Für ein achtjähriges Kind nennen zuständige Stellen zwischen 10 und 28,5 Gramm Ballaststoff am Tag. Woran das liegt, was die beiden Lager trennt – und warum mehr nicht besser ist.

Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber ersetzt keine Untersuchung und keine Ernährungsberatung. Er ordnet ein, was Fachgesellschaften und Behörden aus zwölf Sprachräumen zur Stärkezufuhr von Kindern empfehlen, und er prüft, was an der verbreiteten Behauptung dran ist, abgekühlte Stärke habe deutlich weniger Kalorien.

Vier Punkte gehören nicht in den Alltagsversuch, sondern in ein Gespräch in der Ordination. Erstens: Reisdrinks – oft „Reismilch" genannt – sind für Säuglinge nicht geeignet und dürfen Muttermilch oder Säuglingsnahrung nicht ersetzen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung lehnt diese Ernährungsform nicht nur wegen der Arsengehalte ab, sondern vor allem, weil die Nährstoffzusammensetzung dem Bedarf eines Säuglings nicht entspricht. Zweitens: Eine kohlenhydratarme oder ketogene Ernährung ist bei einem Kleinkind etwas grundlegend anderes als bei einem Erwachsenen und gehört ohne ärztliche Begründung nicht auf den Kinderteller – das Gehirn eines Vierjährigen verbraucht zwei Drittel des Ruheumsatzes, und es verbraucht dafür Glukose. Drittens: Anhaltender Durchfall, auffallend übelriechende oder fettige Stühle, ein Kind, das nicht mehr zunimmt oder in seiner Wachstumskurve abknickt, starke Bauchschmerzen, auffälliger Durst mit häufigem Wasserlassen – das sind Zeichen, die abgeklärt werden und nicht mit einer Ernährungsumstellung behandelt werden. Viertens: Wer Reis oder Nudeln vorkocht und kühlt, muss die Hygiene einhalten; bei ungünstiger Lagerung kann Bacillus cereus ein hitzestabiles Gift bilden, das gewöhnliches Wiedererhitzen nicht mehr unschädlich macht. Kinder sind davon stärker betroffen als Erwachsene.

Alle Zahlen in diesem Ratgeber sind mit ihrer Quelle und ihrem Stand genannt. Wo aus zwei amtlichen Angaben eine dritte errechnet wurde, steht das ausdrücklich dabei.

6 Acht Antworten auf eine einzige Frage

Nun zur Qualität – und damit zu der Zahl, die Eltern am häufigsten suchen: Wie viel Ballaststoff soll ein Kind am Tag bekommen?

Die Recherche in zwölf Sprachräumen hat für ein achtjähriges Kind acht verschiedene Antworten ergeben. Alle stammen von zuständigen Stellen, alle sind aktuell, alle beziehen sich auf dasselbe Kind.

HerleitungBallaststoffe je Tag
Russland, Normen für den physiologischen Bedarf (7 bis 11 Jahre)10 g
Faustregel „Alter plus 5", im spanischen Sprachraum verbreitet13 g
Chinesische Referenzwerte 2023 (7 bis 11 Jahre)15 bis 20 g
EFSA 2010 und LARN Italien (7 bis 10 Jahre)16 g
SACN und NHS, Vereinigtes Königreich (Grundschulalter)20 g
WHO 2023 (6 bis 9 Jahre, )21 g
D-A-CH 2021, umgerechnet auf 1900 kcal – eigene Rechnung27,7 g
ICMR-NIN Indien 2020, umgerechnet auf 1900 kcal – eigene Rechnung28,5 g

Die höchste Zahl ist fast das Dreifache der niedrigsten. Wer einen Ratgeber liest und dort eine Grammzahl findet, findet also nicht „die" Empfehlung, sondern eine von acht – und meist ohne den Hinweis, welche.

Zwei Einschränkungen gehören zu dieser Tabelle, und sie sind keine Formalie.

Die Altersbänder sind nicht deckungsgleich. Russland fasst 7 bis 11 Jahre zusammen, die EFSA 7 bis 10, die WHO 6 bis 9, Großbritannien spricht vom „Grundschulalter", Korea von 6 bis 11 Jahren. Ein Achtjähriger fällt überall hinein, aber jeweils an einer anderen Stelle der Gruppe. Ein Teil der Unterschiede entsteht allein daraus, ohne dass eine Behörde falsch rechnet.

Zwei der acht Zahlen sind eigene Rechnungen. D-A-CH und Indien nennen keinen Wert je Altersstufe, sondern einen Faktor je Energiemenge: 14,6 Gramm je 1000 Kilokalorien beziehungsweise 30 Gramm je 2000 Kilokalorien. Um sie vergleichbar zu machen, wurden sie hier mit dem D-A-CH-Richtwert für die Energiezufuhr eines 7- bis 10-jährigen Jungen bei üblicher Alltagsbewegung – 1900 Kilokalorien – multipliziert. Wer von einem anderen Energiebedarf ausgeht, erhält eine andere Zahl. Das ist keine Schwäche der Rechnung, sondern die Eigenschaft eines Faktors.

Ein achtjähriges Kind, acht Empfehlungen

Wie viel Ballaststoff soll ein Achtjähriger am Tag bekommen? Alle acht Zahlen stammen von zuständigen Stellen, alle sind aktuell, alle meinen dasselbe Kind. Die schraffierten Balken sind eigene Umrechnungen – die beiden Stellen nennen keinen Wert je Altersstufe, sondern einen Faktor je Energiemenge.

0 10 g 20 g 30 g Russland 10 g Russland, Normen für den physiologischen Bedarf, Altersband 7 bis 11 Jahre: 10 Gramm am Tag. Der niedrigste Wert aller gefundenen Systeme. „Alter plus 5" 13 g Faustregel „Lebensalter plus 5", im spanischen Sprachraum verbreitet und ab 2 Jahren anwendbar: 8 plus 5 ergibt 13 Gramm. Sie stammt aus der US-amerikanischen Kinderheilkunde. China 2023 15–20 g Chinesische Referenzwerte 2023, Altersband 7 bis 11 Jahre: 15 bis 20 Gramm am Tag. Das einzige System, das einen Bereich statt einer Zahl nennt – der helle Teil ist die Untergrenze, der volle Teil reicht bis zur Obergrenze. EFSA / Italien 16 g EFSA 2010 und die italienischen LARN, Altersband 7 bis 10 Jahre: 16 Gramm am Tag. Beide Zahlen sind identisch, weil Italien den EFSA-Wert übernimmt. Frankreich gehört ebenfalls dazu – die ANSES hat keinen eigenen Wert festgelegt. Großbritannien 20 g SACN und der britische Gesundheitsdienst, Grundschulalter: 20 Gramm am Tag. Dieselben Zahlen werden im arabischen Sprachraum weitergegeben – dort wurden keine eigenen regionalen Werte gefunden. WHO 2023 21 g Weltgesundheitsorganisation 2023, Altersband 6 bis 9 Jahre: mindestens 21 Gramm am Tag. Die WHO führt diese Empfehlung ausdrücklich als bedingt, weil sie aus Erwachsenendaten hochgerechnet ist – die Erwachsenenempfehlung ist dagegen stark. D-A-CH 2021 27,7 g Eigene Rechnung: D-A-CH nennt keinen Wert je Altersstufe, sondern mindestens 14,6 Gramm je 1000 Kilokalorien. Multipliziert mit dem D-A-CH-Richtwert für die Energiezufuhr eines 7- bis 10-jährigen Jungen bei üblicher Alltagsbewegung – 1900 Kilokalorien – ergeben sich 27,7 Gramm. Bei einem anderen Energiebedarf ergibt sich eine andere Zahl. Indien 2020 28,5 g Eigene Rechnung: Die indischen Empfehlungen nennen 30 Gramm je 2000 Kilokalorien, also 15 Gramm je 1000 Kilokalorien. Bei 1900 Kilokalorien ergeben sich 28,5 Gramm. Die Behörde bezeichnet ihre Angabe zu Ballaststoffen selbst als vorläufig. Wert der Behörde eigene Umrechnung Die Altersbänder sind nicht deckungsgleich: 7–11, 7–10, 6–9 Jahre und „Grundschulalter"
Die höchste Zahl ist fast das Dreifache der niedrigsten. Wer in einem Ratgeber eine Grammzahl findet, findet also nicht „die" Empfehlung, sondern eine von acht – meist ohne den Hinweis, welche. Zwei Einschränkungen gehören dazu: Die Altersbänder sind nicht deckungsgleich (Russland fasst 7 bis 11 Jahre zusammen, die WHO 6 bis 9), und ein Teil der Streuung entsteht allein daraus. Und die beiden höchsten Werte sind Umrechnungen aus einem Faktor je Energiemenge – bei einem anderen angenommenen Energiebedarf fallen sie anders aus.

Wie viel Ballaststoff für mein Kind? Alle Empfehlungen im Vergleich

Altersstufe wählen. Der Rechner zeigt, was jede zuständige Stelle für dieses Alter nennt – und was sie nicht nennt. Er gibt bewusst keine eigene Empfehlung ab: Die Spanne ist das Ergebnis.

Der Rechner macht zwei Dinge sichtbar, die eine einzelne Zahl verdeckt. Erstens die Spanne – und dass sie in jeder Altersstufe besteht, nicht nur bei den Achtjährigen. Zweitens die Lücken: Für Säuglinge legt keine der Stellen einen Ballaststoffwert fest, und das ist keine Nachlässigkeit, sondern eine Entscheidung. Wer eine einzelne Zahl sucht, findet hier stattdessen die Information, wie verlässlich diese Zahl wäre.

7 Warum die Zahlen auseinandergehen

Die Spanne wirkt zunächst wie ein Zeichen, dass niemand es weiß. Beim genauen Hinsehen ist sie etwas anderes: Sie ist die Folge einer einzigen, offen ausgetragenen Fachfrage.

Alle Systeme rechnen im Kern gleich. Sie beziehen die Ballaststoffmenge auf die Energiemenge, weil ein Kind, das mehr isst, auch mehr Ballaststoff aufnimmt und braucht. Sie unterscheiden sich nur im Faktor.

Zuständige StelleFaktor je 1000 Kilokalorien
EFSA 2010 (2 g je )8,4 g
LARN Italien, Wachstumsalter8,4 g
Chinesische Referenzwerte 2023etwa 10 g
D-A-CH 2021 (3,5 g je Megajoule)14,6 g
ICMR-NIN Indien 2020 (30 g je 2000 kcal)15 g

Dass EFSA und Italien exakt gleich liegen, ist kein Zufall: Italien übernimmt den EFSA-Wert und schreibt ihn nur in einer anderen Einheit. Die EFSA nennt 2 Gramm je Megajoule; ein Megajoule entspricht 239 Kilokalorien, 1000 Kilokalorien entsprechen 4,184 Megajoule – daraus ergeben sich 8,37 Gramm je 1000 Kilokalorien, also die italienischen 8,4. Auch Frankreich zählt zu dieser Gruppe: Die ANSES hat die Referenzwerte für Ballaststoffe nicht eigens festgelegt und verwendet die der EFSA.

Damit stehen sich zwei Lager gegenüber. Und der entscheidende Hinweis, worin sie sich unterscheiden, steckt in der italienischen Tabelle: Sie nennt für Erwachsene einen Referenzbereich von 12,6 bis 16,7 Gramm je 1000 Kilokalorien. Der D-A-CH-Wert von 14,6 liegt genau darin.

Das heißt: Beim Erwachsenen sind sich die Behörden weitgehend einig. Uneinig sind sie nur in der Frage, ob ein Kind denselben Ballaststoffanteil verträgt wie ein Erwachsener.

  • EFSA, Italien, Frankreich und China sagen nein. Sie setzen für Kinder einen niedrigeren Faktor an. Die chinesischen Referenzwerte begründen das ausdrücklich damit, dass die Zufuhr bei Kindern von 1 bis 18 Jahren gegenüber Erwachsenen angemessen verringert werden solle – über die Nährstoff- und Energiedichte.
  • D-A-CH und Indien sagen ja. Sie verwenden für Kinder denselben Faktor wie für Erwachsene.

Beide Seiten stützen sich dabei auf dieselbe dünne Datenlage, und beide sagen das auch. Die EFSA schreibt wörtlich: „There is limited evidence to set adequate intakes for children" – es gibt nur begrenzte Belege, um für Kinder eine festzulegen; der Wert solle daher aus dem für Erwachsene abgeleitet und über die Energiezufuhr angepasst werden. Die WHO führt alle ihre Kinderempfehlungen als bedingt („"), während die Erwachsenenempfehlung stark („strong") ist – und begründet den Unterschied damit, dass die Kinderwerte aus Erwachsenendaten hochgerechnet sind. Die indischen Empfehlungen bezeichnen ihre Angaben zu Kohlenhydraten und Ballaststoffen selbst als vorläufig („provisional recommendations").

Das ist die ehrliche Antwort auf die Frage, wie viel Ballaststoff ein Kind braucht: Es ist nicht gemessen. Es ist aus Erwachsenendaten hergeleitet, und die Behörden sind sich nicht einig, wie man herleitet.

Warum die Zahlen auseinandergehen: zwei Lager, ein Faktor

Alle Systeme rechnen gleich – sie beziehen die Ballaststoffmenge auf die Energiemenge. Sie unterscheiden sich nur in einer Frage: Gilt für ein Kind derselbe Faktor wie für einen Erwachsenen?

Referenzbereich für Erwachsene (Italien) 12,6–16,7 g 0 5 g 10 g 15 g Gramm Ballaststoff je 1000 Kilokalorien Kinder brauchen weniger EFSA / Italien 8,4 g EFSA 2010 nennt 2 Gramm je Megajoule. 1000 Kilokalorien entsprechen 4,184 Megajoule, daraus ergeben sich 8,37 Gramm je 1000 Kilokalorien – genau die 8,4 Gramm, die die italienischen LARN für das Wachstumsalter nennen. Italien übernimmt den EFSA-Wert und schreibt ihn nur in einer anderen Einheit. China 2023 ~10 g Chinesische Referenzwerte 2023: etwa 10 Gramm je 1000 Kilokalorien für 1 bis 18 Jahre. Die Neuauflage begründet ausdrücklich, dass die Zufuhr bei Kindern gegenüber Erwachsenen angemessen verringert werden solle – über die Nährstoff- und Energiedichte. Kinder wie Erwachsene D-A-CH 2021 14,6 g D-A-CH 2021: mindestens 14,6 Gramm je 1000 Kilokalorien, also 3,5 Gramm je Megajoule – und zwar für 1 bis unter 19 Jahre derselbe Wert wie für Erwachsene, ohne Unterschied zwischen Mädchen und Jungen. Indien 2020 15 g Indische Empfehlungen ICMR-NIN 2020: 30 Gramm je 2000 Kilokalorien, also 15 Gramm je 1000 Kilokalorien – praktisch derselbe Faktor wie D-A-CH. Die Behörde bezeichnet ihre Angabe selbst als vorläufig. Der D-A-CH-Wert von 14,6 liegt innerhalb des italienischen Erwachsenenbereichs. Beim Erwachsenen sind sich alle einig. Uneinig sind sie nur beim Kind. EFSA 2010 · LARN/SINU Italien 2016 · Chinesische DRIs 2023 · D-A-CH 2021 · ICMR-NIN Indien 2020
Der entscheidende Hinweis steckt in der italienischen Tabelle: Sie nennt für Erwachsene einen Referenzbereich von 12,6 bis 16,7 Gramm je 1000 Kilokalorien – und der D-A-CH-Wert von 14,6 liegt genau darin. Beim Erwachsenen sind sich die Behörden also weitgehend einig. Uneinig sind sie nur in der Frage, ob ein Kind denselben Ballaststoffanteil verträgt wie ein Erwachsener. Das ist keine widersprüchliche Messung, sondern eine offene Fachfrage – und beide Lager benennen dieselbe Begründungslücke: Die EFSA schreibt „there is limited evidence to set adequate intakes for children", die WHO führt alle Kinderempfehlungen als bedingt.

8 Japan zeigt, dass eine Grammzahl auch eine Entscheidung ist

Ein Blick nach Japan macht deutlich, dass hinter solchen Zahlen nicht nur Messungen stehen. Die japanischen Referenzwerte von 2025 leiten ihren Zielwert für Ballaststoffe ausdrücklich pragmatisch ab, nicht physiologisch.

Der der tatsächlichen Zufuhr Erwachsener liegt bei 13,3 Gramm am Tag. Die wünschenswerte Zufuhr wird mit 25 Gramm angegeben. Als Grundlage des Zielwerts wurde der Wert dazwischen gewählt: 19,2 Gramm. Die Begründung ist offen benannt: Die nationalen Verzehrsstudien zeigen, dass die Ballaststoffzufuhr in allen Altersgruppen zu niedrig ist, und ein Ziel von 25 Gramm wäre praktisch unerreichbar.

Entsprechend niedrig fallen die japanischen Zahlen aus. Für Erwachsene gelten je nach Altersgruppe 20 bis 22 Gramm bei Männern und 17 bis 18 Gramm bei Frauen. Für Kinder von 3 bis 5 Jahren nennt die Fassung von 2025 mindestens 8 Gramm – gegenüber 14 Gramm bei der EFSA, 15 Gramm bei der WHO und, umgerechnet, rund 22 bis 23 Gramm nach D-A-CH. Die höchste Zahl ist damit fast das Dreifache der niedrigsten, und der Unterschied ist keine andere Messung, sondern eine andere Auffassung darüber, was ein Zielwert leisten soll: erreichbar sein oder das Optimum beschreiben.

Hinzu kommt ein methodischer Hinweis, der Vergleiche über die Zeit erschwert: Die japanische Neuauflage vermerkt ausdrücklich, dass sich das Messverfahren für Ballaststoffe geändert hat und sich die Gehaltsangaben einzelner Lebensmittel dadurch deutlich verändert haben. Selbst derselbe Zielwert bedeutet vor und nach dieser Umstellung nicht ganz dasselbe.

Für Eltern heißt das: Eine Grammzahl aus einem Ratgeber ist keine Naturkonstante. Sie hängt davon ab, welche Behörde sie herausgibt, aus welchem Jahr sie stammt, mit welchem Verfahren gemessen wurde und ob sie ein Optimum oder ein realistisches Ziel beschreiben soll.

9 Was Kinder tatsächlich essen

Neben den Empfehlungen steht die gemessene Wirklichkeit, und sie beantwortet die Frage „ist mein Kind im Rückstand?" auf unerwartete Weise.

Die EFSA nennt für die beobachtete Zufuhr: 10 bis 20 Gramm Ballaststoff pro Tag bei jüngeren Kindern unter etwa 10 bis 12 Jahren. In Energiebezug sind das 1,7 bis 2,5 Gramm je – bei Erwachsenen 1,8 bis 2,9.

Vergleicht man diese Wirklichkeit mit den Empfehlungen, ergibt sich ein aufschlussreiches Bild. Die tatsächliche Zufuhr liegt im Bereich der niedrigen Empfehlungen – die russischen 10 Gramm und die spanischen 13 Gramm für ein achtjähriges Kind sind erreicht – und deutlich unter den hohen: Die 27,7 Gramm nach D-A-CH oder die 28,5 Gramm nach indischer Rechnung werden klar verfehlt.

Dasselbe Kind, dieselbe gemessene Zufuhr: Je nachdem, welche Behörde man zitiert, isst es „genug" oder „nur die Hälfte des Nötigen". Das ist keine Wortklauberei, sondern die praktische Folge der offenen Fachfrage aus dem vorigen Abschnitt. Wer als Elternteil eine Rückmeldung bekommt, das Kind nehme zu wenig Ballaststoff auf, darf fragen, gegen welchen Referenzwert gemessen wurde.

Was sich aus der Zufuhr in Energiebezug ablesen lässt: Kinder essen nicht auffallend ballaststoffärmer als Erwachsene. 1,7 bis 2,5 gegen 1,8 bis 2,9 Gramm je Megajoule sind fast dieselben Werte. Das Bild vom Kind, das sich anders ernährt als seine Eltern, trifft für diesen Nährstoff nicht zu. Kinder essen wie ihre Familien – das ist der eigentliche Ansatzpunkt.

10 Warum mehr nicht besser ist

Aus einer Empfehlung wird im Alltag leicht eine Richtung: Wenn 20 Gramm gut sind, sind 30 wohl besser. Für Ballaststoffe bei Kindern ist das nachweislich falsch, und der Beleg dafür kommt von der Stelle, die dafür zuständig ist.

Die europäische und die nordamerikanische Fachgesellschaft für Kindergastroenterologie haben ihre Empfehlungen zur funktionellen Verstopfung – der häufigsten Form von Verstopfung im Kindesalter, ohne zugrunde liegende Erkrankung – gemeinsam veröffentlicht. Sie empfehlen eine normale, altersgemäße Ballaststoff- und Flüssigkeitszufuhr sowie normale körperliche Bewegung, verbunden mit Aufklärung. Nicht mehr.

Die beiden entscheidenden Aussagen im Wortlaut: Es gibt „no evidence to support the use of fiber in the treatment of functional constipation in children" – keine Belege, die den Einsatz von Ballaststoffen zur Behandlung der funktionellen Verstopfung bei Kindern stützen. Und: Zusätzliche Ballaststoffe oder zusätzliche Flüssigkeit über die übliche Zufuhr hinaus verbessern die Verstopfung in randomisierten Untersuchungen nicht.

Das ist aus zwei Gründen bemerkenswert.

Erstens ist es das Gegenteil des verbreiteten Reflexes. Ballaststoffpräparate, zusätzliche Kleie, mehr Trockenpflaumen – all das wird bei verstopften Kindern regelmäßig versucht, und die Leitlinie sagt ausdrücklich, dass es nicht belegt ist. Das heißt nicht, dass Ballaststoffe unwichtig wären; es heißt, dass eine bestehende Verstopfung dadurch nicht besser wird.

Zweitens berührt es die Begründung der Referenzwerte selbst. Die EFSA hat ihren Ballaststoff-Referenzwert genau aus der Darmfunktion abgeleitet – wörtlich: „The role of dietary fibre in bowel function was considered the most suitable criterion for establishing an adequate intake." Die Darmfunktion war also das geeignetste Kriterium, um eine festzulegen. Und trotzdem verbessert mehr als dieser Wert die Darmfunktion nicht.

Das ist kein Widerspruch, sondern der Unterschied zwischen zwei Arten von Zahlen. Ein Referenzwert ist eine Zielmarke, keine Dosis-Wirkungs-Kurve. Er beschreibt die Menge, bei der die Funktion in Ordnung ist – nicht eine Größe, bei der mehr immer mehr hilft.

Praktisch heißt das: Wer sein Kind im Bereich der Empfehlungen ernährt, hat das Nötige getan. Wer darüber hinaus steigert, gewinnt nichts und riskiert Bauchweh und Blähungen – und bei sehr hohen Mengen die Verdrängung anderer Nährstoffe aus einer kleinen Kinderportion. Bei einer Verstopfung, die bleibt, ist der nächste Schritt eine Untersuchung und nicht eine weitere Portion Kleie.

11 Was das für Ihr Kind praktisch heißt

Aus acht Zahlen lässt sich kein Kochrezept ableiten. Aus ihrer Streuung schon.

Nehmen Sie die Spanne, nicht eine Zahl. Für ein Schulkind liegen die Empfehlungen zwischen etwa 10 und 28 Gramm am Tag. Wer sich in der Mitte dieses Bereichs bewegt – also bei etwa 15 bis 20 Gramm für ein Grundschulkind –, liegt innerhalb dessen, was fünf von acht Systemen nennen, und verletzt keines. Das ist belastbarer als jede Punktlandung.

Zählen Sie nicht. Keines der acht Systeme wurde für die häusliche Anwendung gebaut, und die Gehaltsangaben in Nährwerttabellen hängen vom Messverfahren ab – dasselbe Lebensmittel kann nach einer Verfahrensumstellung eine andere Zahl tragen, wie der japanische Hinweis zeigt. Eine Ernährungs-App, die auf das Gramm genau rechnet, suggeriert eine Genauigkeit, die es in den Referenzwerten selbst nicht gibt.

Achten Sie auf die Auswahl statt auf die Menge. Das ist die einzige Aussage, in der alle zwölf Sprachräume übereinstimmen, und sie steht im folgenden Kapitel.

Steigern Sie nicht, wenn es Beschwerden gibt. Bauchweh, Blähungen und Verstopfung sind kein Zeichen für zu wenig Ballaststoff, und sie werden durch mehr nicht besser.

Und rechnen Sie resistente Stärke nicht als Gutschrift. Der zweite Teil dieses Ratgebers zeigt, dass abgekühlte Stärke den Ballaststoffanteil tatsächlich erhöht – aber die Menge ist klein, sie schwankt stark von Lebensmittel zu Lebensmittel, und ein Teil davon ist in der aufgedruckten Nährwertangabe schon enthalten. Wer den gemessenen Zuwachs einfach zur Ballaststoffangabe auf der Packung addiert, rechnet doppelt.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was Stärke im Körper eines Kindes tut Abschnitt 1–5 · 5
  2. 2. Wie viel ist gesund – acht Antworten auf eine Frage Abschnitt 6–11 · 6
  3. 3. Von der ersten Beikost bis zur Jugend Abschnitt 12–18 · 7
  4. 4. Zucker, Vollkorn und der Blick auf die Zutatenliste Abschnitt 19–25 · 7
  5. 5. Wie man Zahlen über Kinderernährung liest Abschnitt 26–28 · 3
  6. 6. Was resistente Stärke ist Abschnitt 29–34 · 6
  7. 7. Welche Lagerung welchen Effekt hat Abschnitt 35–40 · 6
  8. 8. Was die Untersuchungen am Menschen zeigen Abschnitt 41–51 · 11
  9. 9. Kalorien: nachvollziehbar rechnen statt Prozente glauben Abschnitt 52–59 · 8
  10. 10. Lässt sich Stärke in Ballaststoff verwandeln? Abschnitt 60–72 · 13
  11. 11. Das Verfahren für die Küche Abschnitt 73–78 · 6
  12. 12. Unterschiede zwischen den Lebensmitteln Abschnitt 79–86 · 8
  13. 13. Wiedererhitzen, Einfrieren und andere Verfahren Abschnitt 87–97 · 11
  14. 14. Darmflora, Sättigung und Gewicht Abschnitt 98–107 · 10
  15. 15. Sicherheit in der Küche Abschnitt 108–112 · 5
  16. 16. Was die Recherche in zehn Sprachen ergab Abschnitt 113–125 · 13
  17. 17. Studien und Prozentangaben beurteilen Abschnitt 126–140 · 15
  18. 18. Fragen und Antworten Abschnitt 141–166 · 26
  19. 19. Was offen bleibt Abschnitt 167–173 · 7
  20. 20. Fachbegriffe und Quellen Abschnitt 174–177 · 4