Chronische myeloische Leukämie (CML) bei Kindern
Die chronische myeloische Leukämie (CML) ist eine bösartige Erkrankung der blutbildenden Stammzellen, die durch eine charakteristische chromosomale Veränderung – das sogenannte Philadelphia-Chromosom mit dem daraus entstehenden BCR-ABL1-Fusionsgen – ausgelöst wird und zu einer unkontrollierten Vermehrung reifer und heranreifender Zellen der myeloischen Zellreihe führt. Im Kindes- und Jugendalter ist sie mit einem Anteil von nur rund 2 bis 3 Prozent aller Leukämien deutlich seltener als bei Erwachsenen, bei denen sie zu den häufigsten Leukämieformen überhaupt zählt. Anders als die akuten Leukämien verläuft die CML meist über Jahre zunächst schleichend in einer sogenannten chronischen Phase und wird bei Kindern nicht selten zufällig im Rahmen einer Routineblutuntersuchung oder wegen einer tastbaren Milzvergrößerung entdeckt – sie kann jedoch unbehandelt über eine akzelerierte Phase in eine akute, der AML oder ALL ähnelnde Blastenkrise übergehen. Seit der Einführung von Tyrosinkinase-Hemmern wie Imatinib zu Beginn der 2000er-Jahre hat sich die Behandlung grundlegend gewandelt: Aus einer Erkrankung, die früher fast ausschließlich durch eine Stammzelltransplantation heilbar war, ist eine in den meisten Fällen medikamentös gut kontrollierbare chronische Erkrankung geworden – auch wenn die oft jahrelange Einnahme dieser Medikamente im Wachstumsalter eigene Fragen zu Nebenwirkungen und Therapiedauer aufwirft. Nicht zu verwechseln ist die kindliche CML mit der biologisch eigenständigen juvenilen myelomonozytären Leukämie (JMML), die trotz ähnlichen Namens ohne Philadelphia-Chromosom verläuft und einem eigenen Ratgeber vorbehalten ist. Dieser Artikel erklärt verständlich und wissenschaftlich fundiert, wie die Diagnose gestellt wird, welche Symptome und Warnzeichen wichtig sind und was Familien über Molekulargenetik, Therapie, Prognose und Nachsorge wissen sollten.
So ist dieser Ratgeber aufgebaut
Dieser Artikel wertet Leitlinien, Studien und Fachliteratur aus dem deutsch-, englisch-, französisch- und spanischsprachigen Raum aus – darunter Empfehlungen pädiatrisch-onkologischer und -hämatologischer Fachgesellschaften sowie aktuelle WHO- und ELN-Klassifikationen – und fasst sie zu einem einzigen, wissenschaftlich fundierten Überblick zusammen. Die Kapitel folgen dem üblichen Ablauf einer Diagnosestellung: von Krankheitsbild und Ursachen über Epidemiologie, Symptome und Diagnostik bis zu Therapie, Prognose und Nachsorge. Eltern, die vor allem wissen möchten, wann sofortiges Handeln notwendig ist, finden im Kapitel „Warnzeichen" eine interaktive Ampel, die typische Alarmsymptome – etwa Anzeichen einer akzelerierten Phase oder Blastenkrise – nach Dringlichkeit einordnet und konkrete Handlungsempfehlungen gibt. Die häufig gestellten Fragen am Ende bündeln die praktischen Anliegen, die im Gespräch mit betroffenen Familien am häufigsten aufkommen.
Wichtiger Hinweis
Auch wenn sich die chronische myeloische Leukämie bei Kindern oft langsamer und unauffälliger entwickelt als akute Leukämieformen, handelt es sich um eine ernste bösartige Bluterkrankung, deren Diagnosesicherung und Behandlung ausschließlich in ein spezialisiertes kinderonkologisches beziehungsweise pädiatrisch-hämatologisches Zentrum mit nachgewiesener Erfahrung in der Behandlung kindlicher Leukämien gehören. Nur dort stehen die notwendige Diagnostik – etwa Knochenmarkpunktion, Zytogenetik zum Nachweis des Philadelphia-Chromosoms und die molekulargenetische BCR-ABL1-Verlaufskontrolle –, eine leitliniengerechte Auswahl und Dosierung der Tyrosinkinase-Hemmer sowie im Bedarfsfall eine allogene Stammzelltransplantation zur Verfügung. Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keinesfalls die individuelle Diagnose, Beratung und Behandlung durch die betreuenden Fachärztinnen und Fachärzte. Bestehen bei Ihrem Kind Anzeichen, die auf eine CML oder deren Übergang in eine akzelerierte Phase beziehungsweise Blastenkrise hindeuten könnten – etwa eine tastbare Milzvergrößerung, anhaltende Müdigkeit und Blässe, ungewöhnliche Blutungsneigung, Knochenschmerzen oder unerklärliches Fieber –, suchen Sie bitte umgehend ärztlichen Rat, statt sich allein auf die Informationen dieser Seite zu verlassen.
1. Krankheitsbild und Definition
Die chronische myeloische Leukämie (CML) ist eine bösartige Erkrankung des blutbildenden Knochenmarks, bei der sich eine einzelne entartete Blutstammzelle unkontrolliert vermehrt und ihre Abkömmlinge nach und nach das gesamte blutbildende System und das periphere Blut durchsetzen. Anders als die im Kindesalter weitaus häufigeren akuten Leukämien beginnt die CML meist schleichend über Monate bis Jahre – daher der Namensbestandteil „chronisch". Bei Kindern und Jugendlichen ist sie eine ausgesprochen seltene Diagnose, die sich in ihrer Biologie und Definition jedoch nicht von der CML des Erwachsenenalters unterscheidet: Entscheidend ist in jedem Lebensalter der Nachweis derselben genetischen Leitveränderung in den Leukämiezellen, des sogenannten Philadelphia-Chromosoms.
Das Philadelphia-Chromosom: die genetische Signatur der CML
Das Philadelphia-Chromosom entsteht durch einen wechselseitigen Bruch und Stückaustausch (Translokation) zwischen den Chromosomen 9 und 22, in der Fachsprache als t(9;22)(q34;q11) bezeichnet. Dabei gelangt ein Genabschnitt namens ABL1 von Chromosom 9 direkt neben das BCR-Gen auf dem verkürzten Chromosom 22 und verschmilzt mit ihm zu einem neuen Fusionsgen: BCR::ABL1. Dieses Gen kommt in gesunden Zellen nicht vor. Es liefert die Bauanleitung für ein Eiweiß mit einer dauerhaft „eingeschalteten" Enzymaktivität (Tyrosinkinase), die der Zelle ununterbrochen das Signal „wachsen und teilen" gibt und damit die eigentliche Krankheitsursache der CML ist. Der Nachweis dieser Veränderung ist bei praktisch jedem Kind und jeder erwachsenen Person mit CML zweifelsfrei möglich und gilt als notwendige Bedingung für die Diagnose.
In der WHO-Klassifikation myeloischer Neoplasien wird die CML unabhängig vom Lebensalter als eigenständige, BCR::ABL1-positive myeloproliferative Neoplasie geführt – eine gesonderte, im Kindesalter abweichende WHO-Unterform existiert nicht. Weil die pädiatrische CML aber so selten ist, hat eine internationale Expertengruppe um Meinolf Suttorp, Frédéric Millot und Markus Metzler 2021 eigens „essenzielle" und „wünschenswerte" diagnostische Mindestkriterien für Kinder formuliert, um die Diagnosestellung weltweit zu vereinheitlichen und einheitlich nach WHO-Nomenklatur und ICD-11 zu kodieren.
Klinisch und für die Behandlungsplanung wird der natürliche, unbehandelte Verlauf der CML in drei Phasen unterteilt, die den Grad der bereits eingetretenen Entdifferenzierung der Leukämiezellen widerspiegeln:
| Phase | Kennzeichen | Häufigkeit bei Kindern |
|---|---|---|
| Chronische Phase (CP) | weniger als 10 % Blasten in Blut und Knochenmark; meist gutes Ansprechen auf eine zielgerichtete Therapie | ganz überwiegende Mehrheit der Kinder wird in dieser Phase diagnostiziert |
| Akzelerierte Phase (AP) | 10–19 % Blasten, 20 % oder mehr Basophile im Blut, zusätzliche Chromosomenveränderungen und/oder Knochenmarkfibrose | selten bei Erstdiagnose |
| Blastenphase / Blastenkrise (BP) | 20 % oder mehr Blasten in Blut oder Knochenmark, oder Blasteninfiltrate außerhalb des Knochenmarks; biologisch einer akuten Leukämie vergleichbar | bereits bei Erstdiagnose betroffen: 11 % der Kinder im deutschen GPOH-Register CML-paed-II (25 von 231 Patient:innen) |
Eine für die Kinderheilkunde besonders wichtige Klassifikationsfrage betrifft die Abgrenzung der CML von einer ganz anderen, aber namentlich leicht zu verwechselnden Erkrankung: der juvenilen myelomonozytären Leukämie (JMML). Diese wurde in älterer Fachliteratur – auch im deutsch- und französischsprachigen Raum – irreführend ebenfalls als „juvenile CML" bezeichnet, obwohl sie biologisch grundverschieden ist: Sie ist Philadelphia-Chromosom-negativ und wird stattdessen von Mutationen im RAS-Signalweg angetrieben. Da beide Erkrankungen unterschiedliche Therapien erfordern, ist eine zytogenetische und molekulare Sicherung vor jeder Diagnosestellung zwingend.
CML und JMML im Vergleich: zwei historisch verwechselte, aber grundverschiedene Erkrankungen
Chronische myeloische Leukämie (CML)
Juvenile myelomonozytäre Leukämie (JMML)
Trotz der historisch ähnlichen Namensgebung handelt es sich um zwei eigenständige Krankheitsbilder mit unterschiedlicher Genetik, unterschiedlichem Erkrankungsalter und komplett unterschiedlicher Behandlung. Erst der zytogenetische und molekulargenetische Nachweis oder Ausschluss des Philadelphia-Chromosoms erlaubt die sichere Unterscheidung.
2. Epidemiologie weltweit und im Ländervergleich
Die CML im Kindes- und Jugendalter zählt zu den seltensten onkologischen Diagnosen der Pädiatrie überhaupt. Sie macht nach übereinstimmenden internationalen Angaben nur 2–3 % aller Leukämien im Kindesalter aus, bei Jugendlichen liegt der Anteil mit rund 9 % deutlich höher, da die Erkrankungshäufigkeit mit zunehmendem Alter kontinuierlich ansteigt und sich erst im Erwachsenenalter der dortigen, wesentlich höheren Inzidenz annähert.
Der Vergleich mit der Erwachsenen-CML macht die pädiatrische Sonderstellung besonders deutlich: Während in Deutschland jährlich etwa 1.100 Erwachsene neu erkranken (Schweiz und Österreich je 100–120 Fälle/Jahr) mit einem Erkrankungsgipfel zwischen dem 55. und 60. Lebensjahr, liegt die Zahl bei Kindern und Jugendlichen bei nur 15 bis 20 Fällen pro Jahr in ganz Deutschland – die Erkrankung vor dem 3. Lebensjahr gilt dabei als extrem selten. Auch international liegt das mediane Diagnosealter im Kindesregister mit 12,2 Jahren deutlich im späteren Kindes- und Jugendalter; sehr junge Kinder unter 3 Jahren sind zwar dokumentiert, bilden aber eine kleine Ausnahmegruppe. Bei der Geschlechterverteilung zeigt sich weltweit ein leichter, aber konsistenter Jungenüberschuss von etwa 1,3 zu 1.
Belastbare deutsche Anhaltspunkte zur tatsächlichen Fallzahl liefert das GPOH-Register CML-paed-II, das seit dem 1. Januar 2016 unter Leitung des Universitätsklinikums Erlangen läuft: Bis zur Auswertung 2025 waren dort insgesamt 231 pädiatrische Patientinnen und Patienten erfasst – eine Größenordnung, die zu den Onkopedia-Schätzungen von 15 bis 20 Neuerkrankungen pro Jahr passt. Eine gesonderte, öffentlich frei zugängliche CML-spezifische Kennzahl aus den Jahresberichten des Deutschen Kinderkrebsregisters (DKKR, Mainz) ließ sich im Rahmen dieser Recherche nicht verifizieren; das wird hier bewusst offen benannt, statt eine Zahl zu schätzen.
Im internationalen Vergleich fällt auf, dass praktisch kein Land über eigene, statistisch stabile nationale Inzidenzzahlen für die pädiatrische CML verfügt – bei jährlich nur ein bis zwei Fällen pro Million Kindern sind die absoluten Fallzahlen pro Staat schlicht zu klein für eigenständige epidemiologische Studien. Belgien dokumentierte in einer landesweiten historischen Kohorte über mehrere Jahrzehnte hinweg nur 14 Kinder und Jugendliche mit CML, entsprechend „kaum zwei pro Million" und Jahr. Für Frankreich, Spanien und weite Teile Lateinamerikas konnten trotz gezielter Suche keine eigenständigen nationalen Inzidenzstudien identifiziert werden. Genau aus diesem Grund hat sich für die pädiatrische CML weltweit ein anderes Modell durchgesetzt als etwa bei den akuten Leukämien: die gemeinsame, europäisch geführte Registerforschung.
| Land / Region | Kennzahl pädiatrische CML | Besonderheit |
|---|---|---|
| Deutschland | 15–20 Neuerkrankungen/Jahr | eigenes Register GPOH CML-paed-II seit 2016 (231 Patient:innen bis 2025); Zentren Dresden und Erlangen international federführend |
| Belgien | rund 2 Fälle/Million/Jahr | landesweite historische Kohorte, n=14 über mehrere Jahrzehnte |
| USA / internationale Literatur | ~1/Mio. Kinder, 2,2/Mio. Jugendliche | keine eigenständige, CML-spezifische SEER-Auswertung auffindbar; CML macht ca. 9 % aller Jugendleukämien aus |
| Frankreich | keine eigene nationale Zahl verifizierbar | koordiniert gemeinsam mit Dresden das weltweite internationale Kinderregister (Universitätsklinikum Poitiers) |
| Spanien / Lateinamerika | keine eigene nationale Inzidenzstudie auffindbar | Teilnahme über die spanische Studieninfrastruktur ECLIM-SEHOP bzw. einzelne Zentren (u. a. Brasilien) am internationalen Register |
| International (Registerkohorte) | 535 Kinder/Jugendliche in chronischer Phase erfasst | über 20 beteiligte Länder auf vier Kontinenten, medianes Alter 12,2 Jahre |
Deutschland nimmt in diesem internationalen Geflecht eine besonders aktive Rolle ein: Gemeinsam mit dem französischen Zentrum Poitiers koordinieren die deutschen Standorte Dresden und Erlangen das „International Registry for Chronic Myeloid Leukemia in Children and Adolescents", das Ende 2019 bereits über 550 registrierte Patientinnen und Patienten zählte und dessen aktuellste, nach strengen Einschlusskriterien für die chronische Phase ausgewertete Kohorte 535 Kinder und Jugendliche umfasst. Ein erheblicher Teil der weltweiten Evidenz zur pädiatrischen CML stammt damit unmittelbar aus deutsch-europäischer Forschung und nicht, wie bei vielen anderen Krebserkrankungen üblich, primär aus nordamerikanischen oder asiatischen Studiengruppen. Belastbare Hinweise auf eine von dieser internationalen Gesamtschau abweichende Inzidenz, Alters- oder Geschlechtsverteilung speziell im deutschsprachigen Raum gibt es nicht; die Erkrankung gilt weltweit als gleich selten im Kindesalter.
Wie breit dieses Registernetzwerk mittlerweile aufgestellt ist, zeigt allein die Liste der beteiligten Länder: Neben Deutschland, Frankreich, Belgien und Spanien tragen unter anderem Polen, Tschechien, die Slowakei, Kroatien, Dänemark, die Niederlande, Österreich, die Türkei, Griechenland, der Libanon, Belarus, Brasilien, Hongkong und Japan Fallzahlen zum internationalen Register bei. Diese Breite ist für eine derart seltene pädiatrische Erkrankung ungewöhnlich und zugleich notwendig, weil selbst mittelgroße Länder allein niemals genügend Fälle für eine eigene statistisch belastbare Auswertung zusammenbekämen. Sie macht aber auch sichtbar, dass der Zugang zu Diagnostik und Therapie weltweit sehr unterschiedlich ist: Fallberichte der International CML Foundation (iCMLf) aus Ländern mit begrenzten Ressourcen – etwa zu einem neunjährigen Jungen aus Brasilien (2025) – schildern einen eingeschränkten Zugang zu Zweitgenerations-TKI und zu der engmaschigen molekularen Kontrolle, die für einen sicheren Therapieauslassversuch nötig wäre. Innerhalb des Registers selbst ist die Datenqualität davon nicht betroffen, doch außerhalb der beteiligten Zentren dürfte die Versorgungsrealität für Kinder mit CML in einem Teil der Welt spürbar von der hier beschriebenen, überwiegend europäisch geprägten Situation abweichen.
3. Entstehung, Pathophysiologie und Molekulargenetik
Am Anfang jeder pädiatrischen CML steht ein einziges zufälliges genetisches Ereignis in einer einzelnen blutbildenden Stammzelle: die bereits beschriebene Translokation t(9;22)(q34;q11) mit Entstehung des BCR::ABL1-Fusionsgens. Bekannte erbliche oder umweltbedingte Auslöser dieser Translokation sind bislang nicht identifiziert; die Erkrankung gilt klassisch als nicht familiär gehäuft. Das Fusionsprotein wirkt als permanent „angeschaltete" Tyrosinkinase und treibt darüber die klonale, also von dieser einen veränderten Ursprungszelle ausgehende Vermehrung myeloischer Vorläuferzellen an – eine Erkrankung, die deshalb auch als klonale Panmyelopathie beschrieben wird, weil im Prinzip alle Zelllinien der Blutbildung betroffen sein können. Auf molekularer Ebene lassen sich beim entstehenden BCR::ABL1-Transkript unterschiedliche Bruchpunktvarianten unterscheiden; bei Kindern wie bei Erwachsenen sind die Varianten e13a2 und e14a2 mit zusammen 98 % der Fälle ganz überwiegend vertreten und bilden die molekulare Grundlage für das spätere PCR-gestützte Therapiemonitoring.
Bereits bei der Erstdiagnose lassen sich bei einem Teil der Kinder über das Philadelphia-Chromosom hinaus weitere, sogenannte zusätzliche zytogenetische Aberrationen (ACA) nachweisen – etwa ein zweites Philadelphia-Chromosom (+Ph), eine zusätzliche Kopie von Chromosom 8 (+8), ein isochromosomales 17q [i(17q)], eine zusätzliche Kopie von Chromosom 19 (+19) oder ein komplexer, mehrfach veränderter Karyotyp. Diese Zusatzveränderungen gelten sowohl in der Onkopedia-Leitlinie als auch im internationalen Kinderregister übereinstimmend als Hochrisikoindikatoren, die bereits bei Diagnosestellung auf einen ungünstigeren Verlauf hindeuten können.
Wie häufig solche Zusatzveränderungen bei Kindern tatsächlich vorkommen, hat eine eigene zytogenetische Landschaftsanalyse des internationalen Registers (CML-PAED/ISCML-Kollektiv) an 161 Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren in chronischer Phase untersucht (Cancers 2022). Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, ob zusätzliche zytogenetische Aberrationen bereits innerhalb der chronischen Phase einen eigenständigen Risikofaktor darstellen – ein Befund, der die Praxis stützt, ACA heute routinemäßig bei jeder pädiatrischen CML-Diagnose zytogenetisch mitzubestimmen, unabhängig vom ELTS-Score, der solche Zusatzbefunde nicht abbildet, weil er ursprünglich für Erwachsene ohne systematische ACA-Erfassung entwickelt wurde.
Besonders aufschlussreich für das Verständnis der Krankheitsprogression sind neuere molekulargenetische Auswertungen des deutschen GPOH-Registers CML-paed-II: Von den 231 dort erfassten Kindern befanden sich 25 (11 %) bereits bei Erstdiagnose in der fortgeschrittenen Blastenphase. Bei den molekulargenetisch näher untersuchten Fällen mit ausreichendem Untersuchungsmaterial (n=19) fanden sich am häufigsten somatische Veränderungen in den Genen ABL1 (5 Fälle), RUNX1 (2 Fälle) und ASXL1 (2 Fälle). Ein besonders bemerkenswerter Befund: Bei 9 von 19 Kindern (47 %) mit Blastenphase lagen zusätzlich pathogene Veränderungen in Genen der zellulären DNA-Schadensantwort (DNA damage response, DDR) vor – gegenüber lediglich 1 von 19 (5 %) in einer Vergleichsgruppe von Kindern in chronischer Phase. Dieser deutliche Unterschied liefert einen Hinweis darauf, dass ererbte oder früh erworbene Schwachstellen in der zelleigenen DNA-Reparatur eine Rolle bei der Umwandlung einer zunächst chronischen CML in die aggressive Blastenphase spielen könnten.
Eine ergänzende, europäisch geführte Registerauswertung wirft zusätzlich ein neues Licht auf die Frage, warum CML überhaupt schon im Kindesalter auftreten kann, obwohl sie eigentlich als typische Alterserkrankung des Erwachsenen gilt: Bei rund 60 % der untersuchten pädiatrischen CML-Patientinnen und -Patienten fanden sich Keimbahnvarianten – also bereits von Geburt an in allen Körperzellen vorhandene genetische Veränderungen – in Genen, die für die Blutbildung bedeutsam sind, am häufigsten in ASXL1, NOTCH1, KDM6B und TET2. Nur bei etwa 10 % dieser Varianten ließ sich allerdings eine eindeutig krebsfördernde (pathogene) Wirkung sicher belegen. Die Autoren formulieren daraus die Hypothese, dass solche meist für sich genommen schwachen Keimbahnveränderungen mit dem hochwirksamen Onkogen BCR::ABL1 zusammenwirken und auf diese Weise das für Kinder ungewöhnlich frühe Auftreten der Erkrankung mitbegünstigen könnten. Es handelt sich hierbei ausdrücklich um eine Forschungshypothese und keinen bereits gesicherten Krankheitsmechanismus.
Zusammengenommen zeigt die molekulargenetische Forschung der vergangenen Jahre, dass die pädiatrische CML zwar auf derselben zentralen genetischen Leitveränderung beruht wie die Erwachsenen-CML, in ihrer genetischen Begleitlandschaft – von zusätzlichen chromosomalen Aberrationen über DNA-Reparatur-Gendefekte bis zu prädisponierenden Keimbahnvarianten – aber eigene, spezifisch kindliche Fragestellungen aufwirft, die in der auf Erwachsene ausgerichteten CML-Forschung bislang keine vergleichbare Rolle gespielt haben.
4. Symptome und klinisches Bild
Die chronische myeloische Leukämie beginnt bei Kindern und Jugendlichen fast immer schleichend. Viele Familien berichten zunächst nur von uncharakteristischer Müdigkeit, Blässe, Appetitlosigkeit oder Gewichtsverlust über Wochen bis Monate; nicht selten wird die Erkrankung als Zufallsbefund bei einer Blutbildkontrolle aus ganz anderem Anlass entdeckt. Die derzeit größte verfügbare Datengrundlage zur Erstpräsentation stammt aus dem internationalen Kinderregister mit 535 Kindern und Jugendlichen in chronischer Phase (Millot et al. 2026, Haematologica):
Die Splenomegalie ist damit das mit Abstand häufigste körperliche Untersuchungsbefund und oft der Grund, warum überhaupt ein Blutbild veranlasst wird – gefolgt von Bauchschmerzen oder einem Völlegefühl durch die vergrößerte Milz, gelegentlich auch Knochenschmerzen. Auffällig ist der extrem hohe Leukozytenwert, der bei pädiatrischer CML im Median deutlich über den bei Erwachsenen üblichen Werten liegt: Trotzdem zeigt das Knochenmark in der chronischen Phase meist nur einen gering erhöhten Blastenanteil – ein für CML typisches Missverhältnis zwischen extremer Zellzahl im Blut und weitgehend erhaltener, geordneter Ausreifung der Blutzellen.
Anämie und Blutungszeichen
Neben der Splenomegalie ist die Anämie ein sehr häufiger und klinisch bedeutsamer Befund. In einer Auswertung von 430 Kindern des internationalen Registers lag bei Diagnose bei 81 % eine Anämie vor, mit einem mittleren Hämoglobinwert von 96,4 g/l (Delehaye et al. 2023, Annals of Hematology). Bemerkenswert ist, dass eine mittelschwere bis schwere Anämie bei Diagnose statistisch mit einem verzögerten molekularen Ansprechen und einer höheren Rate an Imatinib-Versagen assoziiert war – die Anämie bei Erstvorstellung ist also nicht nur ein Begleitsymptom, sondern möglicherweise ein früher prognostischer Hinweis.
Blutungszeichen (bei rund einem Fünftel der Kinder) wirken auf den ersten Blick paradox, weil bei CML durch die massive Überproduktion myeloischer Zellen häufig gleichzeitig eine Thrombozytose besteht. Erklärt wird dies durch ein erworbenes von-Willebrand-Syndrom: Bei extremer Thrombozytose wird der von-Willebrand-Faktor vermehrt durch die Blutplättchen gebunden und abgebaut, sodass trotz hoher Thrombozytenzahl eine funktionelle Gerinnungsstörung mit erhöhter Blutungsneigung entsteht – Thrombosen sind bei pädiatrischer CML dagegen selten, Blutungskomplikationen wie Epistaxis, gastrointestinale Blutungen oder in seltenen Fällen intrakranielle Blutungen kommen dagegen vor (Roy Moulik et al. 2025, Pediatric Blood & Cancer).
Notfallzeichen: Leukostase-Syndrom, Priapismus und Milzkomplikationen
Eine ausgeprägte Hyperleukozytose kann zu einer Leukostase führen: Die stark vermehrten, teils funktionell veränderten weißen Blutzellen verlegen kleine Gefäße und behindern die Mikrozirkulation. Betroffen sein können das zentrale Nervensystem (Kopfschmerzen, Seh- oder Hörstörungen, Verwirrtheit, fokal-neurologische Ausfälle), die Lunge (Ateminsuffizienz), das Herz sowie die Netzhaut. Leukostase-Zeichen lagen bei Erstdiagnose bei 16,5 % der Kinder im internationalen Register vor und gelten als akute Notfallsituation, die eine rasche Zytoreduktion – etwa durch Hydrierung, Hydroxyurea, Leukapherese oder Austauschtransfusion – erfordern kann.
Eine seltene, aber besonders eindrückliche Notfallmanifestation bei Jungen ist der Priapismus: In einer Kohorte von 491 Jungen mit pädiatrischer CML trat er bei 3,2 % als Erstsymptom auf, im medianen Alter von 13,5 Jahren, stets im Zusammenhang mit einer massiven Hyperleukozytose (medianer Leukozytenwert rund 470 × 10⁹/l, Spanne 236,7 bis 899 × 10⁹/l). Bleibt der Priapismus länger als 24 Stunden unbehandelt, drohen eine teilweise oder vollständige erektile Dysfunktion; selbst bei rascher Behandlung behielten in der Langzeitbeobachtung nur 47 % der Betroffenen die volle erektile Funktion. Die Behandlung erfolgt stufenweise mit intravenöser Flüssigkeitsgabe, gegebenenfalls Heparin, penilen Punktionen mit Spülung, sympathomimetischen Medikamenten sowie Leukapherese oder Austauschtransfusion zur raschen Senkung der Leukozytenzahl; in ausgeprägten Fällen kann eine operative Kavernosum-Behandlung nötig werden (Suttorp et al. 2023, Journal of Clinical Medicine). Eine ebenfalls seltene, aber ernste Komplikation der stark vergrößerten Milz ist der Milzinfarkt bis hin zur Milzruptur mit hämorrhagischem Schock.
Unterschiede je nach Alter
Das klinische Bild verschiebt sich mit dem Alter nur graduell, nicht grundsätzlich. In einer gesondert ausgewerteten Kohorte Jugendlicher zwischen 15 und 18 Jahren aus demselben internationalen Register war die Milz seltener tastbar und der mediane Leukozytenwert niedriger als im Gesamtkollektiv, ohne dass sich das Ansprechen auf die Therapie signifikant unterschied (Millot et al. 2026, Cancers):
| Altersgruppe | Tastbare Splenomegalie | Medianer Leukozytenwert |
|---|---|---|
| Gesamtkollektiv, medianes Alter 12,2 Jahre (n=535) | 76 % | 222 × 10⁹/l |
| Jugendliche 15–18 Jahre | 67 % | 181 × 10⁹/l |
Am anderen Ende der Altersspanne stehen sehr junge Kinder unter drei Jahren – eine ausgesprochene Rarität bei einer ohnehin seltenen Erkrankung. In einer Kohorte von 22 Kindern mit einem medianen Alter von 22 Monaten waren 86 % bei Diagnose bereits in der chronischen Phase erfasst (Meral Günes et al. 2021, Pediatric Blood & Cancer) – ein Hinweis darauf, dass auch im Kleinkindalter die Mehrheit der Fälle rechtzeitig vor einer Progression erkannt wird, wenn ein auffälliges Blutbild konsequent abgeklärt wird.
Klinisch bedeutsamer als das Lebensalter ist, in welcher Krankheitsphase die Diagnose gestellt wird. Im deutschen GPOH-Register CML-paed-II befanden sich von 231 erfassten Kindern und Jugendlichen bereits 25 (11 %) bei Erstdiagnose in einer fortgeschrittenen Phase (Behrens et al. 2025, British Journal of Haematology) – mit spürbar anderem klinischem Bild als bei den übrigen, in chronischer Phase diagnostizierten Kindern:
Klinisches Bild nach Krankheitsphase bei Erstdiagnose
Chronische Phase (ca. 89 % der Kinder)
Bereits fortgeschrittene Phase bei Diagnose (ca. 11 %)
Die Krankheitsphase bei Erstdiagnose lässt sich klinisch nicht sicher erraten – erst die Knochenmarkuntersuchung mit Bestimmung des Blastenanteils entscheidet, in welcher Phase sich ein Kind tatsächlich befindet, und ist damit die Weichenstellung für die weitere Diagnostik und Therapieplanung.
5. Diagnostik (Labor, Bildgebung, Knochenmark, Gentests, Klassifikationssysteme)
Weil die pädiatrische CML so selten ist, dass in keinem einzelnen Land ausreichend Fallzahlen für eigene große Studien oder eine eigenständige nationale Leitlinie zusammenkommen, hat sich die Diagnostik weltweit auf ein gemeinsames, mehrstufiges Vorgehen geeinigt: Blutbild, Knochenmarkuntersuchung, konventionelle Zytogenetik und molekulargenetischer Nachweis der BCR::ABL1-Fusion greifen ineinander und sichern gemeinsam die Diagnose.
Diagnosestandards ohne eigenes Länderprotokoll
Weder in Deutschland (AWMF) noch in Frankreich (HAS) noch in Spanien (SEHOP) existiert eine eigenständige nationale Leitlinie speziell zur pädiatrischen CML. Stattdessen stützt sich die Diagnostik im deutschsprachigen Raum auf die Onkopedia-Leitlinie der DGHO (unter GPOH-Beteiligung) sowie auf ein 2021 publiziertes internationales Expertenkonsenspapier, das erstmals eigene „essenzielle" und „wünschenswerte" diagnostische Kriterien speziell für Kinder festlegte (Suttorp, Millot, Sembill, Deutsch, Metzler 2021, Cancers). Deutschland (Erlangen, Dresden) und Frankreich (Poitiers) koordinieren gemeinsam das internationale Kinderregister, an dem auch spanische, belgische und zahlreiche weitere Zentren teilnehmen – die diagnostischen Kriterien sind dadurch de facto weltweit einheitlich, ohne dass es ein eigenes Landesprotokoll braucht.
Blutbild und Differenzialblutbild
Der erste und meist entscheidende Hinweis liefert das Differenzialblutbild: typisch ist eine massive Leukozytose mit einer sogenannten Linksverschiebung, bei der Vorläuferzellen aller Reifungsstufen der Granulopoese – von Myeloblasten über Promyelozyten und Myelozyten bis zu reifen segmentkernigen Granulozyten – gleichzeitig im peripheren Blut auftreten. Häufig finden sich zusätzlich eine Basophilie und Eosinophilie sowie eine Thrombozytose. Charakteristisch und diagnostisch wegweisend ist, dass der Anteil unreifer Blasten im Blut trotz der extremen Gesamtzellzahl in der chronischen Phase meist nur gering erhöht ist – ein Muster, das sich deutlich von einer akuten Leukämie unterscheidet.
Knochenmark: Aspiration, Biopsie und Phasenbestimmung
Eine Knochenmarkpunktion mit Aspirat und Stanzbiopsie ist obligater Bestandteil der Diagnostik. Sie dient zum einen der zytomorphologischen Beurteilung, vor allem aber der Bestimmung des Blastenanteils – und damit der Einteilung in chronische Phase, akzelerierte Phase oder Blastenphase (Blastenkrise). Nach den international verwendeten Kriterien gelten unter anderem 10 bis 19 % myeloische Blasten, ein Basophilenanteil von 20 % oder mehr, zusätzliche chromosomale Veränderungen sowie eine Knochenmarkfibrose als Hochrisikomerkmale, die auf eine Krankheitsprogression hindeuten (NCI-PDQ). Zugleich liefert die Biopsie die Gewebeprobe für die Zytogenetik.
Zytogenetik und molekularer Nachweis der BCR::ABL1-Fusion
Der Nachweis des namensgebenden Philadelphia-Chromosoms – der Translokation t(9;22)(q34;q11), bei der das ABL1-Gen in das BCR-Gen inseriert wird – erfolgt über die konventionelle Zytogenetik (G-Banden-Analyse) und sichert die Diagnose zytogenetisch. Die Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH) dient als rasches Screeninginstrument, während die quantitative Reverse-Transkriptase-PCR (RT-PCR) das entstehende BCR::ABL1-Fusionstranskript nach der sogenannten Internationalen Skala (IS) misst – sowohl zur Diagnosesicherung als auch, in Wiederholung, für das spätere Therapiemonitoring.
Zusätzliche Genveränderungen und ihre Bedeutung
Neben dem Philadelphia-Chromosom selbst werden bei der Diagnostik gezielt zusätzliche zytogenetische Aberrationen (ACA) gesucht, etwa ein doppeltes Philadelphia-Chromosom, Trisomie 8, ein Isochromosom 17q, Trisomie 19 oder ein komplexer Karyotyp. Solche Zusatzveränderungen gelten bereits bei Erstdiagnose als Hochrisikoindikatoren (Onkopedia-Leitlinie; Millot et al. 2017).
Eine neuere, europäisch-internationale Registerauswertung hat zudem gezeigt, dass bei rund 60 % der Kinder mit CML zusätzlich Keimbahnvarianten in blutbildungsrelevanten Genen nachweisbar sind – am häufigsten in ASXL1, NOTCH1, KDM6B und TET2. Als sicher krankheitsrelevant beziehungsweise krebsprädisponierend eingestuft wurden davon allerdings nur etwa 10 % (Krumbholz et al. 2024, Molecular Cancer); die Autoren vermuten ein mögliches Zusammenspiel dieser meist schwachen Keimbahnvarianten mit dem starken BCR::ABL1-Onkogen, ohne dass dieser Mechanismus bereits gesichert wäre.
Besonders aufschlussreich ist die molekulargenetische Untersuchung von Kindern, die bereits in der Blastenphase diagnostiziert werden. Im deutschen GPOH-Register CML-paed-II fanden sich bei den 19 molekulargenetisch ausreichend untersuchten Fällen mit Blastenphase am häufigsten somatische Varianten in ABL1 (5 Fälle), RUNX1 (2 Fälle) und ASXL1 (2 Fälle). Auffällig war zudem, dass bei 9 von 19 Kindern (47 %) mit Blastenphase pathogene Varianten in Genen der DNA-Schadensantwort (DNA damage response, DDR) vorlagen – gegenüber nur 1 von 19 (5 %) in einer Vergleichsgruppe mit chronischer Phase. Dieser deutliche Unterschied gilt als Hinweis darauf, dass bestimmte prädisponierende DDR-Keimbahnvarianten möglicherweise zur Progression der pädiatrischen CML beitragen (Behrens et al. 2025, British Journal of Haematology) – ein Zusammenhang, der noch weiter erforscht werden muss.
Differenzialdiagnose: Abgrenzung von der Juvenilen myelomonozytären Leukämie (JMML)
Eine der wichtigsten diagnostischen Weichenstellungen bei Kindern besteht darin, die CML sicher von der biologisch grundverschiedenen Juvenilen myelomonozytären Leukämie (JMML) abzugrenzen. Historisch wurde die JMML in älterer Fachliteratur – auch in französischsprachigen Fallberichten aus den 1970er-Jahren – irreführend ebenfalls „juvenile CML" genannt, obwohl es sich um eine eigenständige, Philadelphia-Chromosom-negative Erkrankung handelt, die auf Mutationen im RAS-Signalweg beruht. Diese Verwechslungsgefahr ist ein Grund, warum internationale Experten 2021 ausdrücklich für eine einheitliche Terminologie und ICD-11-Kodierung plädiert haben (Suttorp et al. 2021, Cancers).
CML versus JMML im Kindesalter
CML (Philadelphia-positiv)
JMML (Philadelphia-negativ)
Beide Erkrankungen können mit Blässe, Milzvergrößerung und einer auffälligen Vermehrung myeloischer Zellen im Blutbild beginnen. Erst der zytogenetische beziehungsweise molekulargenetische Nachweis oder Ausschluss der BCR::ABL1-Fusion entscheidet zuverlässig, welche der beiden – therapeutisch grundverschiedenen – Erkrankungen tatsächlich vorliegt. Ein zytogenetischer Befund vor Diagnosestellung gilt deshalb als obligat.
Klassifikation nach WHO und Krankheitsphase
Die WHO-Klassifikation myeloischer Neoplasien führt die CML unabhängig vom Lebensalter als eigenständige, BCR::ABL1-positive myeloproliferative Neoplasie; eine gesonderte pädiatrische WHO-Unterklasse existiert nicht. Maßgeblich für die Klassifikation ist stattdessen die Krankheitsphase – chronische Phase, akzelerierte Phase oder Blastenkrise –, die anhand des Blastenanteils im Knochenmark und weiterer laborchemischer und zytogenetischer Kriterien bestimmt wird. Die überwiegende Mehrheit der Kinder wird in der chronischen Phase diagnostiziert; wie oben dargestellt, befinden sich nach dem deutschen GPOH-Register aber immerhin 11 % der Kinder bereits bei Erstdiagnose in einer fortgeschrittenen Phase.
Risikostratifizierung: der ELTS-Score
Zur Einschätzung des individuellen Verlaufsrisikos wird – ursprünglich für Erwachsene entwickelt, inzwischen auch bei Kindern validiert – der herangezogen. Im internationalen Kinderregister zeigte sich eine deutliche prognostische Trennschärfe zwischen den drei Risikogruppen:
Der Unterschied zwischen den drei Risikogruppen ist statistisch hoch signifikant (), sodass der ELTS-Score bereits bei Diagnose eine belastbare Grundlage für die weitere Verlaufsplanung liefert.
Vor Einführung des ELTS-Scores wurden bei erwachsenen CML-Patientinnen und -Patienten und mangels eigener pädiatrischer Instrumente zeitweise auch bei Kindern die älteren Sokal- und EUTOS-Scores verwendet, die auf ähnlichen klinischen Variablen wie Alter, Milzgröße und Blutbild beruhen. Die aktuelle Onkopedia-Leitlinie CML empfiehlt inzwischen für alle Altersgruppen einheitlich den ELTS-Score als Standardinstrument der Risikostratifizierung bei Erstdiagnose, weil er in Studien eine bessere Vorhersagekraft speziell für die leukämiebedingte Sterblichkeit gezeigt hat als seine beiden Vorgänger.
Remissionskriterien und Verlaufsmonitoring
Nach Diagnosesicherung wird der Therapieerfolg über festgelegte Remissionsstufen klassifiziert, die von der einfachen Normalisierung des Blutbildes bis zur tiefen molekularen Remission reichen:
| Kürzel | Bedeutung | Kriterium |
|---|---|---|
| CHR | Komplette hämatologische Remission | Normalisierung von Blutbild und Milzgröße |
| CCyR | Komplette zytogenetische Remission | Kein Philadelphia-Chromosom mehr in der Zytogenetik nachweisbar |
| MMR | Majore molekulare Remission | BCR::ABL1-Transkript ≤ 0,1 % (Internationale Skala) |
| MR4 | Molekulare Remission 4 | BCR::ABL1-Transkript ≤ 0,01 % (Internationale Skala) |
| MR4,5 | Molekulare Remission 4,5 | BCR::ABL1-Transkript ≤ 0,0032 % (Internationale Skala) |
Zur Überwachung dieser Remissionsstufen wird die quantitative RT-PCR auf BCR::ABL1 nach Onkopedia-Leitlinie und GPOH-Empfehlung alle drei bis vier Monate wiederholt. Dieses engmaschige molekulare Monitoring ist bei Kindern besonders wichtig, weil es sowohl ein unzureichendes Ansprechen frühzeitig anzeigt als auch die Grundlage für spätere Entscheidungen – etwa zu einem möglichen, ärztlich begleiteten Auslassversuch der Therapie – liefert.
Für den Ansprechverlauf gelten dabei feste, aus den Kriterien des European LeukemiaNet (ELN) übernommene Meilensteine, an denen sich ablesen lässt, ob eine Therapie „auf Kurs" ist: Der BCR::ABL1-Wert soll nach drei Monaten auf höchstens 10 % (Internationale Skala), nach sechs Monaten auf höchstens 1 % und ab zwölf Monaten auf höchstens 0,1 % – entsprechend der MMR – gesunken sein. Wird ein solcher Meilenstein verfehlt, spricht man je nach Ausmaß von einem Warnzeichen oder einem Therapieversagen, das eine Anpassung der Behandlung, etwa den Wechsel auf einen Zweitgenerations-TKI, nach sich ziehen kann. Bis zum Erreichen der MMR wird meist alle drei Monate kontrolliert, danach kann das Intervall in Abstimmung mit dem behandelnden Zentrum auf drei bis sechs Monate ausgedehnt werden.
6. Warnzeichen: Wann bei kindlicher CML sofort ärztliche Hilfe nötig ist
Warnzeichen-Ampel: CML im Kindesalter
Diese Ampel gilt für ein Kind mit bekannter CML-Diagnose bzw. während der Abklärung eines begründeten Verdachts. Wählen Sie unten einen Beobachtungsbereich aus, um zu sehen, welche Anzeichen unauffällig sind, welche zeitnah abgeklärt werden sollten und welche einen akuten Notfall darstellen.
7. Therapie
Weil die chronische myeloische Leukämie (CML) im Kindesalter mit einer Häufigkeit von nur 2–3 % aller kindlichen Leukämien so selten ist, gibt es kein eigenständiges, groß angelegtes randomisiertes Therapieprotokoll wie bei der akuten lymphatischen oder akuten myeloischen Leukämie. Stattdessen stützt sich die Behandlung auf drei Säulen: die von Erwachsenen abgeleitete Evidenz zu Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI), internationale Konsensusempfehlungen von Expertengremien wie dem CML-Komitee der International BFM Study Group (iBFM), und die systematische Dokumentation in kooperativen Registern – allen voran dem "International Registry for Chronic Myeloid Leukemia in Children and Adolescents", das gemeinsam vom Universitätsklinikum Poitiers (Frankreich) und der TU Dresden (Deutschland) koordiniert wird, sowie dem deutschen GPOH-Register CML-paed-II (Erlangen). Therapeutisches Rückgrat ist heute in praktisch allen beteiligten Ländern derselbe TKI, der auch bei Erwachsenen eingesetzt wird: Imatinib als Erstlinie, mit Dasatinib, Nilotinib oder Bosutinib als Optionen der zweiten Generation.
Wie stabil dieser Therapiestandard inzwischen ist, zeigt der Vergleich zweier großer Übersichtsarbeiten mit demselben Titel „How I treat chronic myeloid leukemia in children and adolescents", die in der Fachzeitschrift Blood im Abstand von sieben Jahren erschienen sind: Sowohl die Erstfassung von Hijiya und Suttorp aus dem Jahr 2019 als auch die aktualisierte Fassung von Chen, Suttorp und Hijiya aus dem Jahr 2026 bestätigen dieselben vier für Kinder zugelassenen TKI – Imatinib, Dasatinib, Nilotinib und Bosutinib – als Grundgerüst der Behandlung. Neu hinzugekommen sind in den letzten Jahren vor allem die im Abschnitt zu neueren Therapieansätzen beschriebenen Optionen für austherapierte Situationen (CAR-T-Zellen, Asciminib) sowie ein deutlich verfeinertes Verständnis pädiatrie-spezifischer Nebenwirkungen wie der Wachstumshemmung.
Erstlinientherapie mit Imatinib
Imatinib ist seit 2003 für Kinder zugelassen und wird gewichtsadaptiert nach Körperoberfläche mit 260–340 mg/m² pro Tag dosiert – das entspricht in etwa der Exposition einer Erwachsenendosis von 400–600 mg. Der Wirkmechanismus ist bei Kindern identisch mit dem bei Erwachsenen: Das Molekül blockiert kompetitiv die ATP-Bindungstasche der konstitutiv aktiven BCR::ABL1-Tyrosinkinase und unterbricht damit das zentrale onkogene Signal. In Deutschland, Österreich und der Schweiz wird die Substanz auf Basis der Onkopedia-Leitlinie CML (DGHO, ÖGHO, SGH+SSH/SGMO, unter Beteiligung der GPOH, Stand November 2025) eingesetzt, die zwar primär für Erwachsene konzipiert ist, aber ausdrücklich als fachliche Grundlage auch für die pädiatrische Versorgung herangezogen wird. Eine für das Kindesalter typische, im Abschnitt zu Spätfolgen näher beschriebene Nebenwirkung ist die Wachstumsverzögerung, die bei den meisten präpubertären Kindern unter Langzeittherapie auftritt.
Therapiestrukturen im Ländervergleich
Auffällig ist, dass praktisch kein beteiligtes Land über ein eigenständiges nationales Behandlungsprotokoll für die pädiatrische CML verfügt – die Fallzahlen pro Land reichen dafür schlicht nicht aus. Stattdessen haben sich unterschiedliche organisatorische Lösungen etabliert, die im Kern jedoch alle auf dieselbe internationale Evidenzbasis zurückgreifen:
| Region | Tragende Struktur | Besonderheit |
|---|---|---|
| Deutschland | Onkopedia-Leitlinie CML (DGHO/GPOH); GPOH-Register CML-paed-II, Universitätsklinikum Erlangen, seit 1.1.2016 | Kein eigenes randomisiertes Studienprotokoll, sondern strukturiertes Beobachtungsregister mit standardisierten Diagnose- und Therapieempfehlungen für alle Ph-positiven Neudiagnosen an GPOH-Zentren |
| Frankreich | International Registry of Childhood CML, gemeinsam koordiniert durch CHU Poitiers (Frédéric Millot) und TU Dresden (Meinolf Suttorp) | Federführende Koordination des mit 535 Patient:innen weltweit größten pädiatrischen CML-Registers; kein eigenständiges französisches Nationalprotokoll |
| Spanien | ECLIM-SEHOP (Ensayos Clínicos Internacionales Multicéntricos, seit 2017) | Eigene Infrastruktur zur Anbindung an internationale Studien, u. a. Beteiligung an der Bosutinib-Studie ITCC054/COG AAML1921; kein eigenständiges spanisches CML-Protokoll |
| USA | NCI-PDQ (National Cancer Institute); teilweise COG-Beteiligung an internationalen Studien | Übernahme adulter NCCN-/ELN-Dosis- und Monitoring-Standards für Kinder, kein eigenständiges großes US-Studienprotokoll speziell für pädiatrische CML |
| International (iBFM) | CML-Komitee der International BFM Study Group (de la Fuente et al. 2014; Updates Sembill et al. 2023 zur Blastenphase, Millot et al. 2025 zur chronischen Phase) | Gemeinsame, phasenspezifische Konsensusempfehlungen als de-facto-Standard, an dem sich alle genannten Länder orientieren |
Zweitgenerations-TKI bei Resistenz oder Unverträglichkeit
Kommt es unter Imatinib nicht zum erwarteten Ansprechen oder treten relevante Nebenwirkungen auf, stehen bei Kindern und Jugendlichen drei zugelassene Zweitgenerations-TKI zur Verfügung. Ihre pädiatrischen Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten stammen überwiegend aus kleineren registerbasierten Kohorten und gezielten Phase-1/2-Studien:
| Substanz | Pädiatrische Dosis | Ansprechen | Charakteristischer Befund |
|---|---|---|---|
| Dasatinib | 60–72 mg/m²/Tag | CCyR 92 %, MMR 52 % nach 12 Monaten; 4-Jahres-PFS 93 % | NCI-PDQ, USA |
| Nilotinib | 230 mg/m² (zweimal täglich) | MMR 64 % nach 1 Jahr | QTc-Verlängerung bei 25 % der Kinder; DIALOG-Phase-2-Studie (Hijiya et al., Blood Advances 2021) |
| Bosutinib | 300–400 mg/m²/Tag | Phase-I-Studie ITCC054/COG AAML1921: empfohlene Phase-II-Dosis 400 mg/m²/Tag (n=27 auswertbar, mit spanischer Zentrumsbeteiligung) | Diarrhö bei 93 % der Kinder, NCI-PDQ |
Therapiepfad nach Krankheitsphase bei Erstdiagnose
Chronische Phase (überwiegende Mehrheit der Kinder)
Akzelerierte Phase / Blastenkrise (ca. 11 % bereits bei Erstdiagnose)
Die bei Diagnose vorliegende Krankheitsphase entscheidet über den gesamten weiteren Therapiepfad: Während die Mehrheit der Kinder in chronischer Phase mit einem TKI allein gut eingestellt werden kann, benötigen Kinder mit fortgeschrittener Phase eine intensivere, transplantationsgestützte Behandlung – bei deutlich schlechterer Ausgangsprognose.
Allogene Stammzelltransplantation
Vor Einführung der TKI war die allogene Stammzelltransplantation die einzige potenziell kurative Therapie und damit Standard bei jedem Kind mit passendem Spender. Historische Daten mit HLA-identem Familienspender zeigen Gesamtüberlebensraten von 70–80 % bei einer Rezidivrate von unter 20 % in chronischer Phase (NCI-PDQ). Mit der TKI-Ära ist die Transplantation zu einer Drittlinientherapie geworden, die vor allem bei TKI-Versagen, relevanter TKI-Resistenz (etwa durch eine T315I-Mutation) oder bei fortgeschrittener Krankheitsphase eingesetzt wird. Eine populationsbasierte kanadische Kohortenstudie (Egan et al., Pediatric Blood & Cancer 2020, Ontario, n=52, Diagnosezeitraum 1985–2018) belegt diesen Wandel eindrücklich: Während in der Prä-TKI-Ära das Gesamtüberleben bei 64 % lag, stieg es in der TKI-Ära auf 90 %; alle drei Todesfälle in der TKI-Ära waren transplantationsassoziiert. Kinder, die durchgehend allein mit einem TKI behandelt wurden, überlebten signifikant häufiger als Kinder, die nach TKI-Versagen eine Stammzelltransplantation benötigten (100 % gegenüber 66 %, ) – ein Beleg dafür, dass die Notwendigkeit einer Transplantation selbst schon ein Marker für einen ungünstigeren Verlauf ist.
Für Kinder und Jugendliche, die sich bereits in der Blastenphase befinden, hat das internationale Expertengremium der iBFM-CML-Gruppe 2023 erstmals einen eigenen, phasenspezifischen Konsens veröffentlicht (Sembill et al., Leukemia 2023). Er hält fest, dass die Prognose in dieser Krankheitsphase weiterhin deutlich schlechter und das Behandlungsspektrum wesentlich eingeschränkter ist als in der chronischen Phase, und formuliert konkrete Empfehlungen zur Auswahl und Kombination von TKI mit intensiver Chemotherapie vor der Transplantation, zum optimalen Transplantationszeitpunkt, zur Konditionierung, zur Prophylaxe einer Graft-versus-Host-Reaktion sowie zur Fortführung eines TKI nach der Transplantation zur Rezidivprophylaxe. Die allogene Stammzelltransplantation bleibt nach diesem Konsens die primär kurative Option für Kinder in Blastenphase, während TKI in dieser Situation vor allem der Vorbereitung auf die Transplantation und der Rezidivkontrolle danach dienen.
Neuere und experimentelle Therapieansätze
CAR-T-Zellen und Asciminib: zwei neue Optionen in Erprobung
Für Situationen, in denen die etablierten TKI nicht mehr ausreichen, werden inzwischen auch bei Kindern neuere Wirkprinzipien erprobt. Ein Fallbericht beschreibt den Einsatz von Tisagenlecleucel, einer CAR-T-Zell-Therapie, als Salvage-Option bei einem 16-jährigen Jugendlichen mit wiederholt rezidivierter lymphatischer Blastenphase – nach der Behandlung bestand über 12 Monate eine stabile Remission (Kramp et al., Annals of Hematology 2024). Asciminib, ein neuerer TKI mit einem allosterischen, von der ATP-Bindungstasche unabhängigen Wirkmechanismus, zeigte in einem aktuellen Fallbericht bei einem Zwilling mit CML nach Umstellung von einem älteren TKI ein deutliches Aufholwachstum (Sembill et al., The Lancet 2025) – ein Hinweis darauf, dass die Wahl des TKI im Kindesalter auch unter dem Gesichtspunkt möglicher wachstumsbezogener Nebenwirkungen getroffen werden sollte. Beide Ansätze sind derzeit keine Standardtherapie, sondern Gegenstand einzelner Fallberichte und laufender klinischer Bewertung.
8. Prognose, Risikostratifizierung und Verlauf
Kaum eine andere kindliche Krebserkrankung hat durch eine einzelne Medikamentenklasse eine so grundlegende Prognoseverbesserung erfahren wie die CML durch die Tyrosinkinase-Inhibitoren. Der Wandel lässt sich anhand mehrerer unabhängiger Kohorten klar nachvollziehen.
Im bislang größten internationalen Register (535 Kinder und Jugendliche in chronischer Phase, medianes Alter 12,2 Jahre, medianes Follow-up 3,8 Jahre) betrug das Gesamtüberleben nach 36 Monaten 97,4 % (). Von 482 Kindern, die primär mit Imatinib behandelt wurden, blieben 40 % durchgehend bei dieser Erstlinientherapie; die Mortalität lag bei 3,1 %, eine Progression in eine fortgeschrittene Phase trat bei 3,9 % der Kinder auf.
Risikostratifizierung mit dem ELTS-Score
Zur Einschätzung des individuellen Risikos wird – von Erwachsenen übernommen, aber auch im Kindesalter validiert – der herangezogen, der Alter, Milzgröße und Blutbildparameter bei Diagnose kombiniert. Im internationalen Register zeigte er eine deutliche prognostische Trennschärfe zwischen den drei Risikogruppen.
Progressionsfreies Überleben nach 3 Jahren, gruppiert nach ELTS-Risiko
Niedriges Risiko
Intermediäres Risiko
Hohes Risiko
Der Unterschied zwischen den drei Gruppen ist statistisch eindeutig (): Kinder mit hohem ELTS-Risiko haben ein rund 25 Prozentpunkte niedrigeres 3-Jahres-PFS als Kinder mit niedrigem Risiko und sollten dementsprechend besonders engmaschig überwacht werden.
Besondere Altersgruppen
Innerhalb der pädiatrischen CML unterscheiden sich Jugendliche und sehr junge Kinder in einzelnen Verlaufsmerkmalen, wenn auch nicht grundlegend im Gesamtüberleben:
| Altersgruppe | Fallzahl | Überleben | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Gesamtkohorte (alle Altersgruppen) | n=535 | 97,4 % Gesamtüberleben nach 36 Monaten | medianes Alter 12,2 Jahre; 303 Jungen zu 232 Mädchen |
| Jugendliche, 15–18 Jahre | n=132–144 | 95,2 % Gesamtüberleben nach 5 Jahren | majore molekulare Remission bei 33,4 % nach 12 und 79,8 % nach 36 Monaten; 40 % benötigten einen Therapiewechsel, 9 % progredierten |
| Sehr junge Kinder, unter 3 Jahren | n=22 | 95 % am Leben bei Nachbeobachtung | medianes Alter 22 Monate; 86 % bei Diagnose in chronischer Phase; 48 % erreichten unter Imatinib eine majore molekulare Remission |
Bei den Jugendlichen war die einer majoren molekularen Remission nach 12 Monaten mit 33,4 % niedriger als in Erwachsenenkohorten, stieg aber bis Monat 36 auf 79,8 % an – ein Hinweis darauf, dass das Ansprechen bei Jugendlichen zeitverzögert, aber letztlich vergleichbar gut eintritt. Bei den sehr jungen Kindern unter drei Jahren zeigte sich trotz des ungewöhnlich frühen Erkrankungsalters ein insgesamt günstiger Verlauf mit einer 95-prozentigen Überlebensrate (Meral Günes, Millot, Kalwak et al., Pediatric Blood & Cancer 2021).
Therapiefreie Remission: Kann Imatinib abgesetzt werden?
Bei Erwachsenen ist das kontrollierte Absetzen eines TKI nach jahrelanger tiefer molekularer Remission inzwischen eine anerkannte Option. Bei Kindern ist die Datenlage begrenzter, aber ermutigend: In einer Studie mit 18 Kindern, die Imatinib nach mindestens zwei Jahren tiefer molekularer Remission (MR4) absetzten, betrug die molekulare rezidivfreie Rate 61 % nach 6 Monaten sowie 56 % nach 12 und nach 36 Monaten (Millot et al., Cancers 2021). Rückfälle traten im Median bereits nach 4,1 Monaten auf, sprachen aber bei Wiederaufnahme der Therapie zuverlässig erneut auf Imatinib an – von 7 Kindern mit molekularem Rückfall erreichten 6 erneut eine tiefe Remission. Bemerkenswert ist zudem, dass bei keinem der Kinder ein Entzugssyndrom beobachtet wurde, wie es bei Erwachsenen nach TKI-Absetzen gelegentlich beschrieben wird.
Als Mindestvoraussetzung für einen Absetzversuch gilt im internationalen Schrifttum neben der mindestens zweijährigen tiefen molekularen Remission auch eine insgesamt ausreichend lange Gesamttherapiedauer von in der Regel vier bis fünf Jahren – ein Kind, das erst kurz nach Diagnosestellung eine tiefe Remission erreicht, sollte also nicht allein deshalb schon für einen Auslassversuch infrage kommen. Diese doppelte Voraussetzung aus Gesamtdauer und Tiefe der Remission erklärt, warum trotz insgesamt guter Ansprechraten nur eine Minderheit aller Kinder mit CML in chronischer Phase überhaupt für einen kontrollierten Absetzversuch geeignet ist.
Therapiefreie Remission nur unter engmaschiger fachärztlicher Kontrolle
Ein Absetzversuch darf bei Kindern ausschließlich in spezialisierten kinderonkologischen Zentren und nach strengen Voraussetzungen (in der Regel mehrjährige, stabil tiefe molekulare Remission) erfolgen. Da mehr als jedes zweite Kind langfristig rückfallfrei bleibt, gleichzeitig aber knapp die Hälfte der Kinder einen molekularen Rückfall erleidet, ist eine engmaschige PCR-Kontrolle nach dem Absetzen unverzichtbar, damit eine erneute Progression rechtzeitig erkannt und die Therapie zügig wieder aufgenommen werden kann.
9. Komplikationen, Spätfolgen und Nachsorge
Unter moderner TKI-Therapie sind akut lebensbedrohliche Verläufe der pädiatrischen CML in chronischer Phase selten geworden. Zwei Themenfelder bleiben aber klinisch bedeutsam: das Risiko einer Progression in eine fortgeschrittene Krankheitsphase sowie behandlungsbedingte Spätfolgen, allen voran Wachstumsstörungen unter langjähriger TKI-Einnahme – beides erfordert eine strukturierte, lebenslange Nachsorge.
Progression in eine fortgeschrittene Phase
Nicht jedes Kind wird in der günstigen chronischen Phase diagnostiziert, und nicht jedes Kind bleibt darin. Im deutschen GPOH-Register CML-paed-II lagen von 231 erfassten Kindern und Jugendlichen bereits 25 (11 %) bei Erstdiagnose in Blastenphase (Behrens et al., British Journal of Haematology 2025). Im internationalen Register kam es unter Therapie bei weiteren 3,9 % der zunächst in chronischer Phase diagnostizierten Kinder zu einer Progression in eine fortgeschrittene Phase (Millot et al. 2026, Haematologica).
Eine molekulargenetische Analyse des deutschen Registers liefert einen möglichen Erklärungsansatz für diese Progression: Bei den molekular untersuchten Kindern in Blastenphase fanden sich am häufigsten somatische Varianten in den Genen ABL1 (24 %), RUNX1 (12 %) und ASXL1 (12 %). Auffällig war zudem, dass bei 9 von 19 Kindern mit Blastenphase (47 %) pathogene Varianten in Genen der DNA-Schadensantwort (DDR) nachgewiesen wurden, gegenüber nur 1 von 19 (5 %) in der Vergleichsgruppe mit chronischer Phase. Die Autoren interpretieren dies als Hinweis darauf, dass bestimmte, möglicherweise ererbte DDR-Genvarianten die Wahrscheinlichkeit einer Progression pädiatrischer CML erhöhen könnten – ein Forschungsfeld, das perspektivisch auch für eine individualisierte Risikoeinschätzung bei Diagnose relevant werden könnte, aber noch nicht Teil der Routinediagnostik ist.
Nebenwirkungen und Wachstumsstörungen unter TKI-Dauertherapie
Die bedeutendste pädiatrie-spezifische Spätfolge der TKI-Therapie betrifft das Längenwachstum – ein Aspekt, der bei erwachsenen CML-Patienten naturgemäß keine Rolle spielt. Im deutschen CML-PAED-Register (Stiehler, Sembill, Schleicher et al., Haematologica 2024, n=94 Kinder mit mehr als 12 Monaten Imatinib-Therapie) betrug die mediane Reduktion der Körpergröße, ausgedrückt als , -0,35 nach 12 Monaten und -0,76 nach 24 Monaten Behandlung. Nur 18 % der Kinder zeigten zwischen Monat 12 und 18 ein adäquates Aufholwachstum; der wachstumshemmende Effekt war im ersten Behandlungsjahr bei präpubertären Kindern besonders ausgeprägt.
Ähnliche Befunde liegen für Nilotinib vor: In der DIALOG-Phase-2-Studie betrug die mediane Verminderung der Körpergröße nach 48 Behandlungszyklen -0,54 bis -0,91 Standardabweichungen (Hijiya et al., Blood Advances 2021). In derselben Studie waren die häufigsten Nebenwirkungen ein erhöhtes Bilirubin (53,4 %), Kopfschmerzen (46,6 %) und Fieber (37,9 %). Ein aktueller Fallbericht deutscher Autoren dokumentiert demgegenüber ein deutliches Aufholwachstum, nachdem ein Kind mit CML von einem älteren TKI auf Asciminib umgestellt wurde (Sembill et al., The Lancet 2025) – ein erster Hinweis darauf, dass die Wahl des TKI im Kindesalter auch unter dem Gesichtspunkt der Wachstumsverträglichkeit getroffen werden sollte, auch wenn sich daraus noch keine allgemeine Therapieempfehlung ableiten lässt.
Nachsorge und Monitoring
Die Nachsorge der pädiatrischen CML folgt denselben molekularen Meilensteinen wie bei Erwachsenen, ergänzt um eine spezifisch kinderärztliche auxologische Verlaufskontrolle:
Remissionskriterien im Überblick
CHR (komplette hämatologische Remission): Normalisierung von Blutbild und Milzgröße. CCyR (komplette zytogenetische Remission): kein Nachweis des Philadelphia-Chromosoms mehr in der Zytogenetik. MMR (majore molekulare Remission): BCR::ABL1-Transkriptmenge von 0,1 % oder weniger nach Internationaler Skala (IS) – das entspricht einer 1000-fachen Reduktion gegenüber dem Wert bei Diagnose. MR4/MR4,5 (tiefe molekulare Remission): noch weitergehende Reduktion auf 0,01 % beziehungsweise 0,0032 % IS, die Voraussetzung für einen späteren Absetzversuch sein kann.
Gemäß Onkopedia-Leitlinie CML und den Empfehlungen des GPOH-Registers erfolgt die laufende Verlaufskontrolle mittels quantitativer RT-PCR auf BCR::ABL1 alle 3 bis 4 Monate nach Internationaler Skala; solange die MMR noch nicht erreicht ist, wird häufig alle 3 Monate kontrolliert, danach kann das Intervall auf 3 bis 6 Monate ausgedehnt werden. Ergänzend gehört bei Kindern unter TKI-Dauertherapie eine regelmäßige auxologische Kontrolle (Körperlänge, Wachstumsgeschwindigkeit, ggf. endokrinologische Mitbetreuung) zur Standardnachsorge, um eine relevante Wachstumsverzögerung frühzeitig zu erkennen und die Notwendigkeit eines TKI-Wechsels zu prüfen. Bei Kindern nach allogener Stammzelltransplantation ist die Nachsorge naturgemäß umfassender: Eine gesonderte Langzeit-Follow-up-Kohorte (Frontiers in Oncology 2022, n=37, mediane Nachbeobachtung 19 Jahre) untersucht transplantationsbedingte Spätfolgen dieser besonders vulnerablen Patientengruppe und unterstreicht die Notwendigkeit einer strukturierten, oft lebenslangen Nachsorge weit über das Ende der eigentlichen Krebstherapie hinaus.
Offen bleibt bislang die Frage nach möglichen Auswirkungen einer langjährigen TKI-Einnahme auf die spätere Fruchtbarkeit im Erwachsenenalter: Anders als beim Längenwachstum, zu dem inzwischen mehrere belastbare pädiatrische Kohorten vorliegen, konnten im Rahmen der Recherche zu diesem Artikel keine eigenständigen, CML-spezifischen Fertilitätsstudien im Kindesalter identifiziert werden. Bis entsprechende Daten vorliegen, wird dieser Aspekt in der Praxis im Rahmen der allgemeinen endokrinologischen Nachsorge mitbeobachtet, ohne dass sich daraus bereits eine eigene, evidenzbasierte Empfehlung ableiten ließe – ein Punkt, den Familien bei Bedarf aktiv mit dem behandelnden Team besprechen sollten.
10. Internationaler Vergleich
Weil die chronische myeloische Leukämie im Kindesalter so selten ist, kann kein einzelnes Land für sich allein ausreichend Fallzahlen für eigene Studien oder Leitlinien sammeln. Die tragende Evidenz stammt daher aus einer seit Jahrzehnten gewachsenen, überwiegend europäisch geführten Registerkooperation – dem "International Registry for Chronic Myeloid Leukemia in Children and Adolescents", koordiniert von den Universitätskliniken Dresden (Deutschland) und Poitiers (Frankreich). Die folgenden Kennzahlen ordnen die Situation in Deutschland, Österreich und der Schweiz in den weltweiten Kontext ein.
Das 95 %-Konfidenzintervall (KI) gibt eine Bandbreite an, in der sich der wahre Wert in der Gesamtbevölkerung aller betroffenen Kinder mit hoher Wahrscheinlichkeit befindet, selbst wenn die konkrete untersuchte Gruppe (hier 535 Kinder) nur eine Stichprobe ist. Ein KI von 95–99 % bedeutet: Würde man die Studie an vielen verschiedenen, gleich großen Gruppen von Kindern mit CML wiederholen, läge das gemessene 3-Jahres-Überleben in 95 von 100 Wiederholungen zwischen 95 und 99 Prozent. Je enger dieses Intervall ist, desto verlässlicher ist die Schätzung – ein enges Intervall wie hier spricht für eine sehr stabile, gut belegte Aussage.
Auffällig ist, dass es in keinem der untersuchten Länder ein eigenständiges nationales Behandlungsprotokoll speziell für die pädiatrische CML gibt – weder in Deutschland (dort gilt die primär erwachsenenorientierte Onkopedia-Leitlinie, ergänzt durch das GPOH-Register CML-paed-II der Universitätsklinik Erlangen), noch in Frankreich, Spanien, Belgien oder den USA. Stattdessen richten sich Kliniken weltweit nach denselben internationalen Konsensusempfehlungen der International BFM Study Group (iBFM).
| Land/Region | Pädiatrische Inzidenz bzw. Fallzahl | Standardprotokoll/Register | Überlebenskennzahl |
|---|---|---|---|
| Deutschland | ca. 15–20 Neuerkrankungen/Jahr (0–17 Jahre) | Onkopedia-Leitlinie CML (DGHO/GPOH) + GPOH-Register CML-paed-II, Uniklinik Erlangen, seit 2016 (231 erfasste Kinder bis 2025) | eingebettet ins internationale Register: 97,4 % OS nach 36 Monaten |
| Frankreich | keine gesonderte nationale Zahl publiziert | iBFM-CML-Konsensusempfehlungen; CHU Poitiers koordiniert das internationale Register gemeinsam mit Dresden | s. internationales Register (s. u.) |
| Spanien | keine gesonderte nationale Zahl publiziert | ECLIM-SEHOP-Infrastruktur (seit 2017, 47 Studien/5.250 Patienten bis 2023); Teilnahme über Zentrum Las Palmas de Gran Canaria | s. internationales Register (s. u.) |
| Belgien | < 2 Fälle/Million Kinder/Jahr (nationale Kohorte, n=14 über mehrere Jahrzehnte) | Teilnahme am internationalen Register, kein eigenes Protokoll | keine gesonderte nationale Zahl publiziert |
| USA | ca. 1/Million (Kinder) bzw. 2,2/Million (Jugendliche) pro Jahr | NCI-PDQ, adaptiert von Erwachsenen-ELN-Kriterien; kein eigenständiges US-Studienprotokoll für pädiatrische CML | keine gesonderte US-Zahl publiziert |
| Kanada (Ontario, historischer Vergleich) | n=52, Diagnosezeitraum 1985–2018 | Wandel von Stammzelltransplantation zu TKI-Erstlinie | 64 % OS (vor TKI-Ära) vs. 90 % OS (TKI-Ära) |
| Internationales Register (Gesamtkohorte) | ca. 1 Fall/Million Kinder/Jahr in den ersten 20 Lebensjahren; n=535 erfasst | einheitliche TKI-Erstlinie (Imatinib), standardisiertes PCR-Monitoring | 97,4 % OS nach 36 Monaten; bei Jugendlichen 15–18 J. (n=132) 95,2 % OS nach 5 Jahren |
| Zum Vergleich: Erwachsene, alle Altersgruppen (Orphanet, nicht kinderspezifisch) | 1–1,5 Fälle/100.000 Einwohner/Jahr; Prävalenz ca. 1:17.000 | Erstlinien-TKI (Imatinib, Nilotinib, Dasatinib, Bosutinib, Asciminib), ELTS-Risikoscore | nicht direkt vergleichbar (andere Altersstruktur, Erkrankungsgipfel 55–60 Jahre) |
Der Wendepunkt lässt sich zeitlich recht genau festmachen: Imatinib erhielt 2001 in den USA und kurz darauf auch in Europa die Zulassung für erwachsene CML-Patientinnen und -Patienten, die eigene Zulassung für Kinder folgte 2003. Innerhalb weniger Jahre verdrängte die neue Tablettentherapie die bis dahin übliche allogene Stammzelltransplantation als Erstlinienbehandlung nahezu vollständig – ein in der pädiatrischen Onkologie ungewöhnlich rascher und vollständiger Therapiewandel, der sich in den oben gezeigten Überlebenszahlen unmittelbar niederschlägt.
Therapiewandel im Zeitverlauf: von der Transplantation zur Tablette
Vor der TKI-Ära (bis ca. 2001)
TKI-Ära (ab 2002)
Der Wechsel von der Transplantation zur oralen TKI-Therapie als Erstlinienbehandlung hat die Prognose der kindlichen CML innerhalb von zwei Jahrzehnten grundlegend verändert – von einer Erkrankung mit hohem Transplantationsrisiko zu einer meist gut kontrollierbaren chronischen Erkrankung (Egan et al. 2020, Ontario, Kanada; Millot et al. 2026, internationales Register).
11. Häufig gestellte Fragen
Ist die CML meines Kindes dieselbe Krankheit wie bei Erwachsenen?
Molekular und in der WHO-Klassifikation ja: Bei Kindern wie bei Erwachsenen liegt dasselbe Philadelphia-Chromosom mit dem BCR::ABL1-Fusionsgen zugrunde, eine eigene pädiatrische WHO-Unterform gibt es nicht. Trotzdem ist die kindliche CML in der Praxis eine andere Situation: Sie ist extrem viel seltener (ca. 15–20 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland gegenüber ca. 1.100 bei Erwachsenen), tritt in einem anderen Alter auf (medianes Diagnosealter 12,2 Jahre statt 55–60 Jahre) und die Behandlung muss zusätzliche kindspezifische Aspekte wie Wachstum und Pubertätsentwicklung berücksichtigen.
Wie selten ist CML bei Kindern wirklich?
Sehr selten: Die Inzidenz liegt bei etwa 1 Fall pro 1 Million Kinder und Jahr in den ersten 20 Lebensjahren, CML macht insgesamt nur 2–3 % aller Leukämien im Kindesalter aus. In Deutschland werden dementsprechend nur etwa 15 bis 20 Kinder und Jugendliche pro Jahr neu diagnostiziert, in Belgien wurden über mehrere Jahrzehnte insgesamt nur 14 Fälle landesweit erfasst. Vor dem 3. Lebensjahr ist die Erkrankung nach Angaben der Onkopedia-Leitlinie extrem selten.
Kann mein Kind von der CML geheilt werden?
Die Aussichten sind unter moderner Therapie sehr gut, auch wenn "Heilung" im klassischen Sinn (dauerhaftes Verschwinden jeder erkrankten Zelle ohne weitere Kontrolle) nicht für jedes Kind erreichbar ist. Im internationalen Register lag das Gesamtüberleben nach 36 Monaten bei 97,4 %. Ein Teil der Kinder erreicht unter Imatinib eine so tiefe molekulare Remission, dass ein kontrollierter Absetzversuch möglich wird – in einer Pilotstudie blieben 56 % der so behandelten Kinder auch drei Jahre nach dem Absetzen ohne erneuten Nachweis der Erkrankung.
Muss mein Kind eine Knochenmark- oder Stammzelltransplantation bekommen?
In aller Regel nicht mehr als erste Maßnahme. Erstlinientherapie ist heute die tägliche Einnahme eines Tyrosinkinase-Hemmers (meist Imatinib) in Tablettenform. Eine allogene Stammzelltransplantation kommt nur noch als dritte Therapielinie infrage, etwa wenn die Erkrankung gegen mehrere TKI resistent ist (zum Beispiel durch die sogenannte T315I-Mutation) oder bereits in eine fortgeschrittene Krankheitsphase übergegangen ist. Vor Einführung der TKI war die Transplantation Standard und erreichte ein Gesamtüberleben von etwa 64 % – mit TKI-Erstlinientherapie liegt es heute deutlich höher, bei geringerem Behandlungsrisiko.
Welche Nebenwirkungen der Dauertherapie sind für Kinder besonders wichtig?
Anders als bei Erwachsenen spielt bei Kindern die Wirkung der Tyrosinkinase-Hemmer auf das Längenwachstum eine eigene Rolle. In einer deutschen Kohorte von 94 Kindern unter Imatinib zeigte sich eine mediane Verminderung der Körpergröße (Height-SDS) von −0,35 nach 12 Monaten und −0,76 nach 24 Monaten; nur 18 % der Kinder holten dieses Wachstum zwischen Monat 12 und 18 wieder ausreichend auf. Ähnliche Effekte wurden für Nilotinib beschrieben. Neuere Wirkstoffe wie Asciminib scheinen in Einzelfällen ein günstigeres Profil zu haben – ein aktueller Fallbericht dokumentiert Aufholwachstum nach einem Wechsel auf Asciminib. Die behandelnde Klinik sollte Wachstum und Pubertätsentwicklung deshalb regelmäßig mitverfolgen.
Kann die Tablette irgendwann abgesetzt werden?
Ein Absetzversuch ("therapiefreie Remission") ist grundsätzlich möglich, sollte aber ausschließlich in enger fachärztlicher Begleitung erfolgen und setzt in der Regel mehrere Jahre Therapie mit einer über mindestens zwei Jahre stabilen, sehr tiefen molekularen Remission voraus. In einer Studie mit 18 Kindern blieben 56 % nach 36 Monaten ohne erneuten molekularen Nachweis der Erkrankung; kam es doch zu einem Rückfall, sprach dieser gut auf eine Wiederaufnahme der Therapie an, und ein Entzugssyndrom wurde nicht beobachtet. Ein eigenmächtiges Absetzen ohne ärztliche Kontrolle ist dennoch nicht zu empfehlen.
Gibt es Unterschiede zwischen kleinen Kindern, älteren Kindern und Jugendlichen?
Ja, in Nuancen. Bei sehr jungen Kindern unter 3 Jahren (in einer Auswertung 22 Kinder, medianes Alter 22 Monate) wurden 86 % bereits in der chronischen Phase diagnostiziert, 95 % waren bei der Nachbeobachtung am Leben, und 48 % erreichten unter Imatinib eine majore molekulare Remission. Bei Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren (n=132) lag das Gesamtüberleben nach 5 Jahren bei 95,2 %, wobei 40 % im Verlauf die Therapie wechseln mussten – insgesamt unterschied sich das Ansprechen aber nicht signifikant von jüngeren Kindern.
Ist die Erkrankung vererbbar – müssen Geschwister untersucht werden?
Nach klassischem Verständnis ist die CML keine erbliche Erkrankung, sondern entsteht zufällig (sporadisch) durch die Philadelphia-Chromosom-Translokation in einer einzelnen blutbildenden Stammzelle. Eine neuere Registerauswertung fand allerdings bei rund 60 % der untersuchten Kinder zusätzliche Keimbahnvarianten in bestimmten Genen (am häufigsten ASXL1, NOTCH1, KDM6B, TET2) – von diesen wurden jedoch nur etwa 10 % als eindeutig krankheitsverursachend eingestuft. Die Forscher vermuten ein mögliches Zusammenspiel solcher meist schwachen Veranlagungen mit dem eigentlichen Auslöser BCR::ABL1, ohne dass dies als gesicherter Mechanismus gilt. Eine routinemäßige genetische Untersuchung von Geschwistern ist derzeit nicht Standard, kann aber im Einzelfall mit dem behandelnden Team besprochen werden.
12. Quellen und Fachliteratur
Die folgende Auswahl fasst die wichtigsten deutschen, englischen, französischen und spanischen Fachquellen zusammen, auf denen dieser Artikel beruht.
- Onkopedia-Leitlinie „Chronische Myeloische Leukämie (CML)" – DGHO in Kooperation mit ÖGHO, SGH+SSH/SGMO und GPOH, Deutschland/Österreich/Schweiz, Stand November 2025 (onkopedia.com)
- Suttorp M, Millot F, Sembill S, Deutsch H, Metzler M: „Definition, Epidemiology, Pathophysiology, and Essential Criteria for Diagnosis of Pediatric Chronic Myeloid Leukemia." Cancers (Basel) 2021;13(4):798, PMID 33672937
- Millot F et al.: „Children with chronic-phase chronic myeloid leukemia: characteristics and outcomes from the International Registry of Childhood CML." Haematologica 2026;111, PMID 41126742
- Millot F et al.: „Characteristics and Outcomes of Adolescents (15-18 Years) with Chronic Myelogenous Leukemia (CML) in Chronic Phase." Cancers (Basel) 2026;18(12):1959, PMID 42352492
- Behrens YL, Reinkens T, Hofmann W et al.: „Genomic variant profiling in blast-phase paediatric chronic myeloid leukaemia." British Journal of Haematology 2025;207(1):141–150, PMID 40344211 (deutsches GPOH-Register CML-paed-II, Erlangen)
- Millot F, Suttorp M, Ragot S et al.: „Discontinuation of Imatinib in Children with Chronic Myeloid Leukemia." Cancers (Basel) 2021;13(16):4102, PMID 34439257
- Chen J, Suttorp M, Hijiya N: „How I treat chronic myeloid leukemia in children and adolescents." Blood 2026;147(4):379–389, PMID 40132166
- Hijiya N, Suttorp M: „How I treat chronic myeloid leukemia in children and adolescents." Blood 2019;133(22):2374–2384, PMID 30917954
- National Cancer Institute (NCI) PDQ: „Childhood Acute Myeloid Leukemia/Other Myeloid Malignancies Treatment", Abschnitt Childhood CML – USA (cancer.gov)
- de la Fuente J, Baruchel A, Biondi A et al.; International BFM Study Group (iBFM) CML Committee: „Managing children with chronic myeloid leukaemia (CML)." British Journal of Haematology 2014, PMID 24976289
- Sembill S, Ampatzidou M, Chaudhury S et al.: „Management of children and adolescents with chronic myeloid leukemia in blast phase." Leukemia 2023;37:505–517, PMID 36707619
- Suttorp M, Sembill S, Kalwak K, Metzler M, Millot F: „Priapism at Diagnosis of Pediatric Chronic Myeloid Leukemia." Journal of Clinical Medicine 2023;12(14):4776, PMID 37510891
- Krumbholz M et al.: Studie zu Keimbahnvarianten bei pädiatrischer CML, International Registry of Childhood CML. Molecular Cancer 2024
- Egan G, Athale U, Johnston D et al.: „Outcomes of children with chronic myeloid leukemia: A population-based cohort study." Pediatric Blood & Cancer 2020 (Ontario, Kanada, n=52)
- Stiehler S, Sembill S, Schleicher O et al.: „Imatinib treatment and longitudinal growth in pediatric patients with chronic myeloid leukemia." Haematologica 2024;109(8) (deutsches CML-PAED-Register, TU Dresden, n=94)
- Hijiya N et al.: „A Phase 2 Study of Nilotinib in Pediatric Patients with Chronic Myeloid Leukemia" (DIALOG-Studie). Blood Advances 2021, PMID 34309636
- Sembill S et al.: „Catch-up growth after switch to asciminib in a twin with chronic myeloid leukaemia." The Lancet 2025;406(10519):2533–2535, PMID 41274296
- Kramp LJ et al.: „CAR-T cells for the treatment of pediatric chronic myeloid leukemia in repeatedly relapsed lymphoid blast phase." Annals of Hematology 2024 (Fallbericht)
- Roy Moulik N, Athale U, Metzler M, Millot F, Suttorp M: „Complications at Diagnosis of Pediatric Chronic Myeloid Leukemia in Chronic Phase." Pediatric Blood & Cancer 2025, PMID 40746223
- Gotesman M, Raheel S, Panosyan EH: „Chronic Myeloid Leukemia in Children and Adolescents." Advances in Pediatrics 2023
- Nevejan L, Labarque V, Boeckx N: „Chronic myeloid leukemia (CML) in children and adolescents – Clinicopathological findings." European Journal of Haematology 2024 (Belgien, nationale Kohorte n=14)
- Meral Günes A, Millot F, Kalwak K et al.: „Features and outcome of chronic myeloid leukemia at very young age." Pediatric Blood & Cancer 2021;68, PMID 33034135
- Delehaye F, Rouger J, Brossier D et al.: „Prevalence of anemia at diagnosis of pediatric chronic myeloid leukemia and prognostic impact on the disease course." Annals of Hematology 2023, PMID 36370190
- Juan-Ribelles A, Bautista F, Cañete A et al.: „ECLIM-SEHOP: Plataforma para Ensayos Clínicos en Oncología Pediátrica." Clinical & Translational Oncology 2024 (SEHOP, Spanien)
- Brivio E, Pennesi E, Willemse ME et al.: „Bosutinib in Resistant and Intolerant Pediatric Patients With Chronic Phase Chronic Myeloid Leukemia" (Studie ITCC054/COG AAML1921). Journal of Clinical Oncology 2024;42(7):821–831, PMID 38033284
- Orphanet (Frankreich): „Leucémie myéloïde chronique", ORPHA:521 – Kennzahlen für die Allgemeinbevölkerung, nicht pädiatriespezifisch (orpha.net)
- Suttorp M, Metzler M, Millot F: „Horn of plenty: Value of the international registry for pediatric chronic myeloid leukemia." World Journal of Clinical Oncology 2020, PMID 32874947
- kinderkrebsinfo.de – Patienten- und Fachinformationsportal der GPOH (Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie), Rubrik Studienportal, CML-paed-II-Register, Leitung Prof. Dr. med. Markus Metzler, Universitätsklinikum Erlangen
Hinweis zur Entstehung dieses Beitrags
Dieser Beitrag wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz geschrieben und überarbeitet.
War dieser Beitrag hilfreich?
Woran lag es?
Danke – das hilft uns bei der Überarbeitung.