Trinken und Stillen genauer
Ein vollständiger Trinkvorgang sagt mehr als jede Beschreibung. Dieses Kapitel geht ins Detail: Saugergröße, Anti-Colic-Ventile, ruhiges Füttern mit der Flasche, Vorder- und Hintermilch, Pucken und die Grenze zwischen Beruhigen und Behandeln.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel ersetzt keine Untersuchung. Ein Baby mit grünem Erbrechen, Blut im Stuhl, hart geblähtem oder druckschmerzhaftem Bauch, Fieber, Atemproblemen, ausgeprägter Schläfrigkeit, Trinkverweigerung, deutlich weniger nassen Windeln oder fehlender Gewichtszunahme braucht rasche medizinische Beurteilung. Bei schwer krankem Eindruck gilt der Notruf.
Ein schreiendes Baby niemals schütteln. Wenn die Belastung zu groß wird, das Kind sicher in Rückenlage ins leere Babybett legen, kurz den Raum verlassen, Unterstützung holen und regelmäßig nachsehen.
80 Blähungen lassen sich nicht an der Zahl der Winde messen
Es gibt keinen normalen Grenzwert dafür, wie oft ein Säugling am Tag pupsen darf. Eltern bemerken vor allem laute oder übel riechende Winde, während geräuschlos abgegangenes Gas kaum auffällt. Auch die sichtbare Größe des Bauches schwankt mit Mahlzeit, Körperhaltung, Muskelspannung und Stuhlfüllung. Eine reine „Windzählung“ sagt deshalb wenig über Krankheit oder Schmerz aus.
Medizinisch wichtiger ist, was gleichzeitig geschieht: Trinkt das Baby kräftig? Entspannt es zwischen den Episoden? Ist der Bauch weich? Nimmt es zu? Sind Stuhl und Urin altersgerecht? Ein zufriedenes Kind mit vielen Winden braucht normalerweise keine Behandlung. Umgekehrt kann ein Kind mit wenig sichtbarer Flatulenz ernsthafte Bauchbeschwerden haben.
Auch der Geruch liefert keine zuverlässige Diagnose. Schwefelhaltige Gase riechen intensiv, können aber bei normaler Verdauung entstehen. Erst anhaltender Durchfall, Blut, auffällig fettiger Stuhl, Gedeihstörung oder ein deutlich veränderter Allgemeinzustand machen weitere Abklärung nötig.
81 Wie Eltern Schmerz bei einem Säugling einschätzen können
Säuglinge können nicht zeigen, wo es weh tut. Beineanziehen, geballte Fäuste, rotes Gesicht und Schreien werden oft als Bauchschmerz gedeutet, kommen aber ebenso bei Müdigkeit, Hunger, Überreizung oder normaler motorischer Anspannung vor. Kein einzelnes Verhalten beweist Darmkrämpfe.
Mehr Gewicht haben Kombinationen und Veränderungen: ein plötzlich anderer, schriller oder schwacher Schrei; Abwehr schon bei leichter Bauchberührung; wiederholtes Aufschrecken aus ruhigem Schlaf; blasse oder graue Haut; Teilnahmslosigkeit; Trinkverweigerung; Erbrechen; Blut oder Fieber. Auch ein Baby, das zwischen den Attacken nicht zu seinem üblichen Verhalten zurückkehrt, wird rasch beurteilt.
Eltern kennen den Normalzustand ihres Kindes am besten. Ihre Aussage „Das ist anders als sonst“ ist medizinisch relevant, selbst wenn sie das Problem nicht benennen können. Ein kurzes Video einer typischen Episode kann der Kinderarztpraxis helfen, ersetzt aber bei akuten Warnzeichen weder Untersuchung noch sofortige Hilfe.
82 Ein weicher Bauch ist beruhigend – aber kein vollständiger Test
Bei gewöhnlichen Verdauungsgeräuschen bleibt der Bauch zwischen den Mahlzeiten meist weich und lässt sich ohne Abwehr berühren. Vorübergehend kann er nach dem Trinken rund und gespannt wirken. Das allein ist noch kein Meteorismus im krankhaften Sinn.
Eltern sollen den Bauch nicht tief abtasten. Es genügt zu beobachten, ob er symmetrisch aussieht, ob Berührung toleriert wird und ob Wind oder Stuhl abgehen. Ein dauerhaft trommelharter, deutlich zunehmend geblähter oder sehr druckempfindlicher Bauch ist ein Warnzeichen – besonders zusammen mit grünem Erbrechen, fehlendem Stuhlgang, Blut, Fieber oder schlechtem Trinken.
Auch ein Nabelbruch kann bei Schreien eindrucksvoll hervortreten, ohne die Ursache der Blähungen zu sein. Lässt sich die Vorwölbung nicht mehr zurückbilden, wird sie hart, verfärbt oder schmerzhaft und erbricht das Kind, braucht es eine dringende Untersuchung. Der äußere Anblick allein erklärt also selten das ganze Problem.
83 Die wichtigste Untersuchung beginnt mit dem Verlauf
Eine gute Anamnese – das strukturierte Erfragen der Vorgeschichte – ist bei Säuglingsbeschwerden oft wertvoller als ein einzelner Test. Entscheidend sind Beginn, Tageszeit, Dauer, Beziehung zu Mahlzeiten, Stuhlgang und Schlaf sowie die Frage, ob das Muster seit Geburt besteht oder plötzlich neu auftrat.
Die Praxis fragt nach Schwangerschaft und Geburt, Frühgeburtlichkeit, Mekoniumabgang, Art der Ernährung, Trinkmengen, Zubereitung, Sauger, Stillproblemen, Erbrechen, Stuhlkonsistenz, Blut, Hautsymptomen, Medikamenten und Gewichtsentwicklung. Auch familiäre Allergien, Stoffwechselkrankheiten oder angeborene Darmprobleme können wichtig sein.
Eltern müssen keine perfekte Dokumentation liefern. Hilfreich sind zwei oder drei typische Tage mit ungefähren Uhrzeiten, Mahlzeiten, Schreiphasen, Stuhl und nassen Windeln. Ein unüberschaubares Protokoll über Wochen kann dagegen Stress verstärken. Ziel ist, ein Muster zu erkennen – nicht, die Familie zu kontrollieren.
84 Einen vollständigen Trinkvorgang beobachten
Wenn Beschwerden eng mit Mahlzeiten verbunden sind, sollte eine erfahrene Fachperson möglichst eine ganze Still- oder Flaschenmahlzeit sehen. Kurze Momentaufnahmen übersehen häufig, dass das Baby erst nach einigen Minuten hustet, abdockt, einschläft oder gegen einen zu schnellen Fluss anarbeitet.
Beobachtet werden Körperhaltung, Kopf- und Rumpfstabilität, Lippenabschluss, Saug-Schluck-Atem-Rhythmus, Klickgeräusche, Milchverlust aus dem Mund, Husten, Würgen, Pausen, Erschöpfung und Sättigungssignale. Bei der stillenden Person zählen außerdem Schmerzen, Brustwarzenform nach dem Stillen und Anzeichen für zu starken Milchfluss. Gewicht vor und nach dem Stillen ist nur in ausgewählten Situationen sinnvoll und darf nicht jede Mahlzeit in eine Prüfung verwandeln.
Das Ziel ist nicht eine „perfekte“ Technik. Kleine Abweichungen sind normal. Relevant wird eine Beobachtung, wenn Milchtransfer, Atmung, Wohlbefinden oder Wachstum beeinträchtigt sind.
85 Warum Klickgeräusche und Luftschlucken verschiedene Ursachen haben
Klicken beim Trinken entsteht, wenn der Mundschluss oder das Vakuum wiederholt unterbrochen wird. Gründe können ein flacher Ansatz, ungünstige Position, sehr kräftiger Milchspendereflex, ein nicht passender Sauger, verstopfte Nase, Müdigkeit oder eine anatomische Besonderheit im Mund sein. Das Geräusch allein diagnostiziert kein verkürztes Zungenband.
Wenn das Baby trotzdem ruhig trinkt, gut zunimmt und keine Schmerzen bei der stillenden Person verursacht, ist nicht jedes Klicken behandlungsbedürftig. Werden Mahlzeiten sehr lang, läuft viel Milch heraus, verschluckt sich das Kind häufig oder bleibt die Gewichtszunahme zurück, braucht es eine gezielte Fütter- und Mundfunktionsbeurteilung.
Eine Durchtrennung des Zungenbändchens wird nicht vorgenommen, um bloß vermutete Luft zu beseitigen. Sie kommt nur bei nachgewiesener funktioneller Einschränkung nach qualifizierter Beurteilung infrage. Der eigene Artikel zur Ankyloglossie behandelt Nutzen, Grenzen und Überdiagnose ausführlich.
86 Flaschensysteme mit „Anti-Colic“-Ventil
Ventile sollen verhindern, dass sich beim Saugen ein starkes Vakuum bildet und das Baby den Mundschluss lösen muss. Technisch kann das bei einzelnen Kindern den Trinkablauf verbessern. Die Bezeichnung „Anti-Colic“ beweist jedoch nicht, dass das System Koliken verhindert oder behandelt.
Wichtiger als die Marke sind ein passender Fluss, korrekt zusammengesetzte Teile und eine Haltung, in der der Sauger mit Nahrung gefüllt bleibt. Ventile können wirkungslos werden, wenn sie falsch eingebaut, verklebt oder beschädigt sind. Sehr komplizierte Systeme erhöhen außerdem den Reinigungsaufwand. Milchreste in schwer zugänglichen Teilen sind ein Hygieneproblem.
Ein Flaschenwechsel ist dann sinnvoll, wenn eine konkrete mechanische Schwierigkeit erkennbar ist – etwa ein kollabierender Sauger, ständiges Vakuumlösen oder unkontrollierter Fluss. Bleiben Schreien und Gas unverändert, bedeutet das nicht, dass noch teurere Flaschen ausprobiert werden müssen.
87 Paced Bottle Feeding: Prinzip und Grenzen
Beim responsiven oder „paced“ Flaschenfüttern wird das Baby relativ aufrecht und gut gestützt gehalten. Die Flasche liegt eher waagrecht, damit Milch nicht allein durch Schwerkraft in den Mund läuft. Nach einer Serie von Saugbewegungen werden Pausen zugelassen; Wegdrehen, entspannte Hände oder nachlassendes Saugen werden als Sättigungssignale respektiert.
Dieses Vorgehen kann besonders bei sehr schnellem Trinken helfen und erleichtert manchen gestillten Babys den Wechsel zwischen Brust und Flasche. Es soll aber nicht schematisch so langsam durchgeführt werden, dass ein Neugeborenes ermüdet, zu wenig aufnimmt oder große Mengen Luft aus einem nur teilweise gefüllten Sauger zieht.
Die Methode wird an Kind, Sauger und Nahrung angepasst. Ein kompletter Trinkvorgang darf ruhig und effizient sein. Bei Husten, blauer Verfärbung, wiederholtem Verschlucken, auffälliger Atemarbeit oder fehlender Gewichtszunahme reicht eine Internettechnik nicht aus; dann ist fachliche Beurteilung nötig.
88 Die Saugergröße folgt dem Kind, nicht nur der Alterszahl
Hersteller kennzeichnen Sauger oft mit Monaten oder Stufen. Diese Angaben sind Orientierung, keine medizinische Norm. Ein dickflüssigeres Produkt, eine andere Flaschenform und die individuelle Saugkraft verändern den tatsächlichen Fluss.
Zu schnell ist der Sauger wahrscheinlich, wenn Milch aus den Mundwinkeln läuft, das Baby hektisch schluckt, hustet, würgt oder kaum Atempausen findet. Zu langsam kann er sein, wenn der Sauger zusammenfällt, das Kind sehr kräftig und lange saugt, erschöpft wirkt oder frustriert abdockt. Beides kann zu zusätzlichem Luftschlucken führen.
Das Loch wird nie mit Nadel oder Schere vergrößert. Dadurch wird der Fluss unvorhersehbar und Material kann einreißen. Für angedickte Nahrung braucht es ein geeignetes System nach fachlicher Anleitung. Sauger werden regelmäßig auf Risse, Klebrigkeit, Verformung und korrekten Sitz geprüft.
89 Pulverklumpen, Schaum und Schütteln richtig einordnen
Beim kräftigen Schütteln entstehen sichtbare Luftblasen. Sie können einen schaumigen Eindruck machen, sind aber selten allein die Erklärung für stundenlanges Schreien. Wichtiger ist, dass Pulver und Wasser vollständig sowie im vorgeschriebenen Verhältnis vermischt werden. Unaufgelöste Klumpen verändern die Konzentration einzelner Schlucke.
Manche Hersteller empfehlen Schwenken, andere Schütteln; maßgeblich sind die Zubereitungsangaben des konkreten Produkts. Nach dem Mischen kann kurzer Stillstand Schaum reduzieren, sofern die Nahrung hygienisch sicher bleibt und zeitnah verfüttert wird. Sie wird nicht so lange stehen gelassen, dass sich Keime vermehren.
Pulvernahrung ist nicht steril. Saubere Hände, gereinigte beziehungsweise altersgerecht sterilisierte Utensilien, geeignetes Wasser, richtige Temperatur und die Entsorgung von Resten sind wichtiger als eine blasenfreie Optik. Ein Baby mit Infektionszeichen hat keine „Schüttelblähungen“, sondern braucht medizinische Beurteilung.
90 Warum eigenmächtiges Verdünnen gefährlich ist
Mehr Wasser wird manchmal empfohlen, damit Nahrung „leichter“ werde oder Verstopfung verschwinde. Bei jungen Säuglingen kann das den Natriumgehalt im Blut gefährlich absenken. Eine solche Hyponatriämie kann Müdigkeit, Krampfanfälle und Hirnschwellung verursachen. Zu viel Pulver belastet umgekehrt Nieren und Flüssigkeitshaushalt und kann Austrocknung fördern.
Darum wird zuerst die exakt vorgeschriebene Wassermenge abgemessen und danach die gestrichene Zahl der zugehörigen Messlöffel zugegeben. Löffel verschiedener Produkte sind nicht austauschbar. Auch ein „kleiner Zusatzschluck“ Wasser nach der Flasche verändert bei sehr jungen Babys den Gesamtplan und wird nur auf medizinische Empfehlung gegeben.
Wenn harter Stuhl, Hunger oder unzureichende Gewichtszunahme bestehen, wird die Ursache geklärt. Die sichere Lösung ist keine improvisierte Rezeptänderung, sondern ein altersgerechter Ernährungs- oder Behandlungsplan.
91 Stillen muss bei Kolik nicht beendet werden
Die ESPGHAN-Position von 2024 betont ausdrücklich, dass funktionelle Magen-Darm-Beschwerden kein Grund sind, Stillen zugunsten einer Spezialnahrung zu beenden. Ein Wechsel kann kurzfristig mit dem natürlichen Nachlassen der Beschwerden zusammenfallen und dadurch fälschlich wie ein Beweis gegen Muttermilch wirken.
Stattdessen werden Stillansatz, Milchtransfer, Gewicht, Häufigkeit und mögliche Über- oder Unterversorgung beurteilt. Bei begründetem Allergieverdacht kann eine zeitlich begrenzte Eliminationsphase der Mutter erfolgen, während weitergestillt wird. Sie braucht fachliche Anleitung, ausreichende Nährstoffzufuhr und anschließend eine geplante Wiedereinführung zur Diagnosesicherung.
Eltern sollen zugleich nicht unter Druck gesetzt werden, jede Stillbeziehung um jeden Preis fortzuführen. Wenn Zufüttern oder Abstillen aus anderen Gründen gewählt wird, braucht die Familie wertfreie, sichere Unterstützung. Die Aussage lautet: Blähungen allein machen Muttermilch nicht ungeeignet.
92 „Vordermilch“ und „Hintermilch“ sind keine zwei getrennten Getränke
Der Fettgehalt der Muttermilch steigt im Verlauf einer Entleerung meist allmählich. Es existiert aber keine scharfe Grenze, an der eine falsche „Vordermilch“ plötzlich zur richtigen „Hintermilch“ wird. Häufiges Wechseln der Brust verursacht daher nicht automatisch Blähungen, grünen Stuhl oder eine Laktoseüberlastung.
Bei ausgeprägtem Überangebot und sehr starkem Milchfluss kann das Baby allerdings große Mengen rasch aufnehmen, husten, abdocken und Luft schlucken. Dann helfen individuelle Maßnahmen wie zurückgelehntes Stillen, ruhiges Wiederanlegen und gegebenenfalls zeitlich begrenztes Blockstillen unter qualifizierter Begleitung. Unkontrolliertes Blockstillen kann Milchstau verursachen oder die Milchmenge zu stark reduzieren.
Grüner, schaumiger oder explosiver Stuhl wird nicht isoliert behandelt. Farbe und Konsistenz schwanken; erst Wachstum, Trinkverhalten, Blut, Schmerzen und Verlauf entscheiden, ob überhaupt ein Problem vorliegt.
93 Zu wenig Milch kann ebenfalls Unruhe verursachen
Wenn jede Unruhe als Blähung gilt, kann eine unzureichende Aufnahme übersehen werden. Ein Baby, das häufig einschläft, kaum hörbar schluckt, nach kurzer Zeit wieder verzweifelt sucht oder deutlich weniger nasse Windeln hat, braucht eine Fütter- und Gewichtskontrolle. Risikofaktoren sind Frühgeburt, Gelbsucht, Erkrankung, schmerzhafte Brustwarzen, verzögerter Milcheinschuss und ineffektiver Milchtransfer.
Ein hungriges Baby schreit, schluckt dabei Luft und kann anschließend hastig trinken. Das Gas ist dann Begleiterscheinung, nicht Hauptproblem. Umgekehrt beweist häufiges Stillen keine Unterversorgung: Clusterfeeding – mehrere Mahlzeiten in kurzer Folge – ist besonders abends normal.
Sicher beurteilt wird die Versorgung über klinischen Eindruck, Gewichtsentwicklung, Schlucken und Ausscheidung. Einzelne Pumpmengen zeigen nicht zuverlässig, wie viel das Baby an der Brust erhält. Bei Austrocknungszeichen oder ausgeprägter Schläfrigkeit wird rasch gehandelt.
94 Überangebot, Überfütterung und normale häufige Mahlzeiten unterscheiden
Ein Säugling hat einen kleinen Magen und darf häufig trinken. Häufiges Stillen ist daher nicht automatisch Überfütterung. Bei der Flasche kann jedoch das wiederholte Anbieten großer Restmengen oder das Drängen zum Leeren Sättigungssignale übergehen. Dann nehmen Spucken, Unruhe und scheinbare Bauchspannung zu.
Beim Überangebot an der Brust sprechen mehrere Zeichen zusammen: sehr starker Sprühfluss, wiederholtes Husten und Abdocken, pralle schmerzhafte Brüste, sehr rasche Gewichtszunahme oder auffällige Stuhlmuster. Keine dieser Beobachtungen allein reicht aus. Das Management wird individuell geplant, weil pauschales Abpumpen das Angebot weiter steigern kann.
Das Ziel ist weder möglichst lange Pause noch möglichst große Mahlzeit. Es ist eine sichere Gesamtaufnahme mit entspanntem Saug-Schluck-Atem-Rhythmus. Packungstabellen und Apps können Orientierung geben, ersetzen aber nicht Hunger-, Sättigungs- und Wachstumssignale.
95 Muss man während des Stillens die Brust wechseln?
Viele Babys trinken eine Brust gründlich und möchten danach die zweite, andere sind nach einer Seite satt. Ein starrer Wechsel nach einer bestimmten Minutenzahl kann einen gut funktionierenden Rhythmus stören. Man beobachtet aktives Schlucken, Entspannung und Interesse statt nur die Uhr.
Häufiges hektisches Wechseln kann dazu führen, dass das Baby immer wieder neu andocken muss und dabei mehr Luft schluckt. Umgekehrt soll ein Kind mit nachlassendem Milchtransfer nicht unbegrenzt an einer Seite nuckeln, wenn es noch Hunger zeigt. Brustkompression, Positionswechsel oder die zweite Seite können dann helfen.
Bei sehr jungen, schläfrigen oder schlecht zunehmenden Babys wird der Plan konkreter und medizinisch überwacht. Für ein gesund gedeihendes Kind gibt es keine allgemeine „Blähungsregel“, nach der jede Mahlzeit zwingend eine oder zwei Brüste umfassen muss.
96 Bäuerchen: eine randomisierte Studie gegen Automatismen
In einer kleinen randomisierten Studie mit gesunden Mutter-Kind-Paaren führte routinemäßiges Aufstoßenlassen nicht zu weniger Kolikepisoden; in der Gruppe, die regelmäßig zum Bäuerchen angehalten wurde, wurden sogar mehr Regurgitationen dokumentiert. Eine einzelne kleine Studie beantwortet nicht jede Alltagssituation, zeigt aber, dass ein Bäuerchen kein verpflichtendes medizinisches Ritual ist.
Praktisch bedeutet das: Ein unruhiges, hastig trinkendes Baby kann von einer Pause und aufrechter Haltung profitieren. Ein entspanntes oder eingeschlafenes Kind muss dagegen nicht lange geklopft, gedreht oder geweckt werden. Luft, die nicht nach oben entweicht, kann später als Wind abgehen.
Das Ergebnis wird am Wohlbefinden beurteilt. Kräftiges Klopfen, Schütteln oder Druck auf den Bauch sind unnötig. Eltern dürfen aufhören, wenn nach einigen ruhigen Minuten kein Aufstoßen kommt.
97 Aufrecht halten ohne unsichere Schlafposition
Nach dem Trinken kann eine aufrechte Phase auf der Brust einer wachen Betreuungsperson angenehm sein. Der Kopf wird gestützt, das Kinn bleibt von der Brust weg und Nase sowie Mund sind frei. Diese Haltung ist eine beaufsichtigte Beruhigungsmaßnahme, kein Schlafplatz.
Schläft das Baby ein, wird es auf eine feste, flache Unterlage in Rückenlage gelegt. Matratzenkeile, Nestchen, Seitenstützen, Schlafpositionierer und ein dauerhaft hochgestelltes Bett behandeln weder Blähungen noch Reflux sicher. Ein zusammengesacktes Schlafen in Babyschale, Wippe oder Trage kann die Atmung beeinträchtigen.
Auch Babys mit gewöhnlichem Reflux sollen in Rückenlage schlafen. Ausnahmen benötigen eine konkrete medizinische Begründung durch ein spezialisiertes Team. Dass ein Kind auf dem Bauch scheinbar ruhiger ist, wiegt das erhöhte Risiko einer unsicheren Schlafumgebung nicht auf.
98 Pucken und Beruhigen: nur mit Sicherheitsgrenzen
Enges Einwickeln kann manche junge Säuglinge beruhigen, weil unkontrollierte Armbewegungen gedämpft werden. Es beseitigt aber kein Darmgas. Wird gepuckt, bleibt das Gesicht frei, das Kind liegt ausschließlich auf dem Rücken und Hüften sowie Beine haben genügend Bewegungsraum. Überwärmung wird vermieden.
Sobald ein Baby Anzeichen zeigt, sich auf die Seite oder den Bauch drehen zu können, wird Pucken beendet. Ein gepucktes Kind darf besonders nie in Bauchlage geraten. Gewichtete Decken oder gewichtete Pucksäcke sind ungeeignet. Auch ein zu lockeres Tuch, das das Gesicht bedecken kann, ist gefährlich.
Beruhigung muss nicht immer funktionieren. Ein Baby kann trotz Nähe weiterweinen. Dann sind sichere Übergabe, kurze Pause der Betreuungsperson und Unterstützung sinnvoller als immer festeres Wickeln oder Schaukeln.
99 Der Unterschied zwischen Beruhigen und „Behandeln“
Tragen, monotone Geräusche, Hautkontakt, sanfte Bewegung, Saugen und ein warmes Bad können eine Episode erleichtern. Diese Maßnahmen regulieren Stress und vermitteln Sicherheit; sie müssen kein Darmproblem korrigieren, um hilfreich zu sein. Genau darin liegt ihre Stärke: Sie sind reversibel und können am Wohlbefinden des Kindes ausgerichtet werden.
Eine Behandlung behauptet dagegen eine bestimmte Ursache zu verändern – etwa Gasblasen, Allergie, Säure oder Darmflora. Dafür braucht es eine passende Diagnose, plausible Wirkung und ausreichende Evidenz. Dass ein Baby nach Tropfen, Massage oder Nahrungswechsel ruhiger wird, kann auch am natürlichen Verlauf, an Zuwendung, Tagesform oder Erwartung liegen.
Eltern dürfen Komfortmaßnahmen nutzen, ohne daraus eine Krankheitsgeschichte zu machen. Gleichzeitig soll eine scheinbar erfolgreiche Beruhigung nicht dazu führen, Warnzeichen zu übersehen. Sicherheit, Ernährung und Entwicklung stehen über dem Versprechen, jede Schreiattacke sofort zu beenden.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Was im Bauch passiert Abschnitt 1–11 · 11
- 2. Füttern, Halten und Beruhigen Abschnitt 12–23 · 12
- 3. Ernährung, Unverträglichkeit und Warnzeichen Abschnitt 24–29 · 6
- 4. Stuhlgang und Verstopfung Abschnitt 30–38 · 9
- 5. Spucken, Reflux und Erbrechen Abschnitt 39–45 · 7
- 6. Wenn es nicht der Bauch ist Abschnitt 46–55 · 10
- 7. In der Praxis Abschnitt 56–60 · 5
- 8. Mittel und Verfahren im Überblick Abschnitt 61–79 · 19
- 9. Trinken und Stillen genauer Abschnitt 80–99 · 20
- 10. Warum Mittel zu wirken scheinen Abschnitt 100–119 · 20
- 11. Schreien, Abend und Entlastung Abschnitt 120–129 · 10
- 12. Ernste Ursachen im Detail Abschnitt 130–140 · 11
- 13. Wann welcher Kontakt richtig ist Abschnitt 141–150 · 10
- 14. Mythen, Fragen und Schutzregeln Abschnitt 151–163 · 13
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