Karenz, Teilzeit, Wiedereinstieg: Österreich hat die höchste Mütter-Teilzeitquote der EU und eine der niedrigsten Väterbeteiligungen. Was das im Alltag bedeutet.

  • Abschnitt 108 bis 125 von 247
  • Stand: 6. September 2026
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Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber behandelt elterliche Erschöpfung, Vereinbarkeit und die finanzielle Seite des Elternseins. Er ersetzt weder eine ärztliche Abklärung noch eine Rechts- oder Sozialberatung. Die genannten Geldbeträge und Fristen sind Beispiele mit Stichtag, keine Zusage: Sie ändern sich regelmäßig, hängen von der persönlichen Situation ab und sind vor jeder Entscheidung bei der zuständigen Stelle zu prüfen. Wenn Sie das Gefühl haben, Ihrem Kind gegenüber nichts mehr geben zu können, oder wenn Gedanken auftauchen, die Sie erschrecken, holen Sie sich Hilfe: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr und kostenlos unter 142 erreichbar, Rat auf Draht unter 147 auch für Sie als Bezugsperson. Bei akuter Gefahr wählen Sie 144.

108 Vereinbarkeit: worüber dieses Kapitel spricht

In den vorangegangenen Kapiteln ging es um das Gefühl der Erschöpfung selbst – was es ist, wie oft es vorkommt, wer besonders gefährdet ist. Von hier an geht es um die Bedingungen, unter denen Eltern in Österreich Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung tatsächlich miteinander verbinden müssen: Karenzregeln, Teilzeitquoten, Väterbeteiligung, Kinderbetreuungsangebote und ihre Kosten, der Einkommens- und Pensionsnachteil, den vor allem Mütter tragen, und die Frage, was Politik daran nachweislich ändern kann.

Die Zahlen in diesem und den folgenden Kapiteln stammen aus zwei Rechercheberichten mit insgesamt neun Länderquellen: Österreich, Spanien, Frankreich, Italien, dazu als internationaler Vergleich China, Japan, Südkorea, Brasilien und Portugal. Die außereuropäischen Länder liefern selten direkt übertragbare Zahlen. Sie liefern aber etwas anderes: ein Bild davon, wie unterschiedlich Gesellschaften dasselbe Grundproblem lösen – oder auch nicht lösen – und wo Österreich im Vergleich steht.

Ein Hinweis vorweg, der für alle folgenden Kapitel gilt: Wo eine Zahl in der Recherche ausdrücklich als nicht amtlich bestätigt gekennzeichnet ist, steht das hier auch so. Das betrifft besonders Prozentwerte zur Väterbeteiligung an der Karenz und, in einem späteren Kapitel, zur Pensionslücke. Diese Zahlen sind deshalb nicht wertlos – sie zeigen die Größenordnung –, aber sie sollten nicht als letztgültige Fakten gelesen werden.

109 Die Teilzeitfalle: was die österreichischen Zahlen zeigen

Zwei amtliche beziehungsweise amtsnahe Quellen beziffern, wie viele Mütter in Österreich Teilzeit arbeiten – mit unterschiedlichem Ergebnis, weil sie unterschiedlich zählen.

Die Statistik Austria kommt in ihrer Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung (veröffentlicht Juli 2026) auf 75,3 Prozent: Das ist der Anteil der Frauen im Alter von 25 bis 49 Jahren mit Kindern unter 15 Jahren, die aktiv Teilzeit arbeiten – ohne Personen, die sich gerade in Karenz befinden. Bei den Männern derselben Gruppe sind es 8,5 Prozent.

Das Momentum Institut kommt, gestützt auf Eurostat- und Statistik-Austria-Daten, auf 69 Prozent – gezählt werden hier Personen von 25 bis 54 Jahren mit Kindern im Haushalt, ohne den Ausschluss der Karenzierten. Beide Zahlen sind richtig; sie beantworten nur nicht exakt dieselbe Frage.

Was in beiden Fällen gleich bleibt: Damit hat Österreich die höchste Teilzeitquote von Müttern in der gesamten EU – mehr als doppelt so hoch wie der EU-Schnitt von 32 Prozent. Auch der Abstand zu kinderlosen Frauen ist mit 37 Prozentpunkten der größte in Europa (EU-Schnitt: 13 Punkte).

Das ist kein Randbefund. Es beschreibt die Grundform, in der sich Vereinbarkeit in Österreich tatsächlich abspielt: nicht als Ausstieg aus dem Beruf, sondern als dauerhafter Verbleib in reduzierter Stundenzahl – mit den finanziellen Folgen, die das Kapitel zum Einkommens- und Pensionsnachteil im Detail behandelt.

110 Wie stark sich die Arbeitsbedingungen nach einer Geburt unterscheiden

Eine französische Auswertung des Statistikamts INSEE zeigt in Zahlen, was viele Eltern aus eigener Erfahrung kennen: Nach der Geburt eines Kindes verändern sich die Arbeitsbedingungen von Müttern und Vätern in völlig unterschiedlichem Ausmaß.

Zwischen 2013 und 2016 stieg die Teilzeitquote französischer Mütter von 23 auf 45 Prozent – ein Sprung um 31 Prozentpunkte. Bei den Vätern waren es im selben Zeitraum 4 auf 6 Prozent. Die Anpassung war bei den Müttern also rund zehnmal so stark. Die Wochenarbeitszeit der Mütter sank im Schnitt um 3,6 Stunden, bei den Vätern stieg sie leicht, statistisch nicht bedeutsam, um 0,4 Stunden. Das Nettomonatsgehalt der Mütter sank um rund 200 Euro, und auch die berufliche Mobilität – die Chance auf einen Positionswechsel oder Aufstieg – ging bei Müttern mehr als dreimal so stark zurück wie bei Vätern.

Diese Zahlen stammen aus Frankreich, nicht aus Österreich. Der INSEE weist aber darauf hin, dass sich dieses Muster in praktisch allen europäischen Wohlfahrtsstaaten in ähnlicher Form zeigt – und die österreichische Teilzeitquote von Müttern liegt, wie im vorigen Abschnitt gezeigt, sogar noch über der französischen. Das französische Zahlenmaterial macht damit sichtbar, was für Österreich strukturell ebenso gilt, nur mit anderen genauen Werten: Eine Geburt verändert die Erwerbssituation der Mutter drastisch, die des Vaters kaum.

111 Väterkarenz in Österreich: die aktuellste verlässliche Zahl

Für die Väterbeteiligung an der Karenz existiert eine amtliche Kennzahl des Wirkungsmonitorings des Bundes: Für 2023 lag der Anteil der Männer unter jenen, die vor der Geburt vorwiegend erwerbstätig waren und mindestens einen Monat Kinderbetreuungsgeld bezogen, bei 18,8 Prozent.

Daneben kursieren in Medienberichten niedrigere Werte – etwa, dass nur rund 16 Prozent der Väter überhaupt Karenz nehmen, nur 1 Prozent länger als sechs Monate. Diese Zahlen werden einer Auswertung des Momentum Instituts auf Basis von Statistik-Austria-Daten zugeschrieben, ließen sich in der zugrundeliegenden Recherche aber nicht direkt auf einer amtlichen Statistik-Austria-Seite nachvollziehen. Sie sind deshalb mit „laut Auswertung des Momentum Instituts" zu kennzeichnen, nicht als amtlich bestätigte Zahl.

Für den historischen Vergleich gibt es eine ältere, direkt geprüfte Studie: 1990 lag der Männeranteil unter den Karenzgeldbeziehenden bei 0,18 Prozent, 2001 bei 2,07 Prozent. Väter in Karenz nutzten damals deutlich häufiger Teilzeitkarenz als Mütter.

Was aus diesen drei Zahlenreihen zusammen folgt: Der Anteil der Väter an der Karenz ist seit den 1990er-Jahren spürbar gestiegen, bleibt aber auch nach der aktuellsten amtlichen Kennzahl unter einem Fünftel. Für den Vergleich mit anderen Ländern ist die 18,8-Prozent-Zahl die verlässlichste, die in dieser Recherche vorliegt.

112 Der Familienzeitbonus: wie viele Väter ihn nutzen

Der Familienzeitbonus – die Auszahlung für den sogenannten Papamonat – wurde laut journalistischen Sekundärquellen 2021 von rund 11.700 und 2022 von rund 9.100 Vätern in Anspruch genommen. Diese Fallzahlen sind nicht direkt aus einer amtlichen Tabelle geprüft und daher als Näherungswert zu verstehen, nicht als exakte Statistik.

Was Kapitel 218 zu den Voraussetzungen und der Höhe der Auszahlung im Einzelnen sagt, gilt unabhängig davon: Der Bonus ist an ein enges Zeitfenster gebunden und setzt eine durchgehende Erwerbstätigkeit unmittelbar vor der Geburt voraus. Beide Bedingungen schließen Väter mit unsicheren oder unterbrochenen Arbeitsverhältnissen von vornherein aus – eine strukturelle Hürde, die in keiner der verfügbaren Zahlen sichtbar wird, weil sie schon vor der Antragstellung wirkt.

113 Was in anderen Ländern die Väterbeteiligung tatsächlich verändert hat

Zwei Länder haben in kurzer Zeit sehr unterschiedliche Ergebnisse erzielt, und der Unterschied liegt in der Ausgestaltung, nicht im guten Willen.

In Japan stieg die Väter-Elternzeitquote von 12,65 Prozent (2020) auf 40,5 Prozent (2024) – mehr als eine Verdreifachung in vier Jahren. Ein eigenes, kurzes Väterkarenz-Modell mit unbürokratischem Zugang gilt als wesentlicher Treiber. Trotzdem bleibt die Dauer sehr ungleich verteilt: 58 Prozent der Väter nehmen weniger als einen Monat, während 92,5 Prozent der Mütter sechs Monate oder mehr nehmen.

In Südkorea wird dem 2024 eingeführten „6+6"-System – beide Elternteile nehmen gleichzeitig Karenz, dann werden für sechs Monate bis zu 100 Prozent des Lohns ersetzt statt der sonst niedrigeren Sätze – ein Anstieg der väterlichen Karenznahme um 18,3 Prozent in einem einzigen Jahr zugeschrieben. Eine eigene Evaluationsstudie mit gemessener Effektstärke liegt dazu nicht vor; die Zuschreibung stammt aus der Fachpresse mit Bezug auf Ministeriumsdaten.

Der gemeinsame Nenner beider Reformen: kurze, gut bezahlte, individuelle Anteile wirken stärker auf die Väterbeteiligung als lange, aber niedrig entschädigte Karenzzeiten. Das ist relevant für die Einordnung des österreichischen Familienzeitbonus, der zwar kurz, aber mit einem Tagsatz deutlich unter dem vollen Einkommen liegt (siehe Kapitel 218).

114 Das Gegenbeispiel: warum Frankreichs lange Elternzeit von Vätern kaum genutzt wird

Frankreichs kurzer Vaterschaftsurlaub wurde 2021 verdoppelt und stark angenommen. Die viel längere, bis zu drei Jahre mögliche Elternzeit („congé parental") dagegen wird von Vätern fast nicht genutzt – trotz einer Reform 2014, die genau das ändern sollte.

Vor der Reform lag die väterliche Inanspruchnahme bei 0,7 Prozent, danach bei 0,9 Prozent. Das französische Wirtschaftsforschungsinstitut OFCE zieht daraus einen klaren Schluss: Das Reformziel wurde verfehlt, weil die Ersatzleistung während der langen Elternzeit gering ist. Solange die Bezahlung niedrig bleibt, ändert eine bloße Umverteilung der Bezugsdauer an der tatsächlichen Nutzung durch Väter wenig.

Für Österreich ist das ein Warnsignal, kein Vorbild: Auch die österreichische Karenz – bis zu zwei Jahre pro Elternteil, mit dem einkommensabhängigen Kinderbetreuungsgeld als bestbezahlter, aber zeitlich kürzester Variante – wird laut den verfügbaren Zahlen weit überwiegend von Müttern in Anspruch genommen. Der französische Befund legt nahe: Eine längere, aber schlecht bezahlte Karenzoption allein verändert daran wenig, solange besser bezahlte, kürzere Varianten für Väter finanziell unattraktiver bleiben oder ihre Inanspruchnahme durch die Betriebspraxis erschwert wird.

115 Spaniens symmetrisches Modell: Vorbild mit Einschränkungen

Seit 1. Januar 2021 haben beide Elternteile in Spanien Anspruch auf gleich lange, individuelle, nicht übertragbare und zu 100 Prozent bezahlte Elternzeit – 16 Wochen pro Elternteil, davon sechs verpflichtend direkt nach der Geburt. Spanien gilt damit als weltweit erstes Land mit einem vollständig symmetrischen Modell.

Die Wirkungsanalyse ist jedoch gemischt. Eine Studie des spanischen Instituts Iseak auf Basis amtlicher Beschäftigungsdaten bis Dezember 2022 findet: Die Angleichung senkte die Wahrscheinlichkeit, dass Mütter ein Jahr nach der Geburt noch erwerbstätig sind – verbesserte aber die geleistete Arbeitszeit jener, die erwerbstätig blieben. Bei Vätern sank die Beschäftigungswahrscheinlichkeit ebenfalls leicht. Das Fazit der Studie, wörtlich: Die Reform habe die geschlechtsspezifische Beschäftigungslücke „leicht verringert", sei aber „notwendig, aber nicht ausreichend".

Auch gesellschaftlich ist das Modell nicht selbstverständlich angekommen: In einer Befragung von 3.100 kürzlich gewordenen Eltern akzeptierten nur 11 Prozent das Modell gleicher, nicht übertragbarer Elternzeiten uneingeschränkt, während 95 Prozent weiterhin besondere Schutzfristen für die mütterliche Gesundheit befürworteten.

Was daraus für Österreich folgt: Eine formal gleiche Elternzeit ist kein automatischer Hebel für gleiche Erwerbsbeteiligung. Sie ist eine mögliche Bedingung unter mehreren, nicht die alleinige Lösung.

116 Diskriminierung am Arbeitsplatz: ein Phänomen, das selten gemessen wird

Eine methodisch umfangreiche japanische Erhebung des Arbeitsministeriums liefert Zahlen, die es für Österreich in dieser Form nicht gibt: 26,1 Prozent der befragten Frauen berichteten Erfahrungen mit Schikanen im Zusammenhang mit Schwangerschaft oder Geburt, 24,1 Prozent der befragten Väter mit Schikanen im Zusammenhang mit der Inanspruchnahme von Elternzeit. Bemerkenswert: In gut der Hälfte der Fälle wusste das Unternehmen laut den Betroffenen selbst gar nicht, dass es dazu gekommen war.

Für Österreich existiert keine vergleichbar große, methodisch dokumentierte Erhebung. Das Gleichbehandlungsgesetz macht Fragen nach Heirats- und Kinderplänen im Bewerbungsgespräch rechtlich unzulässig – was in China, wo laut einer Umfrage 62 Prozent der befragten Berufsfrauen genau danach gefragt wurden, in dieser Form gar nicht erst untersagt ist. Rechtlicher Schutz und tatsächliche Praxis sind aber zwei verschiedene Dinge, und die japanische Zahl zeigt, dass ein gut messbares Viertel der Betroffenen auch in einem hoch entwickelten Industrieland betroffen ist. Es ist plausibel, dass ein Teil dieses Phänomens auch in Österreich vorkommt, ohne dass dafür eine belastbare eigene Zahl vorläge – diese Lücke ist hier ausdrücklich zu benennen, nicht zu füllen.

117 Kündigungen nach der Geburt: ein italienisches Muster ohne österreichische Entsprechung

Die italienische Arbeitsaufsicht muss jede Kündigung von Eltern mit Kindern unter drei Jahren bestätigen und veröffentlicht dazu jährliche Zahlen: 2023 waren es 62.688, 2024 60.756 Verfahren, davon rund 70 Prozent Mütter betreffend – bei diesen waren 98 Prozent freiwillige Kündigungen.

Diese zentrale Erhebung gibt es in Österreich in dieser Form nicht. Das bedeutet nicht, dass das zugrundeliegende Phänomen – Mütter geben aus Mangel an passender Kinderbetreuung oder wegen Vereinbarkeitsdrucks ihre Erwerbstätigkeit auf – hierzulande nicht vorkäme. Es bedeutet nur, dass es dafür keine vergleichbar zentrale Statistik gibt. Arbeiterkammer und Statistik Austria dokumentieren Erwerbsunterbrechungen nach der Geburt auf andere Weise, ohne diese direkt vergleichbar zu machen.

118 Was strukturell wirklich etwas verändert: zwei italienische Beispiele mit Zahlen

Zwei Analysen der italienischen Zentralbank liefern seltene, konkrete Effektgrößen für familienpolitische Instrumente.

Erstens: Mütter von Grundschulkindern im Ganztagsschulmodell erhöhen ihre Erwerbsbeteiligung um rund 2 Prozentpunkte kurzfristig, nach drei Jahren um 2,2 Prozentpunkte.

Zweitens: Homeoffice begrenzt den Einkommensverlust neuer Mütter nach der Geburt um bis zu 87 Prozent und erhöht ihr Jahreseinkommen um rund 1.100 bis 1.300 Euro – mit laut der italienischen Sozialversicherung INPS größerem Effekt auf das Erwerbsverhalten als die dortige Familiengeldleistung.

Beide Zahlen sind bescheiden im Ausmaß, aber sie sind konkret und aus Verwaltungsdaten abgeleitet, nicht aus Umfragen. Sie zeigen: Ganztagsbetreuung und die Möglichkeit, von zuhause zu arbeiten, verändern die Erwerbsbeteiligung von Müttern messbar – wenn auch nicht dramatisch. Für die österreichische Debatte um Ganztagsschulausbau und Homeoffice-Regelungen sind das seltene, belastbare Vergleichswerte.

119 Was die Forschung zu bezahlter Karenz und Gesundheit sagt

Eine systematische Übersichtsarbeit über OECD-Länder – Auswertung von 5.538 Fachartikel-Zusammenfassungen, 85 Studien allein zur Elternkarenz – kommt zu einem klaren, aber differenzierten Ergebnis: Bezahlte, arbeitsplatzgeschützte Elternkarenz war mit verbesserten wirtschaftlichen Ergebnissen für Frauen und mit geringerer Säuglingssterblichkeit assoziiert. Unbezahlte Karenz zeigte dagegen kaum messbaren Nutzen.

Zu den in Medien kursierenden präzisen Prozentwerten – etwa „4,1 Prozent weniger postnatale Mortalität" oder „zehn Wochen mehr Karenz senken die Sterblichkeit um zehn Prozent" – hält die Recherche ausdrücklich fest: Diese Zahlen ließen sich in der Originalstudie nicht bestätigen und sind daher nicht zu verwenden.

Österreich hat mit bis zu zwei Jahren eine der längeren Karenzregelungen im OECD-Vergleich. Die Übersichtsarbeit bezieht sich auf ein globales Sample mit teils sehr viel kürzeren Karenzzeiten. Der Grenznutzen einer weiteren Verlängerung dürfte in Österreich deshalb geringer ausfallen als in Ländern, die aktuell noch bei wenigen Wochen liegen.

120 Zwei Muster, ein Problem: die M-Kurve und die Teilzeitfalle

Japan und Südkorea zeigen ein Erwerbsmuster, das in der Forschung „M-Kurve" heißt: Die Erwerbsquote von Frauen ist beim Berufseinstieg hoch, bricht mit Heirat und Geburt in den späten Zwanzigern und Dreißigern ein und steigt danach wieder an – meist nach einem vollständigen, oft jahrelangen Ausstieg. In Korea dauerte die Erwerbsunterbrechung bei 40 Prozent der betroffenen Frauen zehn Jahre oder länger.

Österreich zeigt kein klassisches M-Kurven-Muster. Der Mechanismus ist ein anderer: Mütter bleiben überwiegend durchgehend erwerbstätig, aber dauerhaft in Teilzeit – wie eingangs mit der Teilzeitquote von 75,3 beziehungsweise 69 Prozent gezeigt.

Beide Muster – der vollständige, temporäre Ausstieg in Ostasien und der dauerhafte Teilzeitverbleib in Österreich – beschreiben letztlich dasselbe Grundproblem aus unterschiedlichen Blickwinkeln: Die Erwerbsbiografie von Müttern und Vätern entwickelt sich nach einer Geburt in völlig unterschiedliche Richtungen, ganz gleich, ob ein Land auf Rückkehr nach Auszeit oder auf durchgehende Teilzeit setzt.

121 Portugal als Gegenmodell: kurz, gut bezahlt, kaum Teilzeit

Portugal zeigt, dass es auch anders geht. Die Elternzeit dort dauert nur 120 oder 150 Tage, aber zu 100 beziehungsweise 83 Prozent des Referenzeinkommens bezahlt – mit einem Bonus von sieben zusätzlichen Prozentpunkten, wenn der Vater 60 Tage exklusiv nutzt. Zugleich arbeiten 90 Prozent der erwerbstätigen Frauen ab 25 Jahren in Portugal Vollzeit – 18 Prozentpunkte über dem EU-Schnitt von 72 Prozent.

Diese Prozentsätze zur Bezahlung stammen aus mehreren übereinstimmenden, aber nicht amtlich direkt abgerufenen Quellen und sind entsprechend mit Vorbehalt zu lesen. Die grundsätzliche Struktur ist aber gut belegt: kurze, hoch bezahlte Basiszeit statt langer, niedriger entschädigter Karenz.

Das portugiesische Modell ist kein direktes Vorbild für Österreich – die Systeme sind zu unterschiedlich aufgebaut, um Zahlen einfach zu übertragen. Es zeigt aber eine strukturelle Alternative zur österreichischen Ausgangslage: lange Karenz mit im Verhältnis niedrigerer Bezahlung neigt dazu, Mütter in längere Auszeiten und anschließend in Teilzeit zu drängen; kurze, vollbezahlte Zeit mit Vateranteil neigt dazu, beide Elternteile rascher und mit ähnlicherer Stundenzahl in den Beruf zurückzuführen.

122 China als Extrembeispiel: kurze, regional zersplitterte Elternzeit

Seit rund 2021 haben alle 31 chinesischen Provinzen eine Elternzeit für Eltern von Kindern unter drei Jahren eingeführt – allerdings nur 5 bis 20 Tage pro Elternteil und Jahr, je nach Provinz unterschiedlich geregelt. Das ist, gemessen an europäischen Maßstäben, sehr kurz und zugleich uneinheitlich.

Der Vergleich mit Österreich, wo Karenz bundeseinheitlich geregelt ist und deutlich länger dauert, dient hier nicht als Beruhigung, sondern als Kontrastfolie: Er zeigt, wie stark sich Vereinbarkeitsprobleme verschärfen, wenn schon die rechtliche Grundausstattung fehlt oder je nach Region völlig unterschiedlich ausfällt. Ein Vergleich, der in eine andere Richtung zeigt, als man zunächst erwarten würde: Innerhalb Österreichs gibt es zwar keine derart große Zersplitterung bei der Karenz selbst, wohl aber, wie das nächste Kapitel zeigt, bei den Betreuungsangeboten, die die Karenz beenden können.

123 Wenn eine hohe Teilnahmequote nicht viel über die tatsächliche Aufteilung sagt

Die japanische Datenlage zeigt noch etwas anderes, das für die österreichische Debatte relevant ist: Selbst wenn eine Gesellschaft formal große Fortschritte bei der Väterbeteiligung macht – wie Japan mit der Vervierfachung der Väterquote seit 2020 –, bleibt die Dauer extrem ungleich. 15,7 Prozent der Väter nehmen weniger als fünf Tage, weitere 22 Prozent zwischen fünf Tagen und zwei Wochen. Erst 4,7 Prozent bleiben sechs Monate oder länger.

Eine gestiegene Teilnahmequote allein sagt also noch nichts über die tatsächliche Aufteilung der Betreuungsarbeit aus. Das ist eine wichtige Nuance für jede politische Debatte, die allein an der Väterkarenzquote misst, ob Vereinbarkeit „funktioniert" – auch für Österreich, wo die 18,8 Prozent aus Kapitel 112 nichts darüber aussagen, wie lange diese Väter tatsächlich in Karenz bleiben.

124 Was Erwerbsunterbrechung langfristig bedeutet

Alle in diesem Kapitel gezeigten Muster – die Teilzeitfalle in Österreich, der vollständige Ausstieg in Ostasien, die Kündigungswelle in Italien – haben eines gemeinsam: Sie beginnen als kurzfristige, oft naheliegende Entscheidung rund um die Geburt eines Kindes und wirken sich über Jahre und Jahrzehnte auf Einkommen und Pension aus. Wie stark, zeigt das folgende Kapitel anhand einer Studie, die genau das für Österreich im internationalen Vergleich gemessen hat.

125 Zusammenfassung: Vereinbarkeit ist kein gelöstes Problem

Die Zahlen dieses Kapitels lassen sich nicht zu einem einfachen Fazit verdichten, und das ist selbst das Fazit: Österreich hat ein umfassendes, rechtlich abgesichertes Karenzsystem, eine der höchsten Teilzeitquoten von Müttern in der EU und eine Väterbeteiligung, die trotz Fortschritten unter einem Fünftel liegt. Andere Länder lösen Teilaspekte besser – Japan und Korea die kurzfristige Väterbeteiligung, Portugal die Vollzeitquote von Müttern, Spanien die formale Gleichheit – und stoßen dabei jeweils auf eigene Grenzen.

Was für Sie als Eltern in Österreich daraus folgt, ist nüchtern: Die strukturellen Rahmenbedingungen, in denen Sie Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung organisieren, sind nicht das Ergebnis persönlicher Entscheidungen allein. Sie sind das Ergebnis eines Systems, das in mehreren international vergleichenden Untersuchungen als eines mit besonders ausgeprägter Teilzeitfalle und besonders geringer Väterbeteiligung beschrieben wird. Das Kapitel zu den konkreten Hilfen in Österreich zeigt, welche Leistungen und Rechte Ihnen innerhalb dieses Systems zur Verfügung stehen.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was elterliche Erschöpfung ist Abschnitt 1–13 · 13
  2. 2. Wie häufig sie ist Abschnitt 14–27 · 14
  3. 3. Woran man sie erkennt Abschnitt 28–39 · 12
  4. 4. Was sie anrichtet Abschnitt 40–53 · 14
  5. 5. Wer besonders gefährdet ist Abschnitt 54–65 · 12
  6. 6. Nach der Geburt Abschnitt 66–83 · 18
  7. 7. Schlafmangel Abschnitt 84–93 · 10
  8. 8. Die mentale Last Abschnitt 94–107 · 14
  9. 9. Vereinbarkeit Abschnitt 108–125 · 18
  10. 10. Kinderbetreuung Abschnitt 126–137 · 12
  11. 11. Der Preis in Geld und Pension Abschnitt 138–149 · 12
  12. 12. Was ein Kind kostet Abschnitt 150–161 · 12
  13. 13. Kinderarmut Abschnitt 162–173 · 12
  14. 14. Alleinerziehende Abschnitt 174–185 · 12
  15. 15. Was nachweislich hilft Abschnitt 186–199 · 14
  16. 16. Wann es Behandlung braucht Abschnitt 200–209 · 10
  17. 17. Hilfen in Österreich Abschnitt 210–233 · 24
  18. 18. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 234–247 · 14