Eine hämolytische Anämie entsteht, wenn rote Blutkörperchen schneller zerstört werden, als das Knochenmark sie nachbilden kann – mit Blutarmut, Gelbsucht und mitunter dramatischen Krisen als Folge. Bei Kindern reicht das Spektrum von harmlosen, gut kompensierten Formen bis zu akut lebensbedrohlichen Situationen, die eine sofortige Behandlung in einem kinderhämatologischen Zentrum erfordern. Ursächlich kommen sowohl angeborene Erkrankungen der roten Blutkörperchen selbst – etwa Kugelzellenanämie, Sichelzellkrankheit, Thalassämien oder ein Glukose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel – als auch erworbene, meist autoimmune oder infektionsgetriggerte Prozesse infrage. Weil sich Verläufe, Auslöser und Therapieansätze so stark unterscheiden, ist eine rasche und präzise Diagnostik entscheidend für die richtige Behandlung und die langfristige Prognose. Dieser Ratgeber ordnet das Krankheitsbild ein, erklärt Entstehung, Warnzeichen und diagnostisches Vorgehen und stellt die international anerkannten Therapiestandards für Kinder und Jugendliche im Detail vor.

So ist dieser Ratgeber aufgebaut

Dieser Artikel wertet aktuelle Leitlinien und Fachliteratur aus dem deutschsprachigen, englischsprachigen, französischsprachigen und spanischsprachigen Raum aus – von den Empfehlungen der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie (GPOH) über britische und nordamerikanische Hämatologie-Leitlinien bis zu Stellungnahmen französischer und spanischer Fachgesellschaften – und fasst sie zu einem einheitlichen, wissenschaftlich fundierten Überblick zusammen. Die Abschnitte folgen dem klinischen Ablauf: von Krankheitsbild und Ursachen über Symptome und Diagnostik bis zu Therapie, Prognose und Nachsorge. Im Abschnitt „Warnzeichen" finden Sie zusätzlich eine interaktive Warnzeichen-Ampel, mit der Sie akute Alarmsymptome auf einen Blick nach Dringlichkeit einordnen können. Wer primär die Notfallzeichen sucht, kann direkt dorthin springen; für ein vertieftes Verständnis empfiehlt sich die Lektüre von Anfang an.

Wichtiger Hinweis

Eine hämolytische Anämie kann Ausdruck einer ernsten, mitunter lebensbedrohlichen hämatologischen oder onkologischen Erkrankung sein. Abklärung, Diagnosesicherung und Behandlung gehören deshalb grundsätzlich in die Hände eines pädiatrisch-hämatologisch-onkologischen Zentrums beziehungsweise einer entsprechend spezialisierten Kinderklinik – nicht in die alleinige hausärztliche oder rein ambulante Betreuung. Bei plötzlicher Blässe, zunehmender Gelbfärbung von Haut oder Augen, dunklem Urin, starker Abgeschlagenheit, Atemnot oder Kreislaufproblemen ist umgehend eine Notaufnahme aufzusuchen. Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und Einordnung und ersetzt in keinem Fall die individuelle ärztliche Diagnostik, Beratung und Behandlung durch die betreuenden Kinderärztinnen und Kinderärzte beziehungsweise Kinderhämatologinnen und Kinderhämatologen Ihres Kindes.

1. Krankheitsbild und Definition

Eine hämolytische Anämie ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein gemeinsamer Endpunkt sehr unterschiedlicher Störungen: Die roten Blutkörperchen (Erythrozyten) werden schneller abgebaut, als das Knochenmark sie nachbilden kann. Normalerweise überlebt ein Erythrozyt etwa 100 bis 120 Tage im Blutkreislauf. Bei einer Hämolyse verkürzt sich diese Lebensspanne teils drastisch – auf wenige Tage bis Wochen –, weil die Zellen entweder von Geburt an fehlerhaft gebaut sind oder von außen angegriffen werden. Solange das Knochenmark diesen Mehrverbrauch durch gesteigerte Neubildung ausgleichen kann, bleibt der Hämoglobinwert im Normbereich; erst wenn die Kompensationsgrenze überschritten wird, entsteht die für den Kinderarzt sichtbare Anämie. Genau das erklärt, warum manche Kinder mit deutlich erhöhtem Zellabbau über Jahre unauffällig erscheinen, während ein zusätzlicher Infekt plötzlich zu einer bedrohlichen Blutarmut führt.

Warum die Anämie oft erst spät auffällt

Das kindliche Knochenmark kann seine Produktion an roten Blutkörperchen um ein Vielfaches steigern. Diese gesteigerte Blutbildung zeigt sich im Labor an einer erhöhten Retikulozytenzahl – den jungen, noch nicht ganz ausgereiften Vorläuferzellen der Erythrozyten. Erst wenn diese Reservekapazität ausgeschöpft ist, sinkt der Hämoglobinwert spürbar ab. Zusammen mit erhöhtem indirektem Bilirubin und erhöhter LDH sowie erniedrigtem Haptoglobin – den drei klassischen laborchemischen Hämolysezeichen – ergibt sich daraus das biochemische Grundmuster, das jede hämolytische Anämie unabhängig von ihrer Ursache verbindet.

Fachlich wird die hämolytische Anämie im Kindesalter nach dem Ort des Defekts in zwei große Gruppen eingeteilt – eine Systematik, die sich unter anderem in der AWMF-Leitlinie 025/027 "Anämiediagnostik im Kindesalter" (Kulozik & Kunz, GPOH/DGKJ, Version 5.0, Mai 2024) wiederfindet: korpuskuläre (hereditäre) Formen, bei denen der Fehler im Erythrozyten selbst liegt, und extrakorpuskuläre (erworbene) Formen, bei denen ein an sich gesunder Erythrozyt von außen zerstört wird. Anders als bei Leukämien existiert für hämolytische Anämien keine WHO- oder FAB-analoge Stadien- oder Risikoklassifikation – schon weil es sich nicht um eine neoplastische Erkrankung handelt. Maßgeblich sind stattdessen die ICD-10-Kodierung (D55 Enzymdefekte, D56 Thalassämien, D57 Sichelzellkrankheit, D58 sonstige hereditäre hämolytische Anämien, D59 erworbene hämolytische Anämien) und die im Folgenden beschriebene Einteilung nach Pathomechanismus.

Zwei Grundmuster der hämolytischen Anämie

Korpuskulär / hereditär

Defekt liegt im Erythrozyten selbst: Membran, Enzymausstattung oder Hämoglobinstruktur
↓
Beispiele: hereditäre Sphärozytose, G6PD-Mangel, Pyruvatkinase-Mangel, Sichelzellkrankheit, Thalassämien
↓
meist lebenslang, oft mit familiärer Häufung, genetisch nachweisbar

Extrakorpuskulär / erworben

Erythrozyt ist ursprünglich unauffällig, wird von außen zerstört
↓
Beispiele: Autoimmunhämolytische Anämie (AIHA), Alloimmunhämolyse des Neugeborenen, mikroangiopathische Hämolyse (z. B. hämolytisch-urämisches Syndrom)
↓
bei Kindern häufig infektassoziiert und vorübergehend

Diese Zweiteilung ist keine akademische Fingerübung: Sie entscheidet von der ersten Blutuntersuchung an über die weitere Richtung der Abklärung – und darüber, ob auch Geschwister oder Eltern betroffen sein könnten.

Innerhalb der korpuskulären Formen wird zusätzlich nach dem betroffenen Zellbestandteil unterschieden: Membranopathien (allen voran die hereditäre Sphärozytose sowie die selteneren Elliptozytose und Stomatozytose/Xerozytose), Enzymopathien (G6PD-Mangel, Pyruvatkinase-Mangel) und Hämoglobinopathien (Sichelzellkrankheit, Thalassämien). Bei den erworbenen Formen unterscheidet man Autoimmunhämolyse, Alloimmunhämolyse und mechanisch-mikroangiopathische Hämolyse. Am Beispiel der hereditären Sphärozytose – der häufigsten angeborenen hämolytischen Anämie bei Kindern nord- und mitteleuropäischer Abstammung – zeigt sich zudem, dass innerhalb einer einzelnen Diagnose noch einmal eine Schweregradklassifikation nötig ist, weil der klinische Verlauf von praktisch unauffällig bis schwer transfusionsbedürftig reichen kann.

SchweregradKlinisches BildTransfusionsbedarfAnteil der Patienten
Leichtweitgehend kompensierte Hämolyse, Hämoglobin meist im Normbereichkeinergrößte Gruppe
Mittelschwerchronische Anämie mit Ikterus, Splenomegalievereinzelt, v. a. bei Infekten oder aplastischen Krisenzweitgrößte Gruppe
Schwerdeutliche chronische Hämolysezeichenwiederkehrendkleinere Gruppe
Sehr schwerausgeprägte Hämolyse bereits im Säuglingsalterregelmäßig, meist ab dem 2.–3. Lebensjahr mit Risiko einer transfusionsbedingten Eisenüberladungca. 3–4 %

Schweregradeinteilung der hereditären Sphärozytose anhand Hämoglobin, Retikulozyten, Bilirubin und Transfusionsbedarf, nach AWMF-Leitlinie 025/018 (Eber & Andres, GPOH, Stand 28.08.2023)

Etwa 90 Prozent der hereditären Sphärozytose-Fälle werden autosomal-dominant vererbt, rund 10 Prozent autosomal-rezessiv – Letztere verlaufen im Durchschnitt schwerer. In etwa 10 Prozent der Fälle bleibt trotz umfassender Diagnostik unklar, welches Gen ursächlich betroffen ist. Diese Unschärfe an den Rändern der Klassifikation ist typisch für hämolytische Anämien insgesamt: Anders als bei vielen onkologischen Diagnosen gibt es kein einzelnes, alles erklärendes Einteilungsschema, sondern ein Nebeneinander aus serologischer (Coombs-Status), morphologischer (Blutausstrich) und zunehmend molekulargenetischer Klassifikation.

2. Epidemiologie

Verlässliche, bevölkerungsbezogene Zahlen zur hämolytischen Anämie als Sammelbegriff gibt es nicht – anders als etwa bei Kinderkrebs, für den in Deutschland mit dem Deutschen Kinderkrebsregister in Mainz ein flächendeckendes Register existiert. Für hämolytische Anämien betreibt die Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie (GPOH) lediglich ein freiwilliges "Register für Seltene Anämien". Belastbare Zahlen liegen daher nur für einzelne Unterformen vor, und diese Zahlen unterscheiden sich zwischen den Sprach- und Versorgungsregionen zum Teil erheblich – vor allem, weil die jeweils dominierende Form stark von der Bevölkerungsgeschichte des Landes abhängt.

Hereditäre Sphärozytose1:2.500–5.000Prävalenz Mitteleuropa, AWMF 025/018, 2023
Sichelzellkrankheit Deutschland~150/JahrNeugeborene mit SCD, G-BA-Beschluss 20.11.2020
G6PD-Mangel weltweit443 Mio.Global Burden of Disease 2021, Yu et al. 2025
AIHA im Kindesalter25–160/JahrNeuerkrankungen Deutschland, GPOH/Kunz 2022

Die hereditäre Sphärozytose gilt trotz einer für seltene Erkrankungen vergleichsweise hohen Prävalenz von 1:2.500 bis 1:5.000 formal als seltene Erkrankung (ORPHA822) – sie ist damit ausdrücklich "die häufigste angeborene hämolytische Anämie bei Personen mit einem nord- oder mitteleuropäischen Hintergrund" (AWMF 025/018), spielt weltweit betrachtet aber eine untergeordnete Rolle. Global dominieren zahlenmäßig der G6PD-Mangel als weltweit häufigste Erythrozyten-Enzymopathie (443 Millionen Betroffene 2021, ein Anstieg von 80 Prozent gegenüber 1990, mit der höchsten Krankheitslast in Südasien mit rund 138 Millionen Fällen) und die Sichelzellkrankheit. In Deutschland leben schätzungsweise 3.000 Menschen mit Sichelzellkrankheit, mit steigender Tendenz durch Zuwanderung aus Afrika, dem Mittleren Osten und der Türkei; seit dem 1. Oktober 2021 ist die Erkrankung Teil des erweiterten Neugeborenenscreenings – deutlich später als in Nordamerika und mehreren europäischen Nachbarländern.

Für die autoimmunhämolytische Anämie (AIHA) zeigt der internationale Vergleich, wie stark die geschätzte Häufigkeit von der Qualität der zugrunde liegenden Register abhängt: Eine ältere US-amerikanische Schätzung ging von nur etwa 0,2 Fällen pro 1.000.000 Kinder unter 20 Jahren aus (Sokol, 1981). Die bislang größte prospektive Kohorte, das französische CEREVANCE-Netzwerk (Aladjidi et al., Haematologica 2011, n=265, Beobachtungszeitraum 2004–2007), fand dagegen eine 10- bis 20-fach höhere Inzidenz von grob 0,8 bis 1 Fall pro 100.000 Kinder und Jahr, entsprechend etwa 20 bis 30 Neuerkrankungen jährlich in Frankreich. Die spanische pädiatrische Fachliteratur bestätigt mit 0,8 bis 1,25 Fällen pro 100.000 Kinder und Jahr eine sehr ähnliche Größenordnung. Die deutsche Schätzung von 25 bis 160 Neuerkrankungen pro Jahr ist demgegenüber deutlich breiter gefasst – ein Hinweis darauf, dass auch hierzulande kein vergleichbar belastbares Register wie in Frankreich existiert.

Auch das Erkrankungsalter unterscheidet sich je nach Kohorte und Land beträchtlich, was die methodischen Schwierigkeiten einer einheitlichen Einordnung zusätzlich verdeutlicht. In der spanischen Fallserie aus Madrid lag das mediane Diagnosealter bei nur 2 Jahren (Spanne 0,4 bis 9 Jahre), rund 64 Prozent der Kinder waren zwischen 1 und 5 Jahre alt, und mit 72 Prozent Jungen gegenüber 28 Prozent Mädchen zeigte sich eine auffällige männliche Dominanz. Die französische CEREVANCE-Kohorte beschreibt dagegen einen ersten Häufigkeitsgipfel bei Kindern unter 5 Jahren und einen zweiten, kleineren Anstieg in der Adoleszenz mit zunehmendem Überwiegen von Mädchen – ein Muster, das sich in publizierten medianen Diagnosealtern zwischen 5,3, 8,25 und 12 Jahren je nach untersuchter Kohorte niederschlägt. Bemerkenswert ist zudem, dass eine AIHA im ersten Lebensjahr trotz des insgesamt jungen Erkrankungsgipfels selten bleibt: Von 267 in die französische Kohorte bis September 2007 eingeschlossenen Kindern waren lediglich 41 (Medianalter 7 Monate) jünger als ein Jahr.

Zahlenmäßig deutlich unschärfer bleibt die Datenlage für die selteneren Enzymopathien. Für den Pyruvatkinase-Mangel, die zweithäufigste Erythrozyten-Enzymopathie nach dem G6PD-Mangel, schwanken publizierte Prävalenzschätzungen je nach untersuchter Bevölkerung zwischen 1:20.000 und 1:300.000 – eine Bandbreite, die die Seltenheit gesicherter genetisch-epidemiologischer Erhebungen für diese Diagnose unterstreicht und erklärt, warum eine für Deutschland spezifische Zahl bislang nicht verfügbar ist.

Land / RegionHäufigste Form im KindesalterKennzahlNeugeborenenscreening Sichelzellkrankheit
Deutschland (D-A-CH)Hereditäre Sphärozytose (autochthon); Sichelzellkrankheit und G6PD-Mangel steigend durch ZuwanderungHS 1:2.500–5.000; SCD ca. 150 Neugeborene/Jahr, ca. 3.000 Betroffene gesamtseit 01.10.2021
FrankreichSichelzellkrankheit1:1.323 Geburten (2020); Anstieg der Fallzahlen um 44 % zwischen 2009–2012 und 2017–2020gezielt seit den 1980er-Jahren, seit 01.11.2024 universell für alle Neugeborenen
SpanienHereditäre Sphärozytose (autochthon, ca. 1:2.000); Sichelzellkrankheit stark steigendSCD-Register REHem-AR: 826 Fälle (2020) → ca. 1.300 Fälle (2022)vorhanden, landesweite Umsetzungsdetails uneinheitlich dokumentiert
USA / UKHereditäre Sphärozytose bei europäischstämmiger Bevölkerung1:2.000–5.000 (Bolton-Maggs et al., Br J Haematol 2012)seit Jahrzehnten Standard, deutlich früher als in D-A-CH

Regionales Verteilungsmuster hämolytischer Anämien

Mitteleuropa (Deutschland, Österreich, Schweiz)

Häufigste angeborene Form: hereditäre Sphärozytose (Membrandefekt)
↓
Sichelzellkrankheit und G6PD-Mangel traditionell selten und als "importiert" eingestuft
↓
steigende Fallzahlen durch Zuwanderung aus Mittelmeerraum, Afrika, Nahost und der Türkei

Globale Hochprävalenzregionen (Afrika, Mittelmeerraum, Naher Osten, Südasien)

Häufigste Formen: G6PD-Mangel und Sichelzellkrankheit (Enzym- bzw. Hämoglobindefekte)
↓
Verbreitung folgt historischen Malaria-Endemiegebieten – Anlageträger hatten dort einen Überlebensvorteil
↓
hereditäre Sphärozytose spielt zahlenmäßig eine untergeordnete Rolle

Welche Form der hämolytischen Anämie bei einem Kind wahrscheinlich ist, hängt damit erheblich von der familiären Herkunft ab – ein Grund, warum in der deutschen Kinderheilkunde heute routinemäßig auch an Sichelzellkrankheit und G6PD-Mangel gedacht werden muss, wenn die Familie aus einer der genannten Regionen stammt.

Auch innerhalb einzelner Länder zeigt sich eine ausgeprägte Heterogenität: In Spanien schwankt die Trägerprävalenz der Beta-Thalassämie zwischen 0,4 Prozent im Landesdurchschnitt, 5,6 Prozent in der Roma-Gemeinschaft und 3,8 Prozent auf Menorca, während sie in der baskischen Bevölkerung praktisch nicht vorkommt. In Frankreich wiederum entfallen mehr als zwei Drittel aller Neugeborenen mit Sichelzellkrankheit auf die Île-de-France und die Überseedépartements – die Erkrankung ist dort inzwischen die häufigste beim Neugeborenenscreening entdeckte genetische Erkrankung überhaupt, noch vor Mukoviszidose. Solche kleinräumigen Unterschiede lassen sich rein bevölkerungsbezogen kaum erfassen, solange – wie derzeit für Deutschland – kein zentrales Register existiert, das alle hämolytischen Anämien gemeinsam abbildet.

3. Entstehung, Pathophysiologie und Genetik

Auf zellulärer Ebene unterscheidet man zwei Orte, an denen Erythrozyten vorzeitig zugrunde gehen: die extravasale Hämolyse, bei der veränderte oder mit Antikörpern beladene Erythrozyten von Makrophagen vor allem in der Milz erkannt und abgebaut werden, und die intravasale Hämolyse, bei der die Zellen direkt im Blutstrom zerstört werden – meist durch Komplementaktivierung oder mechanische Scherkräfte. Welcher Mechanismus überwiegt, hängt von der zugrunde liegenden Ursache ab und bestimmt auch das klinische Bild: Intravasale Hämolyse geht typischerweise mit dunkel verfärbtem Urin (Hämoglobinurie) einher, extravasale Hämolyse eher mit Ikterus und tastbarer Milzvergrößerung.

Angeborene (korpuskuläre) Formen: Membran-, Enzym- und Hämoglobindefekte

Bei der hereditären Sphärozytose betreffen die Genmutationen Proteine, die das Erythrozytenzytoskelett an der Zellmembran verankern. Fällt diese Verankerung aus, verliert die Zelle Membranfläche, nimmt eine kugelige statt scheibenförmige Gestalt an (daher der Name Sphärozytose) und verliert damit die Verformbarkeit, die sie benötigt, um die engen Kapillaren der Milz zu passieren – dort werden die starren Zellen vorzeitig abgebaut.

GenBetroffenes ProteinUngefährer Anteil der HS-FälleErbgang
ANK1Ankyrinca. 50–60 %überwiegend autosomal-dominant
SPTB / SPTA1Spektrin (β- bzw. α-Kette)ca. 20 %autosomal-dominant, SPTA1 gelegentlich rezessiv
SLC4A1Bande-3-Proteinca. 20 %autosomal-dominant
EPB42Protein 4.2kleinerer Anteilautosomal-rezessiv
RhAGRh-assoziiertes Glykoprotein (Rh-null-Status)ca. 1 %autosomal-rezessiv
nicht identifiziert–ca. 10 %–

Molekulare Ursachen der hereditären Sphärozytose, gerundete Häufigkeitsangaben aus mehreren Kohorten (AWMF-Leitlinie 025/018, Eber & Andres, GPOH, 2023) – die Summe übersteigt rundungsbedingt 100 %

Neben der hereditären Sphärozytose zählen zwei seltenere Membranopathien zur gleichen Gruppe: Die hereditäre Elliptozytose beruht auf Defekten der horizontalen Wechselwirkungen im Erythrozytenzytoskelett (meist ebenfalls Spektrin oder Protein 4.1 betreffend) und verläuft in rund 80 Prozent der Fälle asymptomatisch oder nur mild – die ovale Zellform fällt dabei häufig als Zufallsbefund im Blutausstrich auf, ohne dass eine behandlungsbedürftige Hämolyse vorliegt. Die noch seltenere Stomatozytose beziehungsweise Xerozytose (hereditäre Dehydratations-Stomatozytose) wird unter anderem durch Mutationen im Gen PIEZO1 verursacht, das für einen mechanosensitiven Ionenkanal der Erythrozytenmembran kodiert, und wird meist autosomal-dominant vererbt. Beide Formen werden in der Anämiediagnostik-Leitlinie ausdrücklich als eigene, von der hereditären Sphärozytose morphologisch und molekular abzugrenzende Membranopathien genannt, obwohl sie im klinischen Alltag seltener zu einer behandlungsbedürftigen Anämie führen.

Bei den Enzymopathien liegt der Defekt nicht in der Zellhülle, sondern im Stoffwechsel des Erythrozyten. Der G6PD-Mangel betrifft ein Enzym des Pentosephosphatwegs, das die Zelle vor oxidativem Stress schützt; das zugehörige Gen liegt auf dem X-Chromosom (Genlocus Xq28), weshalb ganz überwiegend Jungen und Männer betroffen sind. Über 300 verschiedene Mutationen dieses Gens sind beschrieben. Um die sehr unterschiedliche klinische Schwere dieser Varianten einzuordnen, klassifiziert die Weltgesundheitsorganisation sie nach der verbleibenden Enzymrestaktivität: Die ursprüngliche, 1985 eingeführte Einteilung unterschied fünf Klassen von einer seltenen, chronischen Verlaufsform mit dauerhaft stark reduzierter Enzymaktivität (Klasse I) bis zu klinisch bedeutungslosen Normvarianten (Klasse IV/V); eine 2022 überarbeitete Klassifikation fasst die frühere Klasse II (Restaktivität unter 10 Prozent) und Klasse III (10 bis 60 Prozent) zu einer neuen, gemeinsamen Klasse B mit dem typischen episodischen Verlaufsmuster zusammen, während die seltene chronische, nicht-episodische Verlaufsform weiterhin als eigene Klasse A geführt wird. Diese Einordnung hat praktische Bedeutung für die Beratung betroffener Familien: Nur ein kleiner Teil der Genvarianten verursacht überhaupt eine chronische, transfusionsbedürftige Hämolyse – die weit überwiegende Mehrheit der Kinder mit G6PD-Mangel bleibt zwischen den durch oxidativen Stress ausgelösten Schüben vollständig beschwerdefrei. Fällt der oxidative Schutz aus, führen Auslöser wie Fava-Bohnen, bestimmte Medikamente oder fieberhafte Infekte zu akuten hämolytischen Schüben. Der Pyruvatkinase-Mangel, die zweithäufigste Erythrozyten-Enzymopathie, betrifft dagegen ein Schlüsselenzym der Glykolyse (Gen PKLR) und wird autosomal-rezessiv vererbt; er verursacht meist eine chronische, nicht-sphärozytäre Hämolyse mit sehr variablem Schweregrad.

Die Sichelzellkrankheit entsteht durch eine einzelne Punktmutation im β-Globin-Gen (HBB), bei der an Position 6 der Aminosäurekette Glutaminsäure durch Valin ersetzt wird – Folge ist das pathologische Hämoglobin S. Die Erkrankung wird autosomal-rezessiv vererbt und manifestiert sich, wenn der HbS-Anteil 50 Prozent überschreitet. Klinisch relevante Genotypen sind die homozygote Form HbSS, die Compound-Heterozygotie HbSC sowie die Kombination mit einer Beta-Thalassämie (Sβ⁰- bzw. Sβ⁺-Thalassämie). Unter Sauerstoffmangel polymerisiert das HbS im Erythrozyten, die Zelle verformt sich zur namensgebenden Sichelform, verliert an Elastizität und Überlebensdauer und verursacht durch Verstopfung kleiner Gefäße Endothelschäden und vaso-okklusive Organschäden. Genetische Modifikatoren wie eine gleichzeitig vorliegende Alpha-Thalassämie oder eine anhaltend hohe Konzentration von fetalem Hämoglobin können den Verlauf deutlich abmildern – ein Grund, warum die Sichelzellkrankheit etwa in Indien oder Ostarabien im Durchschnitt milder verläuft als in Äquatorialafrika.

Erworbene (extrakorpuskuläre) Formen: Auto- und Alloimmunhämolyse

Bei der autoimmunhämolytischen Anämie (AIHA) richten sich Antikörper des eigenen Immunsystems gegen Oberflächenstrukturen der Erythrozyten. Ob ein Antikörper überhaupt vorliegt und welchen Immunglobulintyp er trägt, lässt sich über den direkten Coombs-Test (direkter Antiglobulintest, DAT) klären – ein positiver Befund weist auf einen Immunmechanismus hin, ein negativer Befund lenkt den Verdacht auf eine hereditäre Ursache. Nach dem beteiligten Antikörpertyp unterscheidet man drei Formen mit jeweils eigener Pathophysiologie.

Wärme- versus Kälteantikörper bei der AIHA

Wärmeautoantikörper-AIHA

Antikörperklasse IgG, maximal aktiv bei Körpertemperatur (37 °C)
↓
macht bei Kindern den größten Anteil der AIHA-Fälle aus
↓
überwiegend extravasale Hämolyse: Milzmakrophagen erkennen die IgG-beladenen Erythrozyten über Fc-Rezeptoren

Kälteagglutinin-AIHA

Antikörperklasse IgM, reaktiv bei niedrigeren Temperaturen in den Akren
↓
bei Kindern oft nach Infektionen, insbesondere mit Mycoplasma pneumoniae, über Kreuzreaktion mit einem Erythrozyten-Oberflächenantigen
↓
komplementvermittelte, eher intravasale Hämolyse

Eine dritte, im Kindesalter namentlich bei der paroxysmalen Kältehämoglobinurie relevante Sonderform sind biphasische Donath-Landsteiner-Antikörper; diese Form sowie die akut-reversible Kälteagglutininerkrankung betreffen fast ausschließlich Kinder unter 13 Jahren und gelten – anders als bei Erwachsenen – im Kindesalter als vergleichsweise häufige, meist infektassoziierte und in der Regel spontan rückläufige AIHA-Formen.

Ein Schwerpunkt der internationalen Forschung der vergangenen Jahre betrifft die genetische Aufarbeitung besonders hartnäckiger oder kombinierter Verläufe. Tritt eine AIHA gemeinsam mit einer Immunthrombozytopenie und/oder Neutropenie auf, spricht man von einem Evans-Syndrom. Bei Kindern mit Evans-Syndrom findet sich auffällig häufig eine zugrunde liegende monogene Störung der Immunregulation – ein "Inborn Error of Immunity".

Autosomal-dominante Vererbungca. 90 %der hereditären Sphärozytose-Fälle, AWMF 025/018, 2023
CTLA4-/LRBA-Mutationen39 %bei kindlichem Evans-Syndrom, n=18, Clinical Immunology 2018
Monogene Ursache bei Evans-Syndrombis zu 76 %gesichert plus wahrscheinlich, Miano et al., Frontiers in Immunology 2022
Primäre Immundefizienz bei AIHA15 %ICON-Kohorte Nordamerika, ASH 2024, n=402

Konkret fanden sich in einer Kohorte von 18 Kindern mit Evans-Syndrom bei sieben Kindern (rund 39 Prozent) krankheitsverursachende Varianten in den Genen CTLA4 oder LRBA – beide zentral für die Regulation überschießender Immunreaktionen (Clinical Immunology 2018). Eine italienische Einzelzentrumsanalyse (Miano et al., Frontiers in Immunology 2022) bestätigte dies: Bei 32 Prozent der untersuchten Kinder ließ sich eine gesicherte monogene Ursache nachweisen (unter anderem in den Genen FAS/TNFRSF6, CTLA4, LRBA, STAT3, PIK3CD, RAG1 und KRAS), bei weiteren 22 Prozent fanden sich möglicherweise ursächliche Varianten – zusammengenommen also bei bis zu drei Vierteln der untersuchten Kinder ein potenzieller genetischer Hintergrund. Die aktuelle nordamerikanische ICON-Kohorte (American Society of Hematology, Jahrestagung 2024, n=402, 15 Zentren) bestätigt diese Größenordnung aus einer anderen Richtung: 15 Prozent der Kinder mit AIHA hatten eine zugrunde liegende primäre Immundefizienz – zur Hälfte einen variablen Immundefekt (CVID), zu einem Drittel ein autoimmunes lymphoproliferatives Syndrom (ALPS) und der Rest ein 22q11.2-Deletionssyndrom –, bei weiteren 16 Prozent lag eine sekundäre Autoimmunerkrankung vor. Diese Befunde haben unmittelbare praktische Bedeutung: Sie erklären, warum eine kindliche AIHA – anders als viele infektassoziierte, spontan abheilende Formen – bei ungewöhnlich schwerem, kombiniertem oder therapieresistentem Verlauf zunehmend Anlass für eine gezielte immungenetische Diagnostik ist, statt allein als isolierte Blutbilderkrankung behandelt zu werden.

Alloimmunhämolyse des Neugeborenen: ein eigener Sondermechanismus

Neben der Autoimmunhämolyse zählt die Alloimmunhämolyse des Neugeborenen – im deutschsprachigen Raum traditionell auch als Morbus haemolyticus neonatorum bezeichnet – zu den erworbenen extrakorpuskulären Formen. Der Mechanismus unterscheidet sich grundlegend von der AIHA: Hier richten sich nicht körpereigene, sondern mütterliche Antikörper gegen kindliche Erythrozytenmerkmale, die das Kind vom Vater geerbt hat und die der Mutter selbst fehlen – meist gegen das Rhesus-D-Antigen oder gegen AB0-Merkmale. Kommt mütterliches Blut während einer vorangegangenen Schwangerschaft, Fehlgeburt oder Geburt mit kindlichem Blut in Kontakt, kann die Mutter Antikörper gegen das fremde Antigen bilden; diese IgG-Antikörper passieren in einer Folgeschwangerschaft die Plazenta und zerstören dort die fetalen Erythrozyten.

Vor Einführung der Anti-D-Immunglobulinprophylaxe kam es bei 13 bis 16 Prozent der gefährdeten Schwangerschaften (Rh-negative Mutter, Rh-positives Kind) zu einer Rh-Sensibilisierung der Mutter. Die postpartale, später auch antenatale Gabe von Anti-D-Immunglobulin – erstmals 1966 in Großbritannien und den USA belegt, 1971 von der Weltgesundheitsorganisation als Dosisempfehlung standardisiert – senkte diese Rate auf schätzungsweise 0,5 bis 1,8 Prozent; bevölkerungsbezogen sank die Häufigkeit der Rh-Erythroblastose von rund 45 auf etwa 10 Fälle pro 10.000 Geburten. Diese Entwicklung gilt als eines der eindrücklichsten Beispiele dafür, wie eine konsequente Vorsorgemaßnahme eine vormals gefürchtete Ursache von schwerem Neugeborenenikterus und Kernikterus in Ländern mit etablierter Schwangerenvorsorge weitgehend zurückgedrängt hat. International bleibt das Problem jedoch keineswegs gelöst: Schätzungen zufolge erhält weltweit weiterhin etwa die Hälfte der Risikoschwangerschaften keine adäquate Anti-D-Prophylaxe, sodass die Rh-Erythroblastose in einkommensschwachen Regionen eine relevante Ursache von schwerem Neugeborenenikterus bleibt. Die insgesamt häufigere, meist deutlich mildere AB0-Erythroblastose benötigt dagegen keine vorangegangene Sensibilisierung, da entsprechende Anti-A- oder Anti-B-Antikörper bei manchen Müttern bereits natürlicherweise vorhanden sind – sie verläuft in aller Regel ohne die schwere Verlaufsform, die die Rh-Konstellation kennzeichnen kann.

Mechanisch-mikroangiopathische Hämolyse: eine dritte erworbene Kategorie

Die dritte Gruppe der erworbenen hämolytischen Anämien entsteht weder durch Autoantikörper noch durch mütterliche Alloantikörper, sondern rein mechanisch: Kleine Blutgefäße werden durch Mikrothromben teilweise verlegt, sodass die Erythrozyten beim Durchtritt regelrecht zerschnitten werden und als sogenannte Fragmentozyten (Schistozyten) im Blutausstrich erscheinen. Im Kindesalter ist das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS) die mit Abstand häufigste Ursache dieses Mechanismus: Meist geht ihm eine Darminfektion mit Shigatoxin-bildenden Escherichia-coli-Stämmen (STEC), seltener mit Shigellen, voraus, die über eine Endothelschädigung kleiner Nierengefäße zur charakteristischen Trias aus mikroangiopathischer hämolytischer Anämie, Thrombozytopenie und akutem Nierenversagen führt. Deutlich seltener, aber differenzialdiagnostisch bedeutsam ist die thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (TTP), bei der ein Mangel des Enzyms ADAMTS13 zur Bildung ungewöhnlich großer von-Willebrand-Faktor-Multimere und dadurch ebenfalls zu ausgedehnten Mikrothrombosen führt. Weil beide Erkrankungen rasch fortschreiten und potenziell lebensbedrohlich verlaufen können, gilt der Nachweis von Fragmentozyten im Blutausstrich bei gleichzeitiger Thrombozytopenie unabhängig vom Ergebnis des Coombs-Tests als eigenständiges Alarmzeichen, das eine umgehende nephrologische beziehungsweise hämatologische Abklärung erfordert.

Paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie (PNH): eine erworbene klonale Sonderform

Neben den bereits beschriebenen angeborenen und erworbenen Formen existiert mit der paroxysmalen nächtlichen Hämoglobinurie (PNH) eine seltene vierte Kategorie, die weder rein hereditär noch klassisch autoimmun ist: Eine somatische Mutation im Gen PIGA führt dazu, dass den betroffenen Blutzellen bestimmte GPI-verankerte Schutzproteine wie CD55 und CD59 fehlen. Ohne diesen Schutz werden die Erythrozyten ungewöhnlich empfindlich gegenüber dem körpereigenen Komplementsystem und intravasal zerstört. Im Kindesalter ist PNH sehr selten und tritt gehäuft gemeinsam mit einem Knochenmarkversagen auf: Ein kleiner PNH-Klon lässt sich mitunter bereits bei einer aplastischen Anämie nachweisen, noch bevor eine ausgeprägte klassische Hämoglobinurie besteht. Die Diagnose erfolgt durch eine hochsensitive Durchflusszytometrie, die das Fehlen GPI-verankerter Proteine auf der Zelloberfläche unter anderem mittels FLAER-Färbung direkt sichtbar macht.

Direkte Erregerschädigung, Medikamente und mechanische Ursachen als weitere erworbene Auslöser

Über Autoantikörper, Alloantikörper und die mikroangiopathische Hämolyse hinaus können Erythrozyten auf mehreren weiteren Wegen von außen geschädigt werden. Bestimmte Erreger befallen oder schädigen rote Blutkörperchen direkt: Plasmodien (Malaria) vermehren sich unmittelbar in Erythrozyten und sind vor allem bei kleinen Kindern in Endemiegebieten ein wichtiger Teil des Krankheitsbildes der schweren Malaria; das durch Zecken übertragene Babesia kann, in Mitteleuropa insgesamt selten, bei Kindern mit Asplenie oder Immunsuppression schwer verlaufen; und das bakterielle Toxin von Clostridium perfringens kann in sehr seltenen Fällen im Rahmen einer schweren Sepsis eine fulminante intravasale Hämolyse auslösen, die sofortige Antibiotikagabe und Herdsanierung erfordert. Daneben können bestimmte Medikamente eine eigenständige, medikamenteninduzierte Immunhämolyse auslösen, bei der Antikörper nur in Anwesenheit des Wirkstoffs oder gegen durch ihn veränderte Erythrozytenstrukturen reagieren; in der Pädiatrie gilt das Antibiotikum Ceftriaxon als besonders bekanntes Beispiel, weil es – vor allem bei wiederholter Gabe – selten zu einer fulminant verlaufenden Hämolyse führen kann, die sich grundlegend von einer gewöhnlichen allergischen Reaktion unterscheidet; nach einer bestätigten Reaktion wird das Medikament dauerhaft gemieden. Schließlich kann Blut auch rein mechanisch durch hohe Scherkräfte geschädigt werden, etwa an künstlichen Herzklappen, bei einem paravalvulären Leck oder während einer extrakorporalen Membranoxygenierung (ECMO) – ein ansteigendes freies Plasmahämoglobin dient hier als technisches Warnsignal für ein Pumpen- oder Kreislaufproblem.

Schwere Sonderform der Elliptozytose und ein Sicherheitshinweis zur Splenektomie bei Stomatozytose

Eine besonders schwere, mitunter bereits vorgeburtlich transfusionsbedürftige Verlaufsform der hereditären Elliptozytose ist die hereditäre Pyropoikilozytose (HPP), bei der der Blutausstrich eine ausgeprägte Poikilozytose, Mikrozytose und Zellfragmentierung zeigt (Prenatal Diagnosis, 2025). Bei der hereditären Stomatozytose beziehungsweise Xerozytose ist zudem ein Sicherheitsaspekt hervorzuheben, der sich deutlich von der hereditären Sphärozytose unterscheidet: Eine Splenektomie, die bei schwerer Sphärozytose die Anämie oft entscheidend verbessert, kann bei der PIEZO1-bedingten Dehydratations-Stomatozytose (PIEZO1-DHS) ein erhebliches Thromboserisiko auslösen und wird bei dieser Diagnose deshalb in der Regel vermieden. PIEZO1-DHS kann außerdem – unabhängig von häufigen Bluttransfusionen – zu einer relevanten Eisenüberladung der Leber führen, weshalb bei dieser Diagnose besonders frühzeitig an Ferritin-Kontrollen und eine MRT-Eisenmessung gedacht wird (Gallagher, Blood, 2025).

4. Symptome und klinisches Bild

Das klinische Erscheinungsbild der hämolytischen Anämie ist ausgesprochen vielgestaltig, weil es nicht von einer einzelnen Erkrankung, sondern von einem gemeinsamen Endstreckenmechanismus – dem vorzeitigen Abbau roter Blutkörperchen – geprägt wird, der bei ganz unterschiedlichen zugrunde liegenden Defekten auftreten kann. Entscheidend für das klinische Bild ist dabei weniger die genaue Diagnose als vielmehr das Tempo, mit dem sich die Hämolyse entwickelt: Eine chronisch-kompensierte Hämolyse kann über Jahre kaum auffallen, während eine akute hämolytische Krise innerhalb weniger Stunden zu einer intensivpflichtigen Notfallsituation werden kann.

Allen Formen gemeinsam ist eine Kombination aus Blässe (durch den Hämoglobinmangel), Ikterus beziehungsweise Sklerenikterus (durch den Anstieg des indirekten Bilirubins aus dem Häm-Abbau), Müdigkeit und Belastungsintoleranz sowie – bei chronischen Verläufen – einer tastbaren Milzvergrößerung als Ausdruck der gesteigerten extravasalen Hämolysearbeit der Milz. Bei den angeborenen korpuskulären Formen, allen voran der hereditären Sphärozytose, gilt die Kombination aus Ikterus, Anämie und Splenomegalie klassisch als diagnostische Trias.

Zwei klinische Verlaufsbilder derselben Grunderkrankung

Chronisch-kompensierte Hämolyse

Diskrete, oft nur bei genauem Hinsehen auffällige Blässe
↓
Leichter Sklerenikterus, im Alltag häufig übersehen
↓
Tastbare, aber nicht druckschmerzhafte Milzvergrößerung
↓
Normales bis leicht erniedrigtes Hämoglobin bei kompensatorisch erhöhten Retikulozyten

Akute hämolytische Krise

Plötzliche, ausgeprägte Blässe mit Schwäche und Kollapsneigung
↓
Rasch zunehmender Ikterus, teils dunkel verfärbter ("colafarbener") Urin
↓
Fieber, Tachykardie, Bauchschmerzen, im Extremfall Bewusstseinstrübung
↓
Rascher Hämoglobinabfall, in großen Fallserien bei über der Hälfte der Kinder mit Intensivpflicht

Dieselbe zugrunde liegende Erkrankung kann bei ein und demselben Kind über Monate kaum bemerkt verlaufen und bei einem Infekt oder einer neuen Triggerexposition innerhalb weniger Stunden in eine bedrohliche Krise umschlagen. Das rechtfertigt eine niedrige Vorstellungsschwelle bei jeder neu aufgetretenen Blässe mit Ikterus.

Autoimmunhämolytische Anämie (AIHA) – häufig akuter Beginn

Die AIHA präsentiert sich im Kindesalter typischerweise akuter und dramatischer als viele hereditäre Formen. In der bislang größten publizierten spanischen Einzelzentrumsserie (Hospital Infantil Universitario Niño Jesús, Madrid, n = 25, Beobachtungszeitraum 1997–2019) fanden sich bei Erstvorstellung Fieber bei 72 % der Kinder, Blässe bei 68 %, Ikterus bei 64 %, eine Hepatosplenomegalie bei 48 %, Hämoglobinurie bei 48 %, Bauchschmerzen oder Erbrechen bei 40 %, Tachykardie bei 32 % und eine Bewusstseinsstörung bei 12 % der Kinder. Bemerkenswert ist, dass 56 % der Kinder zur initialen hämodynamischen Stabilisierung intensivmedizinisch überwacht werden mussten – ein deutlicher Hinweis darauf, dass die AIHA bei Kindern trotz ihrer insgesamt guten Langzeitprognose eine akut bedrohliche Erstmanifestation haben kann. Bei rund einem Drittel der Kinder lässt sich zum Zeitpunkt der Diagnose eine zeitgleiche virale Infektion nachweisen (u. a. Zytomegalie-, Epstein-Barr-, Parvovirus-B19- oder Varizella-Zoster-Virus, seltener Mycoplasma pneumoniae), was die postinfektiöse, bei Kindern oft nur vorübergehende Natur vieler Fälle unterstreicht. Bei der kälteantikörpervermittelten Form kann es zusätzlich zu Akrozyanose oder – als seltene, aber ernste Komplikation – peripheren Nekrosen kommen.

Hereditäre Sphärozytose – vom verlängerten Neugeborenenikterus bis zur hämolytischen Krise

Bei der hereditären Sphärozytose reicht das Spektrum von der zufällig im Rahmen einer Blutbildkontrolle entdeckten milden Verlaufsform bis zur transfusionsbedürftigen schweren Hämolyse bereits im Säuglingsalter. Beim Neugeborenen ist häufig ein ausgeprägter oder ungewöhnlich lange anhaltender Ikterus die erste auffällige Manifestation, noch bevor die klassische Trias aus Blässe, Ikterus und Splenomegalie im Kleinkind- oder Schulalter erkennbar wird. Im weiteren Verlauf kommt es typischerweise zu rezidivierenden, infektgetriggerten "hämolytischen Krisen" mit vorübergehender Verstärkung von Blässe und Ikterus sowie – als Folge der chronischen Bilirubinbelastung der Gallenwege – zu einem im Kindesalter keineswegs seltenen Auftreten von Gallensteinen (Cholelithiasis).

Enzymopathien: episodische Hämolyse (G6PD-Mangel) versus chronischer Verlauf (Pyruvatkinase-Mangel)

Der G6PD-Mangel verläuft überwiegend episodisch: Zwischen den Schüben sind betroffene Kinder meist beschwerdefrei, ein akuter hämolytischer Schub mit Hämoglobinurie wird typischerweise durch oxidativen Stress ausgelöst – etwa durch fieberhafte Infekte, bestimmte Medikamente oder, namensgebend für den "Favismus", den Verzehr von Fava-Bohnen. Eine neonatale Hyperbilirubinämie ist bei G6PD-Mangel eine häufige Erstmanifestation und kann unerkannt zu einem erheblichen Kernikterusrisiko führen. Zu den in der Praxis wichtigsten zu meidenden Auslösern zählen bestimmte Malariamedikamente (allen voran Primaquin), einige Sulfonamid-Antibiotika, Nitrofurantoin, Dapson sowie in höherer Dosierung Acetylsalicylsäure; auch Hautkontakt mit Naphthalin, etwa aus Mottenkugeln, kann bei entsprechender Veranlagung einen hämolytischen Schub auslösen. Eltern betroffener Kinder erhalten deshalb in der Regel eine schriftliche Liste zu meidender Substanzen, die bei jeder neuen Medikamentenverordnung – auch durch andere Fachärzte oder im Ausland – vorgelegt werden sollte. Der deutlich selteneren Pyruvatkinase-Mangel liegt dagegen meist eine chronische, nicht-sphärozytäre Hämolyse zugrunde, die im Extremfall bereits vorgeburtlich als fetaler Hydrops, Myokarddepression oder Leberversagen in Erscheinung treten kann – ein Verlaufsmuster, das sich grundlegend von der episodischen Symptomatik des G6PD-Mangels unterscheidet.

Sichelzellkrankheit – vasookklusive Symptomatik als eigene Krankheitsdimension

Bei der Sichelzellkrankheit tritt neben den allgemeinen Hämolysezeichen eine zweite, eigenständige Symptomgruppe hinzu, die aus der Gefäßverschlusskomponente der Erkrankung resultiert. In einer spanischen Elf-Jahres-Einzelzentrumsstudie waren vasookklusive Krisen (35,2 %), das akute Thoraxsyndrom (32,3 %) und fieberhafte Episoden (33,8 %) die häufigsten stationären Aufnahmegründe; eine antibiotische Behandlung erfolgte bei 86 %, eine Opioidanalgesie bei 28 % der Episoden. Zusätzlich zählen die akute Milzsequestrationskrise – vor allem im Kleinkindalter mit plötzlicher, massiver Milzvergrößerung und rascher, potenziell lebensbedrohlicher Anämisierung – sowie das erhöhte Schlaganfallrisiko zu den für diese Erkrankung typischen, über die reine Hämolysesymptomatik hinausgehenden klinischen Besonderheiten.

Das akute Thoraxsyndrom verdient dabei besondere Aufmerksamkeit, weil es trotz seines vergleichsweise unspezifischen klinischen Bildes – definiert als neu aufgetretenes Infiltrat im Röntgenbild des Brustkorbs in Kombination mit Fieber und/oder Atemwegssymptomen wie Husten, Atemnot oder Brustschmerz – die häufigste zum Tode führende Komplikation der Sichelzellkrankheit ist (Vichinsky et al., New England Journal of Medicine, 2000) und nach aktuelleren internationalen Schätzungen für etwa ein Viertel aller Todesfälle bei dieser Erkrankung verantwortlich gemacht wird. Ursächlich wirken meist mehrere Faktoren zusammen: Lungeninfektionen, Fettembolien aus nekrotischem Knochenmark im Rahmen einer gleichzeitigen Schmerzkrise, eine durch starke Schmerzen bedingte Minderbelüftung der Lunge sowie die vasookklusive Grundproblematik selbst. Weil sich das Thoraxsyndrom radiologisch kaum von einer gewöhnlichen bakteriellen Lungenentzündung unterscheiden lässt, ist bei jedem Kind mit bekannter Sichelzellkrankheit und neuen Atemwegssymptomen eine niedrige Schwelle für eine rasche klinische und radiologische Abklärung geboten.

Akute Warnzeichen: wann sofort in die Kinderklinik?

Bestimmte Befunde bei bekannter oder vermuteter hämolytischer Anämie erfordern eine sofortige ärztliche Vorstellung, unabhängig vom zuletzt gemessenen Hämoglobinwert: eine neu aufgetretene Hämoglobinurie (dunkler, "colafarbener" Urin) als Zeichen einer rasch fortschreitenden Hämolyse; ein plötzlicher, deutlicher Hämoglobinabfall im Rahmen einer fieberhaften Infektion, der auf eine durch Parvovirus B19 ausgelöste aplastische Krise hinweisen kann – bei Kindern mit hereditärer Sphärozytose tritt sie praktisch bei jedem Betroffenen einmal im Leben auf und kann den Hämoglobinwert innerhalb weniger Tage drastisch absinken lassen (in publizierten Fällen etwa von 10 auf 6,8 g/dl); eine akut zunehmende, schmerzhafte Milzvergrößerung mit rascher Blässezunahme (Milzsequestration, vor allem bei Sichelzellkrankheit und Sphärozytose); sowie Fieber bei funktioneller Milzunterfunktion (Asplenie), das bei Sichelzellkrankheit als Hinweis auf eine potenziell foudroyant verlaufende Sepsis durch bekapselte Erreger wie Pneumokokken zu werten ist. Wichtig für die Einordnung durch Fachpersonal: Eine normale oder sogar erniedrigte Retikulozytenzahl schließt bei diesen Warnzeichen eine floride Hämolyse nicht aus, sondern ist im Gegenteil ein Alarmsignal für eine überlagerte hypo- oder aplastische Krise.

5. Diagnostik

Die diagnostische Abklärung einer vermuteten hämolytischen Anämie folgt im deutschsprachigen Raum im Wesentlichen dem in der AWMF-Leitlinie 025/027 ("Anämiediagnostik im Kindesalter", GPOH/DGKJ, Version 5.0, Mai 2024) niedergelegten zweistufigen Algorithmus: Im ersten Schritt wird die Hämolyse als solche laborchemisch gesichert, im zweiten Schritt wird anhand von Blutausstrich und direktem Coombs-Test die Weiche zwischen erworbener (meist immunvermittelter) und angeborener (korpuskulärer) Ursache gestellt, bevor gezielte Spezialdiagnostik zum Einsatz kommt.

Basislabor: Nachweis der Hämolyse

Vier laborchemische Parameter bilden gemeinsam das Fundament jeder Hämolysediagnostik. Erhöhte Retikulozyten zeigen die kompensatorisch gesteigerte Erythropoese an; eine erhöhte Laktatdehydrogenase (LDH) und ein erhöhtes indirektes Bilirubin spiegeln den gesteigerten Häm-Abbau wider; ein erniedrigtes bis nicht mehr nachweisbares Haptoglobin – verwertbar ab dem sechsten Lebensmonat, da es beim jungen Säugling physiologisch noch niedrig ist – zeigt die Bindung von freiem Hämoglobin im Plasma an. In der spanischen Fallserie zur kindlichen AIHA fand sich ein erhöhtes indirektes Bilirubin bei 92 %, ein nicht nachweisbares Haptoglobin bei 88 % und eine erhöhte LDH bei 84 % der Kinder; der mediane Hämoglobinwert bei Erstvorstellung lag bei 5,4 g/dl (Spanne 2,3–10,7 g/dl) – ein Ausmaß, das die potenzielle Schwere der Erstmanifestation verdeutlicht.

ParameterTypischer Befund bei HämolyseDiagnostischer Stellenwert
Retikulozytenerhöht (Ausnahme: hypo-/aplastische Krise)Zeigt gesteigerte Knochenmarkkompensation an
Laktatdehydrogenase (LDH)erhöhtUnspezifischer, aber sensitiver Marker des Zellzerfalls
Haptoglobinerniedrigt bis nicht nachweisbarBindet freies Hämoglobin; erst ab 6. Lebensmonat verwertbar
Indirektes (unkonjugiertes) BilirubinerhöhtAbbauprodukt des Häms
Direkter Coombs-Test (DAT)positiv oder negativZentrale Weiche: immunvermittelt vs. korpuskulär
BlutausstrichSphärozyten, Targetzellen, Sichelzellen, FragmentozytenLenkt die gezielte Spezialdiagnostik

Blutausstrich und direkter Coombs-Test als zentrale Weiche

Der direkte Coombs- beziehungsweise Antiglobulintest (DAT) weist Antikörper oder Komplementfaktoren auf der Erythrozytenoberfläche nach und trennt damit in wenigen Stunden die immunvermittelten von den angeborenen Hämolyseformen. In der Madrider AIHA-Fallserie war der Test bei 96 % der Kinder positiv, davon IgG allein bei 28 %, die Kombination aus IgG und Komplementfaktor C3d bei 40 %, C3d allein bei 24 % und IgA bei 4 % – Wärmeantikörper dominierten mit 76 %, Kälteantikörper machten 24 % aus. In größeren internationalen Serien liegt der Anteil der Wärmeantikörper-AIHA bei etwa 65–75 %, der Anteil kälteantikörpervermittelter Formen bei rund 24–29 % und der seltenen biphasischen Donath-Landsteiner-Antikörper (paroxysmale Kältehämoglobinurie) bei etwa 1 %; gemischte Formen kommen bei rund 5 % vor.

Diagnostischer Algorithmus: direkter Coombs-Test positiv versus negativ

Coombs-Test positiv → erworbene Immunhämolyse

Antikörper- und/oder Komplementnachweis auf der Erythrozytenoberfläche
↓
Differenzierung Wärme- (IgG) vs. Kälteantikörper (IgM) vs. biphasische Donath-Landsteiner-Antikörper
↓
Suche nach Auslösern: Infekt, Grunderkrankung, begleitende Immunthrombozytopenie (Evans-Syndrom)
↓
Bei therapierefraktärem oder wiederholt rezidivierendem Verlauf: Immunphänotypisierung und Gen-Panel auf Immundysregulation

Coombs-Test negativ → hereditäre/nicht-immune Hämolyse

Blutausstrich: Sphärozyten, Targetzellen/Sichelzellen oder Fragmentozyten?
↓
Sphärozyten → EMA-Bindungstest plus osmotischer Fragilitätstest (AGLT/Pink-Test)
↓
Targetzellen/Sichelzellen → Hämoglobin-Elektrophorese bzw. HPLC
↓
Unauffälliger Ausstrich trotz Hämolysezeichen → Erythrozytenenzymaktivität (G6PD, Pyruvatkinase), ggf. Gen-Panel

Fragmentozyten im Ausstrich folgen einem eigenen dritten Ast: Sie sprechen für eine mechanische (mikroangiopathische) Hämolyse und erfordern die sofortige Abklärung eines hämolytisch-urämischen Syndroms oder einer thrombotisch-thrombozytopenischen Purpura – unabhängig vom Coombs-Ergebnis.

Spezifische Tests bei Verdacht auf Membran-, Enzym- oder Hämoglobindefekt

Fällt der Coombs-Test negativ aus und zeigt der Ausstrich Sphärozyten, kommen zwei einander ergänzende Testverfahren zum Einsatz: der durchflusszytometrische EMA-Test (Eosin-5-Maleimid-Bindungstest) und der osmotische beziehungsweise Kryohämolysetest, im deutschsprachigen Raum meist als Acidified-Glycerol-Lysis-Test (AGLT) oder "Pink-Test" bezeichnet. Beide Verfahren allein erreichen bereits eine hohe diagnostische Trennschärfe, kombiniert nähern sie sich laut deutscher Leitlinie einer Sensitivität von nahezu 100 % für die hereditäre Sphärozytose an.

EMA-Test Sensitivität 89–97 % AWMF-Leitlinie 025/018, Deutschland, 2023
EMA-Test Spezifität 96–99 % AWMF-Leitlinie 025/018, Deutschland, 2023
AGLT/Pink-Test ~95 % Sens. / ~90 % Spez. AWMF-Leitlinie 025/018, Deutschland, 2023
EMA + AGLT kombiniert ~100 % AWMF-Leitlinie 025/018, Deutschland, 2023

In Deutschland haben sich für diese Spezialdiagnostik zwei etablierte Referenzlabore mit unterschiedlicher Testmethodik durchgesetzt: das Hämoglobinlabor Ulm (Pink-Test) und das Erythrozytenlabor Würzburg (AGLT). In Spanien werden für den EMA-Test vergleichbare, sogar geringfügig höhere Werte berichtet (Sensitivität 92–93 %, Spezifität 98–99 %), wobei die Sensitivität bei Ankyrin-bedingten Defekten – der mit 50–60 % häufigsten genetischen Ursache der hereditären Sphärozytose – etwas geringer ausfällt als bei Bande-3-, Spektrin- oder Protein-4.2-Defekten. Auf internationaler Ebene versucht das International Council for Standardization in Haematology (ICSH) mit eigenen Leitlinien zur Labordiagnostik nicht-immunvermittelter hereditärer Erythrozytenmembranerkrankungen (King et al., International Journal of Laboratory Hematology, 2015), die von Land zu Land unterschiedliche Testpraxis – EMA-Test, osmotischer Fragilitätstest, Ektazytometrie oder ergänzende Elektronenmikroskopie – zumindest methodisch anzunähern, auch wenn die konkrete Umsetzung je nach Land und Referenzlabor weiterhin variiert. Bei unauffälligem oder mehrdeutigem Ausstrich, aber fortbestehendem Hämolyseverdacht, kommen ergänzend die Hämoglobin-Elektrophorese beziehungsweise HPLC (bei Verdacht auf Sichelzellkrankheit oder Thalassämie) sowie spezifische Enzymaktivitätsmessungen zum Einsatz. Bei Letzteren ist zu beachten, dass die G6PD-Aktivität im akuten hämolytischen Schub durch die jungen, enzymreicheren Retikulozyten falsch-normal ausfallen kann – die Bestimmung sollte daher nach Möglichkeit im hämolysefreien Intervall erfolgen.

Molekulargenetik

Bei unklaren, atypischen oder besonders schweren Verläufen kommt zunehmend eine gezielte Panel- oder Exom-Sequenzierung zum Einsatz. Für die hereditäre Sphärozytose sind dies vor allem die Gene ANK1 (Ankyrin), SPTB und SPTA1 (Spektrin), SLC4A1 (Bande-3-Protein) und EPB42 (Protein 4.2); bei rund 10 % der Betroffenen bleibt die molekulare Ursache trotz umfassender Diagnostik unklar. Für den Pyruvatkinase-Mangel ist das PKLR-Gen maßgeblich, für Sichelzellkrankheit und Thalassämien das HBB-Gen.

Eine besonders dynamische Entwicklung zeigt sich bei der genetischen Abklärung kindlicher Fälle mit begleitender Immunthrombozytopenie (Evans-Syndrom) oder therapierefraktärem AIHA-Verlauf: Hier wird international zunehmend eine zugrunde liegende monogene Immundysregulation gesucht.

Monogene Ursache bei Evans-Syndrom 32 % Miano et al., Frontiers in Immunology, Italien, 2022
CTLA4-/LRBA-Varianten (n = 18) 39 % Clinical Immunology, 2018
Primäre Immundefizienz bei AIHA 15 % ICON-Kohorte, USA/Kanada, ASH 2024, n=402

Die genannten Panels umfassen typischerweise CTLA4, LRBA, FAS/TNFRSF6, STAT3 (Gain-of-Function-Varianten), PIK3CD, RAG1 und KRAS. In der nordamerikanischen ICON-Kohorte hatten von den 15 % der Kinder mit nachgewiesener primärer Immundefizienz etwa die Hälfte ein Common Variable Immunodeficiency (CVID), ein Drittel ein autoimmunes lymphoproliferatives Syndrom (ALPS) und der Rest ein 22q11.2-Deletionssyndrom; weitere 16 % der Kohorte hatten eine sekundäre Autoimmunerkrankung wie einen systemischen Lupus erythematodes. Diese Befunde haben praktische Konsequenzen: Bei kindlichem Evans-Syndrom oder mehrfach rezidivierender AIHA wird eine Immunphänotypisierung und Gen-Panel-Diagnostik in aktuellen internationalen Empfehlungen bereits bei Erstdiagnose erwogen, nicht erst nach Therapieversagen.

Bildgebung

Die Bildgebung spielt in der Primärdiagnostik der hämolytischen Anämie eine untergeordnete, aber im Verlauf wichtige Rolle. Die Abdomensonografie dient der Beurteilung von Milzgröße (Ausgangsbefund und Verlaufskontrolle, insbesondere zur frühzeitigen Erkennung einer beginnenden Milzsequestration) sowie dem Nachweis von Gallensteinen, die durch die chronische Bilirubinbelastung bei hereditärer Sphärozytose und anderen chronischen Hämolyseformen gehäuft auftreten. Bei Sichelzellkrankheit kommt der transkraniellen Dopplersonografie eine eigenständige, in den Leitlinien ausdrücklich verankerte Bedeutung zu: Sie wird zur Schlaganfallprimärprophylaxe bei allen betroffenen Kindern zwischen 0 und 18 Jahren jährlich empfohlen, um Kinder mit erhöhtem Blutflussrisiko frühzeitig zu identifizieren, bevor es zu einem manifesten zerebrovaskulären Ereignis kommt.

Knochenmark – wann notwendig?

Retikulozyten als Kompass, nicht als Ausschlusskriterium

Eine Knochenmarkuntersuchung ist bei einer typisch verlaufenden hämolytischen Anämie in aller Regel nicht erforderlich, da die erhöhten Retikulozyten bereits indirekt eine gesteigerte, funktionsfähige Erythropoese belegen. Relevant wird die Knochenmarkdiagnostik erst dann, wenn die Retikulozytenzahl trotz bestehender Hämolysezeichen normal oder erniedrigt ist: Dies ist typischerweise Ausdruck einer aplastischen Krise (meist durch Parvovirus B19, mit charakteristischem vorübergehendem Verschwinden der erythroiden Vorstufen im Mark) und darf nicht als Argument gegen das Vorliegen einer Hämolyse fehlgedeutet werden. In unklaren Fällen dient das Knochenmark zudem dem Ausschluss primär marknaher Ursachen wie einer Leukämie oder einer kongenitalen dyserythropoetischen Anämie, die sich klinisch mit Blässe und Ikterus ähnlich präsentieren können.

Klassifikationssysteme

Anders als bei kindlichen Leukämien existiert für hämolytische Anämien keine WHO- oder FAB-analoge onkologische Klassifikation – naheliegend, da es sich um kein neoplastisches Krankheitsbild handelt. Maßgeblich sind stattdessen drei parallele Einteilungsebenen: erstens die administrative ICD-10-Zuordnung im Bereich D55 bis D59 (Enzymdefekt-, sonstige hereditäre sowie erworbene hämolytische Anämien), zweitens die pathomechanistische Grundeinteilung in korpuskuläre/hereditäre Formen (Membrandefekte, Enzymdefekte, Hämoglobinopathien) gegenüber extrakorpuskulären/erworbenen Formen (autoimmun, alloimmun, mikroangiopathisch), und drittens entitätsspezifische Schweregrad-Klassifikationen.

Für die hereditäre Sphärozytose sieht die AWMF-Leitlinie 025/018 eine Einteilung nach Schweregrad – leicht, mittelschwer, schwer und sehr schwer – anhand von Hämoglobinwert, Retikulozytenzahl, Bilirubinkonzentration und Transfusionsbedarf vor. Während die leichten und mittelschweren Formen meist keinen oder nur gelegentlichen Transfusionsbedarf haben, benötigt die kleine Gruppe der sehr schweren Verläufe (etwa 3–4 % der Patientinnen und Patienten) regelmäßige Transfusionen bereits ab dem 2. bis 3. Lebensjahr. Für die autoimmunhämolytische Anämie erfolgt die Klassifikation serologisch nach Antikörpertyp (Wärme-, Kälte-, gemischte und Donath-Landsteiner-Antikörper) sowie nach der genauen Coombs-Subtyp-Konstellation (IgG allein, IgG mit Komplement C3d, C3d allein oder IgA), da diese Subklassifikation – wie im Abschnitt zur Prognose vertieft wird – auch prognostische Bedeutung hat.

Vorgeburtliche Diagnostik bei Verdacht auf fetale Anämie

Bei bekannter mütterlicher Blutgruppen-Alloimmunisierung oder anderen Risikokonstellationen für eine fetale Anämie – etwa nach einer mütterlichen Parvovirus-B19-Infektion oder einer fetomaternalen Blutung – kommt eine nicht-invasive Dopplersonografie zum Einsatz: Die maximale systolische Flussgeschwindigkeit in der fetalen Arteria cerebri media steigt bei zunehmender Anämie messbar an und erlaubt so eine Risikoabschätzung, ohne dem ungeborenen Kind Blut entnehmen zu müssen. Bestätigt sich eine schwere fetale Anämie, kann bereits vor der Geburt eine intrauterine Transfusion notwendig werden.

Seltene Differenzialdiagnose bei Jugendlichen: Coombs-negative Hämolyse und Morbus Wilson

Bei Jugendlichen mit einer akuten, Coombs-negativen hämolytischen Anämie in Kombination mit einer akuten Leberfunktionsstörung sollte differenzialdiagnostisch auch an einen Morbus Wilson gedacht werden: Bei schwerer Leberzellschädigung im Rahmen dieser seltenen Kupferspeicherkrankheit wird gespeichertes Kupfer freigesetzt, gelangt in den Kreislauf und wirkt dort direkt toxisch auf die Erythrozytenmembran – die Folge kann ein abrupter Hämoglobinabfall sein. Weitere Hinweise können eine im Verhältnis zum Bilirubin auffällig niedrige alkalische Phosphatase, neurologische Auffälligkeiten oder die charakteristischen Kayser-Fleischer-Ringe am Auge sein; die weitere Abklärung gehört in ein auf diese seltene Stoffwechselerkrankung spezialisiertes Zentrum.

6. Warnzeichen: Wann bei hämolytischer Anämie sofort ärztliche Hilfe nötig ist

Warnzeichen-Ampel: Hämolytische Anämie

Wählen Sie einen Beobachtungsbereich, um Warnzeichen bei einem Kind mit bereits gestellter oder begründet vermuteter Diagnose einer hämolytischen Anämie (z. B. Sphärozytose, Sichelzellkrankheit, G6PD-Mangel, AIHA) einzuordnen. Einzelne Alltagssymptome wie leichte Blässe oder Müdigkeit sind bei einem zuvor gesunden Kind meist harmlos und für sich allein kein Hinweis auf diese seltene Erkrankung.

Diese Ampel ist kein Selbsttest und ersetzt keine ärztliche Untersuchung – im Zweifel gilt: Notruf 144. Besonderheit bei hämolytischer Anämie: Dunkler, "cola-farbener" Urin (Hämoglobinurie) ist unabhängig vom zuletzt gemessenen Hb-Wert immer ein Alarmzeichen und rechtfertigt für sich allein bereits den sofortigen Weg in die Notaufnahme.

7. Therapie und Behandlungsprotokolle im Ländervergleich

Eine einheitliche, weltweit gültige Therapieleitlinie für „die hämolytische Anämie" existiert nicht – anders als etwa bei Leukämien mit ihren internationalen Studienprotokollen richtet sich die Behandlung strikt nach dem zugrunde liegenden Mechanismus. Grundsätzlich lassen sich zwei therapeutische Grundstrategien unterscheiden: Bei angeborenen (korpuskulären) Formen wird die beeinträchtigte Erythrozytenfunktion unterstützt und Komplikationen vorgebeugt, bei erworbenen autoimmunen Formen wird die fehlgeleitete Immunantwort unterdrückt.

Zwei Grundstrategien der Behandlung

Angeborene (korpuskuläre) Formen

Basistherapie: Folsäuresubstitution, vollständiger Impfschutz, Meidung bekannter Auslöser (z. B. Oxidanzien bei G6PD-Mangel)
↓
Bei ausgeprägter Hämolyse: Transfusionen, bei hereditärer Sphärozytose ggf. selektive Splenektomie – frühestens nach dem Vorschulalter
↓
Bei Sichelzellkrankheit zusätzlich: Hydroxycarbamid ab dem vollendeten 2. Lebensjahr, in ausgewählten Fällen allogene Stammzelltransplantation oder Gentherapie

Erworbene autoimmune Formen (AIHA)

Erstlinie: Kortikosteroide – in der französischen CEREVANCE-Kohorte bei 92% der Kinder initial eingesetzt
↓
Zweitlinie bei Steroidversagen/-abhängigkeit: Rituximab (Ansprechraten je nach Kohorte 75–87%)
↓
Drittlinie bei Therapieresistenz: Immunglobuline, Ciclosporin oder Mycophenolat-Mofetil, in komplexen Fällen Splenektomie oder Stammzelltransplantation

Beide Wege eskalieren stufenweise – der entscheidende Unterschied liegt am Ansatzpunkt: Unterstützung der roten Blutzelle versus Bremsung des Immunsystems.

Therapie angeborener Formen

Bei der hereditären Sphärozytose richtet sich die Behandlung nach dem in der AWMF-Leitlinie 025/018 definierten Schweregrad, der anhand von Hämoglobinwert, Retikulozytenzahl, Bilirubin und Transfusionsbedarf grob in leicht, mittelschwer, schwer und sehr schwer eingeteilt wird. Leichte Formen benötigen häufig lebenslang keine spezifische Therapie außer Folsäuresubstitution und regelmäßiger Kontrolle. Bei schwerer, transfusionsbedürftiger Hämolyse ist die Splenektomie die einzige kurative Maßnahme für die Anämie selbst – sie wird jedoch wegen des postsplenektomischen Infektionsrisikos bewusst zurückhaltend indiziert und in der Regel erst nach vollständigem Impfschutz gegen bekapselte Erreger durchgeführt. Auch die britische BCSH-Leitlinie (Bolton-Maggs et al. 2012) und das französische HAS-PNDS (2021) empfehlen übereinstimmend einen möglichst späten Operationszeitpunkt, keinesfalls vor dem Vorschulalter. Innerhalb der operativen Optionen hat sich international zunehmend die Diskussion um eine milzerhaltende Alternative etabliert: Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse (Guizzetti, Pediatric Blood & Cancer 2016, 14 eingeschlossene Studien) zeigte, dass die totale Splenektomie den Hämoglobinwert im Mittel deutlicher anhebt als die partielle Splenektomie (3,6 g/dl versus 2,2 g/dl Anstieg nach einem Jahr) und die Retikulozytenzahl stärker senkt, sich die Effekte der partiellen Splenektomie in der Nachbeobachtung aber über mindestens sechs Jahre als stabil erwiesen. Die partielle Splenektomie wird deshalb bei jüngeren Kindern und weniger schweren Verläufen zunehmend als Kompromiss erwogen, der einen Teil der Milzfunktion – und damit einen gewissen Infektionsschutz – erhält, auch wenn die Cholelithiasis-Rate nach partieller Splenektomie in mehreren Studien tendenziell höher liegt als nach vollständiger Entfernung und ein Teil der Kinder im Verlauf doch noch eine Komplettierung der Operation benötigt.

Beim G6PD-Mangel besteht die Therapie im Wesentlichen aus der konsequenten Meidung oxidativer Auslöser (bestimmte Medikamente, Fava-Bohnen, fieberhafte Infekte); eine spezifische Pharmakotherapie existiert nicht. Beim selteneren Pyruvatkinase-Mangel bilden Transfusionen und in ausgewählten Fällen die Splenektomie die therapeutischen Hauptsäulen; eine kurative Standardbehandlung fehlt bislang (American Society of Hematology, Blood 2020).

Bei der Sichelzellkrankheit ist Hydroxycarbamid (Hydroxyurea) ab dem vollendeten 2. Lebensjahr, in begründeten Fällen auch früher, die zentrale krankheitsmodifizierende Substanz – sie senkt nachweislich die Häufigkeit vasookklusiver Ereignisse (AWMF 025/016, GPOH-Konsortium Sichelzellkrankheit, 2020). Die bislang umfangreichste placebokontrollierte Studie zu diesem frühen Einsatzalter, die US-amerikanische BABY-HUG-Studie (Wang et al., The Lancet 2011, n=193, Kinder im Alter von 9 bis 18 Monaten bei Studieneinschluss), konnte zwar das primäre Studienziel – eine Halbierung der szintigrafisch nachweisbaren Milz- und Nierenschädigung – nicht erreichen, zeigte aber eine statistisch signifikante Verringerung schmerzhafter Krisen, von Dactylitis (schmerzhafter Hand-Fuß-Schwellung), akutem Thoraxsyndrom, Hospitalisierungen und Transfusionsbedarf gegenüber Placebo – ein wichtiger Beleg dafür, dass ein früher Therapiebeginn bereits im Säuglingsalter einen klinisch messbaren Nutzen bringt. Ergänzend wird bei allen Patientinnen und Patienten zwischen 0 und 18 Jahren eine jährliche transkranielle Dopplersonografie zur Schlaganfallprimärprophylaxe empfohlen. Die allogene Stammzelltransplantation bleibt die einzige tatsächlich kurative Option, ist aber wegen der Notwendigkeit eines geeigneten Spenders nur einem Teil der Betroffenen zugänglich.

Rituximab bei Kindern: ein Off-Label-Einsatz mit solider Evidenz

Rituximab ist für die kindliche AIHA in den meisten Ländern formal nicht zugelassen und wird off-label eingesetzt. Die Praxis stützt sich dennoch auf eine belastbare, wenn auch kleine Studienlage: die erste pädiatrische Fallserie (Zecca et al., Blood 2003, Italien, n=15) zeigte ein Ansprechen von 87%, die größere prospektive französische Kohortenstudie (Ducassou et al., Br J Haematol 2017, n=61) ein Ansprechen von 75% bei einem 6-Jahres-rezidivfreien Überleben von rund 48%. In Spanien wird die Substanz in der Fachliteratur besonders für Kinder unter 7 Jahren als geeignete Zweitlinienoption hervorgehoben.

Therapie der autoimmunhämolytischen Anämie

Bei der Wärmeautoantikörper-vermittelten AIHA sind Kortikosteroide international unangefochten die Erstlinientherapie. Bei unzureichendem Ansprechen oder Steroidabhängigkeit folgt Rituximab als Zweitlinie. Bleibt auch dies unzureichend – etwa beim komplexeren Evans-Syndrom mit begleitender Immunthrombozytopenie – kommen Immunglobuline, Ciclosporin, Mycophenolat-Mofetil oder, in austherapierten Fällen, Splenektomie beziehungsweise allogene Stammzelltransplantation zum Einsatz. Hochdosierte intravenöse Immunglobuline (IVIG) wirken dabei nicht ursächlich, sondern blockieren vorübergehend die Fc-Rezeptoren der Milzmakrophagen, über die IgG-beladene Erythrozyten sonst erkannt und abgebaut werden – sie eignen sich deshalb weniger als Dauertherapie, sondern vor allem zur raschen, wenn auch meist nur kurz anhaltenden Überbrückung besonders bedrohlicher Hämolysephasen, etwa bis eine neu begonnene Steroid- oder Rituximab-Therapie ihre volle Wirkung entfaltet. Bei Kälteagglutinin-vermittelten Formen, die im Kindesalter meist infektassoziiert und transitorisch verlaufen (typischerweise nach Mykoplasmen-, EBV- oder CMV-Infektionen), ist häufig allein die Behandlung der Grundinfektion und eine abwartende Haltung ausreichend, da diese Formen sich überwiegend spontan zurückbilden.

Land/RegionLeitlinie/KonsortiumErstlinie AIHAZweitlinieBesonderheit
DeutschlandAWMF 025/027, GPOH/DGKJKortikosteroideRituximab (off-label)Freiwilliges „Register für Seltene Anämien" statt Pflichtregister
FrankreichHAS-PNDS, CEREVANCE-NetzwerkKortikosteroide (92% initial)Rituximab (75% Ansprechen)Nationale Kohorte seit 2003; CASGEVY-Gentherapie bei Sichelzellkrankheit ab 12 Jahren EU-zugelassen (Februar 2024)
SpanienSEHOP-Arbeitsgruppe EritropatologíaKortikosteroideRituximab, bevorzugt <7 JahreNationales Register REHem-AR (seit 2014, 78 Zentren)
USA/KanadaICON-Konsortium (15 Zentren)KortikosteroideRituximab, weitere ImmunsuppressionSystematisches Gen-Panel-Screening auf Immundefizienz (CTLA4, LRBA u. a.) bereits bei Erstdiagnose
GroßbritannienBritish Society for Haematology (Hill et al. 2017)KortikosteroideRituximabEmpfiehlt bei lebensbedrohlicher Anämie Notfalltransfusion vor Abschluss der vollständigen Verträglichkeitstestung
Hydroxycarbamid empfohlen ab2. LebensjahrAWMF 025/016, GPOH, Deutschland, 2020
Rituximab-Ansprechen (Frankreich)75 %Ducassou et al., Br J Haematol 2017, n=61
Rituximab-Ansprechen (Italien)87 %Zecca et al., Blood 2003, n=15
Kurative Option bei SichelzellkrankheitNur StammzelltransplantationAWMF 025/016, GPOH, Deutschland, 2020

Neuere Ansätze: Gentherapie

Mit Exagamglogen-Autotemcel (Handelsname CASGEVY), einer CRISPR/Cas9-basierten Gentherapie, erhielt im Februar 2024 erstmals ein gentherapeutisches Verfahren für die schwere Sichelzellkrankheit und die transfusionsabhängige Beta-Thalassämie ab 12 Jahren die bedingte EU-Zulassung. Frankreich gewährte im Juli 2024 über die Haute Autorité de Santé einen nationalen Frühzugang für 12- bis 35-Jährige mit unzureichendem Ansprechen auf Hydroxycarbamid ohne passenden Familienspender – dieser Frühzugang wurde jedoch bereits im November 2024 wieder zurückgenommen, was auf ungeklärte Fragen zu Kosten-Nutzen-Verhältnis und Versorgungskapazität hindeutet. Für die Praxis in Mitteleuropa bleibt die Gentherapie damit vorerst eine Option für ausgewählte, schwer betroffene Jugendliche an spezialisierten Zentren, keine breite Standardtherapie.

Komplementhemmung bei PNH und ein neuer Wirkstoff bei Pyruvatkinase-Mangel

Für die paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie (PNH) hat sich die gezielte Komplementhemmung als zentrales, krankheitsspezifisches Therapieprinzip etabliert: Der Antikörper Eculizumab blockiert den Komplementfaktor C5 und verhindert so die Bildung des sogenannten terminalen Membranangriffskomplexes, wodurch die intravasale Hämolyse deutlich zurückgeht; das länger wirksame Ravulizumab erlaubt dabei größere Dosierungsintervalle, wobei die konkrete Zulassung für Kinder je nach Erkrankung und Region unterschiedlich geregelt ist. Weil der terminale Komplementweg auch für die Abwehr von Neisseria meningitidis wichtig ist, ist vor einer solchen Therapie ein besonderer Meningokokkenschutz durch Impfung erforderlich – Impfungen und je nach Protokoll ergänzende Antibiotikastrategien senken das Infektionsrisiko, beseitigen es aber nicht vollständig. Beim selteneren Pyruvatkinase-Mangel, für den bislang keine kurative Standardbehandlung existiert, wird mit Mitapivat – einem allosterischen Aktivator des Enzyms Pyruvatkinase – ein neuer, nicht-transfusionsbasierter Therapieansatz verfolgt; er ist bei erwachsenen Betroffenen bereits etabliert, während der genaue Zulassungsstatus für Kinder zeit- und regionsabhängig ist.

8. Prognose, Risikostratifizierung und Verlauf

Die Prognose hämolytischer Anämien im Kindesalter ist außerordentlich heterogen und hängt entscheidend vom zugrunde liegenden Mechanismus ab. Anders als in der pädiatrischen Onkologie, wo das Deutsche Kinderkrebsregister in Mainz bevölkerungsbezogene Überlebensraten liefert, existiert für hämolytische Anämien in Deutschland kein vergleichbares Verlaufsregister – belastbare Prognoseaussagen stützen sich daher überwiegend auf internationale Kohortenstudien.

Risikostratifizierung bei hereditärer Sphärozytose

Die AWMF-Leitlinie 025/018 klassifiziert die hereditäre Sphärozytose anhand von Hämoglobinwert, Retikulozytenzahl, Bilirubinkonzentration und Transfusionsbedarf in vier Schweregrade – von der leichten, oft klinisch unauffälligen Form bis zur sehr schweren, früh transfusionsabhängigen Verlaufsform. Diese Einteilung ist die wichtigste praktische Risikostratifizierung im deutschsprachigen Raum: Sie entscheidet darüber, ob überhaupt eine spezifische Therapie – bis hin zur Splenektomie – erforderlich wird. Nur etwa 3–4% der Patientinnen und Patienten fallen in die sehr schwere Kategorie und entwickeln durch die notwendigen regelmäßigen Transfusionen meist bereits ab dem 2. bis 3. Lebensjahr eine Eisenüberladung.

Risikostratifizierung bei autoimmunhämolytischer Anämie

Bei der AIHA ist die Risikoeinschätzung deutlich unsicherer. In der französischen CEREVANCE-Kohorte (Aladjidi et al., Haematologica 2011, n=265, mediane Nachbeobachtung 3 Jahre) erreichten 39% der Kinder eine dauerhafte komplette Remission, 28% blieben therapieabhängig, und die Mortalität lag bei 4%. Als prognostisch bedeutsam erwies sich das Muster des direkten Coombs-Tests: Kinder mit gemischtem Antikörpertyp (IgG plus C3d) erreichten nur in 18% der Fälle eine anhaltende Remission gegenüber 71% bei anderen Mustern – ein Unterschied, der einer entspricht.

Die neuere nordamerikanische ICON-Kohorte (ASH-Kongress 2024, n=402, 15 Zentren, Diagnosezeitraum 2011–2020) fand mit 9,4% eine höhere Mortalität und bei 42% einen chronischen oder rezidivierenden Verlauf gegenüber 58% mit nur einer einzelnen, remittierenden Episode. Bemerkenswert: In dieser großen Kohorte war die Mortalität statistisch nicht signifikant mit Evans-Syndrom, zugrunde liegender Immundefizienz, Autoimmunität, Episodenzahl oder AIHA-Subtyp assoziiert – ein deutlicher Hinweis darauf, dass eine zuverlässige Risikostratifizierung bei kindlicher AIHA trotz jahrzehntelanger Forschung bislang nicht gelingt. Ergänzend zeigen genetische Untersuchungen bei kindlichem Evans-Syndrom, dass bei bis zu 32% eine gesicherte monogene Ursache (u. a. CTLA4, LRBA, FAS, STAT3-Gain-of-Function) und bei weiteren 22% eine wahrscheinliche genetische Ursache vorliegt (Miano et al., Frontiers in Immunology 2022) – solche Befunde könnten künftig eine genauere Risikoeinordnung ermöglichen, sind aber noch kein etablierter Standardparameter.

Prognose nach Antikörpertyp der AIHA (Kohorte Hospital Niño Jesús, Madrid, n=25)

Wärmeautoantikörper-Typ (IgG)

Häufigkeit: ca. 70–76% der Fälle
↓
Komplette Remission: 58%, mediane Behandlungsdauer 3 Monate
↓
Rezidivrate: 26% (5 von 19 Kindern)

Kälteagglutinin-Typ (IgM)

Häufigkeit: ca. 24–30% der Fälle
↓
Komplette Remission: 100% der Fälle in dieser Kohorte
↓
Rezidivrate: 0%

Die im Kindesalter meist infektassoziierte, transitorische Kälteagglutinin-Form hat trotz oft dramatischer Erstpräsentation die deutlich günstigere Prognose – ein wichtiger Unterschied zur oft chronischen Verlaufsform bei Erwachsenen.

Verlauf bei Sichelzellkrankheit und Hämoglobinopathien

Für die Sichelzellkrankheit liegen die belastbarsten Langzeitdaten aus Frankreich vor, wo die Erkrankung wegen der Bevölkerungsgeschichte zahlenmäßig am bedeutsamsten ist. Eine landesweite Mortalitätsstudie (Gomes, Castetbon, Goulet; Institut de veille sanitaire, BEH 2015) über den Zeitraum 1979–2010 zählte 953 drepanozytose-assoziierte Todesfälle; das mediane Sterbealter stieg von 18 Jahren (1979–1986) auf 36 Jahre (2003–2010), im französischen Mutterland von 21,5 auf 35,1 Jahre. Die Mortalität bei Kindern unter 5 Jahren sank im selben Zeitraum deutlich von 1,68 auf 0,89 pro Million – ein klares Zeichen verbesserter Versorgung im Kindesalter. Dass die jährliche absolute Todesfallzahl dennoch von 10 auf 49 anstieg, spiegelt vor allem die wachsende und älter werdende Patientenpopulation wider, nicht eine Verschlechterung der Prognose. Insgesamt gibt die französische Fachliteratur an, dass die Lebenserwartung bei Sichelzellkrankheit von unter 20 Jahren vor den 1980er-Jahren auf inzwischen über 40 Jahre gestiegen ist – wobei ausdrücklich betont wird, dass keine aktuelle eigenständige französische Studie zur Lebenserwartung existiert, sodass diese Zahl mit Vorsicht zu interpretieren ist.

Bei der Beta-Thalassämie liefert das spanische Register REHem-AR (Bardón-Cancho et al., Annals of Hematology 2024, Datenstand Ende 2021, n=168) konkrete Überlebensdaten: Das Überleben bis zum 18. Lebensjahr liegt bei 93% für transfusionsabhängige (TDT) und bei 100% für nicht-transfusionsabhängige Verläufe (NTDT) – ein Beleg dafür, dass eine strukturierte, registergestützte Versorgung auch bei chronisch-transfusionsbedürftigen Hämoglobinopathien eine gute Kurzfristprognose ermöglicht, auch wenn die Komplikationslast hoch bleibt (siehe folgender Abschnitt). Beim selteneren Pyruvatkinase-Mangel zeigt sich ein altersabhängiger Verlauf: Kinder unter 5 Jahren wurden in einer Kohorte deutlich häufiger transfundiert als 12- bis 18-Jährige (53% versus 14%) – ein Hinweis, dass sich die Krankheitslast bei einem Teil der Betroffenen im Laufe der Kindheit abschwächt.

Dauerhafte Remission bei AIHA39 %CEREVANCE-Kohorte, Frankreich, Aladjidi 2011, n=265
Mortalität bei AIHA (Nordamerika)9,4 %ICON-Kohorte, USA/Kanada, ASH 2024, n=402
18-Jahres-Überleben bei Beta-Thalassämie (TDT)93 %REHem-AR, Spanien, Bardón-Cancho 2024
Lebenserwartung Sichelzellkrankheitvon <20 auf >40 Jahre gestiegenArlet, La Revue du Praticien, Frankreich, 2023

Prognose der paroxysmalen Kältehämoglobinurie (PCH)

Ausgewertete PCH-Fälle230Systematische Übersicht, Jacobs et al., Blood Advances, 2023
Medianer Hb bei Erstvorstellung6,5 g/dlPCH, Jacobs et al., Blood Advances, 2023
Überleben bei dokumentiertem Follow-up99 %PCH, Jacobs et al., Blood Advances, 2023

Obwohl die paroxysmale Kältehämoglobinurie akut sehr dramatisch verlaufen kann, ist die Langzeitprognose ausgezeichnet: Die bislang größte systematische Übersichtsarbeit zu dieser Sonderform (Jacobs et al., Blood Advances 2023, 230 ausgewertete Fälle) fand einen medianen Hämoglobinwert von 6,5 g/dl bei Erstvorstellung und einen medianen Tiefstwert von 5,5 g/dl während des Verlaufs – bei einer Überlebensrate von 99 Prozent unter den Kindern mit dokumentierter Nachbeobachtung.

9. Komplikationen, Spätfolgen und Nachsorge

Das Komplikationsspektrum unterscheidet sich je nach zugrunde liegender Erkrankung erheblich, folgt aber übergreifend zwei Mustern: akute, potenziell lebensbedrohliche Krisen einerseits und chronische Folgeschäden durch jahrelange Hämolyse, Transfusionen oder Milzverlust andererseits.

Akute Komplikationen

Die aplastische Krise durch Parvovirus-B19-Infektion ist bei chronisch-hämolytischen Erkrankungen die häufigste Ursache einer akuten Dekompensation. Das Virus befällt gezielt die Vorläuferzellen der roten Blutzellen im Knochenmark, wodurch die kompensatorisch gesteigerte Erythropoese abrupt zum Erliegen kommt. Es dringt dabei über das sogenannte P-Antigen, einen auf der Oberfläche unreifer Erythrozytenvorläufer exprimierten Rezeptor, gezielt in diese Zellen ein und zerstört sie – ein Mechanismus, der erklärt, warum praktisch ausschließlich die Neubildung roter Blutkörperchen betroffen ist, während weiße Blutkörperchen und Blutplättchen in aller Regel unbeeinträchtigt bleiben. Bei hereditärer Sphärozytose tritt eine solche Krise praktisch bei jedem Betroffenen im Laufe des Lebens mindestens einmal auf, häufig mit dramatischem Hämoglobinabfall und resultierendem Transfusionsbedarf. Eine aktuelle Einzelzentrumsstudie beschreibt eine gehäufte Serie solcher aplastischer Krisen bei Kindern mit hereditärer Sphärozytose nach der COVID-19-Pandemie – vermutlich eine Folge veränderter Infektionsmuster durch die pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen. Wichtig für die klinische Einordnung: Eine normale oder erniedrigte Retikulozytenzahl bei bestehender hämolytischer Anämie darf niemals als Ausschluss der Hämolyse fehlgedeutet werden, sondern muss im Gegenteil als Warnsignal einer aplastischen Krise gewertet werden.

Bei der Sichelzellkrankheit ist die akute Milzsequestrationskrise eine der gefürchtetsten Komplikationen des Kleinkindalters: Die Milz vergrößert sich innerhalb von Stunden massiv, bindet einen großen Teil des zirkulierenden Blutvolumens und kann rasch zu einem hypovolämischen Schock führen – die international übereinstimmende Empfehlung lautet hier auf eine unverzügliche (einfache) Transfusion. In einer spanischen 11-Jahres-Kohortenstudie (Anales de Pediatría 2022) waren vasookklusive Krisen (35,2%), akutes Thoraxsyndrom (32,3%) und fieberhafte Episoden (33,8%) die häufigsten Aufnahmegründe bei Kindern mit Sichelzellkrankheit; eine Antibiotikagabe erfolgte bei 86%, eine Opioidanalgesie bei 28% der Episoden.

Postsplenektomie-Risiken

Nach Splenektomie – ebenso wie bei der funktionellen Asplenie, die praktisch alle Kinder mit Sichelzellkrankheit im Verlauf entwickeln – besteht ein erhöhtes Risiko für eine foudroyant verlaufende Sepsis durch bekapselte Erreger, insbesondere Pneumokokken (in der englischsprachigen Literatur als OPSI, Overwhelming Post-Splenectomy Infection, bezeichnet). Dies begründet zwei zentrale Nachsorgemaßnahmen, die in den deutschen, britischen und französischen Leitlinien übereinstimmend gefordert werden: eine vollständige Impfung gegen Pneumokokken, Meningokokken und Haemophilus influenzae Typ b vor einer elektiven Splenektomie beziehungsweise frühzeitig bei Sichelzellkrankheit, sowie eine Penicillin-Dauerprophylaxe.

Feste Bestandteile der Nachsorge nach Splenektomie

Vollständiger Impfschutz gegen Pneumokokken, Meningokokken und Haemophilus influenzae Typ b (möglichst vor dem Eingriff), Penicillin-Dauerprophylaxe, ein Notfallausweis sowie die Anweisung an die Familie, bei jedem fieberhaften Infekt umgehend ärztliche Hilfe zu suchen – diese Punkte gelten unabhängig davon, ob die operative Splenektomie bei hereditärer Sphärozytose oder die funktionelle Asplenie bei Sichelzellkrankheit zugrunde liegt.

Chronische Spätfolgen

Chronische Hyperbilirubinämie führt bei praktisch allen langjährig hämolysierenden Kindern zu einem erhöhten Risiko für Pigmentgallensteine (Cholelithiasis) – in der spanischen AIHA-Fallserie traten Gallensteine bei 2 von 19 Kindern mit Wärmeantikörper-Typ als Komplikation auf. Eine regelmäßige sonografische Kontrolle der Gallenblase gehört daher zur strukturierten Nachsorge chronisch-hämolytischer Erkrankungen.

Eine Eisenüberladung entsteht nicht durch die Hämolyse selbst, sondern durch wiederholte Bluttransfusionen und betrifft vor allem transfusionsabhängige Verläufe: Bei sehr schwerer hereditärer Sphärozytose (3–4% der Patientinnen und Patienten) entwickelt sich eine Eisenüberladung meist bereits ab dem 2. bis 3. Lebensjahr. Am eindrücklichsten belegt das spanische Register REHem-AR die Größenordnung dieses Problems bei transfusionsabhängiger Beta-Thalassämie: 73,8% der TDT-Patientinnen und -Patienten entwickelten mindestens eine Komplikation, an erster Stelle Hämosiderose (62,1%), gefolgt von Osteopenie/Osteoporose (22,3%), endokrinen Störungen (16,5%) und Alloimmunisierung gegen Transfusionsblut (13,6%). Entsprechend erhielten 77,7% der TDT-Patientinnen und -Patienten eine Eisenchelat-Therapie (Deferasirox 88,7%, Deferoxamin 58,7%), bei 39,8% wurde im Verlauf eine allogene Stammzelltransplantation durchgeführt. Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Nachsorge bei transfusionsabhängigen Verläufen ein lebenslanges, engmaschiges Monitoring von Ferritin, Leber- und Herzeisen (mittels MRT) sowie endokriner Funktion erfordert. Für die Herzeisenbestimmung hat sich international die sogenannte T2*-Kardio-MRT als Standardverfahren etabliert: Sie misst, wie schnell das Magnetresonanzsignal im Herzmuskel durch eingelagertes Eisen abgeschwächt wird, und erlaubt so eine nicht-invasive Abschätzung der Eisenkonzentration im Herzmuskel, lange bevor sich eine Herzfunktionseinschränkung klinisch bemerkbar macht. Werte über 20 Millisekunden gelten dabei als unauffällig, Werte zwischen 14 und 20 Millisekunden als leichte, zwischen 10 und 14 Millisekunden als mittelgradige und unter 10 Millisekunden als schwere Herzeisenüberladung, ab der das Risiko einer eisenbedingten Herzinsuffizienz deutlich ansteigt – ein Befund, der in solchen Fällen in der Regel eine Intensivierung der Chelattherapie nach sich zieht.

Bei der Sichelzellkrankheit stehen als Langzeitfolgen das kumulative Schlaganfallrisiko sowie eine im (frühen) Erwachsenenalter zunehmende Nieren- und kognitive Funktionseinschränkung im Vordergrund – daher die Empfehlung zur jährlichen transkraniellen Dopplersonografie bei allen Kindern und Jugendlichen zwischen 0 und 18 Jahren als Standardbestandteil der Nachsorge.

Bei der kortikosteroidbasierten Behandlung der AIHA sind therapieassoziierte Nebenwirkungen selbst Teil des Komplikationsspektrums: In der spanischen Kohorte traten Komplikationen ausschließlich in der Wärmeantikörper-Gruppe auf (32%), am häufigsten rezidivierende Infektionen, daneben Gallensteine und – als Steroidnebenwirkung – eine Wachstumsverzögerung bei einem Kind. Dies unterstreicht die Notwendigkeit, bei längerer Steroidtherapie frühzeitig auf steroidsparende Zweitlinienoptionen wie Rituximab umzusteigen.

Typisches Komplikationsspektrum nach Krankheitsgruppe

Sphärozytose / Enzymopathien

Aplastische Krise durch Parvovirus B19 (bei HS praktisch bei jedem Patienten einmalig)
↓
Cholelithiasis durch chronische Hyperbilirubinämie
↓
Bei schwerer Form: Eisenüberladung durch Transfusionen ab dem 2.–3. Lebensjahr

Sichelzellkrankheit

Vasookklusive Krise und akutes Thoraxsyndrom (zusammen über 65% der Klinikaufnahmen)
↓
Milzsequestrationskrise, v. a. im Kleinkindalter
↓
Schlaganfall sowie chronische Nieren- und kognitive Funktionseinschränkung im weiteren Verlauf

Trotz gemeinsamer hämolytischer Grundursache unterscheidet sich das Komplikationsprofil deutlich – entsprechend unterschiedlich sind auch die Nachsorgeschwerpunkte: Gallenstein-Sonografie und Eisenmonitoring bei Membran-/Enzymdefekten, jährliche transkranielle Dopplersonografie bei Sichelzellkrankheit.

Strukturierte Nachsorge

Eine leitliniengerechte Langzeitbetreuung umfasst unabhängig vom Subtyp mehrere feste Bausteine: regelmäßige Kontrolle von Hämoglobin, Retikulozyten, LDH und Bilirubin zur Verlaufsbeurteilung der Hämolyseaktivität, Folsäuresubstitution bei chronisch gesteigerter Erythropoese, sonografisches Gallenstein-Screening, vollständige Aktualisierung des Impfstatus (insbesondere vor und nach Splenektomie beziehungsweise bei funktioneller Asplenie), sowie bei transfusionsabhängigen Verläufen ein systematisches Eisenmonitoring mit Ferritin und MRT-Bildgebung. Für seltene oder unklare Formen bietet das freiwillige „Register für Seltene Anämien" der GPOH in Deutschland eine strukturierte Möglichkeit, Verlaufsdaten und Biomaterial systematisch zu erfassen – ein Instrument, das angesichts des Fehlens eines bevölkerungsbezogenen deutschen Registers eine wichtige, wenn auch nicht flächendeckende Lücke schließt. Wie schnell ein solches Register wachsen kann, zeigt das französische Beispiel: Aus der ursprünglichen CEREVANCE-Kohorte ist mit OBS'CEREVANCE inzwischen ein Register für alle autoimmunen Zytopenien des Kindesalters (Immunthrombozytopenie, AIHA und Evans-Syndrom) geworden, das im Mai 2023 bereits mehr als 1.900 Patientinnen und Patienten in 30 französischen pädiatrisch-hämatologischen Zentren umfasste; für 2026 werden über 2.400 dokumentierte Fälle erwartet. Mit der in mehreren Ländern deutlich gestiegenen Lebenserwartung insbesondere bei Sichelzellkrankheit und transfusionsabhängiger Beta-Thalassämie rückt zudem ein Aspekt stärker in den Blick, der in der pädiatrischen Versorgung lange eine untergeordnete Rolle spielte: die strukturierte Transition von der Kinder- in die Erwachsenenhämatologie. Ein abrupter, unvorbereiteter Wechsel des Behandlungsteams im späten Jugendalter gilt international als Risikofaktor für Behandlungsabbrüche und in der Folge für vermeidbare akute Komplikationen; entsprechend empfehlen mehrere der hier zitierten Fachgesellschaften einen schrittweisen, bereits im frühen Jugendalter beginnenden Transitionsprozess mit überlappender Mitbetreuung durch das kinder- und das erwachsenenhämatologische Team. International zeigen die großen Kohortenregister (CEREVANCE/OBS'CEREVANCE in Frankreich, REHem-AR in Spanien, ICON in Nordamerika), dass eine zentralisierte, langfristige Nachbeobachtung gerade bei seltenen hämolytischen Anämien im Kindesalter entscheidend dazu beiträgt, Prognose und Nachsorgeempfehlungen kontinuierlich zu verbessern.

Transfusionsreaktionen und Hyperhämolyse als eigenständige Komplikation

Neben den krankheitsspezifischen Komplikationen kann auch die Behandlung selbst – insbesondere bei wiederholt transfundierten Kindern – eine eigenständige hämolytische Komplikation auslösen. Bei einer akuten hämolytischen Transfusionsreaktion, meist durch eine Blutgruppenunverträglichkeit bedingt, werden die transfundierten Spendererythrozyten innerhalb kurzer Zeit zerstört; mögliche Zeichen sind Fieber, Schüttelfrost, Schmerzen, dunkler Urin, Blutdruckabfall und Atemnot, weshalb die Transfusion bei entsprechendem Verdacht sofort gestoppt wird. Eine verzögerte hämolytische Transfusionsreaktion tritt dagegen erst Tage bis Wochen später auf, wenn ein bereits zuvor gebildeter Alloantikörper nach erneutem Antigenkontakt wieder ansteigt und transfundierte Erythrozyten zerstört. Besondere Bedeutung hat dies bei der Sichelzellkrankheit, weil wiederholt transfundierte Kinder häufiger Alloantikörper entwickeln: In seltenen Fällen kann eine sogenannte Hyperhämolyse auftreten, bei der zusätzlich zu den Spendererythrozyten auch die eigenen roten Blutkörperchen verstärkt abgebaut werden, sodass der Hämoglobinwert sogar unter den Ausgangswert vor der Transfusion fallen kann – eine Situation, die eine sehr sorgfältige Abwägung weiterer Transfusionen in einem erfahrenen Hämoglobinopathiezentrum erfordert.

10. Internationaler Vergleich

Weil "hämolytische Anämie" ein Sammelbegriff für ganz unterschiedliche Erkrankungen mit unterschiedlicher Erblichkeit, Verbreitung und Auslösern ist, gibt es keine einzelne, weltweit vergleichbare Inzidenzzahl – anders als etwa bei Kinderkrebs existiert für keines der beteiligten Länder ein bevölkerungsbasiertes Gesamtregister. Aussagekräftig sind stattdessen die Zahlen zu den einzelnen Unterformen, die sich zwischen den Sprachregionen zum Teil dramatisch unterscheiden, weil sie eng mit der jeweiligen Bevölkerungsgeschichte und Migrationsdynamik zusammenhängen.

Hereditäre Sphärozytose1:2.500–5.000Prävalenz Mitteleuropa, AWMF 025/018, 2023
Sichelzellkrankheit Frankreich1:1.323Neugeborene 2020, médecine/sciences 2021
AIHA-Mortalität Nordamerika9,4 %ICON-Kohorte, ASH 2024, n=402
G6PD-Mangel weltweit443 Mio.GBD 2021, Yu et al., Frontiers in Genetics 2025
Land / Sprachregion Leitform & Kennzahl Screening bzw. Standardprotokoll Besonderheit
Deutschland Hereditäre Sphärozytose 1:2.500–1:5.000 (häufigste angeborene Form in Mitteleuropa); Sichelzellkrankheit ca. 150 Neugeborene/Jahr, ca. 3.000 Betroffene insgesamt Neugeborenenscreening auf Sichelzellkrankheit erst seit 01.10.2021 (G-BA-Beschluss vom 20.11.2020) Zwei spezialisierte Referenzlabore für die Sphärozytose-Diagnostik (Hämoglobinlabor Ulm, Erythrozytenlabor Würzburg); kein bevölkerungsbasiertes Gesamtregister, nur ein freiwilliges GPOH-Register für seltene Anämien
Frankreich Sichelzellkrankheit 1:1.323 Geburten (557 Neugeborene 2020) – häufigste beim Neugeborenenscreening entdeckte genetische Erkrankung des Landes überhaupt Bis 2022 gezieltes Screening nach Herkunft ("dépistage ciblé"), seit 01.11.2024 universelles Screening aller Neugeborenen (CNCDN) 25.000–30.000 Sichelzellpatienten aller Altersgruppen geschätzt (2023); zwei Drittel der Neudiagnosen entfallen auf die Île-de-France und die Überseedépartements
Spanien Autoimmunhämolytische Anämie 0,8–1,25 Fälle/100.000 Kinder/Jahr; Sichelzellkrankheit im Register von 826 (2020) auf über 1.300 gemeldete Fälle (2022) gestiegen Nationales Register REHem-AR (SEHOP, seit 2014, 78 teilnehmende Zentren) Über 90 % der Elternteile sichelzellkranker Kinder stammen aus afrikanischen Herkunftsländern; ausgeprägte innerspanische Unterschiede bei der Beta-Thalassämie-Trägerprävalenz (Roma-Gemeinschaft 5,6 %, Menorca 3,8 %, Baskenland nahe 0 %)
USA / Kanada AIHA-Kohorte ICON: 402 Kinder (Diagnosezeitraum 2011–2020), Mortalität 9,4 %, bei 42 % chronisch-rezidivierender Verlauf Kein zentrales Studienprotokoll; Diagnostik und Verlaufsbeobachtung über multizentrische Kohortenregister (ICON, 15 Zentren) 15 % der Kinder mit AIHA hatten eine zugrunde liegende primäre Immundefizienz (v. a. CVID, ALPS), weitere 16 % eine sekundäre Autoimmunerkrankung
Großbritannien Hereditäre Sphärozytose 1:2.000–1:5.000 bei nordeuropäischer Abstammung BSH/BCSH-Leitlinie (Bolton-Maggs et al. 2012): EMA-Bindungstest plus Kryohämolysetest als Screening, Gelelektrophorese nur bei unklaren Befunden Splenektomie wird bewusst bis nach dem Vorschulalter aufgeschoben, um das Risiko der postsplenektomischen Sepsis (OPSI) zu senken; vorherige Pflichtimpfung gegen bekapselte Erreger
Global (WHO / GBD 2021) G6PD-Mangel: ca. 443 Millionen Betroffene weltweit (2021), Anstieg um 80 % gegenüber 1990, höchste Krankheitslast in Südasien (~138 Mio. Fälle) Kein einheitliches Vorgehen: in einzelnen Hochprävalenzregionen (Mittelmeerraum u. a.) teils Neugeborenenscreening, in Nordeuropa/Nordamerika kein Routine-Screening Häufigste Enzymmangelerkrankung des Menschen überhaupt, in Deutschland traditionell selten (autochthon), mit steigenden Fallzahlen durch Migration aus Mittelmeerraum, Afrika, Nahost und Südasien

Neugeborenenscreening auf Sichelzellkrankheit: Deutschland und Frankreich im Zeitverlauf

Deutschland

Bis 30.09.2021: kein Neugeborenenscreening auf Sichelzellkrankheit, Diagnose meist erst nach ersten Symptomen (z. B. Milzsequestration, Infektanfälligkeit)
↓
Seit 01.10.2021: Screening für alle Neugeborenen als Teil der Kinder-Richtlinie (G-BA-Beschluss vom 20.11.2020)

Frankreich

Bis Ende 2022: gezieltes Screening nur bei angenommener Risikoherkunft ("dépistage ciblé"), politisch umstrittenes Vorgehen seit den 1980er-Jahren
↓
Seit 01.11.2024: vollständig universelles Screening aller Neugeborenen unabhängig von der Herkunft (Koordination durch das CNCDN)

Beide Nachbarländer haben ein flächendeckendes Sichelzell-Screening erst in den 2020er-Jahren eingeführt – deutlich später als etwa die USA oder Großbritannien. Deutschland stellte drei Jahre vor der endgültigen französischen Umstellung auf ein Screening aller Kinder um, während Frankreich mit rechnerisch 1:1.323 Geburten eine erheblich höhere Fallzahl erfasst als in Deutschland angenommen wird – ein Unterschied, der vor allem die unterschiedliche Bevölkerungsgeschichte beider Länder widerspiegelt, nicht die Qualität der jeweiligen Versorgung.

11. Häufig gestellte Fragen

Ist eine hämolytische Anämie vererbbar – müssen wir bei weiteren Kindern damit rechnen?

Das hängt vollständig von der zugrunde liegenden Form ab. Bei der hereditären Sphärozytose liegt in rund 90 Prozent der Fälle ein autosomal-dominanter Erbgang vor: Ist ein Elternteil selbst (auch nur mild) betroffen, besteht für jedes weitere Kind ein Wiederholungsrisiko von etwa 50 Prozent. Bei der Sichelzellkrankheit und den meisten Enzymdefekten wie dem Pyruvatkinase-Mangel ist der Erbgang autosomal-rezessiv – hier müssen in der Regel beide Elternteile Anlageträger sein, damit ein Kind erkrankt, während der G6PD-Mangel X-chromosomal vererbt wird und daher Jungen deutlich häufiger und meist stärker betrifft als Mädchen. Ganz anders ist es bei der autoimmunhämolytischen Anämie (AIHA): Sie ist im Kindesalter meist nicht erblich, sondern eine vorübergehende Reaktion des Immunsystems, häufig nach einem Infekt – hier gibt es in aller Regel kein erhöhtes Risiko für Geschwisterkinder. Bei jeder gesicherten hereditären Diagnose lohnt sich ein Gespräch in einer humangenetischen Beratungsstelle, bevor eine weitere Schwangerschaft geplant wird.

Warum wurde die Sichelzellkrankheit unseres Kindes nicht schon beim Neugeborenen-Screening entdeckt, obwohl unsere Familie aus einem Risikoland stammt?

Das lässt sich häufig durch die noch junge Screening-Geschichte erklären. In Deutschland gehört die Sichelzellkrankheit erst seit dem 1. Oktober 2021 zum erweiterten Neugeborenenscreening – zuvor gab es hierzulande, ebenso wie in Österreich und der Schweiz, gar kein systematisches Screening, während Nordamerika und mehrere europäische Nachbarländer schon deutlich früher testeten. Ein vor diesem Datum in Deutschland geborenes Kind wurde also grundsätzlich nicht auf Sichelzellkrankheit untersucht, unabhängig von der familiären Herkunft. Auch bei einer Geburt im Ausland kommt es entscheidend darauf an, ob dort zum Geburtszeitpunkt bereits ein entsprechendes Screening etabliert war – in Frankreich etwa wurde erst zum 1. November 2024 auf ein Screening aller Neugeborenen umgestellt, zuvor wurde gezielt nur bei angenommener Risikoherkunft getestet.

Muss unser Kind sein Leben lang Medikamente nehmen oder ist eine Heilung möglich?

Das ist sehr formabhängig. Eine infektassoziierte AIHA im Kindesalter heilt in vielen Fällen vollständig aus: In einer spanischen Fallserie erreichten 72 Prozent der Kinder eine komplette Remission, in der größeren französischen Kohorte blieben 39 Prozent dauerhaft beschwerdefrei. Beim G6PD-Mangel genügt es meist, auslösende Trigger wie bestimmte Medikamente oder Fava-Bohnen zu meiden – eine Dauertherapie ist in der Regel nicht nötig. Anders bei der Sichelzellkrankheit: Sie ist eine lebenslange Multisystemerkrankung, bei der Hydroxycarbamid als Dauermedikation vaso-okklusive Ereignisse senken kann; die einzige derzeit kurative Option ist die allogene Stammzelltransplantation. Bei der hereditären Sphärozytose bleibt der Membrandefekt zwar lebenslang bestehen, schwere Verläufe lassen sich aber durch eine Splenektomie (Milzentfernung) hinsichtlich der Anämie meist dauerhaft beheben.

Darf unser Kind normal in Kindergarten oder Schule gehen und Sport treiben?

In den allermeisten Fällen ja. Zwischen akuten Krankheitsschüben ist die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit bei den meisten Formen hämolytischer Anämie nicht wesentlich eingeschränkt, und ein normaler Kindergarten- und Schulalltag ist möglich. Eine Ausnahme betrifft Kinder mit Sichelzellkrankheit: Hier sollten starke Auskühlung, Flüssigkeitsmangel und Aufenthalte in großer Höhe (Sauerstoffmangel) gemieden werden, da beides vaso-okklusive Krisen begünstigen kann – Ausdauersport in Maßen ist trotzdem meist möglich, am besten in Absprache mit dem behandelnden Kinderhämatologen. Nach einer Milzentfernung ist grundsätzlich ebenfalls fast alles erlaubt, allerdings sollte das Behandlungsteam über eine sorgfältige Impfplanung und meist eine Antibiotika-Dauerprophylaxe informiert werden.

Ist eine hämolytische Anämie ansteckend für andere Kinder?

Nein. Weder die angeborenen Formen (Sphärozytose, Enzymdefekte, Sichelzellkrankheit) noch die autoimmune Form sind übertragbar – auch nicht der oft auffällige Ikterus (Gelbfärbung von Haut und Augen), der manche Eltern und Erzieher an eine ansteckende Erkrankung wie Hepatitis denken lässt. Richtig ist allerdings, dass bestimmte Infektionen einen bereits bestehenden Blutbefund akut verschlechtern können: Parvovirus B19 kann bei Kindern mit hereditärer Sphärozytose oder Sichelzellkrankheit eine sogenannte aplastische Krise auslösen, und Mycoplasma pneumoniae oder das Epstein-Barr-Virus können bei entsprechender Veranlagung eine autoimmunhämolytische Anämie erst in Gang setzen. Das Kind selbst überträgt dabei aber nicht die Bluterkrankung, sondern höchstens den auslösenden Infekt wie jedes andere Kind auch.

Sollten wir unserem Kind zusätzlich Eisen geben, weil "Anämie" doch Blutarmut bedeutet?

Nein, das wäre bei einer hämolytischen Anämie in aller Regel nicht nur unnötig, sondern potenziell schädlich. Anders als bei der weitaus häufigeren Eisenmangelanämie fehlt bei der hämolytischen Anämie kein Eisen – im Gegenteil: Durch den beschleunigten Abbau der roten Blutkörperchen wird das in ihnen gebundene Eisen wieder freigesetzt und im Körper recycelt, sodass die Eisenspeicher meist normal oder sogar erhöht sind. Eine zusätzliche Eisengabe würde diese Speicher unnötig weiter füllen und könnte insbesondere im Hinblick auf später eventuell notwendige Bluttransfusionen das Risiko einer Eisenüberladung noch verstärken. Sinnvoll und in den meisten Leitlinien ausdrücklich empfohlen ist dagegen eine Substitution von Folsäure, da der durch die gesteigerte Blutneubildung erhöhte Bedarf an diesem Vitamin sonst zu einem zusätzlichen Mangel führen kann. Ob im Einzelfall doch ein Eisenmangel vorliegt – etwa durch eine gleichzeitig unzureichende Ernährung –, lässt sich durch die Bestimmung von Ferritin und weiteren Eisenparametern im Blut klären und sollte nicht ohne ärztliche Rücksprache angenommen werden.

Warum spielt die familiäre Herkunft für die Diagnose eine so große Rolle?

Weil die verschiedenen Formen hämolytischer Anämie evolutionär eng mit bestimmten Weltregionen verknüpft sind. Die hereditäre Sphärozytose ist die mit Abstand häufigste angeborene Form bei Menschen mit nord- oder mitteleuropäischem Hintergrund. G6PD-Mangel und Sichelzellkrankheit dagegen sind ursprünglich im Mittelmeerraum, in Afrika, im Nahen Osten, in der Türkei und in Süd-/Südostasien verbreitet, weil die jeweilige Anlage in diesen Regionen historisch einen gewissen Schutz vor schwerer Malaria bot. In Deutschland, Frankreich und Spanien gelten beide Erkrankungen deshalb traditionell als seltener, mit in den letzten Jahren aber deutlich steigenden Fallzahlen durch Zuwanderung – ein Umstand, den alle drei Länder in ihren Fachleitlinien ausdrücklich als Grund für die wachsende klinische Bedeutung benennen. Für die Behandlung ändert die Herkunft nichts an der Diagnostik selbst, hilft dem Behandlungsteam aber, von vornherein an die wahrscheinlichere Ursache zu denken.

Warum werden bei unserem Kind mit bereits gesicherter Diagnose immer wieder dieselben Blutwerte kontrolliert?

Nicht, weil die Diagnose erneut infrage steht, sondern weil diese Werte den persönlichen, für Ihr Kind typischen Ausgangszustand abbilden. Viele Kinder mit einer stabilen chronischen Hämolyse haben über Jahre einen ähnlichen Hämoglobinwert sowie ähnliche Retikulozyten- und Bilirubinwerte. Weicht ein neuer Befund deutlich von diesem gewohnten Muster ab, ist das diagnostisch besonders aussagekräftig: Fällt der Hämoglobinwert plötzlich stark ab, während gleichzeitig auch die Retikulozyten ungewöhnlich niedrig bleiben, spricht das eher für eine überlagerte aplastische Krise als für eine reine Verstärkung der Hämolyse, bei der Retikulozyten und Bilirubin typischerweise eher ansteigen. Auch ein direkter Coombs-Test, der bei einer bekannten erblichen Form normalerweise negativ bleibt, kann bei einer neu hinzukommenden Immunkomponente plötzlich positiv werden. Der Vergleich mit dem individuellen Ausgangsbefund ist deshalb oft aussagekräftiger als ein einzelner Wert für sich allein.

Ist es besorgniserregend, wenn unser sportlich aktives Kind ohne bekannte hämolytische Anämie nach großer Anstrengung leicht dunklen Urin hat?

Bei einem Kind ohne bekannte hämolytische Erkrankung kann sehr intensive körperliche Belastung – klassischerweise langes Laufen oder Marschieren auf hartem Untergrund – vereinzelt zu einer geringen, meist harmlosen mechanischen Schädigung roter Blutkörperchen in den Fußsohlen führen (sogenannte Marschhämoglobinurie beziehungsweise „Foot-Strike-Hämolyse"); eine ausgeprägte Anämie entsteht dabei in aller Regel nicht. Dunkler Urin nach starker körperlicher Anstrengung hat allerdings mehrere mögliche Ursachen und sollte ärztlich von einer Rhabdomyolyse mit Myoglobinurie – einer Muskelschädigung, die unter anderem an einer deutlich erhöhten Kreatinkinase erkennbar ist – unterschieden werden. Bei einem Kind mit bereits bekannter hämolytischer Anämie gilt dagegen uneingeschränkt die im Warnzeichen-Abschnitt beschriebene Regel: Dunkler, "cola-farbener" Urin ist dort immer ein Alarmzeichen.

12. Quellen und Fachliteratur

Die folgenden Leitlinien, Register und Studien aus dem deutsch-, englisch-, französisch- und spanischsprachigen Raum bilden die fachliche Grundlage dieses Artikels.

  • AWMF-Leitlinie 025/027 "Anämiediagnostik im Kindesalter" (S1) - GPOH & DGKJ, Autoren A.E. Kulozik und J. Kunz, Version 5.0, Deutschland, Mai 2024
  • AWMF-Leitlinie 025/018 "Hereditäre Sphärozytose" (S1) - GPOH, Autoren Stefan Eber und Oliver Andres, Deutschland, 28.08.2023
  • AWMF-Leitlinie 025/016 "Sichelzellkrankheit" (S2k) - GPOH-Konsortium Sichelzellkrankheit & DGKJ, 2. Auflage, Deutschland, 02.07.2020
  • Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA): Beschluss zur Aufnahme der Sichelzellkrankheit in das Neugeborenenscreening - Deutschland, 20.11.2020
  • GPOH/kinderblutkrankheiten.de: Patienteninformationen zu autoimmunhämolytischer Anämie und G6PD-Mangel, Autor PD Dr. J. Kunz - Deutschland, 2022
  • Aladjidi N, Leverger G, Leblanc T, et al. "New insights into childhood autoimmune hemolytic anemia: a French national observational study of 265 children" - Haematologica, Frankreich, 2011;96(5):655-663
  • ITP Consortium of North America (ICON): "Pediatric Autoimmune Hemolytic Anemia Is Associated with a High Incidence of an Underlying Immune Disorder and High Mortality Rate" - Blood, USA/Kanada, 2024;144(Suppl 1), Abstract 795
  • Bolton-Maggs PHB, Langer JC, Iolascon A, Tittensor P, King MJ. "Guidelines for the diagnosis and management of hereditary spherocytosis - 2011 update" - British Journal of Haematology, Großbritannien, 2012;156(1):37-49
  • Hill QA, Stamps R, Massey E, Grainger JD, Provan D, Hill A. "The diagnosis and management of primary autoimmune haemolytic anaemia" - British Journal of Haematology, Großbritannien, 2017;176(3):395-411
  • Yu Z, Xiong Q, Wang Z, Li L, Niu T. "Global, regional, and national burden of glucose-6-phosphate dehydrogenase (G6PD) deficiency from 1990 to 2021" - Frontiers in Genetics, 2025
  • Noronha SA. "Acquired and Congenital Hemolytic Anemia" - Pediatrics in Review, American Academy of Pediatrics, USA, 2016;37(6):235-246
  • Haute Autorité de Santé (HAS): PNDS "Sphérocytose héréditaire et autres anémies hémolytiques par anomalie de la membrane érythrocytaire" - Frankreich, Juli 2021
  • HAS / Filière MCGRE / Société Française de Pédiatrie: PNDS "Syndromes drépanocytaires majeurs de l'enfant et de l'adolescent" - Frankreich, März 2024
  • Gomes E, Castetbon K, Goulet V. "Mortalité liée à la drépanocytose en France" - Bulletin épidémiologique hebdomadaire (BEH), Frankreich, 2015, Nr. 8
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  • Zubicaray Salegui J, Sevilla Navarro J. "Anemias hemolíticas: clasificación. Membranopatías. Enzimopatías. Anemia hemolítica autoinmune" - Pediatría Integral, Spanien, 2021
  • Sánchez N, Zubicaray J, Sebastián E, Gálvez E, Sevilla J. "Anemia hemolítica autoinmune: revisión de casos" - Anales de Pediatría, Spanien, 2021;94(4)
  • Bardón-Cancho EJ, García-Morin M, Cela E, et al. "Spanish registry of hemoglobinopathies and rare anemias (REHem-AR): demographics, complications, and management of patients with β-thalassemia" - Annals of Hematology, Spanien, 2024
  • SEHOP - Grupo de Eritropatología. "Guía Esferocitosis Hereditaria" - Sociedad Española de Hematología y Oncología Pediátricas, Spanien, 2022
  • AWMF Living Guideline "Hämolytisch-urämisches Syndrom im Kindes- und Erwachsenenalter" (S2k, Registernummer 166-002) - AWMF, Version 3.0, Deutschland, 2026
  • Jacobs JW et al. "Clinical and epidemiological features of paroxysmal cold hemoglobinuria: a systematic review" - Blood Advances, USA, 2023;7:2520-2527, PMID 36716137
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  • Red Cell Study Group of AIEOP: "Recommendations on newly diagnosed childhood autoimmune hemolytic anemia" - Blood Transfusion, Italien, PMID 28151390
  • Hindryckx E, Chantrain C. "Comment j'explore… une anémie chez l'enfant" - Revue Médicale de Liège, Belgien, 2024;79:181-185, PMID 38487913
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  • "Diagnosis and Management of Prenatal Hereditary Pyropoikilocytosis" - Prenatal Diagnosis, 2025, PMID 40714857
  • Gallagher PG. "Disorders of erythrocyte hydration" - Blood, USA, 2025