Drei Prüfungen: Zählt der veränderte Anteil rechtlich als Ballaststoff? Behandelt ihn der Körper so? Und wie viel entsteht? Zweimal ja – und beim dritten Punkt wird es klein.

  • Abschnitt 60 bis 72 von 177
  • Stand: 12. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber ersetzt keine Untersuchung und keine Ernährungsberatung. Er ordnet ein, was Fachgesellschaften und Behörden aus zwölf Sprachräumen zur Stärkezufuhr von Kindern empfehlen, und er prüft, was an der verbreiteten Behauptung dran ist, abgekühlte Stärke habe deutlich weniger Kalorien.

Vier Punkte gehören nicht in den Alltagsversuch, sondern in ein Gespräch in der Ordination. Erstens: Reisdrinks – oft „Reismilch" genannt – sind für Säuglinge nicht geeignet und dürfen Muttermilch oder Säuglingsnahrung nicht ersetzen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung lehnt diese Ernährungsform nicht nur wegen der Arsengehalte ab, sondern vor allem, weil die Nährstoffzusammensetzung dem Bedarf eines Säuglings nicht entspricht. Zweitens: Eine kohlenhydratarme oder ketogene Ernährung ist bei einem Kleinkind etwas grundlegend anderes als bei einem Erwachsenen und gehört ohne ärztliche Begründung nicht auf den Kinderteller – das Gehirn eines Vierjährigen verbraucht zwei Drittel des Ruheumsatzes, und es verbraucht dafür Glukose. Drittens: Anhaltender Durchfall, auffallend übelriechende oder fettige Stühle, ein Kind, das nicht mehr zunimmt oder in seiner Wachstumskurve abknickt, starke Bauchschmerzen, auffälliger Durst mit häufigem Wasserlassen – das sind Zeichen, die abgeklärt werden und nicht mit einer Ernährungsumstellung behandelt werden. Viertens: Wer Reis oder Nudeln vorkocht und kühlt, muss die Hygiene einhalten; bei ungünstiger Lagerung kann Bacillus cereus ein hitzestabiles Gift bilden, das gewöhnliches Wiedererhitzen nicht mehr unschädlich macht. Kinder sind davon stärker betroffen als Erwachsene.

Alle Zahlen in diesem Ratgeber sind mit ihrer Quelle und ihrem Stand genannt. Wo aus zwei amtlichen Angaben eine dritte errechnet wurde, steht das ausdrücklich dabei.

60 Die Frage genau gestellt

Die Behauptung, Abkühlen mache aus Stärke Ballaststoffe, ist der Kern der ganzen Kühlmethode. Sie klingt nach einer Verwandlung: hier Kohlenhydrat, dort Ballaststoff, dazwischen eine Nacht im Kühlschrank. Bevor man sie prüft, muss man sie in drei Fragen zerlegen, die verschiedene Antworten haben.

Erstens: Zählt der veränderte Anteil nach den geltenden Begriffsbestimmungen als Ballaststoff? Zweitens: Verhält sich der Körper ihm gegenüber wie gegenüber Ballaststoff – kommt er dort an, wo Ballaststoff ankommt, und geschieht mit ihm, was mit Ballaststoff geschieht? Drittens: Wie viel wird umgewandelt, und was bedeutet das an Energie?

Die ersten beiden Fragen lassen sich mit Ja beantworten. Die dritte ist die, an der die populäre Fassung scheitert.

Wird Stärke durch Abkühlen zu Ballaststoff? Drei Prüfungen

Die Behauptung zerfällt in drei Fragen, die verschiedene Antworten haben. Zweimal lautet die Antwort Ja – und die dritte ist die, an der die populäre Fassung scheitert.

1 Zählt der Anteil nach der Begriffsbestimmung als Ballaststoff? Ja. Verordnung (EU) Nr. 1169/2011, Anhang I „Kohlenhydratpolymere mit drei oder mehr Monomereinheiten, die im Dünndarm des Menschen weder verdaut noch absorbiert werden“ – beides trifft zu. Die erste der drei Klassen in Anhang I lautet: „essbare Kohlenhydratpolymere, die in Lebensmitteln, wenn diese verzehrt werden, auf natürliche Weise vorkommen“. Retrogradierte Stärke im abgekühlten Reis ist im Lebensmittel im Zustand des Verzehrs enthalten. Der Satz „das macht sie zu Ballaststoffen“ ist nach dieser Begriffsbestimmung zutreffend. 2 Behandelt der Körper ihn wie Ballaststoff? Ja. Sechs Personen mit künstlichem Dünndarmausgang, fünf Kostformen Was das Labor als resistente Stärke auswies, verließ den Dünndarm zu 97 Prozent tatsächlich – und wurde im Dickdarm zu kurzkettigen Fettsäuren. Silvester, Englyst und Cummings 1995: Sechs Personen mit Ileostomie erhielten fünf Kostformen mit 61 bis 164 Gramm Stärke am Tag, davon 0,4 bis 34,8 Gramm im Labor als resistent bestimmt. Die ausgeschiedene Menge entsprach 97 Prozent des Laborwerts, ohne bedeutsamen Unterschied bei irgendeiner Kostform. Aus dem Material entstanden mehr kurzkettige Fettsäuren und ein höherer Butyratanteil – 17 statt 12 Prozent. 3 Heißt Ballaststoff „keine Kalorien“? Nein. Dieselbe Verordnung, Anhang XIV Kohlenhydrat 4 kcal/g Ballaststoff 2 kcal/g – die Hälfte, nicht null. Messungen am Menschen kommen auf dieselbe Größenordnung: rund 2 kcal je Gramm. Anhang XIV der Verordnung nennt für Kohlenhydrate 17 kJ/g beziehungsweise 4 kcal/g und für Ballaststoffe 8 kJ/g beziehungsweise 2 kcal/g. Behall und Howe 1995 werteten Messungen am Menschen aus und kamen auf durchschnittlich 8,4 kJ, also rund 2 kcal verwertbare Energie je Gramm schlecht verdaulicher Kohlenhydrate. Der Verwaltungsfaktor und die Messung stimmen überein.
Die ersten beiden Prüfungen bestätigen die populäre Fassung: Der veränderte Anteil ist Ballaststoff, rechtlich wie physiologisch. Die dritte zieht ihr den Boden weg. Ballaststoff heißt nicht kalorienfrei, sondern halb so viel Energie. Damit hängt alles an der Menge – und die ist in der Küche klein.

61 Erste Prüfung: die Begriffsbestimmung

Die europäische Lebensmittelinformationsverordnung legt in Anhang I fest, was auf einer Packung als Ballaststoff bezeichnet werden darf: „Kohlenhydratpolymere mit drei oder mehr Monomereinheiten, die im Dünndarm des Menschen weder verdaut noch absorbiert werden“ und zu einer von drei Klassen gehören. Die erste Klasse lautet: „essbare Kohlenhydratpolymere, die in Lebensmitteln, wenn diese verzehrt werden, auf natürliche Weise vorkommen“. (Verordnung (EU) Nr. 1169/2011, Anhang I)

Beide Bedingungen treffen auf retrogradierte Stärke im abgekühlten Reis zu. Sie ist ein Kohlenhydratpolymer, sie wird im Dünndarm nicht verdaut, und sie ist im Lebensmittel im Zustand des Verzehrs enthalten. Der Satz „das macht sie zu Ballaststoffen“ ist also keine Übertreibung, sondern nach dieser Begriffsbestimmung zutreffend.

Wichtig ist, was damit nicht gesagt ist. Die Begriffsbestimmung ordnet einen Stoff einer Kategorie zu. Sie sagt nichts darüber, wie viel davon entsteht, und sie sagt ausdrücklich nicht, dass der Stoff keine Energie liefert.

62 Zweite Prüfung: Was im Dickdarm ankommt

Die Begriffsbestimmung beruht auf einer Annahme über den Körper: Der Stoff werde im Dünndarm nicht verdaut. Ob das stimmt, lässt sich am Menschen messen – allerdings nur bei Menschen mit einem künstlichen Dünndarmausgang, weil man dort auffangen kann, was den Dünndarm verlässt, bevor der Dickdarm es bekommt.

Sechs Personen mit einem solchen Ausgang erhielten nacheinander fünf Kostformen mit 61 bis 164 Gramm Stärke am Tag, davon 0,4 bis 34,8 Gramm im Labor als resistent bestimmt. Die tatsächlich ausgeschiedene Stärkemenge entsprach 97 Prozent der im Labor bestimmten resistenten Stärke, ohne bedeutsamen Unterschied bei irgendeiner der Kostformen. Aus dem ausgeschiedenen Material entstanden im anschließenden Versuch mehr kurzkettige Fettsäuren, ein höherer Butyratanteil – 17 statt 12 Prozent – und weniger Ammoniak als aus dem Material der Vergleichsbedingung. (Silvester, Englyst und Cummings, 1995)

Das ist die direkte Antwort auf die zweite Frage. Was ein Labor als resistente Stärke ausweist, kommt im Dickdarm auch tatsächlich an, und dort geschieht damit, was mit Ballaststoff geschieht: Mikroben bauen es ab, dabei entstehen kurzkettige Fettsäuren. Der Körper behandelt diesen Anteil nicht bloß begrifflich, sondern physiologisch wie Ballaststoff.

63 Dritte Prüfung: Ballaststoff ist nicht kalorienfrei

Genau hier endet die Übereinstimmung mit der populären Fassung. Ballaststoff bedeutet nicht „keine Energie“. Dieselbe europäische Verordnung, die den Begriff festlegt, nennt in Anhang XIV auch den Umrechnungsfaktor für die Nährwertangabe: Kohlenhydrate 17 kJ/g oder 4 kcal/g – Ballaststoffe 8 kJ/g oder 2 kcal/g. (Verordnung (EU) Nr. 1169/2011, Anhang XIV)

Dieser Faktor ist keine bloße Verwaltungszahl. Eine Auswertung von Messungen am Menschen kommt auf dieselbe Größenordnung: Im Mittel stehen aus schlecht verdaulichen Kohlenhydraten etwa 8,4 kJ, also rund 2 kcal je Gramm zur Verfügung, und die Fermentation trägt merklich zur verwertbaren Energie bei, sobald mehr als etwa 20 Gramm solcher Kohlenhydrate am Tag gegessen werden. (Behall und Howe, 1995)

Die Umwandlung halbiert also den Energiebeitrag des umgewandelten Anteils – sie streicht ihn nicht. Wer aus „wird zu Ballaststoff“ auf „zählt nicht mehr“ schließt, überspringt diesen Schritt. Wie viel am Ende übrig bleibt, hängt damit vollständig an der Menge, und die ist der schwächste Punkt der ganzen Methode.

64 Die Menge: was in der Küche erreichbar ist

Für gekochten weißen Reis, der 24 Stunden bei 4 °C gelagert und wiedererhitzt wurde, ergab die Untersuchung von Sonia und Kollegen eine zusätzliche resistente Stärke von 1,01 Gramm je 100 Gramm verzehrfertigem Reis. Mit dem Faktor von 2 statt 4 Kilokalorien je Gramm entspricht das für eine Portion von 200 Gramm etwa 4 Kilokalorien.

Diese Größenordnung ist der Grund, warum die Methode als Ernährungsgewohnheit sinnvoll und als Abnehmverfahren unbrauchbar ist. Vier Kilokalorien sind weniger als ein Teelöffel Öl an der Pfanne. Eine andere Untersuchung nennt für gekühlten Reis deutlich höhere absolute Werte, was die Spanne eher vergrößert als die Rechnung stützt: Verlässlich ist die Richtung, nicht die Zahl.

Wie viel lässt sich umwandeln? Küche und Labor getrennt betrachtet

Beide Felder zeigen denselben Vorgang – aber auf zwei verschiedene Größen bezogen. Links geht es um hundert Gramm fertige Speise, rechts um die Stärke selbst. Die Balken der beiden Felder lassen sich deshalb nicht miteinander vergleichen.

In der Küche Bezug: 100 g verzehrfertiger Reis Frisch gekocht Ausgangswert 24 h bei 4 °C, dann wiedererhitzt +1,01 g Sonia und Kollegen 2015: Randomisierter an 15 gesunden Erwachsenen, dazu Lebensmittelanalysen. Frisch gekochter weißer Reis gegen Reis, der 24 Stunden bei 4 °C gelagert und wiedererhitzt wurde. Die Differenz der resistenten Stärke beträgt 1,01 Gramm je 100 Gramm verzehrfertigem Reis. Der dunkle Zuwachs ist der ganze Effekt. Was das an Energie ausmacht 200-g-Portion: rund 2 g zusätzliche RS ≈ 4 Kilokalorien weniger Eigene Szenariorechnung, nicht gemessen: 1,01 g je 100 g mal 2 ergibt rund 2 g je 200-g-Portion. Mit dem Faktor von 2 statt 4 Kilokalorien je Gramm entspricht das etwa 4 Kilokalorien. Die Rechnung berücksichtigt weder späteren Appetit noch Soße, Portionsänderung oder individuelle Fermentation. eigene Rechnung, kein gemessener Wert Sonia, Witjaksono und Ridwan 2015 Asia Pacific Journal of Clinical Nutrition Im Labor und in der Technik Bezug: Anteil an der Stärke, in Prozent 0 10 % 20 % 30 % Maismehl, autoklaviert und gekühlt 27,78 % 15,84 % vorher Faridah und Kollegen 2022, Nachversuch zur eigenen : Maismehl steigt von 15,84 auf 27,78 Prozent resistente Stärke – ein Zuwachs von 75,4 Prozent des Ausgangswerts. Bedingungen: Wasserverhältnis 1:4, zwei Zyklen, 30 Minuten, 121 °C. Maisstärke, autoklaviert und gekühlt 32,53 % 15,27 % vorher Faridah und Kollegen 2022: Maisstärke steigt von 15,27 auf 32,53 Prozent – mehr als eine Verdopplung. Die Metaanalyse fasste zehn Arbeiten mit 21 Datenpunkten zusammen; als günstigste Bedingungen ergaben sich 121 °C, 30 Minuten, zwei Zyklen. Süßkartoffelstärke, Hitze-Feuchte 24,77 % Endwert, Ausgangswert nicht berichtet (4 h, 110 °C, 25 % Feuchte) Sun und Kollegen 2023: Der Gehalt an resistenter Stärke von Süßkartoffelstärke erreichte mit 24,77 Prozent seinen höchsten Wert nach vier Stunden bei 110 °C und 25 Prozent Feuchtigkeit. Ein Ausgangswert vor der Behandlung wird in der Arbeit nicht als Vergleichsbalken geführt, deshalb steht hier nur der Endwert. gestrichelt: Endwert ohne Vergleichswert 121 °C gibt es nur unter Dampfdruck. Kein Kochtopf erreicht das, und der Schnellkochtopf wurde nicht untersucht. Links wächst der Ballaststoffanteil einer Mahlzeit um etwa ein Gramm je hundert Gramm. Rechts verdoppelt sich der resistente Anteil der Stärke – mit Geräten, die kein Haushalt hat.
Der Unterschied zwischen den beiden Feldern ist die eigentliche Antwort. Ja, Stärke lässt sich in erheblichem Umfang in die resistente Form bringen – die Lebensmitteltechnik verdoppelt den Anteil. Aber die Verfahren, die das leisten, arbeiten mit Dampfdruck, stundenlanger Prozessführung oder Enzymen. Was in der eigenen Küche übrig bleibt, ist rund ein Gramm je hundert Gramm, und das sind bei einer Portion etwa vier Kilokalorien.

65 Andere Verfahren: Was mehr bewirkt, steht nicht in der Küche

Dass in der Küche wenig entsteht, heißt nicht, dass mehr unmöglich wäre. Die Lebensmitteltechnik kennt Verfahren, die erheblich mehr Stärke in die resistente Form bringen. Sie haben eines gemeinsam: Sie verlangen Geräte, die in keinem Haushalt stehen.

Eine fasste zehn Arbeiten mit 21 Datenpunkten zum Autoklavieren mit anschließendem Abkühlen zusammen und prüfte das Ergebnis anschließend im eigenen Versuch nach. Als günstigste Bedingungen ergaben sich ein Wasserverhältnis von 1:4, zwei Zyklen, 30 Minuten Erhitzungsdauer und 121 °C. Im Nachversuch stieg der Gehalt an resistenter Stärke in Maismehl von 15,84 auf 27,78 Prozent und in Maisstärke von 15,27 auf 32,53 Prozent. (Faridah und Kollegen, 2022)

121 °C erreicht ein Kochtopf nicht; das ist Dampfdruck. Ein Schnellkochtopf kommt in die Nähe, wurde in dieser Auswertung aber nicht untersucht, und aus einem nicht untersuchten Gerät lässt sich keine Empfehlung ableiten.

Ein zweiter Weg ist die Hitze-Feuchte-Behandlung: Stärke wird bei knapper Feuchtigkeit über Stunden erhitzt, ohne zu verkleistern. Für Süßkartoffelstärke wurde der höchste Gehalt an resistenter Stärke mit 24,77 Prozent nach vier Stunden bei 110 °C und 25 Prozent Feuchtigkeit erreicht. (Sun und Kollegen, 2023) Auch das ist kein Kochvorgang, sondern eine Prozessführung.

Ein dritter Weg ist enzymatisch: Entzweigende Enzyme wie Pullulanase schneiden die Verästelungen der Stärke auf, sodass sich die Ketten beim Abkühlen dichter zusammenlagern. Der Abschnitt über die Herstellung standardisierter Zutaten geht darauf ein; für die häusliche Zubereitung ist kein zugesetztes Enzym erforderlich.

66 Ein Verfahren, das in die andere Richtung wirkt

Die Annahme, jede zusätzliche Wärmebehandlung erhöhe den resistenten Anteil, ist falsch. Beim Parboiling – Reis wird vor dem Schälen im Korn gedämpft – wurden sechs Sorten mit hohem Amylosegehalt vor und nach der Behandlung untersucht. Der Gehalt an resistenter Stärke lag zwischen 0,46 und 1,6 Prozent. Bei der Sorte mit dem höchsten Ausgangswert halbierte das Parboiling ihn etwa, bei den übrigen änderte er sich nicht bedeutsam, und die Mehle waren nach der Behandlung leichter enzymatisch spaltbar als vorher. (Gunaratne und Kollegen, 2013)

Dasselbe gilt für den ersten Schritt jeder Zubereitung. Kochen selbst macht Stärke besser verdaulich, nicht schlechter: Das Verkleistern öffnet die Struktur für die Enzyme. Erst das Abkühlen danach nimmt einen Teil dieser Öffnung wieder zurück. Wer vom Kochen eine Umwandlung in Ballaststoff erwartet, hat die Richtung vertauscht.

67 Warum „die Hälfte“ mindestens vier verschiedene Dinge meinen kann

Die Zahl, die in populären Fassungen am häufigsten auftaucht, ist „die Hälfte“. Sie kann vier verschiedene Dinge bedeuten, und die Unterschiede sind groß.

Erstens kann es um die Hälfte der gesamten Lebensmittelmasse gehen. Bei gekochtem Reis besteht ein großer Anteil dieser Masse aus Wasser. Eine Prozentangabe auf eine getrocknete Probe lässt sich deshalb nicht direkt als Grammzahl pro 100 Gramm gekochten Reis lesen.

Zweitens kann die Hälfte der gesamten Stärke gemeint sein. Dann muss zunächst bekannt sein, wie viel Stärke die gegessene Portion überhaupt enthält. Selbst eine große Veränderung innerhalb dieser Fraktion betrifft nicht automatisch Fett, Eiweiß, Zucker aus einer Soße oder eine Füllung.

Drittens kann eine relative Veränderung gegenüber einem kleinen Ausgangswert gemeint sein. Ein Anstieg um 50 Prozent von zwei auf drei Gramm beträgt ein zusätzliches Gramm. „Um 50 Prozent“ ist hier etwas völlig anderes als „50 Prozent der Stärke“.

Viertens kann ein thermischer Strukturparameter gemeint sein. Eine relative Änderung eines Messsignals zur Ordnung der Stärke ist nicht ohne Weiteres ein Massenanteil resistenter Stärke. Die Bezeichnung Retrogradation allein reicht nicht aus, um diese Größen gleichzusetzen.

Für eine Kalorienbehauptung kommt der Schritt aus der dritten Prüfung hinzu: Auch die neu resistente Fraktion liefert nach Fermentation Energie. Die Rechnung „Hälfte der Stärke resistent, also Hälfte aller Kalorien weg“ überspringt damit mehrere notwendige Prüfungen. Sie wäre selbst unter einer großzügigen Annahme zur Umwandlung nicht automatisch richtig.

68 Was die viel zitierte Reisuntersuchung tatsächlich gemessen hat

Die Zahlen, die in populären Beiträgen zur Kühlmethode auftauchen, stammen häufig aus einer einzigen Arbeit. Chakraborty und Kollegen prüften fünf Reissorten nach Lagerung bei 4 beziehungsweise −20 °C für sechs oder zwölf Stunden. Es war eine Lebensmittel- und Laboruntersuchung, keine Studie zur Energieaufnahme von Menschen. Tabelle 3 enthält außerdem eine auffällige Unstimmigkeit: Für Dhusuri bao nach zwölf Stunden bei −20 °C stehen 89,34 Prozent Gesamtstärke, 28,62 Prozent nichtresistente und 17,71 Prozent resistente Stärke. Die beiden Teilwerte ergeben zusammen 46,33 Prozent. Die Prozentbasis ist für eine Übertragung auf 100 Gramm verzehrfertigen Reis nicht ausreichend klar. (Originalarbeit mit Tabelle 3)

Eigene Prüfung: 28,62 + 17,71 = 46,33; gegenüber 89,34 verbleibt eine Differenz von 43,01 . Das ist keine Rundungsabweichung. Aus der veröffentlichten Tabelle allein lässt sich nicht entscheiden, welcher Wert gegebenenfalls falsch eingetragen wurde oder welche weitere Erklärung vorliegt. Eine vermutete Korrektur wäre deshalb keine belastbare Datengrundlage.

Die Konsequenz ist begrenzt: Diese konkrete Tabelle eignet sich nicht als verlässliche Grundlage für einen pauschalen Kalorienrechner. Daraus folgt weder, dass Retrogradation nicht existiert, noch dass alle übrigen Arbeiten unbrauchbar wären. Die grundsätzliche Veränderung wird unabhängig von dieser Veröffentlichung untersucht. Der Datenbefund ist ein Argument für Zurückhaltung bei der Größenordnung, kein Gegenbeweis gegen den Mechanismus.

Auch eine Studie mit fehlerfreier Tabelle würde zunächst nur das untersuchte Material unter den untersuchten Bedingungen beschreiben. Ein Satz über „Reis“ im Allgemeinen müsste zusätzlich berücksichtigen, wie andere Sorten reagieren und welche Zubereitung im Haushalt tatsächlich erfolgt. Eine weitreichende Zahl gewinnt nicht allein dadurch allgemeine Gültigkeit, dass sie in einer wissenschaftlichen Tabelle steht.

69 Warum die Zeitangabe zu streng ist

Eine Untersuchung mit zwei Messzeitpunkten kann zeigen, dass sich deren Werte unterscheiden. Sie kann nicht feststellen, dass in sämtlichen Lebensmitteln vor dem ersten Zeitpunkt gar nichts geschieht. Dafür bräuchte man eine engere Zeitreihe und mehrere Ausgangsprodukte.

Ein japanischer Konferenzbeitrag berichtet bereits nach einer Stunde Abkühlung höhere RS-Werte bei mehreren gekochten Lebensmitteln. Das ist wegen der begrenzten Publikationsform kein Beleg für einen optimalen universellen Ein-Stunden-Prozess. Es reicht aber als Hinweis, dass die pauschale Aussage „wenige Stunden reichen nicht“ zu weit geht. (Kasaoka et al., 2021)

Für die Küche sind zwei Fragen zu trennen: „Ab wann ist etwas messbar?“ und „Welche Zeitspanne lässt sich sinnvoll und sicher in den Alltag einbauen?“ Die Empfehlung, eine gegarte Speise zügig zu kühlen und am folgenden Tag zu verwenden, beantwortet die zweite Frage. Sie behauptet keine plötzlich nach zwölf Stunden einsetzende Reaktion.

70 Warum die Temperaturregel nicht allgemein gilt

In einer Untersuchung an chinesischem gedämpftem Brot ergab eine Lagerung bei 4 °C stärker geordnete Stärke und langsamere Verdauung im Labortest als mehrere andere Temperaturregime, darunter −18 °C. Das konkrete Gegenbeispiel zeigt, dass ein Gefrierschrank nicht grundsätzlich den höchsten Effekt erzeugt. (Li et al., 2024, Foods)

Die passende Schlussfolgerung lautet daher: Temperatur beeinflusst die Strukturveränderung, aber ihre Wirkung hängt vom Lebensmittel und vom Ablauf ab. Beim Gefrieren verändern sich außerdem Wasserverteilung und Beweglichkeit der Moleküle. Eine einzige Skala von warm nach immer kälter bildet solche Prozesse nicht vollständig ab.

Einfrieren bleibt eine sinnvolle Möglichkeit zur Aufbewahrung. Sein praktischer Wert hängt nicht davon ab, ob es für jedes Lebensmittel die größtmögliche resistente Fraktion erzeugt. Die Entscheidung zum Einfrieren sollte sich deshalb vor allem nach der vorgesehenen Lagerdauer und der Eignung der Speise richten.

71 Was bei Kindern untersucht ist

Die gesamte bisher genannte Evidenz stammt aus Versuchen an Erwachsenen. Eine systematische Übersicht über zur Verträglichkeit resistenter Stärke wertete 39 Arbeiten mit zusammen 2263 Teilnehmenden aus – ausdrücklich an Erwachsenen. Die üblichen Dosierungen lagen bei 20 bis 40 Gramm am Tag, die Verträglichkeit war durchweg gegeben, und in 16 von 23 Arbeiten, die kurzkettige Fettsäuren maßen, stiegen diese an. (Sobh und Kollegen, 2022)

Für Kinder gibt es zwei Arbeiten, und beide beantworten eine andere Frage als die nach dem Alltagsessen.

Die erste ist eine Behandlungsstudie. 183 Kinder zwischen sechs Monaten und drei Jahren mit akutem wässrigem Durchfall erhielten entweder die übliche Trinklösung der WHO oder dieselbe Lösung mit 50 Gramm amylaseresistenter Maisstärke je Liter. Bis zum letzten ungeformten Stuhl vergingen im 6,75 Stunden gegenüber 12,80 Stunden. Der vermutete Wirkweg ist genau der aus der zweiten Prüfung: kurzkettige Fettsäuren aus der Fermentation verbessern die Aufnahme von Natrium und Flüssigkeit im Dickdarm. (Raghupathy und Kollegen, 2006)

Die zweite ist der erste Versuch überhaupt zu akuten Stoffwechselwirkungen resistenter Stärke bei Kindern; die Arbeit hält das ausdrücklich fest. 20 adipöse Kinder von 10 bis 14 Jahren erhielten nacheinander drei Mahlzeiten: Reis, Reis mit Kokosöl gekocht, Reis mit Kokosöl und Linsen. Die mittlere Mahlzeit führte zu niedrigeren Blutzucker- und Insulinwerten nach dem Essen als der reine Reis. Das Sättigungsempfinden unterschied sich zwischen den drei Mahlzeiten nicht. (Suntharesan und Kollegen, 2023)

Beides ist zu wenig, um daraus eine Ernährungsregel für gesunde Kinder abzuleiten. Die Behandlungsstudie betrifft kranke Kinder und eine Arzneiform; der zweite Versuch betrifft zwanzig übergewichtige Jugendliche, eine einzelne Mahlzeit und einen Zusatz von Kokosöl, nicht das Abkühlen. Wer eine Zahl für das eigene Kind sucht, findet in dieser Literatur keine.

72 Der Satz, der stimmt

Alles Geprüfte zusammengenommen lässt sich die Sache in einem Absatz sagen, ohne etwas wegzulassen und ohne etwas zu überdehnen:

> Wenn gekochter Reis, Kartoffeln oder Nudeln abkühlen, nimmt ein Teil ihrer Stärke eine kompaktere Struktur an. Dieser Anteil wird im Dünndarm schlechter verdaut, erfüllt die Begriffsbestimmung für Ballaststoffe und wird vom Körper auch so behandelt: Er kommt im Dickdarm an, wo Mikroben ihn abbauen. Energiefrei ist er deshalb nicht – er liefert etwa die Hälfte. Wie viel entsteht, hängt von Lebensmittel, Zubereitung, Kühlung und Wiedererhitzen ab und liegt in der Küche im Bereich von etwa einem Gramm je hundert Gramm. Verfahren mit deutlich größerer Wirkung gibt es, aber sie brauchen Dampfdruck oder Enzyme. Vorkochen und hygienisches Kühlen können die Ernährung sinnvoll ergänzen, sind aber kein verlässlich großer Abnehmtrick.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was Stärke im Körper eines Kindes tut Abschnitt 1–5 · 5
  2. 2. Wie viel ist gesund – acht Antworten auf eine Frage Abschnitt 6–11 · 6
  3. 3. Von der ersten Beikost bis zur Jugend Abschnitt 12–18 · 7
  4. 4. Zucker, Vollkorn und der Blick auf die Zutatenliste Abschnitt 19–25 · 7
  5. 5. Wie man Zahlen über Kinderernährung liest Abschnitt 26–28 · 3
  6. 6. Was resistente Stärke ist Abschnitt 29–34 · 6
  7. 7. Welche Lagerung welchen Effekt hat Abschnitt 35–40 · 6
  8. 8. Was die Untersuchungen am Menschen zeigen Abschnitt 41–51 · 11
  9. 9. Kalorien: nachvollziehbar rechnen statt Prozente glauben Abschnitt 52–59 · 8
  10. 10. Lässt sich Stärke in Ballaststoff verwandeln? Abschnitt 60–72 · 13
  11. 11. Das Verfahren für die Küche Abschnitt 73–78 · 6
  12. 12. Unterschiede zwischen den Lebensmitteln Abschnitt 79–86 · 8
  13. 13. Wiedererhitzen, Einfrieren und andere Verfahren Abschnitt 87–97 · 11
  14. 14. Darmflora, Sättigung und Gewicht Abschnitt 98–107 · 10
  15. 15. Sicherheit in der Küche Abschnitt 108–112 · 5
  16. 16. Was die Recherche in zehn Sprachen ergab Abschnitt 113–125 · 13
  17. 17. Studien und Prozentangaben beurteilen Abschnitt 126–140 · 15
  18. 18. Fragen und Antworten Abschnitt 141–166 · 26
  19. 19. Was offen bleibt Abschnitt 167–173 · 7
  20. 20. Fachbegriffe und Quellen Abschnitt 174–177 · 4