Was in Praxis und Notaufnahme geschieht, wenn eine Blutung nicht von selbst steht: von der Verödung über die Tamponade bis zu den Medikamenten und den seltenen Fällen, in denen mehr nötig ist.

Wichtiger Hinweis

Die meisten Nasenblutungen bei Kindern sehen dramatischer aus, als sie medizinisch sind. Fast immer stammt das Blut aus kleinen Gefäßen im vorderen Teil der Nasenscheidewand. Mit der richtigen Technik hört die Blutung meist auf.

Das Kind aufrecht hinsetzen, den Kopf leicht nach vorn neigen und den weichen Teil der Nase direkt unterhalb des knöchernen Nasenrückens fest zusammendrücken. Mindestens zehn Minuten ohne Loslassen drücken und durch den Mund atmen lassen. Nicht zwischendurch nachsehen. Blut aus dem Mund ausspucken lassen, nicht absichtlich schlucken.

Sofort 144 beziehungsweise 112 rufen, wenn das Kind kreislaufinstabil wirkt, schwer atmet, sehr viel Blut verliert, bewusstlos wird, Blut nach schwerer Kopf- oder Gesichtsverletzung austritt oder die Blutung trotz korrekt ausgeführter Kompression nicht beherrschbar ist. Bei bekannter schwerer Gerinnungsstörung gilt der persönliche Notfallplan.

Österreich: Rettung 144, Euro-Notruf 112.

28 Akutbehandlung in Praxis oder Notaufnahme

Auch medizinisch beginnt die Behandlung mit fester Kompression. Gleichzeitig werden Kreislauf, Atemweg und Blutverlust eingeschätzt. Blutgerinnsel können vorsichtig entfernt werden, damit ein gefäßverengendes Medikament oder eine Untersuchung die Schleimhaut erreicht.

Topische Vasokonstriktoren ziehen Gefäße zusammen. Auswahl und Dosis hängen von Alter, Vorerkrankungen und regionaler Praxis ab. Diese Medikamente gehören bei kleinen Kindern nicht unkritisch in die Hausapotheke, weil Verschlucken oder Überdosierung Herz-Kreislauf- und Nervensystem schädigen können.

Ist eine konkrete vordere Blutungsstelle sichtbar, kommen Befeuchtung, gezielte Verödung oder andere lokale Verfahren infrage. Ist die Stelle wegen anhaltender Blutung nicht erkennbar, kann eine Tamponade erforderlich werden.

29 Verödung mit Silbernitrat

Bei der chemischen Verödung wird ein sichtbares verdächtiges Gefäß nach lokaler Betäubung kurz und gezielt mit Silbernitrat behandelt. Es entsteht eine kontrollierte oberflächliche Gewebsreaktion, die das Gefäß verschließt.

Nur der vermutete Blutungsbereich wird behandelt. Großflächige oder gleichzeitig gegenüberliegende Verödung an beiden Seiten der Nasenscheidewand erhöht das Risiko einer Schleimhautschädigung und eines Lochs in der Scheidewand. Die konkrete Technik gehört in erfahrene Hände.

Eine Cochrane-Übersicht fand insgesamt zu wenig hochwertige Studien, um die beste Behandlung wiederkehrenden kindlichen Nasenblutens festzulegen. Wenn Silbernitrat verwendet wurde, war 75-prozentiges Silbernitrat kurzfristig wirksamer und weniger schmerzhaft als 95-prozentiges. Diese Erkenntnis rechtfertigt keine Selbstbehandlung mit Ätzmitteln.

30 Elektrische Verödung und weitere lokale Verfahren

Elektrokoagulation verschließt Gefäße durch kontrollierte Wärme. Sie kann bei ausgewählten, hartnäckigen Blutungen unter geeigneter Betäubung oder Narkose eingesetzt werden. Wie bei Silbernitrat müssen gesundes Gewebe und Nasenscheidewand geschont werden.

Laser- und andere Verfahren spielen vor allem in Spezialzentren und bei besonderen Gefäßerkrankungen eine Rolle. Welches Verfahren sinnvoll ist, hängt von Lage, Ursache, Alter, früheren Behandlungen und Erfahrung des Teams ab.

Eine technische Behandlung ersetzt die Vorbeugung nicht. Bleibt die Schleimhaut trocken oder wird weiter daran manipuliert, können andere Gefäße erneut bluten.

31 Nasentamponade

Eine Tamponade übt von innen Druck auf die Blutungsstelle aus. Es gibt aufquellende Schwämmchen, Ballonkatheter, Gazestreifen und auflösbare Materialien. Auswahl und Größe richten sich nach Alter, vermuteter Blutungsstelle und Blutungsrisiko.

Das Einlegen kann unangenehm sein und benötigt gute Schmerzbehandlung, Erklärung und manchmal Sedierung. Ein Kind mit Tamponade wird auf Atmung, erneute Blutung und Kreislauf beobachtet. Eltern erhalten genaue Angaben darüber, welches Material liegt, ob und wann es entfernt werden muss und welche Warnzeichen eine sofortige Rückkehr erfordern.

Bei vermuteter Gerinnungsstörung oder gerinnungshemmenden Medikamenten empfiehlt die HNO-Leitlinie bevorzugt resorbierbares, also selbstauflösendes Material. So wird eine erneute Blutung beim Herausziehen vermieden. Eltern entfernen eine Tamponade niemals ohne Anweisung.

32 Antibiotika bei einer Tamponade

Antibiotika sind nicht automatisch bei jeder vorderen Nasentamponade erforderlich. Das Infektionsrisiko hängt von Material, Liegedauer, Blutungsort, Begleiterkrankungen und lokalen Vorgaben ab. Die Evidenz für eine routinemäßige Vorbeugung ist begrenzt.

Bei länger liegender, hinterer oder nicht resorbierbarer Tamponade sowie bei besonderen Risikofaktoren entscheidet das Behandlungsteam individuell. Fieber, zunehmender Gesichtsschmerz, übler Geruch oder deutliche Verschlechterung werden sofort gemeldet.

Ein Tamponadenfaden wird nicht abgeschnitten und das Material nicht zurückgeschoben. Kleine Kinder dürfen nicht daran ziehen; gegebenenfalls sind engmaschige Aufsicht und stationäre Überwachung nötig.

33 Tranexamsäure

Tranexamsäure bremst den Abbau von Fibrin, also des stabilisierenden Netzes im Blutpfropf. Sie kann lokal oder systemisch verwendet werden. Studien, überwiegend an Erwachsenen, deuten darauf hin, dass lokal angewandte Tranexamsäure Blutungen schneller kontrollieren und erneute Blutungen reduzieren kann.

Für Kinder, verschiedene Ursachen und unterschiedliche Darreichungsformen ist die Evidenz weniger sicher. Anwendung, Dosis und Gegenanzeigen gehören deshalb in ärztliche Hand oder in einen persönlichen Notfallplan einer Gerinnungsambulanz. Eine Ampulle oder Tablette wird nicht eigenmächtig in die Nase gegeben.

Bei Hämophilie, von-Willebrand-Erkrankung oder HHT kann Tranexamsäure Teil eines spezialisierten Konzepts sein. Das ersetzt lokale Kompression und die Behandlung einer schweren Blutung nicht.

34 Desmopressin und Gerinnungsfaktoren

Desmopressin kann bei bestimmten Formen der von-Willebrand-Erkrankung und bei milder Hämophilie A vorübergehend körpereigenen von-Willebrand-Faktor und Faktor VIII freisetzen. Es wirkt nicht bei jeder Form und kann bei falscher Anwendung den Salz-Wasser-Haushalt gefährlich stören.

Gerinnungsfaktorkonzentrate oder von-Willebrand-Faktor-Präparate werden bei entsprechenden Diagnosen eingesetzt. Kinder mit bekannter Blutungsstörung sollten einen schriftlichen Plan, Medikamentenausweis und Kontakt zur Gerinnungsambulanz haben.

Eltern verabreichen solche Medikamente nur wie individuell geschult. Bei schwerer Blutung wird die Akutversorgung nicht verzögert, während nach Unterlagen gesucht wird; die Diagnose wird dem Rettungsteam sofort genannt.

35 Wenn Tamponade und Verödung nicht reichen

Anhaltende oder wiederkehrende schwere Blutungen trotz lokaler Behandlung benötigen ein spezialisiertes HNO-Team. Mit Endoskopie lässt sich das Gefäß genauer lokalisieren. Operativ kann eine zuführende Arterie abgebunden oder mit Clips verschlossen werden.

Eine Embolisation erfolgt durch interventionelle Radiologie. Über einen Katheter werden Blutgefäße gezielt verschlossen. Das kann sehr wirksam sein, birgt aber selten schwere Risiken wie Gewebe-, Augen- oder neurologische Schäden. Bei Kindern wird die Indikation besonders streng gestellt.

Diese Verfahren sind für gewöhnliches vorderes Nasenbluten fast nie nötig. Sie werden erwähnt, damit Eltern verstehen, dass auch eine hartnäckige Blutung abgestufte Behandlungsmöglichkeiten hat.

36 Bluttransfusion und Kreislaufstabilisierung

Bei großem Blutverlust werden venöse Zugänge gelegt, Blutbild und Gerinnung geprüft und der Kreislauf stabilisiert. Blutprodukte sind selten nötig, können bei Schock oder schwerer Blutarmut aber lebensrettend sein.

Die Entscheidung richtet sich nicht nach einem einzelnen Laborwert. Blutungsaktivität, Kreislauf, Vorerkrankung, Symptome und Hämoglobinverlauf werden gemeinsam beurteilt. Akuter Blutverlust kann anfangs trotz gefährlicher Situation noch einen scheinbar normalen Hämoglobinwert zeigen.

Bei nicht lebensbedrohlicher Blutung werden lokale Maßnahmen bevorzugt, bevor eine wichtige gerinnungshemmende Behandlung rückgängig gemacht wird. Bei lebensbedrohlicher Blutung setzt das Notfallteam andere Prioritäten.

Alle Kapitel dieses Ratgebers

  1. 1. Sofortmaßnahmen bei Nasenbluten Abschnitt 1–3 · 3
  2. 2. Richtig helfen und einordnen Abschnitt 4–10 · 7
  3. 3. Ursachen und Auslöser Abschnitt 11–22 · 12
  4. 4. Abklärung in der Praxis Abschnitt 23–27 · 5
  5. 5. Behandlung Abschnitt 28–36 · 9
  6. 6. Vorbeugen und Alltag Abschnitt 37–47 · 11
  7. 7. Fragen, Einordnung und Quellen Abschnitt 48–56 · 9