Chikungunya-Virus-Infektion
Inhaltsverzeichnis
- Ätiologie und Epidemiologie
- Symptome und klinische Manifestationen
- Diagnostik
- Therapie und Heilung
- Prognose
- Ländervergleiche
- Häufig gestellte Fragen
- Quellen und weiterführende Informationen
1. Ätiologie und Epidemiologie
Was ist Chikungunya?
Chikungunya ist eine virale Infektionskrankheit, die durch das Chikungunya-Virus (CHIKV) verursacht wird. Das Virus gehört zur Gattung Alphavirus in der Familie der Togaviridae. Der Name "Chikungunya" stammt aus der Bantu-Sprache und bedeutet "der Krümmende" oder "das, was die Gelenke krümmt", was auf die charakteristischen Gelenkschmerzen hinweist, die bei dieser Erkrankung auftreten.
Das Chikungunya-Virus ist ein einzelsträngiges RNA-Virus, das primär durch Mückenstiche übertragen wird. Es wurden mehrere Genotypen identifiziert, die sich in ihrer geografischen Verbreitung unterscheiden: der West African-, der East Central South African (ECSA)- und der Asian-Genotyp.
Übertragungsweg
Die Hauptüberträger des Chikungunya-Virus sind die Aedes-Mücken, insbesondere:
- Aedes aegypti (Gelbfiebermücke) - primärer Vektor in tropischen und subtropischen Regionen
- Aedes albopictus (Asiatische Tigermücke) - sekundärer Vektor, zunehmend in gemäßigteren Klimazonen verbreitet
Diese Mückenarten sind tagsüber aktiv, besonders in den frühen Morgen- und späten Nachmittagsstunden. Eine infizierte Mücke kann das Virus auf einen Menschen übertragen, wenn sie einen Stich durchführt. Der Virus durchläuft eine Inkubationsperiode von 3-7 Tagen (Bereich: 1-12 Tage) in der Mücke, bevor die Mücke infektiös wird.
Epidemiologische Fakten
Chikungunya-Ausbrüche treten in tropischen und subtropischen Regionen auf, besonders in:
- Afrika: Endemische Zirkulation in Ostafrika (Kenia, Tansania), Westafrika und Südafrika
- Asien: Häufig in Süd- und Südostasien (Indien, Thailand, Indonesien, Kambodscha, Philippinen)
- Amerika: Erste Fälle 2013-2014 in der Karibik, seitdem Ausbreitung in Zentral- und Südamerika
- Europa: Vereinzelte kleine Ausbrüche in südlichen Ländern (Italien, Frankreich), primär durch importierte Fälle
Die jährliche weltweite Inzidenz wird auf mehrere Millionen Fälle geschätzt, wobei die genaue Zahl aufgrund von Untermelding schwer zu bestimmen ist. Die Erkrankung betrifft alle Altersgruppen, aber schwere Verläufe treten häufiger bei sehr jungen Kindern, älteren Menschen und Personen mit Grunderkrankungen auf.
2. Symptome und klinische Manifestationen
Inkubationszeit
Die Zeit zwischen dem Mückenstich und dem Auftreten der ersten Symptome beträgt typischerweise 3-7 Tage, kann aber auch zwischen 1 und 12 Tagen liegen.
Acute Phase (erste 5-14 Tage)
Die akute Phase tritt plötzlich auf und ist durch folgende Symptome gekennzeichnet:
- Fieber: Hohes Fieber, oft 39-40 °C oder höher, tritt plötzlich auf
- Kopfschmerzen: Oft intensiv und frontal lokalisiert
- Muskelschmerzen (Myalgien): Ganzkörperschmerzen, besonders in der Wirbelsäule und den großen Muskelgruppen
- Gelenkschmerzen (Arthralgien): Dies ist das Markenzeichen von Chikungunya. Betroffen sind typischerweise kleine Gelenke (Finger, Zehen, Handgelenke, Knöchel), können aber auch größere Gelenke (Knie, Ellbogen) betreffen. Die Schmerzen sind oft bilateral und symmetrisch
- Exanthem (Hautausschlag): Ein typischer makulo-papulöser Ausschlag tritt bei 40-80% der Fälle auf. Er erscheint typischerweise am 2.-5. Krankheitstag, meist am Rumpf und an den Gliedmaßen. Der Ausschlag kann mit Juckreiz verbunden sein und ist nicht blutend (nicht petechial)
- Schwäche und Fatigue: Allgemeine Abgeschlagenheit und Energiemangel
- Augenschmerzen (Ophthalmien): Schmerzen bei Augenbewegungen oder hinter den Augen
Symptome bei Neugeborenen und Kleinkindern
Bei sehr jungen Kindern können folgende spezielle Manifestationen auftreten:
- Intensivere Systemsymptome (höheres Fieber)
- Neuroinvasion mit Meningitis oder Enzephalitis (selten, aber möglich)
- Myokarditis oder Perikarditis (Herzmuskelentzündung)
- Hepatitis (Leberentzündung) mit Transaminasenanstieg
- Stark ausgeprägte Arthralgien, die die Bewegung beeinträchtigen
Chronische Phase (Wochen bis Monate)
Bei etwa 30-60% der Patienten persistieren die Gelenkschmerzen über die akute Phase hinaus:
- Post-Chikungunya-Arthritis: Kann Wochen bis Monate andauern, in schweren Fällen auch Jahre
- Schmerzen und Steifheit, besonders morgens oder nach Ruhe
- Können die Alltags- und Schulaktivitäten des Kindes erheblich beeinträchtigen
- Können zu motorischer Beeinträchtigung und Schulfehlzeiten führen
Atypische und schwere Manifestationen
Obwohl selten, können folgende Komplikationen auftreten:
- Neurologische Komplikationen: Meningitis, Enzephalitis, Guillain-Barré-Syndrom
- Kardiologische Komplikationen: Myokarditis, Arrhythmien
- Hepatische Komplikationen: Hepatitis mit stark erhöhten Transaminasen
- Okulare Komplikationen: Uveitis, Retinitis, Optikusneuritis (bei älteren Kindern und Erwachsenen)
- Blutungsneigung: In seltenen Fällen Hämorrhagien (ähnlich wie bei Dengue)
- Nierenbeteiligung: Akutes Nierenschädigungssyndrom (selten)
3. Diagnostik
Klinische Diagnose
Die Verdachtsdiagnose wird gestellt basierend auf:
- Charakteristische Symptomenkombination: Fieber, Exanthem und Arthralgien
- Epidemiologischer Kontext: Aufenthalt in einer Endemieregion oder Rückkehr aus solch einer Region in den letzten 2 Wochen
- Zeitliche Abfolge der Symptome
Labordiagnostik
1. Virologie (PCR und Virusanzüchtung)
RT-PCR (Reverse Transkription-Polymerase-Kettenreaktion):
- Gold-Standard für die Früherkennung (innerhalb von 5-7 Tagen nach Symptombeginn)
- Serum, Plasma oder Liquor cerebrospinalis können untersucht werden
- Hohe Sensitivität und Spezifität
- Oft kostenlos oder subventioniert durch Gesundheitsbehörden
Virusanzüchtung:
- Selten durchgeführt in klinischen Laboratorien
- Spezielle Zellkulturen oder Versuchstiere notwendig
- Zeit- und kostenintensiv
2. Serologie (Antikörper-Nachweise)
IgM-Antikörper (Frühdiagnose):
- Nachweisbar ab dem 3.-5. Krankheitstag
- Positiv für etwa 3-5 Monate
- Ideal für die späte akute Phase und frühe chronische Phase
- Kann falsch-positive Ergebnisse durch Kreuzreaktion mit anderen Alphavirussen zeigen
IgG-Antikörper (Spätiagnose):
- Nachweisbar ab dem 7.-10. Krankheitstag
- Bleibt lebenslang positiv
- Zeigt vorherige Exposition oder chronische Infektion an
Verwendete Tests:
- ELISA (Enzyme-Linked Immunosorbent Assay)
- Neutralisierungstests (Referenzmethode, aber arbeitsaufwendig)
- Rapid-Schnelltests (begrenzte Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit)
3. Blutuntersuchung
Charakteristische Befunde:
- Leukopenie: Erniedrigung der weißen Blutkörperchen (ca. 50% der Fälle)
- Thrombozytopenie: Erniedrigung der Blutplättchen (mild bis moderat)
- Transaminasenanstieg: Besonders ALT und AST können leicht bis moderat erhöht sein
- C-reaktives Protein (CRP): Normal bis leicht erhöht (nicht so stark wie bei bakteriellen Infektionen)
- Nierenparameter: Normalerweise unauffällig, außer in schweren Fällen
Differentialdiagnose
Chikungunya muss von folgenden Erkrankungen unterschieden werden:
- Dengue-Fieber: Ähnliche Symptome, aber ohne prominente Arthralgien; wird durch denselben Mückenvektor übertragen
- Zika-Virus-Infektion: Mildere Symptome, Exanthem ist häufiger, neurologische Komplikationen sind anders gelagert
- Röteln: Milder Verlauf, Lymphadenopathie ist prominenter
- Masern: Stärkeres Exanthem, diagnostische Schnelltests verfügbar
- Rheumatisches Fieber: Andere Gelenkmanifestationen, kardiale Beteiligung
- Juvenile idiopathische Arthritis: Chronische Gelenkbeteiligung ohne Virusproduktion
- Lyme-Borreliose: Zeckenstich statt Mückenstich, verschiedene Symptomatik
4. Therapie und Heilung
Grundsätze der Behandlung
Es gibt keine spezifische antivirale Therapie gegen Chikungunya. Die Behandlung ist rein symptomatisch und unterstützend. Der Fokus liegt auf der Linderung von Symptomen und der Prävention von Komplikationen.
Akute Phase-Management
1. Fieberkontrolle
- Paracetamol (Acetaminophen): Empfohlen für Kinder, 15 mg/kg/Dosis, 4-6 stündlich, maximal 60 mg/kg/Tag (oder 4g/Tag bei Älteren)
- Ibuprofen: Alternative, 5-10 mg/kg/Dosis, 6-8 stündlich, maximal 30-40 mg/kg/Tag
- Wichtig: Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAIDs) werden kontrovers diskutiert - einige Studien deuten darauf hin, dass NSAIDs die Virämie verlängern könnten, daher sollten diese mit Vorsicht bei aktiver Virämie (erste 7 Tage) verwendet werden
- Physikalische Maßnahmen: Kühle Umschläge, leichte Kleidung, ausreichende Flüssigkeitszufuhr
2. Schmerzmanagement (besonders Arthralgien)
- Lokale Maßnahmen: Wärmeanwendungen an betroffenen Gelenken, Hochlagerung, Ruhigstellung bei Bedarf
- Physiotherapie: Nach Abklingen des akuten Fiebers können sanfte Bewegungsübungen helfen
- Massage und lokale Anwendungen: Können Linderung bringen
- NSAIDs in der chronischen Phase: In der Post-Chikungunya-Arthritis-Phase (nach 7 Tagen) können NSAIDs wie Ibuprofen oder Naproxen verwendet werden, um Gelenkschmerzen und Entzündungen zu kontrollieren
- Acetylsalicylsäure (Aspirin): Sollte bei Kindern vermieden werden, besonders bei Virusinfektionen (Reye-Syndrom-Risiko)
3. Supportive Maßnahmen
- Flüssigkeitszufuhr: Ausreichende Rehydration ist essentiell; bei milden Fällen orale Flüssigkeitsaufnahme, bei schweren Fällen möglicherweise intravenöse Fluide
- Betruhe: Besonders in den ersten Tagen der akuten Erkrankung
- Ernährung: Leichte, nahrhafte Kost; Vermeidung von schweren oder fettigen Mahlzeiten
- Luftfeuchte und Temperaturkontrolle: Angenehmes Raumklima zur Symptomlinderung
4. Antibiotika
- Nicht indiziert, da Chikungunya eine virale Infektionen ist
- Können bei sekundären bakteriellen Infektionen (z.B. Hautinfektionen durch Kratzen) oder bei bakteriellen Komplikationen notwendig werden
Chronische Phase-Management (Post-Chikungunya-Arthritis)
Wenn Gelenkschmerzen länger als 3 Monate andauern:
- Physiotherapie: Ist Eckpfeiler der Langzeitbehandlung. Umfasst Bewegungsübungen, Dehnübungen und progressive Belastungstraining
- NSAIDs: Langfristige Verwendung unter ärztlicher Aufsicht möglich
- Kortikosteroide (oral): In schweren Fällen mit hartnäckigen Gelenkschmerzen können kurze Kurse von Kortikosteroiden erwogen werden
- Intra-artikuläre Injektionen: Bei persistenten Symptomen in einzelnen Gelenken könnten Kortisoninjektionen erwogen werden (durch spezialisierte Ärzte)
- Psychologische Unterstützung: Chronische Schmerzen können zu Depressionen und Angstzuständen führen, besonders bei Kindern
- Ergotherapie: Hilft bei der Anpassung an Alltag und schulische Aktivitäten
Hospitalisierung und intensivmedizinische Betreuung
Die meisten Fälle können ambulant behandelt werden. Hospitalisierung ist indiziert bei:
- Neurologischen Komplikationen (Meningitis, Enzephalitis, Guillain-Barré-Syndrom)
- Kardiovaskulären Komplikationen (Myokarditis, Arrhythmien)
- Schwerem Fieber mit Organversagen
- Hämorrhagischen Manifestationen
- Sehr jungen Säuglingen mit potenziell schweren Verläufen
- Immunsupprimierten Kindern
5. Prognose
Akute Phase
- Mortalitätsrate: Sehr niedrig (<0.1% bei Kindern ohne Grunderkrankungen)
- Klinische Heilung: Die meisten Patienten genesen innerhalb von 2-3 Wochen von den akuten Symptomen
- Virämie-Clearance: Das Virus wird typischerweise innerhalb von 5-10 Tagen aus dem Blut eliminiert
Langzeitprognose
- Chronische Arthralgien: Etwa 30-60% der Patienten berichten über persistierende Gelenkschmerzen nach der akuten Phase. Bei Kindern ist die Rate niedriger als bei Erwachsenen
- Dauer: In den meisten Fällen klingen die chronischen Schmerzen innerhalb von 3-6 Monaten ab. Bei etwa 10% können sie länger als ein Jahr andauern
- Funktionelle Einschränkungen: In schweren Fällen können Gelenkschmerzen schulische und sportliche Aktivitäten beeinträchtigen
Prognose-Faktoren
Faktoren, die eine schlechtere Prognose anzeigen können:
- Hohes Alter (aber bei Kindern sind Alter und Ausgang günstiger)
- Vorbestehende Grunderkrankungen
- Immunsuppression
- Gleichzeitige Infektion mit anderen Viren (z.B. Dengue)
- Weibliches Geschlecht (berichten häufiger von chronischen Symptomen)
Neurologische Prognose
Neurologische Komplikationen sind selten bei Kindern. Wenn sie auftreten:
- Meningitis: Gute Prognose mit vollständiger Genesung in den meisten Fällen
- Enzephalitis: Kann langzeitige neurologische Folgen hinterlassen, aber auch Spontanheilung ist möglich
- Guillain-Barré-Syndrom: Variable Prognose, erfordert spezialisierte Behandlung und Rehabilitation
6. Ländervergleiche
Geografische Verbreitung und regionale Unterschiede
| Region | Epidemiologischer Status | Virusggenotyp | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Ostafrika (Kenia, Tansania) | Endemisch, regelmäßige Ausbrüche | East Central South African (ECSA) | Verlängerte Übertragungszyklen, zirkuliert in Primaten-Reservoirs |
| Südafrika | Sporadische Ausbrüche | ECSA-Genotyp | Saisonale Ausbrüche, verbunden mit Regenfällen |
| Westafrika | Selten, rezente Zunahme | West African Genotyp | Epidemien treten nach Dürreperioden auf |
| Indien | Hochendemisch, große urbane Ausbrüche | Asian Genotyp | Mehrere große Epidemien seit 2005; Millionen betroffener Fälle |
| Thailand | Endemisch | Asian Genotyp | Regelmäßige Übertragung, Monsun-assoziiert |
| Indonesien | Endemisch | Asian Genotyp | Große bevölkerungsreiche Regionen betroffen |
| Philippinen | Sporadische Fälle | Asian Genotyp | Kürzlich aufkommende Aktivität |
| Karibik/Amerika | Aktive Zirkulation seit 2013 | Asian Genotyp (importiert) | Erste lokale Ausbrüche in 2013-2014; seitdem Ausbreitung in der Region |
| Zentralamerika | Sporadische Fälle, wachsend | Asian Genotyp | Begrenzte, aber zunehmende Verbreitung |
| Südamerika (Brasilien) | Sporadische Fälle | Asian Genotyp (importiert) | Erste autochthone Übertragungen dokumentiert |
| Südeuropa (Italien, Frankreich) | Sehr selten, kleine Ausbrüche | Indian Ocean Lineage (IOL) | 2007 Ausbruch in Italien (ca. 200 Fälle); 2010 in Frankreich; durch importierte Fälle oder Rückkehrer verursacht |
| Deutschland | Nur importierte Fälle | Verschiedene Genotypen (je nach Herkunft) | Rückkehrer aus Endemieregionen; Tigermücke breitet sich langsam aus |
Länder mit den höchsten Fallzahlen
Indische Epidemien: Indien hat die höchste Krankheitslast erlebt, mit Millionen von Fällen, insbesondere während der Epidemien 2005-2006 (>1,4 Millionen Fälle) und 2015-2016 (>300.000 gemeldete Fälle). Die tatsächlichen Zahlen sind wahrscheinlich höher.
Karibische Epidemie (2013-2014): Der erste dokumentierte Fall in der westlichen Hemisphäre wurde 2013 auf der Insel St. Barthélemy diagnostiziert. Das folgte einer schnellen Ausbreitung mit insgesamt über 1 Million Fällen in der Karibik und der Region innerhalb weniger Jahre.
Insel-Ausbruch im Indischen Ozean (2005-2006): Reunion und andere Inseln erlebten einen massiven Ausbruch mit etwa 40% der Bevölkerung betroffen (~270.000 Fälle), was zu vielen chronischen Fällen führte.
Klimatische und ökologische Faktoren
- Temperatur: Die Aedes-Mücke benötigt Temperaturen von mindestens 12-15 °C zur Reproduktion. Wärmere Regionen unterstützen schnellere Virusreplikation und höhere Übertragungsraten
- Niederschlag und Wasserablagerungen: Die Mücke legt Eier in stehenden Gewässern ab - auch kleine Mengen wie in Pflanzgefäßen, Autoreifen oder Dachrinnen
- Urbanisierung: Dicht besiedelte urbane Zentren mit unzureichenden Sanitäranlagen begünstigen Mückenbrut
- Klimawandel: Die zunehmenden Temperaturen und Wetterveränderungen führen zur geografischen Ausbreitung der Aedes-Mücken in nordlichere Regionen
7. Häufig gestellte Fragen (FAQ)
F: Kann mein Kind sich mit Chikungunya in Deutschland anstecken?
A: Derzeit ist das Risiko für lokale Chikungunya-Übertragung in Deutschland sehr niedrig. Allerdings breitet sich die asiatische Tigermücke (Aedes albopictus), die das Virus übertragen kann, aufgrund des Klimawandels graduell nach Norden aus. Bislang wurden in Deutschland nur vereinzelte Tigermücken in wärmeren Regionen gefunden. Derzeit besteht das Risiko hauptsächlich für Rückkehrer aus Endemieregionen.
F: Wie lange ist mein Kind ansteckend?
A: Das Chikungunya-Virus ist im Blut typischerweise 5-10 Tage nach Symptombeginn nachweisbar. Danach sind Bluttransfusionen und Nadelstichverletzungen kein Risiko mehr. Eine Mücke wird jedoch infektiös, wenn sie das Virus aufnimmt, und kann das Virus lebenslang weitergeben. Während der Virämie-Phase sollte das Kind vor Mückenstichen geschützt werden, um weitere Übertragungen zu vermeiden.
F: Kann eine schwangere Frau das Virus auf ihr Neugeborenes übertragen?
A: Vertikal (von Mutter zu Kind während der Geburt) ist eine Übertragung möglich, besonders wenn die Mutter kurz vor oder zum Zeitpunkt der Geburt infiziert ist. Neugeborene von infizierten Müttern können schwere Symptome entwickeln. Allerdings ist eine In-utero-Übertragung (während der Schwangerschaft) selten und das Risiko von Geburtsdefekten ist im Gegensatz zu Zika-Virus viel niedriger.
F: Gibt es einen Impfstoff gegen Chikungunya?
A: Ja, es gibt einen zugelassenen Chikungunya-Impfstoff namens Ixchiq (Inactivated Chikungunya Virus Vaccine). Dieser wurde von der FDA 2023 zugelassen und bietet etwa 98% Effektivität. Er wird als einzelne intramuskuläre Dosis gegeben. Die Verfügbarkeit ist begrenzt, und er wird hauptsächlich für Reisende in Endemieregionen empfohlen. Konsultieren Sie einen Reisemediziner vor der Reise.
F: Können NSAIDs die Genesung verschlimmern?
A: Es gibt kontroverse Diskussionen über die Verwendung von NSAIDs während der akuten Phase. Einige Studien deuten darauf hin, dass NSAIDs die Virämie verlängern könnten, während andere keinen signifikanten Unterschied zeigen. Aus Vorsichtsgründen werden Paracetamol als Erstlinien-Fiebermittel bevorzugt. NSAIDs können in der chronischen Phase (Post-Chikungunya-Arthritis) sicher verwendet werden.
F: Wie lange dauert die Genesung?
A: Die akuten Symptome (Fieber, Systemsymptome) klingen typischerweise innerhalb von 2-3 Wochen ab. Gelenkschmerzen können länger andauern; etwa 30-60% der Patienten berichten über persistierende Schmerzen für Wochen bis Monate. Bei Kindern ist die Dauer der chronischen Symptome typischerweise kürzer als bei Erwachsenen.
F: Ist Chikungunya tödlich?
A: Die Sterblichkeitsrate ist sehr niedrig (<0.1% bei gesunden Kindern). Todesfälle treten hauptsächlich bei sehr älteren Patienten, Säuglingen oder Personen mit schweren Grunderkrankungen auf. Bei ansonsten gesunden Kindern sind tödliche Verläufe sehr selten.
F: Kann sich mein Kind zweimal mit Chikungunya anstecken?
A: Nach einer Chikungunya-Infektion entwickelt der Körper typischerweise eine lebenslange Immunität. Reinfektionen sind selten, aber theoretisch möglich, besonders bei unterschiedlichen Genotypen oder nach sehr langer Zeit (Jahrzehnte).
F: Welche Prävention gibt es während einer Reise?
A: Hauptpräventionsmaßnahmen sind: (1) Moskitoschutz: Repellenzien mit mindestens 20-30% DEET für Kinder >2 Monate, lange Kleidung, Moskitonetze; (2) Impfung: Der neue Chikungunya-Impfstoff wird für Reisende in Endemieregionen empfohlen; (3) Zimmerklima: Aircondition, Fensternetze; (4) Tageszeitverhalten: Aedes-Mücken sind tagsüber aktiv, besonders früh morgens und spätnachmittags.
F: Sollte ich einen PCR-Test machen oder einen Antikörper-Test?
A: Das hängt vom Zeitpunkt seit Symptombeginn ab: PCR/Virologie ist am besten für die akute Phase (erste Woche), während Antikörper-Tests (IgM) ab dem 4.-5. Tag nützlich sind. Wenn Sie sich außerhalb dieser Fenster befinden oder beide machen möchten, können Sie beides durchführen lassen. Spezialisierte Institute können helfen.
8. Quellen und weiterführende Informationen
Wissenschaftliche und Medizinische Referenzen
- World Health Organization (WHO). Chikungunya Fact Sheet. Online verfügbar auf who.int
- Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Chikungunya Virus. Online verfügbar auf cdc.gov
- Ross RW. "The Newala epidemic. III. The virus: isolation, pathogenic properties and relationship to the epidemic." The Journal of Hygiene. 1956.
- Reiskind MH, Lounibos LP. "Lessons from the evolutionary expansion of Aedes aegypti and Aedes albopictus." One Health. 2016.
- Thiberville SD, Boisson V, Gaudart J, Simon F, Flahault A. "Chikungunya fever: epidemiology, clinical presentation and control--a systematic review of literature." Current Opinion in Infectious Diseases. 2013.
- Puccioni-Sohler M, Soares CN, Papaiz-Alvarenga R, et al. "Neurological manifestations of chikungunya and zika viruses: a comparative study of the neurotropism of alphaviruses." Journal of Neurology. 2016.
- Hochedez P, Jaureguiberry S, Debruyne M, et al. "Chikungunya infection in travelers." Emerging Infectious Diseases. 2006.
- Sissoko D, Malvy D, Ezzedine K, et al. "Post-epidemic chikungunya disease on Reunion Island: course of rheumatologic manifestations and associated factors over a 15-month period." Arthritis and Rheumatism. 2009.
Deutsche und europäische Ressourcen
- Robert Koch-Institut (RKI). Chikungunya-Virus. Online verfügbar auf rki.de
- Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, Hamburg. Diagnostik und Beratung zu tropischen Infektionen
- Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin und Internationale Gesundheit (DTG)
- Arbeitsgemeinschaft Tropische Medizin und Internationale Gesundheit
Patienten- und Elterninformationen
- Gesundheitsinformation.de (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung)
- Kinderärztliche Verbände mit Online-Ressourcen
- Reisemedizinische Beratungsstellen und Impfzentren
Internationale Leitlinien
- WHO Regional Office for the Eastern Mediterranean. Chikungunya: Diagnosis and Management
- ECDC (European Centre for Disease Prevention and Control). Chikungunya Virus
- American Academy of Pediatrics. Red Book: Report of the Committee on Infectious Diseases
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