Nicht die schwierigsten Umstände führen am ehesten in die Erschöpfung, sondern das Missverhältnis zwischen Anforderung und Rückhalt. Wer besonders wenig Rückhalt hat.

Wichtiger Hinweis

Dieser Ratgeber behandelt elterliche Erschöpfung, Vereinbarkeit und die finanzielle Seite des Elternseins. Er ersetzt weder eine ärztliche Abklärung noch eine Rechts- oder Sozialberatung. Die genannten Geldbeträge und Fristen sind Beispiele mit Stichtag, keine Zusage: Sie ändern sich regelmäßig, hängen von der persönlichen Situation ab und sind vor jeder Entscheidung bei der zuständigen Stelle zu prüfen. Wenn Sie das Gefühl haben, Ihrem Kind gegenüber nichts mehr geben zu können, oder wenn Gedanken auftauchen, die Sie erschrecken, holen Sie sich Hilfe: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr und kostenlos unter 142 erreichbar, Rat auf Draht unter 147 auch für Sie als Bezugsperson. Bei akuter Gefahr wählen Sie 144.

54 Ein systematisches Review: Risikofaktoren auf vier Ebenen

Ein systematisches Review, das 26 Studien aus über 2.000 gescreenten Publikationen zwischen 2010 und 2023 zusammenfasst, ordnet die bekannten Risikofaktoren für elterliche Erschöpfung vier Ebenen zu. Auf der individuellen Ebene: Geschlecht, Bildung, Einkommen, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, Angst, Depression, Perfektionismus, Resilienz und Bindungsstil. Auf der Ebene der nächsten Bezugspersonen: die Beziehung zum Kind und die Zufriedenheit in der Partnerschaft. Auf der Ebene des unmittelbaren Umfelds: die Haushaltszusammensetzung, verfügbare soziale Unterstützung und das kindliche Verhalten. Auf der gesellschaftlichen Ebene: persönliche und kulturelle Werte, wie sie in Kapitel 17 dieses Ratgebers bereits als Individualismus-Befund beschrieben wurden.

Diese vier Ebenen sind hilfreich, weil sie zeigen: Gefährdung entsteht selten aus einem einzelnen Faktor, sondern aus dem Zusammenspiel mehrerer Ebenen zugleich. Die eingeschlossenen Studien stammen überwiegend aus West- und Nordeuropa, Nordamerika und Ostasien; eine eigene österreichische Studie wurde dabei nicht identifiziert, die genannten Faktoren gelten aber als nicht kulturspezifisch und damit als plausibel auf Österreich übertragbar.

55 Perfektionismus und mentale Last als innere Risikofaktoren

Unter den in Kapitel 55 genannten individuellen Faktoren sticht einer in mehreren Quellen dieses Ratgebers immer wieder hervor: Perfektionismus. Das bereits erwähnte italienische Forschungsprojekt "Focus on Parents" nennt Perfektionismus gemeinsam mit der mentalen Last – dem gedanklichen Organisieren des Familienalltags, das in Kapitel 8 dieses Ratgebers ausführlich behandelt wird – als bestimmende innere Risikofaktoren, unabhängig von der finanziellen Lage der Familie.

Für die eigene Reflexion ist das ein nützlicher Ansatzpunkt: Der Anspruch, alles richtig zu machen – die perfekte Windelmarke, das perfekt pädagogische Wort in jeder Situation, den perfekt organisierten Kindergeburtstag –, ist selbst ein messbarer Risikofaktor für Erschöpfung, nicht ein Zeichen guter Elternschaft. Das ist keine Aufforderung zur Gleichgültigkeit, sondern eine Einladung, den eigenen Anspruch an die tatsächlich verfügbaren Ressourcen anzupassen.

56 Isolierte Kernfamilien als Risikoprofil

Nach dem in Kapitel 17 beschriebenen Kulturmodell der 42-Länder-Studie ist nicht Armut und nicht die Kinderzahl der eigentliche Risikofaktor, sondern die isolierte Kernfamilie ohne tragfähiges Netz aus Großeltern, Nachbarschaft oder anderen Bezugspersonen. Daraus folgt praktisch: Der Aufbau von Unterstützungsnetzwerken – Großeltern, Nachbarschaft, Eltern-Kind-Gruppen, befreundete Familien – ist eine der wirksamsten präventiven Ressourcen, die Eltern selbst aktiv aufbauen können.

Dieser Befund erklärt auch einen Teil des in Kapitel 26 beschriebenen internationalen Widerspruchs: In Gesellschaften, in denen Großelternbetreuung der Normalfall statt der Ausnahme ist, wird dieselbe objektive Last möglicherweise anders erlebt, weil sie auf mehr Schultern verteilt ist. Für Österreich, wo die Kernfamilie die häufigste Familienform ist, ist das ein direkter Hinweis: Ein tragfähiges Netz ist keine Nebensache, sondern ein messbarer Schutzfaktor.

57 Alleinerziehende: erhöhtes Risiko, aber nicht so eindeutig wie vermutet

Man könnte annehmen, dass Alleinerziehende automatisch am stärksten von elterlicher Erschöpfung betroffen sind. Die Forschungslage dazu ist differenzierter: In einer Analyse des Balance-Modells lagen Alleinerziehende mit einem mittleren Erschöpfungswert von 34,97 zwar etwas höher als Eltern in Partnerschaft mit 33,27 Punkten, der Unterschied war für sich genommen aber statistisch nicht signifikant. Entscheidender als der Familienstand allein waren entlastende Faktoren wie eine positive Zusammenarbeit mit dem anderen Elternteil und externe Unterstützung durch Familie oder Betreuungseinrichtungen.

Für Österreich ist die Ausgangslage von Alleinerziehenden dennoch besorgniserregend, allerdings aus einem anderen Grund als reine Erschöpfungswerte: Rund 296.300 Menschen in Österreich sind alleinerziehend, 83 Prozent davon Frauen. Ein-Eltern-Haushalte gehören 2025 mit 120.000 betroffenen Personen beziehungsweise 44 Prozent zu den Gruppen mit der höchsten Armutsgefährdung des Landes. Diese finanzielle Belastung ist selbst wieder ein Risikofaktor im Sinne des Balance-Modells: Wo Geld, Zeit und Unterstützung gleichzeitig knapp sind, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass die Ressourcen für die Anforderungen ausreichen.

58 Widerspruch: Sind Mütter stärker betroffen als Väter?

Zu einer scheinbar einfachen Frage – sind Mütter oder Väter stärker von elterlicher Erschöpfung betroffen – gibt es in der zugrunde liegenden Forschung widersprüchliche Aussagen, die hier bewusst nicht geglättet werden. Eine belgische Studie mit 1.723 Eltern fand vergleichbare Werte bei "engagierten" Müttern und Vätern. Das italienische Projekt "Focus on Parents" berichtet dagegen einen systematischen Unterschied mit höheren Werten bei Müttern.

Eine mögliche, aber unbewiesene Erklärung: Die erste Studie könnte sich auf eine selbst ausgewählte Gruppe besonders engagierter Väter beziehen, während die zweite eine breitere Stichprobe erfasst. Diese Erklärung ist eine Vermutung, kein belegter Befund. Hinzu kommt ein methodischer Vorbehalt, der bei jeder Zahl zu diesem Thema mitgedacht werden sollte: In der großen internationalen Vergleichsstudie waren 71 Prozent der Befragten Mütter, was Geschlechtervergleiche in dieser wie in vielen anderen Studien zusätzlich erschwert.

59 Späte Erstmutterschaft und Erstgebärende

Zwei international wiederkehrende Risikofaktoren betreffen nicht die Erschöpfung im engeren Sinn, sondern die eng verwandte, in Kapitel 6 ausführlich behandelte Wochenbettdepression, gehören aber inhaltlich hierher. Eine chinesische Meta-Analyse findet bei Müttern ab 35 Jahren eine gepoolte Rate postpartaler depressiver Symptome von 20,0 Prozent. Eine japanische Meta-Analyse über mehr als 100 Einzelstudien findet für Erstgebärende gegenüber Müttern, die bereits ein Kind haben, ein um 76 Prozent erhöhtes relatives Risiko.

Beide Befunde stammen aus asiatischen Studien, gelten aber – ebenso wie ein erhöhtes Risiko bei später Mutterschaft oder bei der ersten Geburt allgemein in der internationalen Fachliteratur beschrieben wird – als biologisch und psychosozial nicht auf eine bestimmte Kultur beschränkt und damit als plausibel auch für Österreich übertragbar.

60 Geburtsmodus und Schwangerschaftskomplikationen

Dieselbe chinesische Meta-Analyse differenziert das Risiko zusätzlich nach dem Verlauf von Schwangerschaft und Geburt: Bei Müttern ab 35 Jahren lag die Rate postpartaler depressiver Symptome nach einem Kaiserschnitt bei 27,8 Prozent gegenüber 16,4 Prozent nach einer Spontangeburt; bei Schwangerschaftskomplikationen bei 38,7 Prozent gegenüber 11,7 Prozent ohne Komplikationen.

Auch diese Zahlen stammen aus einer chinesischen Stichprobe, der zugrunde liegende Zusammenhang – ein schwieriger Geburtsverlauf oder gesundheitliche Komplikationen erhöhen das Risiko für psychische Belastung danach – gilt aber als biologisch und psychosozial nicht kulturspezifisch. Für die kinderärztliche Ordination in Österreich ist das ein nützlicher Hinweis, bei Eltern nach schwierigen Geburtsverläufen besonders aufmerksam nachzufragen.

61 Wenn niemand im Haushalt erwerbstätig ist, und wenn Bildung und Einkommen knapp sind

Neben dem in Kapitel 55 genannten systematischen Review, der Einkommen und Bildung als individuelle Risikofaktoren nennt, zeigen internationale Daten den Zusammenhang auch für die kindliche Entwicklung: In der bereits erwähnten brasilianischen Begleitstudie war eine niedrige mütterliche Bildung – null bis vier Schuljahre – neben mütterlicher Depression einer der stärksten Risikofaktoren für eine schlechtere kindliche Entwicklung.

Für Österreich lässt sich daraus kein exakter Zahlenwert übernehmen, wohl aber der grundsätzliche Zusammenhang: Wo Bildung, Einkommen und Erwerbstätigkeit im Haushalt knapp sind, addieren sich mehrere Risikofaktoren aus dem Balance-Modell gleichzeitig – finanzielle Anspannung, weniger Zugang zu Unterstützungsangeboten, oft auch weniger zeitliche Flexibilität. Dieser Zusammenhang wird in den Kapiteln zu Kinderarmut und Alleinerziehenden an anderer Stelle dieses Ratgebers vertieft.

62 Mütter in bestimmten Berufen und Branchen

Eine japanische amtlich beauftragte Erhebung zu Diskriminierung am Arbeitsplatz nach Schwangerschaft oder Elternzeit zeigt, wie stark das Risiko zwischen Branchen schwankt: Die Erfahrungsrate reichte von 15,5 Prozent im Finanz- und Versicherungswesen bis zu 38,7 Prozent im Transport- und Postwesen. Am häufigsten waren negative Äußerungen zu Schwangerschaft oder Geburt in Betrieben mittlerer Größe mit 100 bis 299 Beschäftigten.

Für Österreich liegt keine methodisch vergleichbare, ebenso große und aktuelle Erhebung vor. Die Größenordnung – dass rund jede vierte bis jede dritte betroffene Person in bestimmten Branchen Diskriminierung erlebt – lässt sich plausibel auf andere Industrieländer mit ähnlichen Arbeitsmarktstrukturen übertragen, die exakte Prozentzahl aber nicht. Für erschöpfte Eltern ist relevant: Wenn zur privaten Belastung noch Druck oder Benachteiligung am Arbeitsplatz hinzukommt, addieren sich zwei Risikofaktoren, die einzeln schon belastend genug wären.

63 Wenn das Baby zu früh oder zu klein zur Welt kommt

Der mit Abstand stärkste Einzelfaktor in der bereits mehrfach erwähnten brasilianischen Begleitstudie zur kindlichen Entwicklung war nicht die soziale Lage der Familie, sondern eine medizinische Ausgangsbedingung: eine intrauterine Wachstumsrestriktion bei Frühgeborenen. Ihr Einfluss auf die gemessene kindliche Entwicklung war deutlich größer als der von mütterlicher Depression oder niedriger Bildung zusammen.

Für Eltern eines zu früh oder zu klein geborenen Kindes ist dieser Befund doppelt relevant: Er erklärt, warum die eigene Erschöpfung in dieser Situation oft besonders ausgeprägt ist – die medizinische Ausgangslage selbst ist bereits ein starker Risikofaktor, unabhängig von allen anderen Umständen. Und er ist ein zusätzlicher Grund, in dieser Situation frühzeitig und gezielt nach Unterstützung zu fragen, etwa bei der behandelnden Kinderärztin oder dem behandelnden Kinderarzt.

64 Mehrere Kinder mit geringem Altersabstand

Zwei voneinander unabhängige internationale Befunde zeigen, dass Kinderzahl und Altersabstand die Belastung verstärken. In der bereits erwähnten brasilianischen Studie war die Zahl jüngerer Geschwister ein eigenständiger, wenn auch kleinerer Risikofaktor für die kindliche Entwicklung. Und in koreanischen Arbeitsmarktdaten sank die Beschäftigungsquote verheirateter Mütter mit steigender Kinderzahl spürbar.

Für Österreich ist dieser Zusammenhang – mehr Kinder, insbesondere mit geringem Altersabstand, bedeuten spürbar mehr gleichzeitige Anforderungen – ebenfalls dokumentiert, wenn auch mit anderen absoluten Werten, weil in Österreich eher Teilzeitarbeit als ein vollständiger Erwerbsausstieg die übliche Reaktion ist. Der Kern des Befunds bleibt: Wer mehrere kleine Kinder in kurzem Abstand betreut, sollte sich beim eigenen Ressourcenaufbau nicht an Familien mit einem einzelnen Kind messen.

65 Was schützt

Diesem Kapitel über Risikofaktoren steht ein ebenso gut belegtes Kapitel über Schutzfaktoren gegenüber, mit dem es endet. Aus dem Balance-Modell: elterliches Selbstmitgefühl, hohe emotionale Intelligenz, gute Erziehungspraktiken, ausreichend Freizeit und eine tragfähige, positive Zusammenarbeit mit dem anderen Elternteil. Aus dem systematischen Review aus Kapitel 55: Resilienz, verfügbare soziale Unterstützung, eine zufriedenstellende Partnerschaft und eine gute Beziehung zum Kind selbst. Und aus der bereits erwähnten US-amerikanischen Übersicht: Ist mindestens ein Elternteil psychisch gesund, mildert das negative Auswirkungen ab, selbst wenn der andere Elternteil psychisch belastet ist.

Der gemeinsame Nenner all dieser Schutzfaktoren: Sie sind, anders als etwa das eigene Einkommen oder die Kinderzahl, in vielen Fällen aktiv beeinflussbar – durch den bewussten Aufbau eines Unterstützungsnetzwerks, durch das Ansprechen von Überforderung in der Partnerschaft, und durch die Bereitschaft, sich selbst Nachsicht statt Perfektionsanspruch entgegenzubringen. Genau darauf – auf das, was Eltern konkret hilft – geht dieser Ratgeber an anderer Stelle noch ausführlicher ein.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was elterliche Erschöpfung ist Abschnitt 1–13 · 13
  2. 2. Wie häufig sie ist Abschnitt 14–27 · 14
  3. 3. Woran man sie erkennt Abschnitt 28–39 · 12
  4. 4. Was sie anrichtet Abschnitt 40–53 · 14
  5. 5. Wer besonders gefährdet ist Abschnitt 54–65 · 12
  6. 6. Nach der Geburt Abschnitt 66–83 · 18
  7. 7. Schlafmangel Abschnitt 84–93 · 10
  8. 8. Die mentale Last Abschnitt 94–107 · 14
  9. 9. Vereinbarkeit Abschnitt 108–125 · 18
  10. 10. Kinderbetreuung Abschnitt 126–137 · 12
  11. 11. Der Preis in Geld und Pension Abschnitt 138–149 · 12
  12. 12. Was ein Kind kostet Abschnitt 150–161 · 12
  13. 13. Kinderarmut Abschnitt 162–173 · 12
  14. 14. Alleinerziehende Abschnitt 174–185 · 12
  15. 15. Was nachweislich hilft Abschnitt 186–199 · 14
  16. 16. Wann es Behandlung braucht Abschnitt 200–209 · 10
  17. 17. Hilfen in Österreich Abschnitt 210–233 · 24
  18. 18. Fragen, Irrtümer und Einordnung Abschnitt 234–247 · 14