Nach der Geburt
Wochenbettdepression betrifft etwa jede sechste Mutter und rund jeden zwölften Vater. Woran man sie erkennt, warum sie so oft übersehen wird und wo Hilfe wartet.
Wichtiger Hinweis
Dieser Ratgeber behandelt elterliche Erschöpfung, Vereinbarkeit und die finanzielle Seite des Elternseins. Er ersetzt weder eine ärztliche Abklärung noch eine Rechts- oder Sozialberatung. Die genannten Geldbeträge und Fristen sind Beispiele mit Stichtag, keine Zusage: Sie ändern sich regelmäßig, hängen von der persönlichen Situation ab und sind vor jeder Entscheidung bei der zuständigen Stelle zu prüfen. Wenn Sie das Gefühl haben, Ihrem Kind gegenüber nichts mehr geben zu können, oder wenn Gedanken auftauchen, die Sie erschrecken, holen Sie sich Hilfe: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr und kostenlos unter 142 erreichbar, Rat auf Draht unter 147 auch für Sie als Bezugsperson. Bei akuter Gefahr wählen Sie 144.
66 Was Wochenbettdepression ist – und was sie nicht ist
Wochenbettdepression, fachsprachlich postpartale Depression, ist eine eigenständige psychische Erkrankung, die während der Schwangerschaft oder in den Monaten nach der Geburt auftritt. Sie ist von einer kurzen, vorübergehenden Stimmungslabilität in den ersten Tagen nach der Geburt – umgangssprachlich oft "Baby Blues" genannt – zu unterscheiden, ohne dass dieser Ratgeber zu deren genauer Dauer oder Häufigkeit eigene Zahlen nennen kann.
Wochenbettdepression ist auch nicht dasselbe wie das in diesem Ratgeber bisher beschriebene elterliche Burnout, auch wenn beide zusammen auftreten können und einander ähneln können: Burnout ist spezifisch auf die Elternrolle bezogen, während sich eine Depression typischerweise auf das gesamte Erleben auswirkt, wie in Kapitel 9 und 34 beschrieben. Am wichtigsten für diesen Ratgeber ist eine einzige Botschaft, die für das ganze Kapitel gilt: Wochenbettdepression ist eine Erkrankung, keine Charakterfrage, kein Zeichen mangelnder Liebe zum Kind und keine Willensschwäche. Sie ist behandelbar.
67 Wie häufig sie weltweit bei Müttern ist
Eine Metaanalyse über 565 Studien aus 80 Ländern und Regionen mit insgesamt über 1,2 Millionen Frauen ermittelt eine globale Prävalenz postpartaler Depression von 17,22 Prozent – die Studienautorinnen und -autoren fassen das selbst als "jede fünfte Frau" zusammen. Die Unterschiede zwischen Regionen sind erheblich: von 6,48 Prozent in Dänemark bis knapp 40 Prozent im südlichen Afrika. Nach Einkommensniveau der Länder liegt die Prävalenz in Hocheinkommensländern bei 15,54 Prozent, in Niedrigeinkommensländern bei 20,02 Prozent.
Österreich fällt in die Kategorie der Hocheinkommensländer und läge damit rechnerisch eher im Bereich um 15 Prozent als am globalen Durchschnitt von rund 17 Prozent – ein eigener, spezifisch österreichischer Wert aus dieser weltweiten Metaanalyse liegt aber nicht vor.
68 Wie häufig sie in Österreich ist
Für Österreich liegt eine amtliche Einschätzung vor: Das Wiener Programm für Frauengesundheit beziffert das Erkrankungsrisiko einer Mutter für eine postpartale Depression mit 15 bis 20 Prozent – "jede fünfte Frau ist davon betroffen". Das Programm empfiehlt, bei jeder Untersuchung im Rahmen des Eltern-Kind-Passes (die zugrunde liegende Wiener Checkliste spricht dabei noch vom Mutter-Kind-Pass, da sie vor der jüngsten Umbenennung erstellt wurde) auf Anzeichen zu achten, insbesondere im dritten bis fünften Lebensmonat des Kindes. Als Diagnoseinstrument wird die Edinburgh Postnatal Depression Scale (EPDS) genannt, mit einem in Wien verwendeten Grenzwert von konstant über 13 Punkten.
Diese Größenordnung von 15 bis 20 Prozent deckt sich mit internationalen Metaanalysen für westeuropäische, wohlhabende Länder und gilt als die derzeit belastbarste verfügbare Zahl für Österreich – auch wenn es sich, anders als bei der in Kapitel 23 beschriebenen fehlenden Prävalenzstudie zu elterlicher Erschöpfung, nicht um eine eigenständige groß angelegte österreichische Erhebung handelt, sondern um eine amtliche Einschätzung auf Basis der internationalen Forschungslage.
69 Wie häufig sie bei Vätern ist – eine unklare Datenlage
Auch Väter können eine postpartale Depression entwickeln, und die Datenlage dazu ist ausgesprochen uneinheitlich. Eine Presseaussendung der Stadt Wien, gestützt auf eine Wiener Spezialambulanz, nennt für Väter rund 5 Prozent – ausdrücklich eine Klinikangabe, keine eigenständige epidemiologische Erhebung von Statistik Austria. Eine internationale Metaanalyse über 47 Studien mit insgesamt 20.728 Vätern kommt auf 8,75 Prozent im ersten Jahr nach der Geburt. Die spanische Fachliteratur referiert internationale Studien mit noch deutlich höheren Werten: bis zu 25 Prozent der Väter, und bis zu 50 Prozent, wenn die Partnerin selbst an einer postpartalen Depression leidet – wobei dieselbe Quelle offen einräumt, dass die tatsächliche Prävalenz speziell für Spanien unbekannt ist, weil es dort keine standardisierten Screening-Protokolle für Väter gibt.
Diese drei Größenordnungen – rund 5, rund 9 und bis zu 25 Prozent – lassen sich nicht zu einer einzelnen Zahl zusammenführen; sie werden hier deshalb bewusst nebeneinander genannt statt gemittelt. Was sich aus allen drei Quellen übereinstimmend ableiten lässt: Väterliche postpartale Depression ist real, wird aber in keinem der untersuchten Länder systematisch erfasst oder gescreent – auch nicht in Österreich.
70 Wie sich väterliche Wochenbettdepression anders zeigt
Väterliche postpartale Depression zeigt sich häufig anders als bei Müttern: eher als Wut, Reizbarkeit und Suchtverhalten denn als die typischerweise mit Depression assoziierte Traurigkeit. Sie tritt der verfügbaren, allerdings nicht vollständig verifizierten französischen Quelle zufolge tendenziell auch etwas später auf, mit einem möglichen Häufigkeitsgipfel zwischen dem dritten und sechsten Monat nach der Geburt. Diese abweichende Symptomatik erschwert die Erkennung zusätzlich – wer nach gereizten, wütenden Vätern statt nach traurigen sucht, findet häufig niemanden, obwohl das Problem vorliegt.
Ein interessanter, wenn auch nicht abschließend belegter Zusatzbefund aus einer französischen Kohortenstudie: Väter, die Vaterschaftsurlaub in Anspruch nahmen, berichteten seltener eine spätere Depression als Väter ohne diesen Urlaub. Dieser mögliche Schutzeffekt passt zum übergeordneten Bild dieses Ratgebers, dass Entlastung und aktive Beteiligung an der frühen Elternzeit nicht nur der Mutter, sondern auch dem Vater selbst zugutekommen können.
71 Eine französische Erhebung mitten in der Pandemie
Die französische Gesundheitsbehörde erhob 2021 erstmals systematisch die psychische Gesundheit von über 7.100 Frauen zwei Monate nach der Geburt, mitten in der dritten COVID-19-Welle. Ergebnis: Depression bei 16,7 Prozent, Angst bei 27,6 Prozent und Suizidgedanken bei 5,4 Prozent der Gesamtstichprobe – unter den Frauen mit Depressionssymptomen berichteten sogar 23,8 Prozent Suizidgedanken.
Diese Zahlen sind auch deshalb bedeutsam, weil sie in einer besonders belastenden Ausnahmesituation erhoben wurden. Die Größenordnung – rund jede sechste Frau mit depressiven Symptomen zwei Monate nach der Geburt – liegt aber im international üblichen Rahmen und ist plausibel auf Österreich übertragbar, auch wenn keine eigene österreichische Erhebung mit derselben Methodik vorliegt.
72 Eine spanische Studie mit klinischem Interview
Eine spanische Studie ging methodisch einen Schritt weiter als die meisten Fragebogenerhebungen: Sie lud aus einer Stichprobe von 1.191 Müttern gezielt Frauen mit auffälligen Werten zu einem strukturierten klinischen Interview ein. Das Ergebnis: eine bestätigte Gesamtprävalenz von 10,15 Prozent, davon 3,6 Prozent mit einer schwereren und 6,5 Prozent mit einer leichteren Ausprägung. Zusätzlich verglich die Studie verschiedene Grenzwerte des Fragebogens EPDS: Ein Grenzwert von 11/12 Punkten lieferte die unverzerrteste Prävalenzschätzung, ein Grenzwert von 10/11 eignete sich dagegen besser, um Risikofälle überhaupt erst zu erkennen.
Diese Studie ist deshalb bedeutsam, weil sie – anders als reine Fragebogenerhebungen – mit einem klinischen Interview arbeitet, also der Methode, die einer tatsächlichen Diagnosestellung am nächsten kommt. Die gemessene Größenordnung von rund 10 Prozent deckt sich mit internationalen Metaanalysen für westeuropäische Länder und ist damit eine der belastbarsten verfügbaren Vergleichszahlen für Österreich.
73 Screening-Instrumente im Vergleich: die EPDS und ihre unterschiedlichen Grenzwerte
Das in fast allen hier zitierten Ländern verwendete Instrument ist dasselbe: die Edinburgh Postnatal Depression Scale (EPDS), ein zehn Fragen umfassender Selbstbeurteilungsbogen. Was sich zwischen den Ländern deutlich unterscheidet, ist der Grenzwert, ab dem ein Ergebnis als auffällig gilt – und das ist einer der Hauptgründe, warum die in diesem Kapitel genannten Prävalenzzahlen so unterschiedlich ausfallen. In Wien gilt ein Grenzwert von konstant über 13 Punkten. Ein spanisches Modellprogramm arbeitet mit einem Grenzwert ab 12 Punkten für eine vertiefte Abklärung. Die bereits erwähnte spanische Validierungsstudie von 2003 fand, dass 11/12 Punkte die unverzerrteste Schätzung liefern, 10/11 Punkte dagegen eine bessere Risikoerkennung. In Japan liegt der gebräuchliche Grenzwert bei 8 oder 9 Punkten.
Für diesen Ratgeber folgt daraus eine wichtige Regel: Jede Prävalenzzahl zur Wochenbettdepression ist nur zusammen mit ihrem Grenzwert vollständig zu verstehen. Ein niedrigerer Grenzwert erfasst mehr Frauen als auffällig, ein höherer weniger – beides kann richtig gerechnet sein und trotzdem zu ganz unterschiedlichen Prozentzahlen führen.
74 Was ein Screening leisten kann – und was nicht
Ein Screening-Fragebogen wie die EPDS ist ein Filter, kein Diagnoseinstrument. Er zeigt, wer ein erhöhtes Risiko hat und genauer angeschaut werden sollte – er stellt selbst keine Diagnose und ersetzt kein ärztliches oder psychotherapeutisches Gespräch. Die amerikanische Kinderärztegesellschaft empfiehlt entsprechend ein zweistufiges Vorgehen: Screening der Mutter bei mehreren frühen Vorsorgeterminen des Kindes, und – als eigene, ausdrückliche Empfehlung – auch ein Screening des Ko-Elternteils bei einem der späteren Vorsorgetermine. Das britische Leitlinienwerk NICE setzt zunächst auf ein kurzes erstes Abklopfen möglicher Anzeichen, bevor bei Auffälligkeiten ein ausführlicherer Fragebogen wie die EPDS eingesetzt wird.
Für Österreich bedeutet das: Ein auffälliger EPDS-Wert – etwa über dem Wiener Grenzwert von 13 Punkten – ist ein Anlass für ein Gespräch mit der Kinderärztin, dem Kinderarzt, der Hebamme oder der Hausärztin beziehungsweise dem Hausarzt, nicht bereits eine Diagnose. Und ein unauffälliger Wert schließt eine Belastung nicht sicher aus, wenn andere Anzeichen aus Kapitel 3 dieses Ratgebers trotzdem vorliegen.
75 Ein spanisches Modellprogramm: Soria Norte
Wie ein systematisches Screening in der Praxis aussehen kann, zeigt ein spanisches Gesundheitszentrum, das seit 2005 ein strukturiertes Programm betreibt: Hebammen erfassen Risikofaktoren bereits in der Schwangerschaft, acht Wochen nach der Geburt wird die EPDS eingesetzt, und ab einem Wert von 12 Punkten erfolgt eine vertiefte Abklärung durch die Hausärztin oder den Hausarzt. Seit Einführung wurden über 1.110 Frauen erfasst, 13,5 Prozent zeigten ein erhöhtes Depressionsrisiko.
Bemerkenswert ist die Akzeptanz bei den betroffenen Frauen selbst: 92,9 Prozent bewerteten postpartale Depression als bedeutsames Gesundheitsproblem, 98,2 Prozent hielten das Früherkennungsprogramm für wichtig, und 99 Prozent befürworteten eine landesweite Umsetzung. Das Programm wurde vom spanischen Gesundheitsministerium als vorbildliche Praxis anerkannt. Für Österreich ist dieses Modell vor allem als Beleg dagegen interessant, dass ein systematisches Screening auf Ablehnung stößt: Die hohe Zustimmung spricht deutlich gegen die verbreitete Sorge, ein solches Angebot würde als stigmatisierend empfunden.
76 Ein italienisches und ein chinesisches Screening-Programm im Vergleich
Italien führte zwischen 2012 und 2015 ein dreijähriges, national finanziertes Präventions- und Früherkennungsprojekt durch und verankerte die EPDS dauerhaft im landesweiten Geburtspfad. Bei positivem Screening soll in der Regel innerhalb von zwei Wochen ein klinisches Gespräch angeboten werden. Zu Vätern liefert diese Quelle allerdings keine Angaben – ein eigenes Screening für Väter ist darin nicht dokumentiert.
China verfolgt einen ähnlichen Ansatz auf anderem Weg: Die nationale Gesundheitsbehörde hat gemeinsam mit anderen Ministerien festgelegt, dass ein Depressions-Screening fixer Bestandteil der regulären Schwangerenvorsorge und der Wochenbettbesuche sein soll, eingebettet in ein landesweites Programm zur Sicherheit von Mutter und Kind. Eine konkrete, landesweite Abdeckungsquote dafür ließ sich in der zugrunde liegenden Recherche nicht auffinden. Beide Modelle zeigen für Österreich denselben Grundgedanken: Depressions-Screening als fixer, nicht anlassbezogener Bestandteil der Schwangeren- und Wochenbettvorsorge, nicht als Sonderleistung für auffällige Einzelfälle.
77 Japans Ergebnis: die bislang umfassendste Studie widerlegt einen Mythos
Eine japanische Metaanalyse über 123 Einzelstudien mit insgesamt über 108.000 Frauen – die bislang umfassendste Übersichtsarbeit zu diesem Thema in Japan – widerlegt die verbreitete, aber unbelegte Annahme, postpartale Depression sei in Japan seltener als im Westen: Sie findet eine Punktprävalenz von 14,3 Prozent einen Monat nach der Geburt, im dritten Schwangerschaftsdrittel sogar 16,3 Prozent.
Diese Zahl liegt in derselben Größenordnung wie die für Österreich genannten 15 bis 20 Prozent (Kapitel 69) und stützt damit eine wichtige Aussage dieses Ratgebers: Postpartale Depression ist ein universelles, nicht kulturspezifisches Risiko in vergleichbarer Häufigkeit – unabhängig davon, ob eine Kultur offen oder eher zurückhaltend darüber spricht.
78 Ein Befund, der ernst genommen werden muss: Suizid im Wochenbett
Ein japanisches Forschungszentrum verknüpfte erstmals systematisch Geburts-, Sterbe- und Totgeburtsregister und kam zu einem Ergebnis, das über Japan hinaus Bedeutung hat: Unter 357 analysierten Müttersterbefällen aus den Jahren 2015/2016 war Suizid mit 102 Fällen – 28,6 Prozent – die häufigste Einzeltodesursache, noch vor Herzerkrankungen, neurologischen Erkrankungen und Blutungen. Als Risikofaktoren identifizierte die Studie unter anderem ein Alter ab 35 Jahren und Haushalte ohne erwerbstätige Person.
Dieser Befund gilt nicht als japanspezifisches Problem, sondern als Beleg für ein universelles Risiko: International ist Suizid in vielen wohlhabenden Ländern eine der führenden indirekten Ursachen für Müttersterblichkeit im ersten Jahr nach der Geburt. Für Österreich existiert keine methodisch vergleichbare Registerstudie, aber der Befund unterstreicht, warum das in Kapitel 1 genannte Ansprechen von Suizidgedanken – bei sich selbst oder bei einer nahestehenden Person – so wichtig ist. Im Notfall gilt in Österreich die Telefonseelsorge unter 142, rund um die Uhr erreichbar.
79 Korea: ein großer Abstand zwischen Symptomen und Diagnose
Eine landesweite koreanische Erhebung des Gesundheitsministeriums unter über 3.200 Müttern zeigt eine Diskrepanz, die auch für das Lesen aller anderen Zahlen in diesem Kapitel lehrreich ist: 68,5 Prozent der befragten Mütter berichteten Symptome einer postpartalen Depression, mit einer durchschnittlichen Symptomdauer von 187,5 Tagen – aber nur 6,8 Prozent erhielten tatsächlich eine klinische Diagnose.
Diese große Lücke zeigt vermutlich vor allem eines: dass die 68,5 Prozent ein breiteres Kriterium erfassen – "depressive Symptome erlebt" – als die 6,8 Prozent, die auf eine engere, klinisch bestätigte Diagnose zielen. Für den Umgang mit allen Zahlen in diesem Kapitel folgt daraus eine Mahnung zur Vorsicht: Eine über Selbstauskunft erhobene Symptomrate und eine klinisch bestätigte Diagnoserate beantworten unterschiedliche Fragen und sollten nicht miteinander verwechselt werden.
80 Brasilien und Portugal: ähnliche Größenordnungen, unterschiedliche Instrumente
Eine große brasilianische Kohortenstudie befragte fast 24.000 Frauen sechs bis achtzehn Monate nach der Geburt und fand eine Prävalenz depressiver Symptome von 26,3 Prozent – deutlich über der Schätzung der Weltgesundheitsorganisation für einkommensschwache Länder von 19,8 Prozent, was zeigt, dass auch innerhalb desselben Landes unterschiedliche Studien mit unterschiedlichen Instrumenten und Zeitpunkten zu spürbar verschiedenen Werten kommen können.
Portugiesische Hochschulstudien nennen für die erste Woche nach der Geburt 12,4 Prozent, nach drei Monaten 13,7 Prozent, mit einer Bandbreite je nach eingesetztem Instrument von 3,9 bis 16 Prozent. Ein wiederkehrender Befund mehrerer dieser Studien: Postpartale Depression bleibt trotz zahlreicher Kontakte mit dem Gesundheitssystem häufig unerkannt – mehrere Arbeiten fordern deshalb ausdrücklich ein systematisches Screening, was im Umkehrschluss zeigt, dass ein solches auch in Portugal noch nicht flächendeckend besteht. Zu Vätern liegt aus Portugal ausdrücklich keine verwertbare Zahl vor; diese Lücke wird im zugrunde liegenden Bericht offen benannt, statt sie mit einer geschätzten Zahl zu füllen.
81 Frankreichs verpflichtendes Nachgespräch – ein politisches Vorbild, kein österreichisches Modell
Frankreich hat 2022 ein gesetzlich verpflichtendes frühes Nachgespräch nach der Geburt eingeführt, vollständig von der Krankenversicherung übernommen: ein erstes Gespräch in der vierten bis achten Woche nach der Geburt, bei Bedarf ein zweites zwischen der zehnten und vierzehnten Woche. Es dient der Früherkennung einer möglichen Wochenbettdepression, der Identifikation von Risikofaktoren – und ausdrücklich auch der Prüfung, ob der Partner oder die Partnerin selbst Unterstützung braucht. Eine Umsetzungsstudie in einem französischen Departement zeigt, dass das Gespräch in der Praxis überwiegend zu Hause stattfindet und in 94 Prozent der Fälle tatsächlich ein EPDS-Screening enthält.
Österreich hat kein identisches, gesetzlich verpflichtendes Nachgespräch in diesem Zeitfenster. Als politische Idee ist das französische Modell dennoch bemerkenswert: ein strukturiertes, abrechenbares Gespräch vier bis acht Wochen nach der Geburt, das ausdrücklich beide Elternteile einschließt, statt sich – wie die meisten bestehenden Angebote – überwiegend auf die Mutter zu konzentrieren.
82 Was in der Forschung fehlt: keine verlässlichen Angaben zu Verlauf und Rückfallrisiko
An dieser Stelle ist eine ausdrückliche Lücke zu benennen, statt sie mit plausibel klingenden, aber nicht belegten Zahlen zu füllen: Wie lange eine unbehandelte Wochenbettdepression typischerweise dauert und wie hoch das Rückfallrisiko bei einer weiteren Schwangerschaft ist, ließ sich in der zugrunde liegenden Recherche nicht mit belastbaren Prozentangaben belegen – weder in den einschlägigen britischen noch in den amerikanischen Leitliniendokumenten. Auch die in Kapitel 80 genannte koreanische Symptomdauer von 187,5 Tagen ist keine Verlaufsstudie im engeren Sinn, sondern ein selbstberichteter Durchschnittswert aus einer einmaligen Befragung, kein Nachweis darüber, wie lange die Erkrankung bei der einzelnen Frau ohne Behandlung anhält.
Diese Lücke ist wichtig zu kennen, gerade weil sie oft mit beruhigend klingenden Alltagssätzen überspielt wird ("das geht schon vorbei"). Die vorliegende Evidenz erlaubt diese Beruhigung nicht – und genau deshalb gilt auch hier: fachliche Abklärung statt Abwarten.
83 Was das für Österreich heißt: eine reale, behandelbare Erkrankung ohne flächendeckendes Screening
Zusammengefasst zeigt dieses Kapitel ein für Österreich doppeltes Bild. Auf der einen Seite: Wochenbettdepression ist eine reale, mit rund 15 bis 20 Prozent bei Müttern und in geringerem, nicht sicher bezifferbarem Ausmaß auch bei Vätern häufige, gut erforschte und – anders als elterliche Erschöpfung – klar behandelbare Erkrankung. Das eingesetzte Instrument, die EPDS, ist auch in Österreich etabliert, mit einem in Wien amtlich verwendeten Grenzwert von über 13 Punkten und einem Zugang über die Untersuchungen des Eltern-Kind-Passes.
Auf der anderen Seite: Anders als etwa in Italien oder Frankreich gibt es in Österreich kein bundesweit einheitliches, verpflichtendes Screening-Programm im Rahmen dieser Vorsorgeuntersuchungen, und für Väter existiert überhaupt keine strukturierte Screening-Praxis. Auch die spanische Psychologenvereinigung fordert für ihr eigenes, ähnlich unvollständig aufgestelltes Land verpflichtende Screening-Protokolle in allen Regionen – eine strukturelle Situation, die der österreichischen in weiten Teilen ähnelt. Für Eltern, die sich in den in diesem Kapitel beschriebenen Anzeichen wiedererkennen, folgt daraus die wichtigste praktische Botschaft: Das Fehlen eines automatischen Screening-Termins bedeutet nicht, dass keine Hilfe verfügbar wäre. Der erste Schritt ist, die eigene Kinderärztin, den eigenen Kinderarzt, die Hebamme oder die Hausärztin beziehungsweise den Hausarzt aktiv anzusprechen.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Was elterliche Erschöpfung ist Abschnitt 1–13 · 13
- 2. Wie häufig sie ist Abschnitt 14–27 · 14
- 3. Woran man sie erkennt Abschnitt 28–39 · 12
- 4. Was sie anrichtet Abschnitt 40–53 · 14
- 5. Wer besonders gefährdet ist Abschnitt 54–65 · 12
- 6. Nach der Geburt Abschnitt 66–83 · 18
- 7. Schlafmangel Abschnitt 84–93 · 10
- 8. Die mentale Last Abschnitt 94–107 · 14
- 9. Vereinbarkeit Abschnitt 108–125 · 18
- 10. Kinderbetreuung Abschnitt 126–137 · 12
- 11. Der Preis in Geld und Pension Abschnitt 138–149 · 12
- 12. Was ein Kind kostet Abschnitt 150–161 · 12
- 13. Kinderarmut Abschnitt 162–173 · 12
- 14. Alleinerziehende Abschnitt 174–185 · 12
- 15. Was nachweislich hilft Abschnitt 186–199 · 14
- 16. Wann es Behandlung braucht Abschnitt 200–209 · 10
- 17. Hilfen in Österreich Abschnitt 210–233 · 24
- 18. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 234–247 · 14
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Dieser Beitrag wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben und überarbeitet.
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