Nach Alter geordnet, dazu Avulsionsverletzungen im Jugendalter und die einzelnen Regionen genauer: Muskelprellung, Muskelriss, Leiste, Unterschenkel, Achillessehne und Schulter.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel kann eine persönliche Untersuchung nicht ersetzen. Was nach einer Prellung oder Zerrung aussieht, kann bei Kindern auch ein Knochenbruch, eine Verletzung der Wachstumsfuge, ein Gelenk- oder Sehnenschaden, eine Infektion oder eine andere Erkrankung sein. Rufen Sie bei Bewusstlosigkeit, nicht normaler Atmung, Kreislaufproblemen, starker Blutung, sichtbarer Fehlstellung, kalter oder blauer Extremität, neuer Lähmung beziehungsweise Taubheit, sehr starken rasch zunehmenden Schmerzen oder schwerem Unfall sofort den Rettungsdienst: in Österreich 144 oder 112, in Deutschland 112.

41 Prellungen und Zerrungen nach Alter

Säuglinge

Eine echte sportbedingte Muskelzerrung ist bei Säuglingen nicht das typische Problem. Häufiger sind stumpfe Anstöße, Einklemmungen, Stürze oder Verletzungen beim unpassenden Umgang mit Geräten. Ein Säugling kann Schmerz nicht lokalisieren. Er weint beim Wickeln, bewegt eine Extremität weniger, trinkt schlechter oder wirkt ungewöhnlich ruhig.

Die Schwelle zur Untersuchung ist niedrig, wenn ein Arm oder Bein nicht symmetrisch bewegt wird, eine Schwellung entsteht oder der Unfall nicht beobachtet wurde. Ein Hämatom bei einem noch nicht mobilen Baby ist ungewöhnlicher als am Schienbein eines laufenden Kindes. Entwicklungsstand und Erklärung müssen zusammenpassen.

Kleinkinder

Kleinkinder stoßen sich häufig und haben oft kleine Hämatome an knöchernen Vorsprüngen. Zugleich können sie Frakturen und Gelenkverletzungen kaum beschreiben. Plötzliche Laufverweigerung, Hinken, ein geschützter Arm oder Schmerz beim Anziehen sind wichtige Funktionszeichen.

Die Lokalisation ist manchmal irreführend. Ein Kind zeigt auf das Knie, obwohl die Ursache in Hüfte oder Oberschenkel liegt. Deshalb wird bei unklarer Schonhaltung die gesamte Extremität untersucht.

Schulkinder

Mit organisiertem Sport nehmen Umknicken, Balltreffer und Kontaktverletzungen zu. Schulkinder können Mechanismus und Schmerz meist besser schildern, lassen sich aber durch Mannschaft und Erwachsene beeinflussen. Eine Frage ohne Erwartungsdruck – „Was kannst du gerade nicht so wie sonst?“ – liefert oft bessere Information als „Es geht doch wieder, oder?“

Jugendliche

Wachstumsschub, steigende Trainingsintensität, Krafttraining und Spezialisierung verändern das Verletzungsspektrum. Apophysen und Wachstumsfugen bleiben relevant. Jugendliche bagatellisieren Beschwerden möglicherweise wegen Kaderauswahl, Prüfung oder Vertrag. Vertrauliche Gesprächsanteile können Informationen zu Training, Ernährung, Menstruation, Nahrungsergänzung und Substanzen ermöglichen.

42 Avulsionsverletzungen im Jugendalter

Warum sie entstehen

Bei explosiver Muskelkontraktion kann der Zug am noch nicht vollständig ausgereiften Knochenansatz stärker sein als dessen Belastbarkeit. Ein kleines oder größeres Knochenfragment löst sich. Häufig betroffen sind Beckenansätze von Oberschenkel- und Hüftmuskeln, der Sitzbeinhöcker, der Bereich unterhalb der Kniescheibe und bestimmte Fußknochen.

Typische Hinweise

Das Ereignis ist oft klar: Sprintstart, kraftvoller Schuss, Hürdensprung, Spagat oder abrupter Richtungswechsel. Der Schmerz beginnt sofort und sitzt sehr lokal am Knochen. Weiterlaufen ist erschwert; Anspannen und Dehnen des zugehörigen Muskels schmerzt. Manchmal wird ein Knall wahrgenommen.

Diagnostik und Behandlung

Röntgen kann den knöchernen Ausriss zeigen. Bei noch wenig verknöchertem Ansatz oder unklarem Bild helfen Ultraschall oder MRT je nach Fragestellung. Viele wenig verschobene Verletzungen heilen konservativ mit Entlastung und stufenweiser Rehabilitation. Größere Verschiebung, Funktionsanspruch und betroffene Region können eine operative Beratung begründen.

Warum zu frühe Rückkehr problematisch ist

Schmerz lässt nach, bevor Kraftübertragung und knöcherne Heilung abgeschlossen sind. Zu frühes Sprinten kann Verschiebung, verzögerte Heilung oder chronische Beschwerden begünstigen. Freigabe richtet sich nach klinischer und gegebenenfalls bildgebender Heilung sowie funktionsbezogenen Tests.

43 Muskelprellung im Detail

Schweregrade

Bei leichter Prellung bleiben Beweglichkeit und Kraft weitgehend erhalten. Eine mittlere Verletzung verursacht deutliches Hinken, Schwellung und eingeschränkte Bewegung. Schwere Prellungen können große Hämatome, erheblichen Funktionsverlust und Komplikationen hervorrufen. Starre Grade sind weniger wichtig als Verlauf und objektive Funktion.

Frühphase

Weitere direkte Belastung wird verhindert. Das verletzte Gewebe wird nicht kräftig massiert oder aggressiv gedehnt. Bei Quadrizepsprellungen kann eine fachlich angeleitete frühe Positionierung Einfluss auf die spätere Beweglichkeit haben; pauschale Selbstbehandlung in maximaler Kniebeugung ist jedoch wegen Schmerz, unklarer Diagnose und möglicher anderer Verletzung nicht für jedes Kind geeignet.

Hämatom im Muskel

Ein intramuskuläres Hämatom liegt innerhalb der Muskelfaszie und kann Druck aufbauen. Ein intermuskuläres Hämatom kann sich zwischen Muskeln ausbreiten und wird möglicherweise später weiter unten sichtbar. Ultraschall kann Ausdehnung und Verlauf beurteilen, wenn dies die Behandlung verändert.

Aspiration eines Hämatoms

Das Absaugen ist keine Routine bei jeder Prellung. Zeitpunkt, Konsistenz, Lage, Infektionsrisiko und erwarteter Nutzen werden fachärztlich abgewogen. Eigenständiges Anstechen ist gefährlich.

44 Muskelzerrung und Muskelriss im Detail

Verletzungsmechanismen

Direkte Verletzungen entstehen durch Schlag oder Quetschung. Indirekte Verletzungen entstehen ohne Kontakt durch hohe Spannung, häufig bei exzentrischer Arbeit. Muskeln, die zwei Gelenke überspannen und schnelle Bewegungen steuern, sind besonders exponiert.

Klinische Einordnung

Bei leichter Zerrung kann Aktivität zunächst noch möglich sein, wird aber schmerzhaft. Ein Faserriss verursacht häufiger plötzlich stechenden Schmerz und klaren Leistungsverlust. Größere Risse können Delle und Hämatom zeigen. Die Übergänge sind fließend, und Schmerzstärke allein misst die Defektgröße nicht zuverlässig.

Heilungsphasen

Nach Blutungs- und Entzündungsphase folgt Gewebeneubildung, anschließend längerer Umbau. Die Rehabilitation setzt in jeder Phase einen passenden Reiz. Schutz vor Überlastung und Vermeidung unnötiger Immobilität werden ausbalanciert.

Narbengewebe

Repariertes Muskelgewebe kann anfangs weniger elastisch und schlechter organisiert sein. Progressive Kraftarbeit, insbesondere später auch exzentrische Belastung, unterstützt Anpassung. Ein Ultraschallbild allein entscheidet nicht über Sportfähigkeit; Funktion und Symptomreaktion sind ebenso wichtig.

45 Verstauchungen anderer Gelenke

Fuß und Zehen

Verdrehung kann Mittelfußbänder, Gelenke oder Knochen schädigen. Schmerz an der Basis des fünften Mittelfußknochens oder am Kahnbein gehört zu den Ottawa-Fußkriterien. Ein deutlich geschwollener Großzehengrundbereich nach Überstreckung kann eine relevante Kapsel-Band-Verletzung darstellen.

Handgelenk

Bei Kindern ist eine Fraktur nach Sturz häufiger als eine isolierte schwere Bandverletzung. Druckschmerz und anhaltender Funktionsverlust werden bildgebend abgeklärt. Ein „verstauchtes“ Handgelenk, das nach einigen Tagen nicht klar besser wird, wird erneut beurteilt.

Ellenbogen

Überstreckung oder Verdrehung können Band- und Kapselstrukturen schädigen, doch kindliche Ellenbogenfrakturen müssen vorrangig ausgeschlossen werden. Eine sichtbare Fehlstellung, starke Schwellung oder Durchblutungs- und Nervenstörung ist dringlich.

Schulter- und Schultereckgelenk

Direkter Sturz auf die Schulter kann das Schultereckgelenk verletzen. Bei Kindern sind periostale und knöcherne Verletzungen anders verteilt als bei Erwachsenen. Ein prominentes Schlüsselbeinende wird nicht heruntergedrückt oder mit engem Verband fixiert.

Kiefergelenk

Schlag gegen Kinn oder Gesicht kann Kiefergelenk, Unterkiefer oder Zähne betreffen. Fehlbiss, eingeschränkte Mundöffnung, Taubheit und Zahnschaden erfordern zahnärztliche beziehungsweise mund-kiefer-gesichtschirurgische Abklärung.

46 Leisten-, Hüft- und Beckenschmerz

Adduktorenzerrung

Schmerz tritt an der Innenseite des Oberschenkels oder in der Leiste auf und wird durch Zusammenpressen der Beine provoziert. Bei Jugendlichen muss der Schmerzort am Beckenansatz geprüft werden. Rehabilitation umfasst später Adduktorenkraft, Rumpf- und Hüftkontrolle sowie sportartspezifische Seitbewegung.

Hüftbeuger und Rectus femoris

Sprint und Schuss können vordere Hüftschmerzen verursachen. Apophysenausrisse am Becken sind wichtige Differentialdiagnosen. Ein plötzlich entstandener Schmerz mit starkem Hinken wird nicht als „verkürzt“ weggeordnet und intensiv gedehnt.

Sitzbeinregion

Proximaler Hamstringschmerz nach Sprint oder Spagat kann eine Sehnen- oder Apophysenverletzung sein. Schmerzen beim Sitzen sind häufig. Neurologische Symptome, große Kraftminderung oder tastbarer Defekt erhöhen die Dringlichkeit.

Nichttraumatische Hüfterkrankungen

Transiente Synovitis, septische Arthritis, Morbus Perthes und Epiphysiolysis capitis femoris können mit Hinken beginnen. Fieber, fehlende Belastbarkeit und krankes Kind sind dringlich. Bei übergewichtigen Jugendlichen mit Hüft-, Leisten- oder Knieschmerz wird an eine Epiphysenlösung gedacht; sie dürfen bis zur Abklärung nicht belasten.

47 Unterschenkel-, Achilles- und Fußbeschwerden

Wade und Achillessehne

Ein plötzlicher Schmerz beim Absprung kann Muskel oder Sehne betreffen. Vollständige Achillessehnenrupturen sind bei Kindern selten, aber möglich. Fehlende Plantarflexionskraft, tastbare Lücke oder auffälliger Wadenkompressionstest werden fachlich eingeordnet.

Schienbeinschmerz

Direkter Treffer verursacht Knochenhautprellung. Belastungsabhängiger, schleichender Schmerz kann dagegen mediales Tibiakantensyndrom oder Stressverletzung sein. Punktförmiger Schmerz, Ruheschmerz und zunehmende Belastungsunfähigkeit sprechen gegen bloßen Muskelkater.

Ferse

Bei sportlichen Kindern im Wachstum ist die Calcaneusapophyse eine häufige Schmerzquelle. Morbus Sever ist eine belastungsbezogene Apophysitis, keine akute Zerrung. Belastungsanpassung, Wadenfunktion, Schuhe und Sportumfang werden berücksichtigt.

Mittelfuß

Starke Verdrehung, direkte Last oder Überlastung können Band- oder Stressverletzungen verursachen. Plantare Blutergüsse und Schmerz im Mittelfuß nach Trauma sind Warnzeichen für eine relevante Tarsometatarsalverletzung. Normales Gehen kann anfangs dennoch möglich sein.

48 Arm-, Ellenbogen- und Schulterbeschwerden im Sport

Werferschulter

Wiederholtes Werfen belastet bei Heranwachsenden die Wachstumsregion des Oberarmkopfs. Schleichender Schmerz ist keine akute Zerrung. Wurflast, Technik und Reife werden erfasst; Ruhe vom schmerzhaften Werfen und stufenweiser Wiederaufbau sind zentral.

Werferellenbogen

Mediale Zug- und laterale Druckkräfte können Apophyse, Knorpel und Bandstrukturen schädigen. Altersgerechte Wurfbegrenzungen, Pausen und Technik reduzieren Überlastung. Anhaltender Schmerz, Streckdefizit oder Blockierung benötigt Bildgebung.

Schwimmer- und Turnschulter

Hohe Wiederholungszahl oder gewichttragende Positionen können Schmerzen hervorrufen. Schulterblattkontrolle, Rumpf, Beweglichkeit und Trainingsvolumen werden gemeinsam betrachtet. Unspezifisches „Schulterziehen“ ohne Diagnose kann relevante Instabilität oder Wachstumsverletzung übersehen.

Ellenbogen bei kleinen Kindern

Eine plötzliche Schonhaltung nach Zug am Arm kann einer Radiusköpfchen-Subluxation entsprechen und ist keine Zerrung. Die Reposition wird durch geschulte Fachpersonen vorgenommen. Bei Sturzmechanismus oder Schwellung muss eine Fraktur bedacht werden.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was Prellung, Zerrung und Verstauchung sind Abschnitt 1–5 · 5
  2. 2. Die ersten Minuten – und was von PECH übrig bleibt Abschnitt 6–7 · 2
  3. 3. Notfall, heute untersuchen oder beobachten? Abschnitt 8–10 · 3
  4. 4. Untersuchung, Bildgebung und Schmerz Abschnitt 11–14 · 4
  5. 5. Verletzungen nach Körperregion Abschnitt 15–23 · 9
  6. 6. Wenn es keine Prellung ist Abschnitt 24–26 · 3
  7. 7. Rehabilitation und Rückkehr Abschnitt 27–31 · 5
  8. 8. Wärme, Tape, Spritze: was wirkt Abschnitt 32–34 · 3
  9. 9. Vorbeugen und Trainingssteuerung Abschnitt 35–40 · 6
  10. 10. Im Detail: Muskel, Band und Region Abschnitt 41–48 · 8
  11. 11. Hämatome, Komplikationen und Ernährung Abschnitt 49–52 · 4
  12. 12. Alltag, Nachsorge und Elternfragen Abschnitt 53–60 · 8
  13. 13. Reha-Plan, Tests und Rollen Abschnitt 61–65 · 5
  14. 14. Was die Evidenz tatsächlich sagt Abschnitt 66–75 · 10
  15. 15. Zurück in den Sport – und die Versorgungswege Abschnitt 76–80 · 5
  16. 16. Häufige Fragen Abschnitt 81–85 · 5
  17. 17. Verfahren, Fehler und Dokumentation Abschnitt 86–95 · 10
  18. 18. Hintergrund: Anatomie, Heilung und Training Abschnitt 96–105 · 10
  19. 19. Besondere Prellungen, Prognose und Qualität Abschnitt 106–118 · 13
  20. 20. Versorgungspfade nach Körperregion Abschnitt 119–126 · 8
  21. 21. Belastungsplan, Glossar und Quellen Abschnitt 127–136 · 10