Ernährung, Nacht und Medikamente
Was Getränke ausmachen, warum die Nacht eine eigene Rolle spielt – und welche Medikamente und Produkte den Zähnen zusetzen.
Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel ersetzt keine zahnärztliche Untersuchung. Karies kann lange schmerzlos bleiben. Sichtbare Löcher, Schmerzen, Schwellung, Fieber, eine „dicke Backe“, Eiteraustritt, Schluck- oder Atemprobleme sowie ein verletzter oder stark gelockerter Zahn benötigen je nach Befund rasche zahnmedizinische oder medizinische Hilfe. Bei Atemnot, ausgeprägter Schwellung im Mundboden oder Hals, Bewusstseinsstörung oder schwerem Krankheitsbild sofort den Rettungsdienst rufen: in Österreich 144 oder 112, in Deutschland 112.
23 Ernährung und Getränke
Häufigkeit zählt
Ein Dessert direkt nach einer Hauptmahlzeit erzeugt meist weniger zusätzliche Säurephasen als dieselbe Menge über Stunden verteilt. Das bedeutet nicht, dass beliebige Mengen unproblematisch sind. Für Kariesprävention werden Menge und Häufigkeit freier Zucker reduziert.
Wasser als Durstlöscher
Wasser ist zwischen Mahlzeiten Standard. Ungesüßter Tee kann eine Alternative sein, wobei manche Früchte- und Kräutertees sauer sein können. Saft, Schorle, Limonade, Eistee, aromatisiertes Wasser und Sportgetränke sind keine alltäglichen Durstlöscher.
Milch
Ungesüßte Milch ist weniger kariogen als zuckerhaltige Getränke, enthält aber Laktose und ist Nahrung. Sie wird nicht zum dauernden nächtlichen Nuckeln angeboten. Milchmischgetränke, Kakao und gesüßte Pflanzendrinks können viel freien Zucker enthalten.
Stillen
Stillen hat zahlreiche gesundheitliche Vorteile und verursacht nicht automatisch Karies. Nach Zahndurchbruch steigt bei sehr häufigem nächtlichem Stillen in Kombination mit anderen Risikofaktoren das Kariesrisiko. Beratung bleibt stillfreundlich: Zähne sorgfältig putzen, zusätzliche Zuckerexposition reduzieren und individuelles Risiko prüfen. Abstillen ist nicht die einzige mögliche Intervention.
Flasche und Becher
Die Flasche dient der Nahrungsaufnahme, nicht der dauernden Beruhigung mit süßen Getränken. Sobald entwicklungsbedingt möglich, wird der offene Becher geübt. Trinklern- und Quetschsysteme können häufiges Nippen fördern. Das Produktdesign ist weniger wichtig als Inhalt und Nutzungsmuster.
Obst, Trockenfrüchte und Snacks
Ganzes Obst liefert Nährstoffe und Struktur. Trockenfrüchte sind konzentriert, klebrig und werden besser als Teil einer Mahlzeit statt ständig angeboten. Auch Riegel, Fruchtpürees im Quetschbeutel und „ohne Zuckerzusatz“ können freie oder leicht verfügbare Zucker liefern.
Zuckerfreie Produkte
„Zuckerfrei“ kann bedeuten, dass bestimmte Zuckergrenzen eingehalten werden; Säuren oder Stärke können dennoch relevant sein. Süßstoffe sind nicht kariogen wie Zucker, machen ein Produkt aber nicht automatisch ernährungsphysiologisch günstig. Xylit kann in ausreichender Menge abführend wirken und ist für Hunde hochgiftig; Produkte werden sicher aufbewahrt.
24 Nacht und Schlaf
Nach dem abendlichen Putzen gibt es nur Wasser. Nächtliche Speichelproduktion ist geringer, sodass süße Getränke lange einwirken. Ein Fläschchen mit Saft, Tee mit Zucker, Milchmischgetränk oder Sirup im Bett ist ein hohes Risiko.
Gewohnheiten werden familiengerecht verändert. Schrittweise Verdünnung süßer Getränke ist eine Übergangsstrategie, nicht das Endziel. Andere Beruhigungsrituale, klare Zuständigkeiten und Unterstützung bei Schlafproblemen helfen. Ein Kleinkind wegen Kariesrisiko abrupt ohne Begleitung schreien zu lassen, ist keine notwendige zahnmedizinische Maßnahme.
25 Medikamente und besondere Produkte
Zuckersäfte
Häufig oder langfristig eingenommene flüssige Arzneimittel können Zucker und Säuren enthalten. Notwendige Medikamente werden nicht ausgelassen. Wenn möglich, wird eine zuckerfreie Alternative gewählt; Einnahmezeiten werden gebündelt, anschließend kann Wasser getrunken werden. Zähne werden regulär fluoridiert geputzt.
Inhalativa
Asthma- und andere Inhalationsmedikamente können Mundtrockenheit oder Veränderungen des Mundmilieus begünstigen. Nach Inhalation wird entsprechend Arzneimittelanweisung der Mund gespült beziehungsweise getrunken; Spacer und Technik werden geprüft. Therapieänderung erfolgt nur medizinisch.
Nahrungsergänzungen
Kaubonbons, Vitamin-Gummis und klebrige Energieriegel können wiederholte Zuckerexposition verursachen. Ein gesund wirkendes Marketingbild ändert die Zahnwirkung nicht. Indikation und Darreichungsform werden geprüft.
Chlorhexidin
Chlorhexidin kann bestimmte orale Indikationen haben, ist aber keine allgemeine Dauerlösung gegen Karies bei Kindern. Verfärbung, Geschmacksstörung und Veränderungen der Mundflora sind möglich. Anwendung erfolgt zeitlich begrenzt und professionell angeleitet.
Alle Kapitel dieses Ratgebers
- 1. Was Karies ist – und wie sie entsteht Abschnitt 1–4 · 4
- 2. Wo sie entsteht, Risiko und Schutz Abschnitt 5–7 · 3
- 3. Erkennen und untersuchen Abschnitt 8–12 · 5
- 4. Behandeln: von nichtoperativ bis Narkose Abschnitt 13–19 · 7
- 5. Zähneputzen und Fluorid Abschnitt 20–22 · 3
- 6. Ernährung, Nacht und Medikamente Abschnitt 23–25 · 3
- 7. Vorsorge in der Zahnarztpraxis Abschnitt 26–29 · 4
- 8. Nach Alter und besondere Gruppen Abschnitt 30–39 · 10
- 9. Kita, Schule, Sport und Werbung Abschnitt 40–43 · 4
- 10. Irrtümer und Alltagssituationen Abschnitt 44–57 · 14
- 11. Warum Karies entsteht: die Vertiefung Abschnitt 58–65 · 8
- 12. Wo genau – und was daraus werden kann Abschnitt 66–76 · 11
- 13. Putzen, wenn es schwierig ist Abschnitt 77–83 · 7
- 14. Ernährung im Alltag Abschnitt 84–89 · 6
- 15. Erkrankungen, Kosten und Material Abschnitt 90–101 · 12
- 16. Fluorid im Detail Abschnitt 102–107 · 6
- 17. Die Behandlungsverfahren genauer Abschnitt 108–120 · 13
- 18. Nach der Behandlung Abschnitt 121–131 · 11
- 19. Diagnostik genauer betrachtet Abschnitt 132–140 · 9
- 20. Häufige Fragen Abschnitt 141–153 · 13
- 21. Versorgungspfade und Fallbeispiele Abschnitt 154–175 · 22
- 22. Das Gespräch und die Präventionspläne Abschnitt 176–186 · 11
- 23. System, Produkte und Mythen Abschnitt 187–220 · 34
- 24. Checklisten, Einordnung, Glossar und Quellen Abschnitt 221–234 · 14
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