Zucker – Gesundheit und Nebenwirkungen bei Kindern
Ein Eis im Sommer, ein Stück Geburtstagskuchen, ein Schluck Fruchtsaft zum Frühstück – Süßes gehört zum Kindsein dazu, und niemand muss deswegen ein schlechtes Gewissen haben. Zum Gesundheitsthema wird Zucker erst über die Menge, die Häufigkeit und die Form, in der er täglich auf den Tisch kommt. Genau dazu gibt es eine bemerkenswert einheitliche internationale Evidenzlage: Von der Weltgesundheitsorganisation über die europäische Fachgesellschaft ESPGHAN bis zu nationalen Kinderärzteverbänden auf mehreren Kontinenten haben Fachgremien konkrete Grenzwerte formuliert und die gesundheitlichen Folgen von zu viel Zucker im Kindesalter im Detail beschrieben. Dieser Ratgeber fasst zusammen, was daraus für den Alltag Ihrer Familie folgt.
So ist dieser Ratgeber aufgebaut
Grundlage sind 27 Leitlinien, Positionspapiere und Studien aus dreizehn Ländern und Regionen: der globalen WHO-Empfehlung, dem europäischen ESPGHAN-Positionspapier sowie nationalen Aussagen aus den USA, Kanada, Deutschland, Österreich, der Schweiz, dem Vereinigten Königreich, Frankreich, Spanien, Brasilien, Italien und China. Die vollständige Liste finden Sie am Ende des Artikels unter „Wichtigste Leitlinien und Fachgesellschaften".
Ein Hinweis vorab, der beim Lesen hilft: Wenn Ihnen unterschiedliche Gramm-Zahlen für dieselbe Altersgruppe begegnen, ist das kein Widerspruch in der Wissenschaft, sondern meist die Folge davon, ob eine Organisation die von der WHO als „stark" eingestufte 10-Prozent-Schwelle oder die strengere, „bedingt" empfohlene 5-Prozent-Schwelle als Grundlage gewählt hat. Der Abschnitt zur WHO-Empfehlung erklärt diesen Unterschied genauer.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung. Er dient der Orientierung und der Vorbereitung auf das Gespräch in der kinderärztlichen Praxis. Bei Fragen zur Ernährung Ihres Kindes wenden Sie sich bitte an Ihre Kinderärztin oder Ihren Kinderarzt.
Für manche Kinder gelten andere Regeln
Die Empfehlungen in diesem Ratgeber richten sich an ansonsten gesunde Kinder. Für Kinder mit Diabetes mellitus, angeborenen Stoffwechselerkrankungen, Gedeihstörungen, Untergewicht oder anderen Vorerkrankungen kann eine individuell abgestimmte Ernährung notwendig sein, die von den hier genannten allgemeinen Richtwerten abweicht. Besprechen Sie solche Situationen bitte gezielt mit dem behandelnden Team.
1. Was sind „freie Zucker"? Eine Definition, die alle Empfehlungen prägt
Fast alle Grenzwerte in diesem Artikel beziehen sich nicht auf „Zucker" im umgangssprachlichen Sinn, sondern auf einen enger gefassten Begriff: den freien Zucker. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definierte ihn 2015 in ihrer Leitlinie „Sugars intake for adults and children" als jene Mono- und Disaccharide, die Herstellern, Köchinnen und Köchen oder Konsumentinnen und Konsumenten selbst zugesetzt werden, sowie den Zucker, der von Natur aus in Honig, Sirupen, Fruchtsäften und Fruchtsaftkonzentraten enthalten ist. Ausdrücklich nicht dazu zählt der Zucker, der natürlicherweise in intaktem frischem Obst und Gemüse oder in Milch vorkommt. Der deutsche Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) und die europäische Fachgesellschaft ESPGHAN verwenden – jeweils mit Verweis auf die WHO – eine praktisch deckungsgleiche Definition. Warum das wichtig ist: Ein Glas Milch oder ein Apfel „zählen" bei diesen Empfehlungen nicht mit, ein Glas Fruchtsaft dagegen schon fast vollständig – dazu mehr im Abschnitt zu den gesundheitlichen Folgen.
2. Die WHO-Empfehlung: der globale Rahmen
Den international am breitesten anerkannten Rahmen setzt die Weltgesundheitsorganisation. In ihrer Leitlinie „Sugars intake for adults and children" von 2015 spricht sie zwei unterschiedlich stark begründete Empfehlungen aus – ein Unterschied, der erklärt, warum manche Länder bei 10 Prozent und andere bei 5 Prozent als Zielwert landen:
- Starke Empfehlung: Die Zufuhr freien Zuckers soll bei Erwachsenen und Kindern gleichermaßen auf unter 10 Prozent der gesamten Energiezufuhr gesenkt werden.
- Bedingte (konditionale) Zusatzempfehlung: eine weitere Absenkung auf unter 5 Prozent der Energiezufuhr, für einen zusätzlichen gesundheitlichen Nutzen – vor allem bei der Zahnkaries.
Wie ernst die WHO das Thema Karies nimmt, zeigt ihr Fact Sheet „Sugars and dental caries": Freie Zucker gelten darin als der wichtigste ernährungsbedingte Risikofaktor für Karies weltweit. Betroffen sind laut WHO rund 2,5 Milliarden Menschen, darunter 510 Millionen Kinder mit kariösen Milchzähnen. Die WHO formuliert dazu eine unmissverständliche Altersgrenze:
„Children under 2 years of age should not consume any sugar-sweetened beverages."
(Deutsch: „Kinder unter 2 Jahren sollten keinerlei zuckergesüßte Getränke zu sich nehmen.")
— World Health Organization (WHO), Fact Sheet „Sugars and dental caries", International, 2025 (aktualisiert)
Über die individuelle Ernährungsberatung hinaus empfiehlt die WHO zusätzlich fiskalische Maßnahmen – also etwa eine Steuer auf zuckergesüßte Getränke – als aus ihrer Sicht kosteneffektive Public-Health-Intervention gegen den übermäßigen Zuckerkonsum in der Bevölkerung.
Weitgehender Konsens: kein zugesetzter Zucker vor dem 2. Geburtstag
So unterschiedlich einzelne Gramm-Zahlen ausfallen – bei einem Punkt sind sich die ausgewerteten Quellen auffallend einig: Kinder unter 2 Jahren sollten möglichst gar keinen zugesetzten Zucker bekommen. Diese Regel findet sich, mit jeweils eigener Begründung, bei der amerikanischen AAP und den US Dietary Guidelines, bei der europäischen ESPGHAN, beim deutschen BVKJ und bei der brasilianischen Sociedade Brasileira de Pediatria – und deckt sich mit der WHO-Position zu zuckergesüßten Getränken. Mehr dazu in den folgenden Länderabschnitten.
3. ESPGHAN: die europäische Fachgesellschaft für Kinderernährung
Während die WHO-Empfehlung für die gesamte Bevölkerung gilt, hat die European Society for Paediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition (ESPGHAN) 2017 das bislang detaillierteste kinderspezifische Positionspapier zu Zucker veröffentlicht: „Sugar in Infants, Children and Adolescents". Ihr Ausgangspunkt ist unmissverständlich: Da freier Zucker keinen eigenen Nährwert hat und der Konsum europäischer Kinder und Jugendlicher die Empfehlungen deutlich übersteigt, spricht sich die ESPGHAN für eine Zufuhr von unter 5 Prozent der Energie aus freiem Zucker aus.
In einem zweiten, ergänzenden Positionspapier zur Beikosteinführung geht die ESPGHAN noch einen Schritt weiter: Beikost soll grundsätzlich weder Zucker noch Salz zugesetzt bekommen, und auch zuckergesüßte Getränke sowie Fruchtsäfte sollen im Säuglingsalter vermieden werden.
Der deutsche BVKJ übernimmt diese ESPGHAN-Linie ausdrücklich für Kinder zwischen 2 und 18 Jahren und übersetzt sie in konkrete Tagesobergrenzen für freien Zucker:
| Alter | Freier Zucker (ESPGHAN-Empfehlung, < 5 % der Energie, nach BVKJ) |
|---|---|
| 2–4 Jahre | 15–16 g/Tag (ca. 3,5–4 Teelöffel) |
| 4–7 Jahre | 18–20 g/Tag (ca. 4,5–5 Teelöffel) |
| 7–10 Jahre | 22–23 g/Tag (ca. 5,5 Teelöffel) |
| 10–13 Jahre | 24–27 g/Tag (ca. 6–6,5 Teelöffel) |
| 13–15 Jahre | 27–32 g/Tag (ca. 6,5–8 Teelöffel) |
| 15–19 Jahre | 28–37 g/Tag (ca. 7–9 Teelöffel) |
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4. Nordamerika: USA und Kanada
USA
Die American Academy of Pediatrics (AAP) empfiehlt über ihr Elternportal HealthyChildren.org, Kindern unter 2 Jahren komplett auf zugesetzten Zucker zu verzichten. Ab dem 2. Geburtstag gilt eine feste Obergrenze von 25 Gramm beziehungsweise rund 6 Teelöffeln zugesetztem Zucker pro Tag. Nach AAP-Angaben nehmen US-Kinder aktuell im Schnitt 17 Prozent ihrer Energie aus Zucker auf, zur Hälfte über zuckergesüßte Getränke – bei einer Zufuhr von über 10 Prozent der Energie steigt laut AAP das Risiko für Fettstoffwechselstörungen und Typ-2-Diabetes. Für Fruchtsaft nennt die AAP konkrete Obergrenzen nach Alter: keiner unter 1 Jahr, maximal rund 120 ml (1–3 Jahre), 120 bis 180 ml (4–6 Jahre) und maximal 240 ml (7–14 Jahre) pro Tag.
Die US-amerikanischen „Dietary Guidelines for Americans 2020–2025" von USDA und HHS, mit ausdrücklicher Unterstützung der AAP erarbeitet, bestätigen diese Linie: völliger Verzicht auf zugesetzten Zucker unter 2 Jahren, ab 2 Jahren eine Obergrenze von unter 10 Prozent der Energiezufuhr.
Die American Heart Association (AHA) geht in ihrem wissenschaftlichen Statement von 2016 noch weiter ins Detail: Für 2- bis 18-Jährige empfiehlt sie höchstens 25 Gramm (100 kcal, etwa 6 Teelöffel) zugesetzten Zucker pro Tag und zuckergesüßte Getränke auf maximal eine Portion von rund 235 ml pro Woche zu begrenzen; unter 2 Jahren sollen sie ganz vermieden werden. Zum Vergleich nennt die AHA den tatsächlichen Konsum US-amerikanischer Kinder zwischen 2 und 19 Jahren: im Schnitt 80 Gramm pro Tag beziehungsweise 16,1 Prozent der Energie, von 53 Gramm bei 2- bis 5-Jährigen bis 94 Gramm bei 12- bis 19-Jährigen. Assoziationen mit Adipositas, ungünstigen Blutfettwerten (höhere Triglyzeride, niedrigeres HDL-Cholesterin), Bluthochdruck, Insulinresistenz und der nichtalkoholischen Fettlebererkrankung wurden dabei bereits bei Zufuhrmengen deutlich unterhalb dieser aktuellen Verzehrsmengen nachgewiesen.
Die American Academy of Pediatric Dentistry (AAPD) begründet ihre Empfehlung – Zucker auf unter 5 Prozent der Energiezufuhr zu begrenzen – mit der Karies- und Gewichtsprävention gleichermaßen: zugesetzter Zucker soll unter 2 Jahren vollständig vermieden werden, fluoridiertes Wasser gilt ab dem 6. Lebensmonat als bevorzugtes Getränk, und gesunde Trinkgewohnheiten sollen bereits in den ersten 5 Lebensjahren etabliert werden.
Kanada
Die Canadian Paediatric Society (CPS) macht das Ausmaß des Problems in Zahlen greifbar: 2015 waren rund 1,5 Millionen kanadische Kinder zwischen 5 und 17 Jahren übergewichtig oder adipös, weitere 400.000 Kinder zwischen 2 und 5 Jahren galten als gefährdet. Jugendliche zwischen 9 und 18 Jahren konsumieren laut CPS im Schnitt 430 ml zuckergesüßte Getränke pro Tag, der nationale Durchschnitt aller Altersgruppen liegt bei 227 ml pro Tag. Als damit verknüpfte Gesundheitsrisiken nennt die CPS Adipositas, Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Zahnkaries, ungünstige Blutfettwerte (Dyslipidämie) und eine erhöhte Insulinausschüttung (Hyperinsulinämie); die jährlichen adipositasbedingten Gesundheitskosten beziffert sie auf 4,6 bis 7,1 Milliarden kanadische Dollar. Politisch fordert die CPS eine Verbrauchssteuer von mindestens 20 Prozent auf zuckergesüßte Getränke.
In einer eigenen Stellungnahme zu Energy- und Sportgetränken rät die CPS zudem, dass die meisten Kinder und Jugendlichen solche Getränke gar nicht konsumieren sollten und sie nicht an Minderjährige vermarktet werden dürfen – auch hier werden Adipositas und Karies als Risiken genannt.
5. Deutschland, Österreich und die Schweiz
Deutschland
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) und die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) sprechen sich in ihrer gemeinsamen Stellungnahme „Quantitative Empfehlung zur Zuckerzufuhr in Deutschland" von 2018 – in Anlehnung an die WHO-Leitlinie von 2015 – für maximal 10 Prozent der Gesamtenergiezufuhr aus freiem Zucker aus. Begründet wird das mit dem Risiko für Übergewicht und Adipositas, Zahnkaries und Diabetes.
Der BVKJ verweist über sein Elternportal kinderaerzte-im-netz.de ausdrücklich auf die ESPGHAN-Empfehlung von unter 5 Prozent der Energiezufuhr für 2- bis 18-Jährige sowie auf den vollständigen Verzicht unter 2 Jahren (die konkreten Gramm-Werte finden Sie in der Tabelle im Abschnitt zur ESPGHAN weiter oben). Dr. Ulrich Fegeler aus dem BVKJ-Expertenbeirat bringt die Problematik auf den Punkt: Zucker sei „energiedicht, aber ohne Eiweiße oder Vitamine". Als Risiken benennt er Adipositas, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und Karies; ergänzend zitiert der BVKJ auch den amerikanischen AHA-Referenzwert von 25 Gramm pro Tag.
Auf Leitlinienebene adressiert die AWMF-S3-Leitlinie „Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter" (Register-Nr. 050-002), an der die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) und die DAG beteiligt sind, die Behandlung und Vorbeugung von kindlichem Übergewicht und verweist dabei unter anderem auf eine kalorienreduzierte Ernährung nach dem Vorbild der DAG-Erwachsenenleitlinie. Die AWMF-S2k-Leitlinie „Nicht-alkoholische Fettlebererkrankung" (Register-Nr. 021-025) bestätigt eine zunehmende Prävalenz dieser Erkrankung auch bei Kindern und Jugendlichen – mehr dazu im Abschnitt zur Fettleber-Studie weiter unten.
Österreich
Die österreichische Nationale Ernährungskommission hat gemeinsam mit dem Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMSGPK) im Rahmen des Programms „Richtig essen von Anfang an!" 2017 „Ernährungsempfehlungen für Kinder im Alter von 4–10 Jahren" beschlossen. Fett-, zucker- und salzreiche Lebensmittel – Süßigkeiten, Mehlspeisen, Knabbereien, gesüßte Milchprodukte – sowie zuckerhaltige Getränke sollen danach nur selten, nicht täglich, und dann nur in kleiner Portion verzehrt werden: konkret begrenzt auf maximal 130 bis 140 Kilokalorien pro Tag bei 4- bis 7-Jährigen beziehungsweise maximal 150 bis 170 Kilokalorien bei 7- bis 10-Jährigen. Zuckerhaltige Getränke wie Limonaden, Sportgetränke, Fruchtnektar oder Sirupe werden für Kinder ausdrücklich nicht empfohlen; Fruchtsäfte sollen nur selten und stark verdünnt angeboten werden – im Verhältnis von drei Teilen Wasser zu einem Teil Saft –, koffeinhaltige Getränke sollen ganz vermieden werden.
Auch die Österreichische Ernährungspyramide, die das Sozialministerium gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung (ÖGE) herausgibt, ordnet Süßigkeiten sowie zucker-, fett- und salzreiche Speisen konsequent der obersten, kleinsten Stufe zu: Sie sind nur gelegentlich und in kleinen Portionen vorgesehen. Da DGE und ÖGE ihre Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr gemeinsam herausgeben, gilt die deutsche 10-Prozent-Empfehlung sinngemäß auch für Österreich.
Schweiz
Wie stark der reale Konsum von der Empfehlung abweichen kann, zeigt die Schweiz besonders deutlich: Laut Pädiatrie Schweiz, der Fachgesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, konsumiert die Schweizer Bevölkerung im Schnitt rund 110 Gramm Zucker pro Tag beziehungsweise etwa 22 Prozent der Energiezufuhr – mehr als doppelt so viel wie von der WHO empfohlen. In ihrem Positionspapier übernimmt Pädiatrie Schweiz für 3- bis 18-Jährige die ESPGHAN-Empfehlung von unter 5 Prozent der Energiezufuhr aus freiem Zucker; in den ersten beiden Lebensjahren soll die Zufuhr minimal gehalten werden. Als Gesundheitsfolgen nennt sie Übergewicht und Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Karies sowie die geringere Sättigung, die von flüssigem Zucker ausgeht.
Auf regulatorischer Ebene setzt das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV/OSAV) im Rahmen der sogenannten Mailänder Deklaration auf eine freiwillige Verpflichtung der Getränkehersteller zur Zuckerreduktion. Nach BLV-Angaben ist der Zuckergehalt in Softdrinks zwischen 2021 und 2024 dadurch um 13 Prozent gesunken.
6. Weitere Länder im Überblick
Auch außerhalb der bereits genannten Länder finden sich vergleichbare Botschaften – mit unterschiedlichem Grad an Detailtiefe, aber einheitlicher Grundrichtung.
Vereinigtes Königreich
Der britische Gesundheitsdienst NHS stützt sich auf die Empfehlungen des Scientific Advisory Committee on Nutrition (SACN): Freier Zucker soll ab dem 2. Lebensjahr unter 5 Prozent der gesamten Energiezufuhr ausmachen. Konkret nennt das „Delivering Better Oral Health"-Toolkit von Public Health England maximal 19 Gramm (5 Zuckerwürfel) pro Tag für 4- bis 6-Jährige und maximal 24 Gramm (6 Zuckerwürfel) für 7- bis 10-Jährige. Der tatsächliche Konsum liegt nach denselben Quellen beim Zwei- bis Dreifachen dieser Werte.
Frankreich
Frankreichs Gesundheitsministerium hat mit dem „Programme National Nutrition Santé" (PNNS 5, 2026–2030) das Ziel ausgegeben, kindliches und jugendliches Übergewicht beziehungsweise Adipositas bis 2030 um 30 Prozent zu senken – unter anderem über eine Reduktion des Zuckerkonsums. Die Lebensmittelsicherheitsbehörde ANSES und die staatliche Gesundheitsbehörde Santé publique France übernehmen dafür explizit die WHO-Vorgaben – freier Zucker unter 10, idealerweise unter 5 Prozent der Energiezufuhr – und begründen dies unter anderem mit dem zahnmedizinischen Nutzen bei Kindern; eigene Ernährungsempfehlungen richten sich an 4- bis 11-Jährige.
Spanien
Die Asociación Española de Pediatría (AEP) empfiehlt über ihre Fachgruppe AEPap, dass der Zuckerkonsum bei Kindern 5 Prozent der Gesamtenergiezufuhr nicht überschreiten sollte – eine Position, die sie 2023 in einer Stellungnahme zu Energydrinks bekräftigt hat. Der Ernährungsleitfaden für 6- bis 24-Monate-alte Kinder rät ausdrücklich von gesüßten Flüssigkeiten aus dem Fläschchen ab, wegen des Kariesrisikos. Eine weitere spanische Fachquelle (SocValPed) nennt zusätzlich einen Wert von unter 10, bevorzugt unter 5 Prozent der Energiezufuhr aus einfachem Zucker.
Brasilien
Die Sociedade Brasileira de Pediatria (SBP) empfiehlt Kindern maximal 6 Teelöffel Zucker pro Tag und rät, Kindern unter 2 Jahren gar keinen Zucker und keine Süßigkeiten anzubieten. Eine weitere SBP-Publikation nennt für freien Zucker unter 10 Prozent der Energiezufuhr bei Kindern unter 2 Jahren – für 2- bis 10-Jährige jedoch einen deutlich höheren Wert von unter 25 Prozent. Dieser 25-Prozent-Wert weicht erheblich von der sonst international konsistenten WHO/ESPGHAN-Linie von unter 10 beziehungsweise unter 5 Prozent ab; wir vermerken ihn hier ausdrücklich als abweichende Einzelquelle, nicht als Konsens. Zur Einordnung: Der durchschnittliche Zuckerkonsum in Lateinamerika liegt laut SBP bei über 60 Gramm pro Tag.
Italien
Die Società Italiana di Pediatria (SIP) macht keine eigene Prozent- oder Gramm-Angabe, ihre Botschaft ist aber konsistent mit den übrigen Quellen: Kindern soll täglich Wasser statt zuckergesüßter Getränke angeboten werden, und auch beim Einsatz von Süßstoffen im Kindesalter rät die SIP zur Zurückhaltung. Ziel ist auch hier die Vorbeugung von Adipositas und Karies.
China
Die Chinese Nutrition Society und das Chinese Center for Disease Control and Prevention (Chinese CDC) empfehlen in ihren „Dietary Guidelines for Chinese Residents" für die Allgemeinbevölkerung – Kinder eingeschlossen – eine Zuckerzufuhr von unter 50 Gramm pro Tag, idealerweise unter 25 Gramm.
Transparenzhinweis zur Recherche
Für Japan, Südkorea und Russland ließen sich im Rahmen dieser Recherche keine belastbaren, zuckerspezifischen Kinder-Leitlinien finden, weshalb sie hier bewusst nicht aufgeführt werden. Die WHO-Leitlinie selbst war im Volltext technisch nicht abrufbar; die zitierten Prozentwerte stammen aus der WHO-eigenen ELENA-Zusammenfassung und der offiziellen WHO-Fact-Sheet-Seite.
| Land / Region | Fachgesellschaft / Behörde | Kernaussage für Kinder |
|---|---|---|
| Global | WHO | freier Zucker < 10 % der Energie (starke Empfehlung), bedingt < 5 %; keine zuckergesüßten Getränke unter 2 Jahren |
| Europa | ESPGHAN | < 5 % der Energie (2–18 Jahre); kein Zucker in der Beikost |
| USA | AAP / AHA / AAPD | kein zugesetzter Zucker unter 2 Jahren; ab 2 Jahren max. 25 g (6 TL)/Tag |
| Kanada | Canadian Paediatric Society | Forderung nach 20-%-Steuer auf zuckergesüßte Getränke; Wasser als Getränk der Wahl |
| Deutschland | DGE / DAG / DDG, BVKJ | < 10 % (DGE/DAG/DDG) bzw. < 5 % nach ESPGHAN (BVKJ) |
| Österreich | BMSGPK / Nationale Ernährungskommission | Süßes/Süßgetränke nur selten, kcal-limitiert (130–170 kcal je nach Alter) |
| Schweiz | Pädiatrie Schweiz | < 5 % der Energie (3–18 Jahre); realer Konsum ca. 22 % der Energie |
| Vereinigtes Königreich | NHS / SACN | < 5 % der Energie ab 2 Jahren; 19–24 g/Tag je nach Alter |
| Frankreich | ANSES / Santé publique France | < 10 %, idealerweise < 5 % der Energie (WHO-konform) |
| Spanien | AEP / AEPap | < 5 % der Energie; keine gesüßten Flüssigkeiten im Fläschchen |
| Brasilien | Sociedade Brasileira de Pediatria | max. 6 TL/Tag; kein Zucker unter 2 Jahren |
| Italien | Società Italiana di Pediatria | Wasser statt Süßgetränken; kein fester Grenzwert |
| China | Chinese Nutrition Society / Chinese CDC | < 50 g/Tag, idealerweise < 25 g/Tag (Allgemeinbevölkerung) |
7. Gesundheitliche Folgen: was die Evidenz zeigt
Zahnkaries
Karies ist die gesundheitliche Folge, die international am konsistentesten belegt und benannt wird. Die WHO bezeichnet freie Zucker als weltweit wichtigsten ernährungsbedingten Risikofaktor für Karies und beziffert die Zahl betroffener Kinder mit kariösen Milchzähnen auf 510 Millionen. Die amerikanische AAPD setzt ihre Zucker-Obergrenze von unter 5 Prozent der Energiezufuhr ausdrücklich auch zur Kariesprävention an.
Übergewicht und Adipositas
Über nahezu alle ausgewerteten Quellen hinweg gilt übermäßiger Zuckerkonsum, vor allem über gesüßte Getränke, als zentraler Risikofaktor für kindliches Übergewicht: Die WHO nennt ihn neben Karies als zweite Hauptbegründung ihrer Leitlinie, die amerikanische AHA, die kanadische CPS sowie die deutschen DGE/DAG/DDG und die Pädiatrie Schweiz kommen übereinstimmend zum selben Schluss. Besonders aussagekräftig ist dabei ein Befund der AHA: Assoziationen zwischen Zuckerkonsum und höherem Körpergewicht ließen sich bereits bei Zufuhrmengen nachweisen, die unterhalb der aktuellen, ohnehin schon zu hohen Verzehrsmengen US-amerikanischer Kinder liegen.
Weitere Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Risiken
Die amerikanische AHA, die kanadische CPS und die deutschen DGE/DAG/DDG benennen darüber hinaus Bluthochdruck, ungünstige Blutfettwerte – erhöhte Triglyzeride, niedrigeres HDL-Cholesterin – sowie Insulinresistenz und ein erhöhtes Typ-2-Diabetes-Risiko als mit hohem Zuckerkonsum verbundene Folgen. Die kanadische CPS erwähnt in ihrem Positionspapier zudem einen Zusammenhang mit bestimmten Krebsarten.
8. Die Fettleber-Studie: was 8 Wochen weniger Zucker bewirken
Eine besonders konkrete und für den Alltag ermutigende Evidenz liefert die nichtalkoholische Fettlebererkrankung, auf Englisch NAFLD beziehungsweise in neuerer Terminologie MASLD. Die deutsche AWMF-S2k-Leitlinie „Nicht-alkoholische Fettlebererkrankung" bestätigt eine zunehmende Prävalenz auch bei Kindern und Jugendlichen. Praxisnahe Zahlen aus Deutschland und Österreich, wie sie die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung (GPGE) sowie die Fachpresse berichten, machen das Ausmaß greifbar: Etwa 1 von 10 Kindern ist von einer Fettleber betroffen, bei übergewichtigen Kindern ist es rund 1 von 3. Jungen sind dabei etwa doppelt so häufig betroffen wie Mädchen. Bei einer Progressionsrate von 1 bis 3 Prozent sind allein in Deutschland mindestens 4.000 Kinder und Jugendliche von einer fortschreitenden Leberschädigung bedroht. Als Hauptursachen gelten Fehlernährung – insbesondere ein hoher Zucker- und Fruktosekonsum – sowie Bewegungsmangel.
Wie wirksam eine Ernährungsumstellung selbst kurzfristig sein kann, zeigt eine randomisierte kontrollierte Studie von Schwimmer, Vos und Kollegen, durchgeführt an der University of California San Diego und der Emory University und 2019 im Fachjournal JAMA veröffentlicht:
Was eine 8-wöchige zuckerarme Diät bei Jugendlichen mit Fettleber bewirkte
🍽️ Übliche Ernährung
🥗 Zuckerarme Diät, 8 Wochen
Bereits eine kurzfristige, konsequente Reduktion des freien Zuckers zeigte bei adoleszenten Jungen mit nichtalkoholischer Fettlebererkrankung einen klinisch relevanten Effekt.
Diese Studie ist deshalb bemerkenswert, weil sie – anders als die meisten Beobachtungsstudien zu Zucker und Kindergesundheit – einen direkten, experimentell geprüften Ursache-Wirkung-Zusammenhang zeigt: Eine gezielte, zeitlich begrenzte Reduktion des freien Zuckers verbesserte messbare Leberwerte innerhalb von nur acht Wochen. Für Familien mit einem Kind, bei dem eine Fettleber diagnostiziert wurde, ist das eine wichtige, ermutigende Botschaft: Die Ernährung ist hier kein abstrakter Risikofaktor, sondern ein Hebel mit nachweisbarer, kurzfristiger Wirkung.
9. Praktische Tipps für den Alltag
- Wasser als Hauptgetränk. Die AAPD empfiehlt Wasser bereits ab dem 6. Lebensmonat; Wasser oder ungesüßte Milch sollten das Standardgetränk bleiben – keine Limonaden, Eistee oder Energy-/Sportgetränke, wie AAP, BMSGPK, Pädiatrie Schweiz und SIP übereinstimmend raten.
- Kein zugesetzter Zucker vor dem 2. Geburtstag. Diese Regel findet sich übereinstimmend bei AAP, den US Dietary Guidelines, ESPGHAN, dem deutschen BVKJ und der brasilianischen SBP.
- Fruchtsäfte nur stark verdünnt und mengenbegrenzt. Das BMSGPK empfiehlt ein Verhältnis von 3 Teilen Wasser zu 1 Teil Saft; die AAP nennt konkrete Tagesobergrenzen nach Alter – 0 ml unter 1 Jahr, rund 120 ml bei 1- bis 3-Jährigen, 120 bis 180 ml bei 4- bis 6-Jährigen, 240 ml bei 7- bis 14-Jährigen.
- Ganze Frucht statt Fruchtsaft. Ein Stück Obst befriedigt das „Süß-Bedürfnis" ebenso wie ein Fruchtsaft, ohne dessen konzentrierte Zuckermenge – ein Rat, der sich sowohl bei der AAP als auch beim BMSGPK findet.
- Süßigkeiten und energiedichte Snacks selten statt täglich. Das BMSGPK gibt dafür konkrete Kalorien-Obergrenzen je Altersgruppe vor; die österreichische Ernährungspyramide ordnet Süßes ganz bewusst der obersten, kleinsten Stufe zu.
- Nährwertkennzeichnung lesen. Die AAP weist darauf hin, dass sich zugesetzter Zucker auch in vermeintlich herzhaften Produkten versteckt – etwa in Ketchup, Salatdressing oder gebackenen Bohnen.
- Frühe Geschmacksprägung ernst nehmen. BVKJ und ESPGHAN betonen, dass eine im Kleinkindalter etablierte Vorliebe für sehr Süßes im Erwachsenenalter nur schwer wieder zu ändern ist.
10. Wann Sie mit der Kinderärztin sprechen sollten
Ernährungsfragen gehören zu jeder kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchung – Sie müssen nicht auf ein akutes Problem warten, um das Thema Zucker anzusprechen. Ein gezieltes Gespräch ist besonders dann sinnvoll, wenn Ihnen bei den regelmäßigen Kontrollen eine auffällige Entwicklung der Wachstumskurve auffällt, wenn Sie erste Anzeichen von Karies bemerken, wenn Ihr Kind sehr viel Saft oder gesüßte Getränke trinkt und dadurch möglicherweise weniger Appetit auf reguläre Mahlzeiten zeigt, oder wenn in der Familie gehäuft Übergewicht, Typ-2-Diabetes oder eine Fettlebererkrankung vorkommen. Auch bei grundsätzlichen Fragen zur Beikosteinführung oder zur schrittweisen Reduktion von Zucker im Familienalltag ist die kinderärztliche Praxis die richtige Anlaufstelle.
11. Wichtigste Leitlinien und Fachgesellschaften
- Guideline: Sugars intake for adults and children – World Health Organization (WHO), International, 2015
- Sugars and dental caries (Fact Sheet) – World Health Organization (WHO), International, 2025
- Reducing free sugars intake in adults and children to reduce the risk of NCDs (ELENA-Datenbank) – World Health Organization (WHO), International
- Where We Stand / How to Reduce Added Sugar in Your Child's Diet – American Academy of Pediatrics (AAP) / HealthyChildren.org, USA
- Dietary Guidelines for Americans 2020–2025 – U.S. Department of Agriculture (USDA) / U.S. Department of Health and Human Services (HHS), USA, 2020
- Vos MB et al., „Added Sugars and Cardiovascular Disease Risk in Children: A Scientific Statement", Circulation – American Heart Association (AHA), USA, 2016
- Policy on Dietary Recommendations for Infants, Children, and Adolescents – American Academy of Pediatric Dentistry (AAPD), USA
- Ernst JB et al., „Quantitative Empfehlung zur Zuckerzufuhr in Deutschland" (Konsensuspapier) – DGE / DAG / DDG, Deutschland, 2018
- Bei Kindern auf zugesetzten Zucker verzichten – Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) / kinderaerzte-im-netz.de, Deutschland
- S3-Leitlinie Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AWMF-Register-Nr. 050-002) – AWMF / DGKJ / DAG, Deutschland, 2026
- S2k-Leitlinie Nicht-alkoholische Fettlebererkrankung (AWMF-Register-Nr. 021-025) – AWMF, Deutschland, 2022
- Angaben zur Prävalenz kindlicher Fettleber in Deutschland und Österreich – Gesellschaft für Pädiatrische Gastroenterologie und Ernährung (GPGE) / Fachpresse, Deutschland/Österreich, 2019/2026
- Ernährungsempfehlungen für Kinder im Alter von 4–10 Jahren – Nationale Ernährungskommission / BMSGPK, Österreich, 2017
- Österreichische Ernährungspyramide – BMSGPK / gesundheit.gv.at (mit ÖGE), Österreich
- Sugar: The Facts / Delivering Better Oral Health Toolkit (Kapitel 10) – NHS / Public Health England, Vereinigtes Königreich
- Consommation de sucre des enfants et adolescents: situation actuelle et recommandations – Pädiatrie Schweiz (Swiss Society of Paediatrics), Schweiz
- Réduction des sucres / Mailänder Deklaration – Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV/OSAV), Schweiz, 2024
- Programme National Nutrition Santé (PNNS) 5, 2026–2030 – Ministère de la Santé, Frankreich
- Nutrition des enfants – Agence nationale de sécurité sanitaire (ANSES) / Santé publique France, Frankreich
- Comunicado sobre bebidas energéticas / Alimentación de 6 a 24 meses – Asociación Española de Pediatría (AEP) / AEPap, Spanien, 2023/2024
- Nova recomendação: crianças devem ingerir, no máximo, 6 colheres de chá de açúcar por dia – Sociedade Brasileira de Pediatria (SBP), Brasilien, 2016
- Publikationen zu Ernährung und zuckerhaltigen Getränken bei Kindern – Società Italiana di Pediatria (SIP), Italien, 2022/2025
- Tax on Sugar-Sweetened Beverages / Energy and Sports Drinks (Position Statements) – Canadian Paediatric Society (CPS), Kanada
- Dietary Guidelines for Chinese Residents – Chinese Nutrition Society / Chinese Center for Disease Control and Prevention (Chinese CDC), China
- Fidler Mis N et al., „Sugar in Infants, Children and Adolescents: A Position Paper of the ESPGHAN Committee on Nutrition", JPGN – ESPGHAN, Europa, 2017
- Complementary Feeding: A Position Paper – ESPGHAN Committee on Nutrition, Europa, 2017
- Schwimmer JB, Vos MB et al., „Effect of a Low Free Sugar Diet vs Usual Diet on Nonalcoholic Fatty Liver Disease in Adolescent Boys: A Randomized Clinical Trial", JAMA – University of California San Diego / Emory University, USA, 2019
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