Medicine, USA
- Piercing FAQ und Hygienestandards – Association of Professional Piercers (APP), USA/international
- Policy Statement: Ear Piercing Guns – National Environmental Health Association (NEHA), USA, 2018
- Massive ear keloids: Natural history, evaluation of risk factors and recommendation for preventive measures – retrospektive Fallserie, mehrere afrikanische Zentren
- Ear piercing, Elternratgeber und Pflegehinweise – Raising-Children-Ressourcen, Australien
- Caring for Kids, Hautinfektionen und Wundpflege – Canadian Paediatric Society, Kanada
- Infant ear piercing – Wikipedia, englischsprachige Ausgabe, als eine von mehreren Sekundärquellen für den internationalen kulturellen Überblick
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