Nicht jeder Fleck ist Karies, und nicht jedes Zahnfleischbluten ist harmlos. Dieses Kapitel unterscheidet Kreidezähne, Fluorose und Verfärbungen voneinander und geht die häufigen Veränderungen an Zahnfleisch und Schleimhaut durch.

Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel erklärt Vorbeugung, häufige Probleme, Untersuchungen und Behandlungen. Er ersetzt keine persönliche Untersuchung. Zahnschmerzen, eine zunehmende Schwellung, Eiter, Fieber, Schwierigkeiten beim Schlucken oder Atmen, eine stärkere Blutung und Zahnverletzungen gehören zeitnah beziehungsweise sofort fachlich beurteilt. Bei Atemnot, Bewusstseinsstörung oder einer rasch zunehmenden Schwellung im Gesicht oder Hals gilt: Rettungsdienst rufen – in Österreich 144, europaweit 112.

51 Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation (MIH)

Bei der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation ist der Schmelz bestimmter bleibender Zähne qualitativ gestört. Typischerweise sind ein bis vier erste bleibende Backenzähne betroffen, häufig zusätzlich Schneidezähne. Man sieht klar begrenzte weiß-cremefarbene, gelbe oder braune Flecken. Stärker betroffener Schmelz ist porös, kann nach dem Durchbruch abbrechen und reagiert empfindlich auf Kälte, Luft und Berührung.

MIH entsteht während der Schmelzbildung, nicht durch schlechtes Putzen. Wahrscheinlich wirken mehrere Einflüsse in einer empfindlichen frühen Entwicklungsphase zusammen; für das einzelne Kind lässt sich die Ursache meist nicht sicher bestimmen. Eltern sollten weder sich noch das Kind beschuldigen. Weil raue, schmerzhafte Zähne schlechter geputzt werden, kann zusätzlich Karies entstehen.

Die Behandlung reicht von Fluoridlack, Desensibilisierung und Versiegelung über Füllungen oder Teilkronen bis zur geplanten Entfernung eines schwer zerstörten ersten Molaren. Bei einer Extraktion ist der Zeitpunkt in Bezug auf Kieferwachstum und Durchbruch benachbarter Zähne entscheidend; Kinderzahnmedizin und Kieferorthopädie planen gemeinsam. Frühzeitige Diagnose verbessert die Chance auf schonende Versorgung.

52 Schmelzhypoplasie und andere Entwicklungsdefekte

Bei einer Hypomineralisation ist Schmelz vorhanden, aber weniger gut mineralisiert. Bei einer Hypoplasie wurde zu wenig Schmelz gebildet; es bestehen Grübchen, Rillen oder fehlende Bereiche. Defekte können einzelne Zähne, symmetrische Gruppen oder das ganze Gebiss betreffen. Ursachen reichen von lokalem Trauma oder einer Entzündung am Milchzahn über Frühgeburtlichkeit und schwere Erkrankung bis zu seltenen erblichen Störungen wie Amelogenesis imperfecta.

Ein Defekt ist nicht automatisch Karies, kann Karies aber begünstigen. Zahnfarbe und Oberflächenstruktur helfen bei der Unterscheidung, manchmal ergänzt durch Verlauf und Röntgen. Die Behandlung schützt empfindliche Flächen, erleichtert Reinigung und verbessert bei Bedarf das Aussehen. Bei vielen betroffenen Zähnen kann eine interdisziplinäre Abklärung sinnvoll sein.

53 Dentinogenesis imperfecta und seltene erbliche Zahnkrankheiten

Bei Dentinogenesis imperfecta ist die Bildung des Dentins erblich gestört. Zähne können bläulich-grau oder bernsteinfarben wirken, rasch abreiben und trotz scheinbar intaktem Schmelz brechen. Die Erkrankung kann allein oder gemeinsam mit Osteogenesis imperfecta, einer erblichen Knochenbrüchigkeit, auftreten.

Solche Diagnosen sind selten, erfordern aber frühe spezialisierte Betreuung. Ziel sind Schutz der Zahnsubstanz, Erhalt der Bisshöhe, schmerzfreies Essen und eine altersgerechte ästhetische Lösung. Familien benötigen einen Langzeitplan und bei entsprechendem Verdacht humangenetische oder kinderärztliche Beratung. Bleichmittel oder kosmetische Selbstbehandlung lösen das Strukturproblem nicht.

54 Fluorose, White Spots und Kreidezähne unterscheiden

Weiße Flecken haben verschiedene Ursachen. Frühe Karies liegt häufig in plaquegefährdeten Bereichen am Zahnfleischrand oder um Brackets und wirkt matt. Leichte Fluorose betrifft oft mehrere gleichartige Zähne symmetrisch und zeigt diffuse Linien oder Wolken. MIH ist klar begrenzt und betrifft charakteristische erste Molaren, manchmal Schneidezähne. Hypoplasien besitzen echte Formdefekte.

Die Unterscheidung ist relevant: Aktive Karies braucht Kontrolle des Biofilms und der Zuckerfrequenz; Fluorose ist meist ein kosmetischer Befund; MIH kann Schutz vor Abbruch und Schmerz erfordern. Fotos im trockenen und feuchten Zustand, Anamnese und Verlauf helfen. Eltern sollten auffällige Stellen nicht mit abrasiven „Whitening“-Pasten bearbeiten.

Weiße und dunkle Flecken auseinanderhalten

Vier Befunde, die Eltern regelmäßig verwechseln – mit sehr unterschiedlichen Folgen.

BefundTypisches AussehenWoWas daraus folgt
Frühe Karies (White Spot)matt, kreidig-weiß; bei Aktivität rau, Biofilm bleibt liegenplaquegefährdete Bereiche am Zahnfleischrand oder rund um BracketsBiofilm und Zuckerfrequenz kontrollieren, Fluorid intensivieren, Verlauf beobachten – umkehrbar
Leichte Fluorosediffuse Linien oder Wolken, keine scharfe Grenzeoft mehrere gleichartige Zähne, symmetrischmeist ein kosmetischer Befund ohne Krankheitswert
MIH („Kreidezahn“)klar begrenzte weiße, gelbliche oder bräunliche Flecken; empfindlichcharakteristisch an ersten bleibenden Molaren, manchmal Schneidezähnenkann Schutz vor Abbruch und Schmerz erfordern; Betäubung wirkt manchmal schlechter
Äußere Verfärbungbrauner bis schwarzer Saum, abwischbar oder polierbaram Zahnfleischrand, häufig bei sonst gesunden Kindernprofessionell entfernbar, kehrt oft zurück; nicht gleichbedeutend mit schlechter Hygiene
Hypoplasien besitzen zusätzlich echte Formdefekte – dem Schmelz fehlt Substanz, nicht nur Farbe. Für die Unterscheidung helfen Fotos im trockenen und im feuchten Zustand, die Vorgeschichte und der Verlauf. Auffällige Stellen sollten nicht mit abrasiven „Whitening“-Pasten bearbeitet werden: Das entfernt keinen Fleck, sondern Zahnsubstanz.

55 Verfärbungen: nicht jeder dunkle Fleck ist Karies

Äußere Verfärbungen können durch Tee, bestimmte Nahrungsmittel, Eisenpräparate, chlorhexidinhaltige Spülungen oder farbbildende Bakterien entstehen. Ein dunkler Saum, sogenannter Black Stain, kommt bei manchen ansonsten gesunden Kindern vor und lässt sich professionell entfernen, kehrt aber oft zurück. Er ist nicht gleichbedeutend mit schlechter Hygiene.

Innere Verfärbungen entstehen während der Zahnbildung oder nach einem Trauma. Ein einzelner grauer Milchzahn nach Sturz wird kontrolliert, aber nicht allein wegen der Farbe automatisch behandelt. Gelb-braune Vertiefungen können dagegen aktive Karies sein. Da Eltern Farbe auf Fotos oder bei Badezimmerlicht schwer sicher beurteilen können, ist eine Untersuchung sinnvoll.

56 Zahnstein

Plaque kann durch Mineralien aus dem Speichel verhärten; dann entsteht Zahnstein. Er findet sich bei Kindern häufig innen an den unteren Schneidezähnen, nahe den Ausführungsgängen der Speicheldrüsen. Zahnstein lässt sich mit der normalen Bürste nicht vollständig entfernen und wird professionell abgetragen.

Kleine Mengen sind kein Zeichen persönlicher Unsauberkeit. Bleibt die raue Oberfläche, lagert sich jedoch leichter neue Plaque an und das Zahnfleisch kann entzündet bleiben. Ungewöhnlich starke oder rasche Bildung kann mit Mundtrockenheit, Ernährung, Mineralzusammensetzung des Speichels oder mangelnder Reinigung zusammenhängen.

57 Gingivitis: wenn das Zahnfleisch blutet

Gesundes Zahnfleisch ist meist blassrosa bis physiologisch pigmentiert, liegt fest an und blutet bei sanfter Reinigung nicht. Rötung, Schwellung und Blutung sprechen häufig für eine plaquebedingte Gingivitis. Dunklere natürliche Pigmentierung ist keine Erkrankung.

Bei Blutung das Putzen einzustellen, verschlimmert die häufigste Ursache. Sanfte, gründliche Reinigung am Zahnfleischrand und in betroffenen Zwischenräumen lässt die Entzündung meist innerhalb von Tagen bis wenigen Wochen abklingen. Eine weiche Bürste verhindert unnötige Verletzung. Hält die Blutung an, ist sie spontan sehr stark oder treten Blutergüsse, Fieber, ausgeprägte Blässe oder Allgemeinsymptome hinzu, muss auch eine andere medizinische Ursache ausgeschlossen werden.

58 Pubertät, Hormone und Zahnfleisch

In der Pubertät kann Zahnfleisch auf dieselbe Plaquemenge stärker entzündlich reagieren. Hormone verursachen die Gingivitis nicht allein, verstärken aber die Gewebereaktion. Feste Zahnspangen schaffen zusätzliche Nischen. Jugendliche benötigen deshalb eine sachliche, nicht beschämende Erinnerung an Reinigung und Kontrollen.

Schwellungen zwischen den Zähnen, Blutung und Mundgeruch sind Warnzeichen. Professionelle Anleitung und gegebenenfalls Reinigung helfen, doch tägliche Plaqueentfernung bleibt entscheidend. Nikotin, Tabak und Vaping sind keine kosmetischen Nebenthemen: Sie können Schleimhaut, Entzündungsreaktionen und Heilung beeinflussen und schaffen frühe Abhängigkeit.

59 Parodontitis bei Kindern und Jugendlichen

Ein Verlust von Zahnhalteapparat und Knochen ist im Kindesalter selten, aber möglich. Besonders rasche Verläufe können wenige erste Molaren und Schneidezähne betreffen und trotz relativ wenig sichtbarer Plaque fortschreiten. Risikofaktoren sind genetische Veranlagung, bestimmte Immunstörungen, schlecht eingestellter Diabetes und seltene Syndrome.

Hinweise sind tiefe Zahnfleischtaschen, Rückgang des Zahnfleisches, ungewöhnliche Lockerung bleibender Zähne, Eiteraustritt und im Röntgen sichtbarer Knochenverlust. Eine frühe parodontologische und gegebenenfalls kinderärztliche Abklärung ist wichtig. Gewöhnliches Zahnfleischbluten bei einem Teenager bedeutet aber nicht automatisch Parodontitis.

60 Aphthen

Aphthen sind schmerzhafte, runde oder ovale Schleimhautgeschwüre mit gelblich-weißem Zentrum und rotem Rand. Sie sitzen häufig an Lippeninnenseite, Wange oder Zunge und sind nicht ansteckend. Kleine Aphthen heilen meist innerhalb von ein bis zwei Wochen. Auslöser können kleine Verletzungen, Stress oder Infekte sein; oft bleibt die Ursache unbekannt.

Behandlung lindert Beschwerden: milde Nahrung, ausreichendes Trinken, geeignete schmerzlindernde oder entzündungshemmende Lokalpräparate nach Altersfreigabe. Sehr große, häufig wiederkehrende oder schlecht heilende Läsionen können mit Eisen-, Folat- oder Vitamin-B12-Mangel, Zöliakie, entzündlichen Darmerkrankungen, Behçet-Syndrom oder Immundefekten zusammenhängen. Fieber, Gewichtsverlust, Genitalulzera, Augenentzündung oder zahlreiche Wunden verlangen ärztliche Abklärung.

61 Herpes-Gingivostomatitis

Die erste Infektion mit Herpes-simplex-Virus Typ 1 kann unbemerkt verlaufen oder eine ausgeprägte Gingivostomatitis verursachen. Das Kind hat Fieber, schmerzhaft gerötetes und leicht blutendes Zahnfleisch, zahlreiche Bläschen oder kleine Geschwüre und verweigert oft Essen und Trinken. Mundgeruch und geschwollene Halslymphknoten sind möglich.

Wichtigste Gefahr ist Austrocknung. Kleine, häufige Mengen kühler Flüssigkeit und altersgerechte Schmerztherapie helfen. Früh begonnenes antivirales Aciclovir kann bei schwerem Verlauf und ausgewählten Kindern sinnvoll sein und gehört ärztlich verordnet. Wegen Ansteckung werden Becher, Besteck und Lippenpflege nicht geteilt; Küssen bei aktiven Läsionen wird vermieden. Neugeborene und immungeschwächte Menschen müssen besonders geschützt werden.

62 Hand-Fuß-Mund-Krankheit, Herpangina und andere Bläschen

Enteroviren können schmerzhafte Läsionen im Mund verursachen. Bei Hand-Fuß-Mund-Krankheit kommen häufig Flecken oder Bläschen an Händen, Füßen und Gesäß hinzu; bei Herpangina liegen Läsionen eher hinten am Gaumen und Rachen. Antibiotika helfen gegen diese Viren nicht. Flüssigkeit, Schmerzbehandlung und Beobachtung stehen im Vordergrund.

Nicht jedes Bläschen ist „Herpes“. Lokalisation, Zahnfleischbefund, Hautausschlag und Allgemeinzustand helfen bei der Unterscheidung. Ein Kind, das kaum trinkt, deutlich weniger uriniert, sehr schläfrig wirkt, Nackensteife oder Atemprobleme entwickelt, benötigt rasch medizinische Hilfe.

63 Mundsoor und Pilzinfektionen

Candida kann bei Babys, nach Antibiotika, bei inhalativen Kortikosteroiden oder Immunschwäche übermäßig wachsen. Weißliche Beläge lassen sich schwer abwischen; gerötete schmerzhafte Flächen können zurückbleiben. Bei stillenden Paaren können Brustwarze und Mund des Babys wechselseitig Beschwerden unterhalten, allerdings sind Brustwarzenschmerzen nicht automatisch Soor.

Diagnose und antimykotische Behandlung gehören fachlich begleitet. Bei Asthmasprays wird nach inhalativem Kortison der Mund – sofern das Kind es kann – ausgespült beziehungsweise etwas getrunken; ein Spacer verbessert die Anwendung. Wiederholter, ungewöhnlich schwerer Soor jenseits des Säuglingsalters kann eine weitere Abklärung verlangen.

64 Mundwinkelragaden und rissige Lippen

Risse an den Mundwinkeln entstehen durch Feuchtigkeit, Lecken, Kälte, mechanische Reizung und manchmal Candida oder Bakterien. Selten tragen Eisen- oder Vitaminmangel bei. Eine schützende fettreiche Barriere und das Vermeiden dauernden Lippenleckens helfen häufig. Anhaltende, beidseitige oder entzündete Veränderungen sollten beurteilt werden.

Rissige Lippen bedeuten nicht automatisch Austrocknung, können aber gemeinsam mit trockenem Mund und wenig Urin darauf hinweisen. Lippenpflege mit Duft- oder Aromastoffen kann Reizungen auslösen. Bei Sonne schützt ein altersgeeigneter Lippenbalsam mit Lichtschutzfaktor.

65 Landkartenzunge, Faltenzunge und normale Varianten

Bei der Landkartenzunge entstehen glatte rötliche Areale mit hellerem Rand, die Form und Ort wechseln. Sie ist gutartig und nicht ansteckend, kann aber bei scharfen oder sauren Speisen brennen. Eine Faltenzunge besitzt ausgeprägte Rillen und ist meist ebenfalls harmlos; sanfte Reinigung verhindert, dass Speisereste stören.

Eltern entdecken im Mund viele normale Strukturen: sichtbare Ausführungsgänge der Speicheldrüsen, kleine Drüsenpunkte oder symmetrische Knochenvorsprünge. Eine Veränderung, die länger als zwei Wochen besteht, wächst, hart ist, spontan blutet oder mit Gewichtsverlust und Lymphknotenschwellung einhergeht, gehört dennoch untersucht.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Grundlagen: Zähne, Entwicklung und Zahnwechsel Abschnitt 1–8 · 8
  2. 2. Zähneputzen, Zahnpasta und Fluorid Abschnitt 9–22 · 14
  3. 3. Ernährung, Zucker und Getränke Abschnitt 23–32 · 10
  4. 4. Karies erkennen und behandeln Abschnitt 33–50 · 18
  5. 5. Schmelzdefekte, Zahnfleisch und Mundschleimhaut Abschnitt 51–65 · 15
  6. 6. Gewohnheiten, Kiefer und Zahnspange Abschnitt 66–76 · 11
  7. 7. Zahnunfall und Zahnschmerz Abschnitt 77–87 · 11
  8. 8. Produkte, Pflegemittel und Umfeld Abschnitt 88–97 · 10
  9. 9. Kinder mit besonderen gesundheitlichen Voraussetzungen Abschnitt 98–121 · 24
  10. 10. Alltag, Familie und Altersstufen Abschnitt 122–150 · 29
  11. 11. Diagnostik, Materialien und Befunde Abschnitt 151–201 · 51
  12. 12. Versorgung, Recht und Vertrauen Abschnitt 202–220 · 19
  13. 13. Elternfragen: Zähneputzen und Zahnpflegemittel Abschnitt 221–240 · 20
  14. 14. Elternfragen: Zähne, Spange und Behandlung Abschnitt 241–292 · 52
  15. 15. Elternfragen: Zahnen, Essen und Trinken Abschnitt 293–312 · 20
  16. 16. Elternfragen: Freizeit, Jugend und Unfall Abschnitt 313–359 · 47
  17. 17. Checklisten, Fachbegriffe und Quellen Abschnitt 360–373 · 14