Bei Widerstand, bei Autismus und sensorischer Empfindlichkeit, bei motorischer Einschränkung – dazu Zahnpasta auswählen, Putzdauer, Spülen und Bürstenpflege.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel ersetzt keine zahnärztliche Untersuchung. Karies kann lange schmerzlos bleiben. Sichtbare Löcher, Schmerzen, Schwellung, Fieber, eine „dicke Backe“, Eiteraustritt, Schluck- oder Atemprobleme sowie ein verletzter oder stark gelockerter Zahn benötigen je nach Befund rasche zahnmedizinische oder medizinische Hilfe. Bei Atemnot, ausgeprägter Schwellung im Mundboden oder Hals, Bewusstseinsstörung oder schwerem Krankheitsbild sofort den Rettungsdienst rufen: in Österreich 144 oder 112, in Deutschland 112.

77 Putzen bei Widerstand

Das Kind erhält begrenzte Wahlmöglichkeiten: rote oder blaue Bürste, Lied oder Geschichte, zuerst oben oder unten. Die Notwendigkeit des Putzens steht nicht täglich zur Abstimmung. Erwachsene bleiben ruhig und kurz.

Bei Kleinkindern kann sichere körperliche Unterstützung erforderlich sein, ohne Schmerz, Drohung oder Gewalt. Zwei Erwachsene können in einer Knie-an-Knie-Position gute Sicht schaffen. Professionelle Demonstration verhindert unsichere Fixierung.

Anhaltendes Schreien, Blutung, Würgen oder Schmerz wird nicht als Trotz abgetan. Karies, Aphthen, Schmelzempfindlichkeit, große Mandeln, Reflux oder sensorische Besonderheiten können beitragen.

78 Putzen bei Autismus und sensorischer Empfindlichkeit

Vorhersagbarkeit ist zentral. Ein visueller Ablauf zeigt Bürste, Paste, Oberkiefer, Unterkiefer, Spülen und Ende. Desensibilisierung beginnt gegebenenfalls mit Berühren der Lippen und wird in kleinen Schritten gesteigert.

Geschmack, Schaum, Bürstenhärte, Vibration, Licht und Körperposition werden einzeln angepasst. Eine fluoridhaltige Paste mit mildem Geschmack kann akzeptabler sein. Eine sehr kleine Menge bleibt wirksam, wenn Konzentration und Regelmäßigkeit stimmen.

Belohnung würdigt Kooperation, nicht Schmerzunterdrückung. Spezialisierte Teams planen gegebenenfalls Behandlung unter Sedierung oder Narkose, während häusliche Gewöhnung weiterläuft.

79 Putzen bei Motorischer Einschränkung

Verdickte Griffe, Haltebänder, elektrische Bürsten und abgestützte Positionen erleichtern Selbstständigkeit. Wenn eine Betreuungsperson übernimmt, schützt gute Ergonomie beide. Der Kopf wird stabilisiert, ohne den Hals zu überstrecken.

Bei Spastik, unwillkürlichen Bewegungen oder Beißreflex sind improvisierte harte Mundsperrer gefährlich. Professionell geeignete Hilfsmittel und Technik werden gezeigt. Absaugung kann bei Schluckstörung erforderlich sein.

80 Zahnpasta auswählen

Wichtigste Angaben sind Fluoridkonzentration, Altersverträglichkeit und akzeptabler Geschmack. Marketingbezeichnungen wie „Baby“, „Junior“, „natürlich“ oder „ohne bedenkliche Stoffe“ ersetzen das Lesen der ppm-Angabe nicht.

Sehr süßer Geschmack kann Schlucken fördern. Stark schäumende Pasten sind bei empfindlicher Schleimhaut oder Sensorik unangenehm. Natriumlaurylsulfat kann bei manchen Menschen Aphthen reizen, ist aber keine Kariesursache.

Hydroxylapatit-haltige Pasten werden als Alternative beworben. Es gibt wachsende Studien, doch die Breite und Langzeitevidenz etablierter Fluoridzahnpasten ist größer. Bei Ablehnung von Fluorid wird sachlich über Nutzen, Unsicherheit und Risiko gesprochen; eine praktische zweitbeste Strategie ist besser als gar kein Putzen.

81 Putzdauer

Zwei Minuten sind eine verbreitete Orientierung, aber Mundgröße, Bürste, Technik und Unterstützung variieren. Ein Kleinkindgebiss kann systematisch in kürzerer Zeit gereinigt werden; ein Jugendlicher mit Brackets benötigt länger. Vollständige Flächenreinigung ist das Ziel.

Timer und Lieder helfen, dürfen aber nicht zum Ersatz für Qualität werden. Ein Kind kann zwei Minuten nur auf den Frontzähnen bürsten. Eltern kontrollieren das Ergebnis.

82 Nach dem Putzen spülen?

Ausspucken ohne kräftiges Nachspülen lässt mehr Fluorid an den Zähnen. Kleine Kinder können nicht zuverlässig spucken und verwenden deshalb eine sehr kleine, exakt dosierte Menge. Sie müssen nicht zum kräftigen Spülen gezwungen werden.

Essen und Trinken direkt danach verkürzen den Kontakt. Das abendliche Putzen wird daher ans Ende der Nahrungsaufnahme gelegt. Eine separate fluoridhaltige Spülung zu einem anderen Tageszeitpunkt kann bei hohem Risiko sinnvoll sein.

83 Zahnbürste pflegen

Nach Gebrauch wird die Bürste ausgespült, aufrecht und luftig getrocknet. Bürsten verschiedener Personen berühren sich möglichst nicht. Desinfektion, Mikrowelle oder Auskochen sind nicht notwendig und können Material beschädigen.

Bei ausgefransten Borsten wird gewechselt, häufig etwa alle drei Monate, aber nach Zustand. Nach gewöhnlichem Infekt ist ein sofortiger Austausch nicht zwingend. Nach bestimmten Infektionen oder Immunsuppression kann das Behandlungsteam anders beraten.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Was Karies ist – und wie sie entsteht Abschnitt 1–4 · 4
  2. 2. Wo sie entsteht, Risiko und Schutz Abschnitt 5–7 · 3
  3. 3. Erkennen und untersuchen Abschnitt 8–12 · 5
  4. 4. Behandeln: von nichtoperativ bis Narkose Abschnitt 13–19 · 7
  5. 5. Zähneputzen und Fluorid Abschnitt 20–22 · 3
  6. 6. Ernährung, Nacht und Medikamente Abschnitt 23–25 · 3
  7. 7. Vorsorge in der Zahnarztpraxis Abschnitt 26–29 · 4
  8. 8. Nach Alter und besondere Gruppen Abschnitt 30–39 · 10
  9. 9. Kita, Schule, Sport und Werbung Abschnitt 40–43 · 4
  10. 10. Irrtümer und Alltagssituationen Abschnitt 44–57 · 14
  11. 11. Warum Karies entsteht: die Vertiefung Abschnitt 58–65 · 8
  12. 12. Wo genau – und was daraus werden kann Abschnitt 66–76 · 11
  13. 13. Putzen, wenn es schwierig ist Abschnitt 77–83 · 7
  14. 14. Ernährung im Alltag Abschnitt 84–89 · 6
  15. 15. Erkrankungen, Kosten und Material Abschnitt 90–101 · 12
  16. 16. Fluorid im Detail Abschnitt 102–107 · 6
  17. 17. Die Behandlungsverfahren genauer Abschnitt 108–120 · 13
  18. 18. Nach der Behandlung Abschnitt 121–131 · 11
  19. 19. Diagnostik genauer betrachtet Abschnitt 132–140 · 9
  20. 20. Häufige Fragen Abschnitt 141–153 · 13
  21. 21. Versorgungspfade und Fallbeispiele Abschnitt 154–175 · 22
  22. 22. Das Gespräch und die Präventionspläne Abschnitt 176–186 · 11
  23. 23. System, Produkte und Mythen Abschnitt 187–220 · 34
  24. 24. Checklisten, Einordnung, Glossar und Quellen Abschnitt 221–234 · 14