Kinder kosten nicht nur, was sie kosten. Der dauerhafte Einkommens- und Pensionsnachteil trifft in Österreich fast ausschließlich die Mütter – und ist einer der höchsten in Europa.

  • Abschnitt 138 bis 149 von 247
  • Stand: 6. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber behandelt elterliche Erschöpfung, Vereinbarkeit und die finanzielle Seite des Elternseins. Er ersetzt weder eine ärztliche Abklärung noch eine Rechts- oder Sozialberatung. Die genannten Geldbeträge und Fristen sind Beispiele mit Stichtag, keine Zusage: Sie ändern sich regelmäßig, hängen von der persönlichen Situation ab und sind vor jeder Entscheidung bei der zuständigen Stelle zu prüfen. Wenn Sie das Gefühl haben, Ihrem Kind gegenüber nichts mehr geben zu können, oder wenn Gedanken auftauchen, die Sie erschrecken, holen Sie sich Hilfe: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr und kostenlos unter 142 erreichbar, Rat auf Draht unter 147 auch für Sie als Bezugsperson. Bei akuter Gefahr wählen Sie 144.

138 Der Preis in Geld und Pension: worüber dieses Kapitel spricht

Die Teilzeitfalle und die geringe Väterbeteiligung aus den vorigen Kapiteln sind keine folgenlosen Muster. Sie summieren sich, Jahr für Jahr, zu einem messbaren finanziellen Nachteil – während des Erwerbslebens und, verstärkt, in der Pension danach. Dieses Kapitel zeigt, wie groß dieser Nachteil ausfällt, wovon seine Höhe abhängt und was ihn zumindest teilweise abfedert.

Ein Hinweis zu den Beträgen in diesem Kapitel: Mehrere der hier genannten Prozentwerte – insbesondere zur Pensionslücke – sind in der zugrundeliegenden Recherche ausdrücklich als nicht amtlich bestätigt gekennzeichnet. Sie stammen aus gewerkschaftsnahen oder journalistischen Auswertungen, nicht direkt von Statistik Austria oder der Pensionsversicherungsanstalt. Wo das der Fall ist, steht das hier so, mit einem entsprechenden Hinweis, den die Redaktion vor Veröffentlichung gegenprüfen sollte.

139 Die „Kinderstrafe": was eine Sechs-Länder-Studie für Österreich misst

Eine vielzitierte ökonometrische Studie hat mit amtlichen Vollerhebungsdaten aus sechs Ländern gemessen, wie stark das Einkommen von Müttern gegenüber jenem von Vätern nach der Geburt des ersten Kindes langfristig zurückbleibt – die sogenannte Child Penalty. Für Österreich, gemessen im Durchschnitt der Jahre fünf bis zehn nach der Geburt, beträgt sie 51 Prozent.

Im Ländervergleich steht Österreich damit im oberen Bereich: Deutschland liegt mit 61 Prozent noch höher, Dänemark mit 21 und Schweden mit 27 Prozent deutlich niedriger, das Vereinigte Königreich bei 44 und die USA bei 31 Prozent. Diese Zahl basiert auf administrativen Daten, nicht auf Umfragen, und gilt als eine der methodisch belastbarsten in diesem gesamten Themenfeld.

Was „51 Prozent" konkret bedeutet: Fünf bis zehn Jahre nach der Geburt des ersten Kindes verdient eine Mutter im Schnitt gut die Hälfte weniger als sie ohne dieses Kind verdient hätte, gemessen relativ zum Vater. Das ist kein Momentaufnahme-Effekt rund um die Geburt, sondern ein Zustand, der sich über Jahre verfestigt.

Wie stark das Einkommen von Müttern langfristig einbricht

Langfristiger Einkommensverlust von Müttern relativ zu Vätern, im Schnitt der Jahre 5 bis 10 nach der Geburt des ersten Kindes. Fahren Sie über einen Balken oder tippen Sie ihn an.

0 30 60 % 21 % Dänemark: 21 Prozent – der niedrigste Wert der sechs Länder. Dänemark 27 % Schweden: 27 Prozent. Schweden 31 % USA: 31 Prozent. USA 44 % Vereinigtes Königreich: 44 Prozent. UK 51 % Österreich: 51 Prozent – eines der sechs Kernländer dieser Studie, mit administrativen Vollerhebungsdaten. Österreich 61 % Deutschland: 61 Prozent – der höchste Wert der sechs Länder. Deutschland Kleven, Landais, Posch, Steinhauer, Zweimüller 2019, NBER Working Paper 25524
Die deutschsprachigen Länder liegen am oberen Ende. Wichtig für die Einordnung: Dieselbe Studie findet für Österreich, dass Karenz- und Betreuungsreformen langfristig kaum Einfluss auf diese Lücke haben – anders als traditionelle Rollenbilder, die stark damit zusammenhängen. Das steht in Spannung zu einem Teil der öffentlichen Debatte, die vor allem auf mehr Kinderbetreuung setzt.

140 Warum Karenz- und Betreuungspolitik daran laut derselben Studie wenig ändert

Ein unbequemer Befund derselben Studie verdient besondere Aufmerksamkeit, weil er der öffentlichen Debatte oft widerspricht: Karenz- und Betreuungsreformen in Österreich hatten laut den Studienautoren langfristig kaum bis keinen Effekt auf die Höhe der Child Penalty – nur kurzfristige Ausschläge. Stattdessen korrelierte ein anderer Faktor sehr stark mit der Höhe der Kinderstrafe: traditionelle Geschlechternormen, gemessen über die Zustimmung zu Aussagen wie „Mütter kleiner Kinder sollten zuhause bleiben".

Das steht in Spannung zu einem Großteil der öffentlichen und politischen Debatte in Österreich, die implizit davon ausgeht, dass mehr oder bessere Kinderbetreuung die Einkommenslücke automatisch schließen würde. Diese beiden Perspektiven sollten nicht unkritisch vermischt werden: Betreuungsausbau ist aus vielen Gründen sinnvoll, aber die verfügbare Evidenz stützt nicht die Annahme, dass er allein die Kinderstrafe auflöst.

141 Was doch etwas bewirkt: Ganztagsschule und Homeoffice

Dem eher ernüchternden Befund zur Karenzpolitik stehen zwei italienische Analysen mit messbaren, wenn auch bescheidenen Effekten gegenüber, wie bereits im Kapitel zur Vereinbarkeit gezeigt: Ganztagsschule erhöhte die Erwerbsbeteiligung von Müttern um 2 bis 2,2 Prozentpunkte, Homeoffice begrenzte den Einkommensverlust nach der Geburt um bis zu 87 Prozent.

Beides zusammen – der geringe Effekt der Karenzpolitik einerseits, die konkreten, wenn auch kleinen Effekte struktureller Instrumente andererseits – legt nahe, dass es weniger auf die bloße Existenz von Betreuungsangeboten ankommt als auf ihre konkrete Ausgestaltung und auf gesellschaftliche Rollenbilder, die sich nicht per Gesetz verordnen lassen.

142 Der Gender Pay Gap in Österreich: einer der höchsten in der EU

Unabhängig von Kindern besteht in Österreich ein beträchtlicher Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern: 2024 lag der unbereinigte Gender Pay Gap bei 17,6 Prozent – der dritthöchste Wert in der gesamten EU, deutlich über dem EU-27-Schnitt von 11,1 Prozent. Diese Zahl stammt direkt von Statistik Austria und ist amtlich bestätigt.

Dieser allgemeine Lohnunterschied ist die Basis, auf der sich die zusätzliche, kindbedingte Einkommenslücke aufbaut. Die beiden Effekte – genereller Gender Pay Gap und Child Penalty – sind nicht dasselbe, verstärken sich aber gegenseitig: Wer bereits vor einer Geburt strukturell weniger verdient, verliert durch die kindbedingte Lücke absolut gesehen weniger, relativ gesehen aber oft ähnlich viel.

143 Die Pension: wie groß der Unterschied ist – und warum keine einzelne Zahl dafür reicht

Der Pensionsabstand zwischen Frauen und Männern in Österreich – der sogenannte Gender Pension Gap – wird in verschiedenen Auswertungen mit unterschiedlichen Werten beziffert, je nach Berechnungsjahr und -methode. Genannt werden Werte zwischen rund 30 und rund 40 Prozent geringerer Pension für Frauen. Keine dieser Zahlen stammt aus einer in dieser Recherche direkt abgerufenen amtlichen Quelle wie Statistik Austria oder der Pensionsversicherungsanstalt; sie sollten vor Verwendung dort gegengeprüft werden.

Was hinter der Schwankungsbreite steckt, ist wichtiger als die exakte Zahl: Der Pensionsabstand setzt sich zusammen aus niedrigeren Löhnen während des Erwerbslebens, aus Jahren in Teilzeit oder ganz ohne Erwerbstätigkeit und aus der Art, wie Kindererziehungszeiten in der Pensionsberechnung angerechnet werden. Eine Auswertung, die Kindererziehungszeiten in der Pensionsberechnung ausschließlich Frauen zurechnet, kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Pensionslücke dadurch bereits um rund 4 Prozentpunkte verringert – von rechnerisch 41,7 auf 37,2 Prozent (nicht amtlich bestätigt). Das zeigt: Schon die Art, wie eine an sich unbezahlte Zeit nachträglich in der Pension berücksichtigt wird, verändert die gemessene Lücke spürbar – ein Hinweis darauf, wie stark technische Berechnungsdetails das Ergebnis mitbestimmen, unabhängig vom exakten Prozentwert.

144 Pensionssplitting: das Instrument, das dagegen existiert

Seit 2005 gibt es in Österreich die Möglichkeit des freiwilligen Pensionssplittings: Ein Elternteil kann bis zu 50 Prozent seiner erworbenen Pensionsgutschrift für die ersten sieben Lebensjahre eines Kindes auf den anderen Elternteil übertragen. Das Instrument ist freiwillig und muss aktiv beantragt werden – es passiert nicht automatisch.

Der Sinn dieses Splittings liegt genau in dem Mechanismus, der im vorigen Abschnitt beschrieben wurde: Wenn ein Elternteil, meist die Mutter, wegen Karenz und anschließender Teilzeit über Jahre weniger Pensionsgutschrift erwirbt, kann das Splitting einen Teil dieses Nachteils ausgleichen. Wie viele Paare in Österreich davon tatsächlich Gebrauch machen, ließ sich in der zugrundeliegenden Recherche nicht beziffern – diese Lücke ist hier offen zu benennen, statt eine Zahl zu schätzen.

145 Der Einkommensverlust nach der Geburt im internationalen Vergleich

Dass ein Kind das Einkommen der Mutter senkt und das des Vaters kaum berührt, ist kein österreichisches Spezifikum, sondern ein international extrem robuster Befund – wenn auch in unterschiedlicher Stärke.

In Spanien sanken die Bruttoarbeitseinkommen von Frauen im ersten Jahr nach der Geburt um rund 11 Prozent, kumuliert über zehn Jahre um rund 28 Prozent gegenüber den Vätern; die Löhne der Mütter erreichten das Vorgeburtsniveau nie wieder vollständig. Laut den zugrundeliegenden Quellen ist diese Lücke in Spanien ähnlich stark wie in Schweden oder Dänemark, aber deutlich geringer als in Deutschland oder Österreich.

In Italien erreichen Mütter mit einem Kind ihr Vorgeburtsgehalt nach rund drei Jahren wieder, bei zwei Kindern dauert es vier bis sechs Jahre, bei drei oder mehr Kindern wird die Lücke auch nach sieben Jahren nicht geschlossen. Im öffentlichen Dienst ist der Einkommenseinbruch deutlich geringer als im Privatsektor.

In Südkorea zeigt sich der Nachteil weniger über den Lohn als über eine vollständige, oft sehr lange Erwerbsunterbrechung – bei 40 Prozent der betroffenen Frauen dauerte sie zehn Jahre oder länger. In Brasilien fällt das Muster anders aus: Die Erwerbsquote der Mütter sinkt von 60,2 Prozent ein Jahr vor der Geburt auf einen Tiefpunkt von 41,6 Prozent drei Quartale danach und erholt sich anschließend nur teilweise, auf 43,7 Prozent fünf Quartale nach der Geburt – kein vollständiger Ausstieg wie in Korea, sondern ein dauerhaft abgesenktes Niveau, während die Erwerbsquote der Väter im selben Zeitraum stabil bei rund 89 Prozent bleibt.

146 Was in Österreich anders verläuft als anderswo

Der entscheidende Unterschied zwischen Österreich und den ostasiatischen Vergleichsländern liegt nicht in der Höhe des Nachteils, sondern in seiner Form. In Japan und Südkorea materialisiert sich der Einkommensverlust überwiegend als vollständiger, mehrjähriger Ausstieg aus dem Erwerbsleben mit anschließender Rückkehr. In Österreich, wie in Kapitel 121 gezeigt, bleibt die Mutter überwiegend durchgehend erwerbstätig, aber dauerhaft in reduzierter Stundenzahl.

Für die Pension bedeutet das: Ein vollständiger, aber zeitlich begrenzter Ausstieg kann sich unter bestimmten Umständen weniger stark auf die Gesamtpension auswirken als eine über Jahrzehnte durchgehaltene Teilzeitstelle – weil die Teilzeitjahre über die gesamte restliche Erwerbsbiografie hinweg niedrigere Beitragsgrundlagen erzeugen. Diese Überlegung ist eine Ableitung aus dem verfügbaren Material, keine direkt gemessene österreichische Zahl, und sollte entsprechend vorsichtig gelesen werden.

147 Was Sie zur eigenen Pension konkret in Erfahrung bringen können

Weil die allgemeinen Prozentwerte zur Pensionslücke mit Unsicherheit behaftet sind, ist eine allgemeine Zahl für die eigene Situation wenig hilfreich. Als allgemeine Orientierung, unabhängig von den in diesem Ratgeber zitierten Studien: Auskunft über den eigenen Pensionskontostand, einschließlich der Frage, wie Kindererziehungszeiten bislang angerechnet wurden und ob ein Pensionssplitting infrage kommt, erteilt die Pensionsversicherungsanstalt auf Anfrage. Für arbeitsrechtliche Fragen rund um die Aufteilung von Karenz- und Teilzeitjahren zwischen den Elternteilen ist die Arbeiterkammer die zuständige Beratungsstelle, wie das Kapitel zu den Hilfen in Österreich noch näher zeigt – eine Frage, die sich am ehesten vor einer solchen Entscheidung stellt, nicht erst danach.

148 Warum eine einzelne Zahl hier grundsätzlich irreführend wäre

Die Schwankungsbreite bei der Pensionslücke – zwischen rund 30 und rund 40 Prozent, je nach Berechnungsjahr und -methode (nicht amtlich bestätigt) – ist kein Zeichen schlechter Forschung, sondern ein methodisches Grundproblem, das auch beim Thema der Kinderkosten im nächsten Kapitel wiederkehrt: Jede Prozentzahl hängt stark davon ab, welche Vergleichsgruppe herangezogen wird, welches Jahr zugrunde liegt und ob Neuzuerkennungen oder der gesamte Bestand an Pensionen betrachtet wird.

Für einen Ratgeber bedeutet das: Eine einzelne, scheinbar präzise Zahl würde eine Genauigkeit vortäuschen, die die Datenlage nicht hergibt. Sinnvoller ist es, die Größenordnung zu benennen – rund 30 bis 40 Prozent geringere Pension – und diese Zahl bei jeder Verwendung mit ihrer Unsicherheit zu versehen.

149 Zusammenfassung: der Preis wird oft erst spät sichtbar

Die Child Penalty von 51 Prozent, der hohe Gender Pay Gap und die – wenn auch nicht exakt bezifferbare – Pensionslücke beschreiben denselben Mechanismus aus drei verschiedenen Blickwinkeln: Erwerbsunterbrechung und Teilzeit rund um die Geburt eines Kindes summieren sich über Jahrzehnte zu einem erheblichen finanziellen Nachteil, der überwiegend Mütter trifft und sich erst in der Pension in voller Höhe zeigt.

Was diesen Nachteil laut der verfügbaren Evidenz nicht zuverlässig auflöst, ist allein mehr Kinderbetreuung. Was ihn zumindest teilweise abfedert, sind konkrete Instrumente wie das Pensionssplitting – und, auf struktureller Ebene, Maßnahmen wie Ganztagsschule und Homeoffice, die die Erwerbsbeteiligung von Müttern nachweisbar, wenn auch nur graduell erhöhen. Das folgende Kapitel wendet sich der Frage zu, was ein Kind an direkten Kosten verursacht – mit einer ähnlich methodisch komplizierten Ausgangslage.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was elterliche Erschöpfung ist Abschnitt 1–13 · 13
  2. 2. Wie häufig sie ist Abschnitt 14–27 · 14
  3. 3. Woran man sie erkennt Abschnitt 28–39 · 12
  4. 4. Was sie anrichtet Abschnitt 40–53 · 14
  5. 5. Wer besonders gefährdet ist Abschnitt 54–65 · 12
  6. 6. Nach der Geburt Abschnitt 66–83 · 18
  7. 7. Schlafmangel Abschnitt 84–93 · 10
  8. 8. Die mentale Last Abschnitt 94–107 · 14
  9. 9. Vereinbarkeit Abschnitt 108–125 · 18
  10. 10. Kinderbetreuung Abschnitt 126–137 · 12
  11. 11. Der Preis in Geld und Pension Abschnitt 138–149 · 12
  12. 12. Was ein Kind kostet Abschnitt 150–161 · 12
  13. 13. Kinderarmut Abschnitt 162–173 · 12
  14. 14. Alleinerziehende Abschnitt 174–185 · 12
  15. 15. Was nachweislich hilft Abschnitt 186–199 · 14
  16. 16. Wann es Behandlung braucht Abschnitt 200–209 · 10
  17. 17. Hilfen in Österreich Abschnitt 210–233 · 24
  18. 18. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 234–247 · 14