„Tyrosinämie" ist ein Sammelbegriff für mehrere, sehr unterschiedlich schwere Störungen im Abbau der Aminosäure Tyrosin, die praktisch in jedem eiweißhaltigen Lebensmittel steckt. Am häufigsten begegnet Eltern in der Ordination die harmlose, vorübergehende (transiente) Tyrosinämie des Neugeborenen, die im Rahmen der Eltern-Kind-Pass-Untersuchung auffällt und sich meist von selbst zurückbildet. Daneben gibt es drei seltene bis sehr seltene, angeborene Stoffwechselerkrankungen – Tyrosinämie Typ 1, Typ 2 und Typ 3 –, bei denen ein einzelnes Enzym im Tyrosin-Abbau fehlt oder kaum arbeitet. Vor allem Tyrosinämie Typ 1 ist ein Notfall im Säuglingsalter, der unbehandelt Leber, Nieren und Nervensystem zerstören kann, sich mit der richtigen Behandlung heute aber sehr gut beherrschen lässt. Dieser Ratgeber erklärt, was im Körper schiefläuft, wie häufig die einzelnen Formen weltweit und in Österreich tatsächlich sind, woran Eltern die Warnzeichen erkennen und wie Diagnostik, Behandlung und Langzeitprognose aus heutiger Sicht aussehen.

So ist dieser Ratgeber aufgebaut

Grundlage dieses Artikels sind vor allem die medizinisch-genetische Fachdatenbank GeneReviews (NIH/University of Washington, USA), die US-amerikanische Gendatenbank MedlinePlus Genetics (NIH), Fachinformationen des Kinderspitals von Pittsburgh (UPMC Children's Hospital, USA), der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA, Deutschland) sowie ergänzende deutsch- und englischsprachige Fachquellen. Die vollständige Liste finden Sie am Ende des Artikels.

Wenn Sie es eilig haben: Die wichtigsten Alarmzeichen finden Sie im Abschnitt „Komplikationen und Warnzeichen", alles zur Behandlung im Abschnitt „Behandlung und Heilungsaussichten".

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Er dient der Orientierung und der Vorbereitung auf das Gespräch in der kinderärztlichen Praxis beziehungsweise im spezialisierten Stoffwechselzentrum. Diagnose, Diät- und Medikamentenplan bei Tyrosinämie gehören ausschließlich in die Hände eines auf angeborene Stoffwechselerkrankungen spezialisierten Behandlungsteams.

1. Ätiologie und Übertragungsweg: Was passiert im Stoffwechsel?

Tyrosin ist eine Aminosäure, die der Körper teils selbst aus Phenylalanin herstellt, teils direkt über eiweißhaltige Nahrung – Milch, Fleisch, Fisch, Eier, Getreide, Hülsenfrüchte – aufnimmt. Der Abbau von überschüssigem Tyrosin läuft in der Leber über eine Kette von vier Enzymen: Zuerst wandelt die Tyrosin-Aminotransferase (TAT) Tyrosin in 4-Hydroxyphenylpyruvat um, dieses wird durch die 4-Hydroxyphenylpyruvat-Dioxygenase (HPD) zu Homogentisinsäure, dann über ein weiteres Enzym zu Maleylacetoacetat und schließlich durch die Fumarylacetoacetat-Hydrolase (FAH) in die harmlosen Endprodukte Fumarat und Acetoacetat gespalten, die der Körper problemlos weiterverwerten kann. Je nachdem, welches dieser Enzyme fehlt oder nur eingeschränkt arbeitet, entsteht ein jeweils eigenständiges Krankheitsbild mit ganz unterschiedlichem Schweregrad (GeneReviews, NIH/University of Washington, USA).

  • Tyrosinämie Typ 1 (hepatorenale Tyrosinämie): Der FAH-Mangel steht am Ende der Abbaukette. Dadurch stauen sich nicht nur Tyrosin, sondern vor allem hochtoxische Zwischenprodukte wie Fumarylacetoacetat, Maleylacetoacetat und – als besonders kennzeichnender Marker – Succinylaceton an, die direkt Leber-, Nieren- und Nervenzellen schädigen. Ursächlich ist eine Veränderung (Variante) im Gen FAH auf Chromosom 15 (Genort 15q25.1).
  • Tyrosinämie Typ 2 (okulokutane Tyrosinämie, Richner-Hanhart-Syndrom): Hier fehlt das allererste Enzym der Kette, die Tyrosin-Aminotransferase. Es entstehen keine toxischen Zwischenprodukte – stattdessen sammelt sich unverändertes Tyrosin selbst in Blut und Gewebe an und bildet in Hornhaut und Haut feine Kristalle, die die dort typischen Beschwerden auslösen. Verantwortlich ist eine Veränderung im Gen TAT auf Chromosom 16 (Genort 16q22.2).
  • Tyrosinämie Typ 3: Betroffen ist das zweite Enzym der Kette, die 4-Hydroxyphenylpyruvat-Dioxygenase (HPD). Der Tyrosinspiegel steigt dabei nur leicht bis mäßig an, deutlich weniger als bei den beiden anderen Typen. Ursächlich sind Veränderungen im Gen HPD auf Chromosom 12 (Genort 12q24.31).
  • Transiente Tyrosinämie des Neugeborenen: Keine Genveränderung, sondern eine vorübergehende Unreife genau desselben HPD-Enzyms, das bei Typ 3 dauerhaft gestört ist. Bei Neugeborenen – besonders bei Frühgeborenen – arbeitet die HPD in den ersten Lebenswochen noch nicht mit voller Kapazität. Eine hohe Eiweißzufuhr sowie ein Mangel an Vitamin C, das als Co-Faktor für die HPD benötigt wird, verstärken den Effekt zusätzlich. Sobald die Leber ausreift, normalisiert sich der Tyrosinspiegel von selbst.

Die drei angeborenen Formen (Typ 1, 2 und 3) werden alle autosomal-rezessiv vererbt: Ein betroffenes Kind hat von beiden Elternteilen je eine veränderte Genkopie geerbt. Die Eltern selbst sind als sogenannte Anlageträger (Carrier) so gut wie immer gesund, weil eine funktionierende Genkopie normalerweise ausreicht. Bei jeder weiteren Schwangerschaft zweier Anlageträger besteht ein Wiederholungsrisiko von 25 Prozent für ein erneut betroffenes Kind, 50 Prozent für ein gesundes Anlageträger-Kind und 25 Prozent für ein Kind ganz ohne die Genveränderung. Ist die ursächliche Variante in der Familie bekannt, ist auch eine vorgeburtliche Diagnostik mittels Fruchtwasseruntersuchung (Amniozentese) möglich. Mehr zu diesem Vererbungsmuster und verwandten Erkrankungen lesen Sie auch im Überblicksartikel zu den Aminoazidopathien.

FormBetroffenes Enzym / GenWas passiert im Körper
Transiente neonatale Tyrosinämievorübergehend unreife HPD (kein Gendefekt)leicht bis mäßig erhöhtes Tyrosin, bildet sich von selbst zurück
Tyrosinämie Typ 1Fumarylacetoacetat-Hydrolase (FAH), Gen FAHtoxische Zwischenprodukte schädigen Leber, Nieren, Nerven
Tyrosinämie Typ 2Tyrosin-Aminotransferase (TAT), Gen TATTyrosin selbst lagert sich in Auge und Haut ab
Tyrosinämie Typ 34-Hydroxyphenylpyruvat-Dioxygenase (HPD), Gen HPDleicht bis mäßig erhöhtes Tyrosin, betrifft vor allem das Nervensystem

2. Epidemiologie: Wie häufig ist Tyrosinämie? Internationaler Vergleich

Wie häufig eine der drei angeborenen Formen ist, hängt stark davon ab, welches Enzym betroffen ist – und in bestimmten Bevölkerungsgruppen zusätzlich von genetischen Gründereffekten. Am besten untersucht ist Tyrosinämie Typ 1: Weltweit wird die Häufigkeit auf rund 1:100.000 bis 1:120.000 Lebendgeburten geschätzt (GeneReviews, USA; MedlinePlus Genetics, NIH, USA). Deutlich höher liegt die Rate in Skandinavien und vor allem in der kanadischen Provinz Québec, deutlich niedriger in den meisten übrigen Weltregionen, für die allerdings kaum gesonderte Zahlen vorliegen.

Land/Region/BevölkerungsgruppeGeschätzte Häufigkeit von Tyrosinämie Typ 1
Weltweit (allgemeine Bevölkerung)rund 1:100.000 bis 1:120.000
Norwegenrund 1:74.800
Finnlandrund 1:60.000
Québec, Kanada (gesamte Provinz)rund 1:16.000
Saguenay-Lac-Saint-Jean (Québec)rund 1:1.846 – Trägerfrequenz 1:16 bis 1:20
USA (Trägerfrequenz allgemeine Bevölkerung)rund 1:100 bis 1:150 Anlageträger
DeutschlandTeil des erweiterten Neugeborenenscreenings seit 16. März 2018, keine gesonderte Inzidenzzahl publiziert
Österreichkeine gesonderten Inzidenzstudien; Bestandteil des Neugeborenen-Stoffwechselscreenings der Medizinischen Universität Wien

Die auffallend hohe Rate in der Region Saguenay-Lac-Saint-Jean geht auf einen sogenannten genetischen Gründereffekt zurück: Eine kleine Gruppe französisch-kanadischer Siedler brachte im 17./18. Jahrhundert eine bestimmte FAH-Genvariante mit, die sich in der seither vergleichsweise isolierten Bevölkerung stark verbreitet hat – ein Mechanismus, der bei mehreren seltenen Stoffwechselerkrankungen in genetisch isolierten Gruppen zu beobachten ist (GeneReviews, USA).

Tyrosinämie Typ 2 ist deutlich seltener als Typ 1: Die Häufigkeit wird auf weniger als 1:250.000 geschätzt, weltweit sind erst einige Hundert Fälle in der Fachliteratur beschrieben. Tyrosinämie Typ 3 ist die mit Abstand seltenste Form – bislang wurden weltweit nur einige wenige, in der Literatur oft im niedrigen zweistelligen Bereich bezifferte Fälle beschrieben, viele davon zufällig im Rahmen eines Neugeborenenscreenings entdeckt, ohne dass die betroffenen Kinder Beschwerden zeigten (Wikipedia, englischsprachiger Fachartikel; deutschsprachiger Fachartikel). Die transiente Tyrosinämie des Neugeborenen ist dagegen die mit Abstand häufigste Variante überhaupt: Ältere Untersuchungen fanden bei bis zu jedem zehnten Neugeborenen zumindest vorübergehend leicht erhöhte Tyrosinwerte, besonders bei Frühgeborenen und bei eiweißreicher Ernährung (MedlinePlus Genetics, NIH, USA) – mit modernen, eiweißärmeren Säuglingsnahrungen und routinemäßiger Vitamin-C-Versorgung ist sie heute seltener geworden als früher.

Typ 1 weltweit~1:100.000–120.000GeneReviews / MedlinePlus, USA
Höchste bekannte Häufigkeit~1:1.846Saguenay-Lac-Saint-Jean, Québec
Typ 2 weltweit<1:250.000Wikipedia/NORD-Angaben, USA
Transiente Formbis zu 1:10 Neugeboreneältere Erhebungen, MedlinePlus/NIH

3. Symptome und Krankheitsverlauf nach Typ

Transiente Tyrosinämie des Neugeborenen

Diese Form verläuft nahezu immer ohne erkennbare Symptome. Sie fällt praktisch nie klinisch auf, sondern ausschließlich als leicht erhöhter Tyrosinwert im Blut – meist im Rahmen der Stoffwechseluntersuchungen der Eltern-Kind-Pass-Vorsorge. Betroffen sind vor allem Frühgeborene sowie Neugeborene mit hoher Eiweißzufuhr; ein Zusammenhang mit knapper Vitamin-C-Versorgung wird seit Jahrzehnten diskutiert. Die Werte normalisieren sich in aller Regel innerhalb der ersten Lebenswochen, spätestens gegen Ende des zweiten Lebensmonats, von selbst.

Tyrosinämie Typ 1: hepatorenale Form

Tyrosinämie Typ 1 ist die schwerste der drei angeborenen Formen. Die Erkrankung bricht typischerweise zwischen dem 15. Lebenstag und dem 3. Lebensmonat aus und zerstört unbehandelt fortschreitend die Leber (Leberzellnekrose, das Absterben von Leberzellen). Nach dem zeitlichen Verlauf unterscheidet man eine akute Form, die bereits in den ersten Lebensmonaten mit schwerem Leberversagen beginnt, und eine chronische Form, die sich erst nach dem sechsten Lebensmonat langsamer mit fortschreitender Leberzirrhose, Nierenschäden und neurologischen Ausfällen bemerkbar macht (GeneReviews, USA; deutschsprachiger Fachartikel).

Nach Angaben von GeneReviews (NIH/University of Washington) zeigen unbehandelte Kinder folgendes Beschwerdebild: bei 80 bis 90 Prozent akutes Leberversagen mit verlängerten Gerinnungszeiten und stark erhöhtem Alpha-Fetoprotein (im Mittel rund 160.000 ng/ml, Normalwert unter 1.000 bis 12 ng/ml); bei 60 bis 80 Prozent eine Nierenschädigung mit gestörter Rückresorption in den Nierenkanälchen (Fanconi-ähnliches Syndrom) und Übersäuerung des Blutes; bei 40 bis 70 Prozent Wachstumsstörungen und eine Rachitis (Knochenerweichung durch die chronische Erkrankung); bei 20 bis 40 Prozent akute, porphyrieähnliche neurologische Krisen, die 1 bis 7 Tage andauern und mit Bewusstseinsveränderungen, Nervenschäden und Atemproblemen einhergehen können. Weitere mögliche Symptome sind Erbrechen, Durchfall, Unterzuckerung, Gelbsucht, eine Wassersucht (Ödeme, insbesondere Beinödeme) sowie eine übermäßige Ansammlung von meist klarer, seröser Flüssigkeit in der Bauchhöhle (Aszites); auch Magendarmblutungen und eine erhöhte Blutungsneigung, etwa Nasenbluten, kommen vor. Eine Sepsis (ein lebensbedrohlicher Zustand durch eine überschießende Reaktion auf eine Infektion) ist eine häufige Komplikation. Ohne Behandlung entstehen häufig maligne Leberzellkarzinome (hepatozelluläre Karzinome); das Risiko dafür liegt bei unbehandelten Kindern bei etwa 17 bis 37 Prozent.

Tyrosinämie Typ 2: okulokutane Form (Richner-Hanhart-Syndrom)

Bei Tyrosinämie Typ 2 kommt es laut Fachliteratur bei rund 70 bis 80 Prozent der Betroffenen zu Veränderungen an Augen und Haut. An den Augen zeigen sich eine gesteigerte Lichtempfindlichkeit (Photophobie), Rötung, vermehrter Tränenfluss und Schmerzen – ausgelöst durch schmerzhafte, oberflächliche Hornhautschäden (sogenannte pseudodendritische Keratitis) durch feine Tyrosin-Kristalle in der Hornhaut. Diese Augensymptome treten meist innerhalb des ersten Lebensjahres auf. Die Hautveränderungen – schmerzhafte, verdickte, schwielenartige Hornhautschwielen (Hyperkeratosen) an den Druckstellen von Handinnenflächen und Fußsohlen – zeigen sich typischerweise erst nach dem ersten Lebensjahr. Bei etwa der Hälfte bis knapp zwei Drittel der Betroffenen kommt es zusätzlich zu einer Beteiligung des Nervensystems mit intellektuellen Beeinträchtigungen sowie Sprach- und Koordinationsstörungen; eine Häufung der Erkrankung wird vor allem in arabischen und mediterranen Bevölkerungsteilen beschrieben.

Tyrosinämie Typ 3

Tyrosinämie Typ 3 führt zu einem nur leicht erhöhten Tyrosinspiegel. Weltweit sind bislang nur sehr wenige Fälle bekannt, viele davon zufällig über ein Neugeborenenscreening entdeckt. Die in der Literatur beschriebenen Symptome reichen von milden intellektuellen Defiziten über epileptische Anfälle bis zu vorübergehenden Gleichgewichts- und Koordinationsstörungen (intermittierende Ataxie); ein Teil der betroffenen Kinder bleibt aber auch über Jahre hinweg vollständig beschwerdefrei.

4. Diagnostik in der Ordination und im Screening

Der erste Hinweis kommt heute meist aus dem Neugeborenenscreening, nicht aus akuten Symptomen. In der kinderärztlichen Ordination stehen bei einem auffälligen Screening-Ergebnis oder bei klinischem Verdacht folgende Schritte im Vordergrund:

  • Succinylaceton in Blut und Urin: Dieser Metabolit gilt als beweisend (pathognomonisch) für Tyrosinämie Typ 1 und wird sowohl im Neugeborenenscreening als auch zur Bestätigung im Blut- und Urintest bestimmt (GeneReviews, USA).
  • Quantitative Aminosäureanalyse im Blutplasma: zeigt bei allen drei angeborenen Formen einen erhöhten Tyrosinspiegel, wobei die Höhe je nach Typ unterschiedlich ausfällt.
  • Organische-Säuren-Analyse im Urin: weist bei Typ 1 zusätzliche toxische Abbauprodukte nach.
  • Leberwerte, Gerinnungsstatus und Alpha-Fetoprotein: zur Einschätzung, wie stark die Leber bei Typ 1 bereits betroffen ist.
  • Nierenfunktionsparameter (u. a. Phosphat, Glukose und Bikarbonat im Urin): zur Erfassung einer beginnenden Fanconi-ähnlichen Nierenschädigung bei Typ 1.
  • Augenärztliche Untersuchung mit Spaltlampe: bei Verdacht auf Typ 2, zur Beurteilung der charakteristischen Hornhautveränderungen.
  • Molekulargenetische Testung der Gene FAH, TAT beziehungsweise HPD: sichert die Diagnose endgültig und ist Grundlage für eine gezielte Testung von Geschwistern und künftigen Schwangerschaften.

Wichtig für die tägliche Praxis: Bei jedem Neugeborenen mit unklarer Trinkschwäche, Gedeihstörung, Gelbsucht über die üblichen ersten Lebenstage hinaus oder Blutungsneigung sollte differenzialdiagnostisch auch an eine Tyrosinämie Typ 1 gedacht werden – unabhängig davon, ob das Screening-Ergebnis bereits vorliegt.

5. Behandlung und Heilungsaussichten

Wie unterschiedlich die drei angeborenen Formen der Tyrosinämie im Alltag sind, zeigt sich am deutlichsten bei der Behandlung: Während Typ 1 unbedingt in ein spezialisiertes Stoffwechselzentrum gehört, lassen sich Typ 2 und Typ 3 meist mit einer angepassten Diät gut kontrollieren.

Transiente Tyrosinämie: meist keine spezifische Behandlung nötig

Bei der transienten Form des Neugeborenen genügt in aller Regel die Kontrolle der Verlaufswerte. Da ein Vitamin-C-Mangel die Unreife des zuständigen Enzyms verstärken kann, wird bei nachgewiesenem Mangel gegebenenfalls Vitamin C ergänzt; bei sehr hoher Eiweißzufuhr über die Formulanahrung kann diese vorübergehend angepasst werden. Eine dauerhafte Diät oder Medikation ist nicht erforderlich – die Werte normalisieren sich, sobald die Leberfunktion ausreift.

Tyrosinämie Typ 1: Nitisinon (NTBC) und tyrosinarme Diät

Die Behandlung von Tyrosinämie Typ 1 wurde durch die Einführung des Medikaments Nitisinon (Handelsname unter anderem Orfadin, in der Fachliteratur meist als NTBC bezeichnet) grundlegend verändert. Nitisinon wurde ursprünglich im Rahmen der Herbizidforschung entwickelt und kam ab 1991 in der Behandlung von Tyrosinämie Typ 1 zum Einsatz (Wikipedia, englischsprachiger Fachartikel zu Nitisinon). Es hemmt gezielt das Enzym 4-Hydroxyphenylpyruvat-Dioxygenase weiter oben in der Abbaukette und verhindert dadurch, dass die hochgiftigen Zwischenprodukte, die bei Typ 1 nicht weiter abgebaut werden können, überhaupt erst entstehen. Die übliche Dosierung liegt bei 1,0 bis 2,0 mg pro Kilogramm Körpergewicht und Tag, angestrebt wird ein Blutspiegel von etwa 40 bis 60 µmol/l (GeneReviews, USA).

Nitisinon wird immer mit einer lebenslangen, tyrosin- und phenylalaninarmen Diät kombiniert, die zusätzlich über eine spezielle Aminosäuren-Formulanahrung den übrigen Eiweißbedarf deckt. Angestrebt werden Tyrosinspiegel von etwa 300 bis 600 µmol/l und Phenylalaninspiegel von etwa 20 bis 80 µmol/l im Blut außerhalb akuter Episoden (GeneReviews, USA). Regelmäßige Kontrollen von Succinylaceton, Tyrosin, Alpha-Fetoprotein sowie des Nitisinon-Blutspiegels in einem spezialisierten Stoffwechselzentrum sind fester Bestandteil der Langzeitbetreuung. Eine akute Stoffwechselkrise mit Leberversagen gehört immer auf eine Kinderintensivstation beziehungsweise in ein spezialisiertes Zentrum.

Nitisinon hat die Lebertransplantation heute als Erstlinientherapie weitgehend abgelöst (Wikipedia, englischsprachiger Fachartikel zu Nitisinon). Laut dem Kinderspital von Pittsburgh (UPMC Children's Hospital, USA) sprechen mehr als 90 Prozent der Kinder sehr gut auf die Kombination aus Nitisinon und Diät an. Eine Lebertransplantation wird heute deutlich seltener benötigt als früher und kommt vor allem dann noch in Betracht, wenn ein Kind mit akutem Leberversagen nicht ausreichend auf Nitisinon anspricht oder sich Hinweise auf ein beginnendes Leberzellkarzinom zeigen. Nach einer Transplantation können betroffene Kinder in der Regel wieder uneingeschränkt essen, da die neue Leber den fehlenden Enzymschritt übernimmt.

Tyrosinämie Typ 2 und Typ 3: tyrosin- und phenylalaninarme Diät

Bei beiden Formen steht ebenfalls eine eiweißreduzierte, gezielt tyrosin- und phenylalaninarme Diät im Mittelpunkt der Behandlung, die den Tyrosinspiegel im Blut senkt und dadurch die Ablagerung in Auge, Haut beziehungsweise Nervensystem verringert. Bei Typ 2 wird üblicherweise ein Zielwert des Tyrosinspiegels von unter 800 µmol/l angestrebt (deutschsprachiger Fachartikel); bereits bestehende Hornhautschäden und Hautschwielen bilden sich unter konsequenter Diät häufig zurück, begleitend werden je nach Beschwerdebild auch symptomatische augenärztliche und dermatologische Maßnahmen eingesetzt. Bei Typ 3 orientiert sich die Behandlung mangels großer Studien meist am Vorgehen bei Typ 2; wegen der insgesamt milderen Stoffwechsellage kommen manche Kinder auch mit einer weniger strengen Diät oder ganz ohne spezifische Behandlung aus, abhängig vom individuellen Tyrosinspiegel und Verlauf.

Was Eltern selbst tun können

Für Familien mit einem Kind mit Tyrosinämie Typ 1, 2 oder 3 ist die verlässliche Umsetzung der ärztlich verordneten Diät im Alltag der wichtigste eigene Beitrag: das genaue Abwiegen eiweißhaltiger Lebensmittel, die zuverlässige Gabe der Spezialnahrung sowie die Einhaltung der vereinbarten Kontrolltermine mit Blutabnahmen. Bei Tyrosinämie Typ 1 gehört dazu zusätzlich ein Notfallplan für Krankheitstage: Fieber, Erbrechen oder Nahrungsverweigerung können den körpereigenen Eiweißabbau ankurbeln und sollten rasch mit dem betreuenden Stoffwechselzentrum besprochen werden – allgemeine Grundlagen zum Umgang mit Fieber bei Kindern finden Sie in unserem Artikel Fieber bei Kindern und Jugendlichen, der individuelle Notfallplan des Stoffwechselzentrums hat aber immer Vorrang. Bei der transienten Form des Neugeborenen genügt es meist, die vereinbarten Kontrollen wahrzunehmen und auf eine ausgewogene, nicht übermäßig eiweißreiche Ernährung zu achten.

Ansprechen auf Nitisinon+Diät>90 %UPMC Children's Hospital Pittsburgh, USA
Leberzellkarzinom, unbehandelt17–37 %GeneReviews, USA
Nitisinon im Einsatz seit1991Wikipedia, Nitisinon
Unbehandelt, Tod meist vor10. Lebensjahrdeutschsprachiger Fachartikel

Die Prognose hat sich durch Nitisinon fundamental gewandelt: Unbehandelt verläuft die akute Form von Tyrosinämie Typ 1 innerhalb weniger Lebensmonate tödlich, bei der chronischen Form versterben unbehandelte Kinder laut deutschsprachiger Fachliteratur meist vor dem zehnten Lebensjahr an Leberversagen, einer neurologischen Krise oder einem Leberzellkarzinom. Wird die Diagnose dagegen früh gestellt – im Idealfall durch das Neugeborenenscreening, bevor Symptome auftreten – und die Behandlung mit Nitisinon und Diät konsequent und lebenslang fortgeführt, ist die Prognose heute sehr gut: Betroffene erreichen in aller Regel das Erwachsenenalter mit weitgehend normaler Leber- und Nierenfunktion. Auch bei Typ 2 und Typ 3 ist die Prognose unter konsequenter Diät als gut einzustufen; augenärztliche und neurologische Verlaufskontrollen bleiben aber sinnvoll, um bleibende Schäden frühzeitig zu erkennen.

6. Komplikationen und Warnzeichen

Auch unter Behandlung sind bei Tyrosinämie Typ 1 regelmäßige Kontrollen entscheidend, weil sich Komplikationen zum Teil schleichend entwickeln können: Dazu zählen ein trotz Therapie erhöhtes, wenn auch gegenüber unbehandelten Kindern deutlich reduziertes Risiko für ein Leberzellkarzinom, eine bleibende Nierenfunktionsstörung sowie – bei zu später oder unregelmäßiger Behandlung – ein erhöhtes Risiko für Entwicklungsverzögerungen. Bei Typ 2 kann eine unzureichend behandelte, langjährige Hornhautbeteiligung zu bleibenden Hornhautnarben und Sehstörungen führen; die im Abschnitt „Symptome" beschriebene Mitbeteiligung des Nervensystems kann trotz Diät fortbestehen, wenn sie bereits vor Diagnosestellung eingetreten war.

Wann sofort in kinderärztliche beziehungsweise Spitalsbehandlung

  • ein Neugeborenes trinkt schlecht, erbricht wiederholt oder verweigert die Nahrung, insbesondere in Kombination mit Gelbsucht, die über die ersten Lebenstage hinaus anhält oder erneut auftritt
  • zunehmende Teilnahmslosigkeit, auffällige Schläfrigkeit oder eine Bewusstseinstrübung
  • Anschwellen des Bauches (Aszites) oder der Beine, ungewöhnliche Blutungsneigung, etwa häufiges Nasenbluten
  • bei einem Kind mit bekannter Tyrosinämie Typ 1: jede fieberhafte Infektion, jedes anhaltende Erbrechen oder jede Nahrungsverweigerung – informieren Sie umgehend das betreuende Stoffwechselzentrum
  • bei einem Kind mit bekannter Tyrosinämie Typ 2: plötzliche starke Augenschmerzen, ausgeprägte Lichtempfindlichkeit oder eine sichtbare Trübung der Hornhaut
  • ein auffälliges oder verzögertes Neugeborenenscreening-Ergebnis bei gleichzeitig kranker wirkendem Baby – hier nicht auf das Ergebnis warten, sondern umgehend ärztlich vorstellen

7. Vorbeugung und Neugeborenenscreening

Eine Tyrosinämie lässt sich nicht durch eine Impfung verhindern – wirksame Vorbeugung bedeutet hier vor allem, die Erkrankung so früh wie möglich zu erkennen, bevor toxische Zwischenprodukte Schaden anrichten können, sowie betroffene Familien genetisch zu beraten.

Neugeborenenscreening: Tyrosinämie Typ 1 lässt sich zuverlässig über den Nachweis von Succinylaceton aus wenigen Tropfen Fersenblut im Rahmen des routinemäßigen Neugeborenenscreenings erkennen. In Österreich ist diese Blutabnahme Teil der kostenfreien Untersuchungen rund um den Eltern-Kind-Pass; das zentrale Screening-Labor der Medizinischen Universität Wien untersucht jährlich mehrere zehntausend Neugeborene aus ganz Österreich auf zahlreiche angeborene Stoffwechsel-, Hormon- und Immunerkrankungen. In Deutschland gehört Tyrosinämie seit dem 16. März 2018 offiziell zu den Zielkrankheiten des erweiterten Neugeborenenscreenings, das in der Kinder-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) festgelegt ist – seit dessen bundesweiter Einführung 1969 wurden bis 2022 mehr als 34 Millionen Kinder untersucht und bei über 14.000 von ihnen eine angeborene Erkrankung frühzeitig erkannt (deutschsprachiger Fachartikel zum Neugeborenenscreening). International war Österreich bereits 1966 – nur wenige Jahre nach den ersten Programmen weltweit – eines der Vorreiterländer beim Neugeborenenscreening.

Genetische Beratung und vorgeburtliche Diagnostik: Ist in einer Familie bereits ein Kind mit Tyrosinämie Typ 1, 2 oder 3 bekannt, kann die ursächliche Genvariante bestimmt werden. Damit ist sowohl eine gezielte Testung von Geschwistern direkt nach der Geburt als auch – bei entsprechendem Wunsch der Eltern – eine vorgeburtliche Diagnostik mittels Fruchtwasseruntersuchung möglich. Ausführliche Beratung dazu erhalten Familien über ein humangenetisches Zentrum oder das betreuende Stoffwechselzentrum.

Für die transiente Tyrosinämie des Neugeborenen gibt es keine gezielte Vorbeugung im eigentlichen Sinn; eine ausgewogene, nicht übermäßig eiweißreiche Säuglingsernährung sowie eine ausreichende Vitamin-C-Versorgung – bei gestillten Kindern in erster Linie über die mütterliche Ernährung – können das Risiko nach heutigem Kenntnisstand aber verringern.

8. Häufige Fragen von Eltern

Unser Neugeborenes hat einen leicht erhöhten Tyrosinwert – müssen wir uns Sorgen machen?

In den allermeisten Fällen handelt es sich um die harmlose, transiente Tyrosinämie des Neugeborenen, die sich innerhalb der ersten Lebenswochen von selbst zurückbildet. Ihre Kinderärztin oder Ihr Kinderarzt wird den Wert kontrollieren und bei Bedarf ergänzende Untersuchungen veranlassen, um eine der selteneren angeborenen Formen sicher auszuschließen. Details finden Sie im Abschnitt „Symptome und Krankheitsverlauf".

Was bedeutet ein auffälliger Screening-Befund bei Verdacht auf Tyrosinämie Typ 1?

Ein auffälliger Succinylaceton-Wert im Neugeborenenscreening muss rasch durch eine direkte Blut- und Urinuntersuchung sowie durch eine molekulargenetische Testung bestätigt werden. Bis das Ergebnis vorliegt, wird Ihr Kind engmaschig kinderärztlich beobachtet; bei klinischen Auffälligkeiten erfolgt die Anbindung an ein spezialisiertes Stoffwechselzentrum bereits vor der endgültigen Bestätigung. Mehr dazu im Abschnitt „Diagnostik".

Kann unser Kind mit Tyrosinämie Typ 1 ein normales Leben führen?

Ja, bei früher Diagnose und konsequenter lebenslanger Behandlung mit Nitisinon und Diät ist die Prognose heute sehr gut – mehr als 90 Prozent der Kinder sprechen gut auf die Therapie an, und die früher hohe Sterblichkeit sowie das Leberkrebsrisiko sind dadurch drastisch gesunken. Wichtig bleiben lebenslange Kontrollen in einem Stoffwechselzentrum. Details finden Sie im Abschnitt „Behandlung und Heilungsaussichten".

Muss unser Kind die Diät wirklich lebenslang einhalten?

Bei Tyrosinämie Typ 1 ja: Sowohl Nitisinon als auch die tyrosin- und phenylalaninarme Diät werden nach heutigem Kenntnisstand dauerhaft fortgeführt, weil der zugrunde liegende Enzymmangel bestehen bleibt. Bei Typ 2 und Typ 3 richtet sich die Dauer und Strenge der Diät nach dem individuellen Tyrosinspiegel und wird im Stoffwechselzentrum regelmäßig neu bewertet. Bei der transienten Form des Neugeborenen ist dagegen keine dauerhafte Diät notwendig.

Wie hoch ist das Risiko, dass ein weiteres Kind ebenfalls betroffen ist?

Sind beide Eltern nachweislich Anlageträger derselben Genveränderung, liegt das Risiko für ein erneut betroffenes Kind bei jeder weiteren Schwangerschaft bei 25 Prozent – unabhängig davon, ob ein vorheriges Kind betroffen war. Ausführliche genetische Beratung erhalten Sie über ein humangenetisches Zentrum oder das betreuende Stoffwechselzentrum. Mehr dazu im Abschnitt „Ätiologie und Übertragungsweg".

Unser Kind mit Tyrosinämie Typ 1 hat Fieber – was tun?

Kontaktieren Sie umgehend das betreuende Stoffwechselzentrum, auch bei einem auf den ersten Blick harmlosen Infekt. Fieber und Infekte kurbeln den körpereigenen Eiweißabbau an und können die Stoffwechsellage rasch verschlechtern. Befolgen Sie den individuellen Notfallplan Ihres Kindes, und suchen Sie bei anhaltendem Erbrechen oder Verschlechterung des Allgemeinzustands frühzeitig eine Notaufnahme auf. Allgemeine Grundlagen zum Umgang mit Fieber finden Sie in unserem Artikel Fieber bei Kindern und Jugendlichen.

Tyrosinämie gehört ebenso wie die verwandten Aminoazidopathien zu den angeborenen Störungen des Aminosäurestoffwechsels, die gemeinsam im Neugeborenenscreening gesucht werden. Verwandte Erkrankungen aus dieser Gruppe sind die Phenylketonurie, die Ahornsirupkrankheit, die Homozystinurie und die Zitrullinämie – bei allen gilt: Je früher die Diagnose, desto besser lassen sich bleibende Schäden durch eine angepasste Behandlung vermeiden.

9. Quellen

  • GeneReviews, Tyrosinemia Type I – Chinsky JM, Singh RH et al., National Institutes of Health (NIH)/University of Washington, USA, laufend aktualisiert
  • MedlinePlus Genetics, Tyrosinemia – National Institutes of Health (NIH), USA
  • UPMC Children's Hospital of Pittsburgh, Tyrosinemia (Liver Disease Program) – USA
  • Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA), Kinder-Richtlinie zum erweiterten Neugeborenenscreening (Aufnahme der Tyrosinämie, 16. März 2018) – Deutschland
  • Medizinisches Neugeborenen-Screening-Programm – Medizinische Universität Wien, Österreich
  • Tyrosinemia; Tyrosinemia type II; Nitisinone – Englischsprachige Wikipedia-Fachartikel, USA/international
  • Tyrosinämie; Neugeborenenscreening – Deutschsprachige Wikipedia-Fachartikel, Deutschland/Österreich
  • Weitere sprachspezifische Fachquellen zur internationalen Einordnung von Häufigkeit und Screening-Praxis