Kindliche Entwicklung

Die bedeutendsten Veränderungen bezüglich Wachs­tum und Entwicklung finden vor der Geburt statt: Aus einer Zelle entsteht ein Neugeborenes.


Embryonale Phase

Am 6. postkonzeptionellen Tag beginnt die Implantati­on der sphärisch um einen Hohlraum (Blastozyste) an­geordneten Zellen. Zwei Wochen postkonzeptionell ist die Implantation abgeschlossen und die uteroplazentare Zirkulation aufgebaut. Der Embryo besitzt 2 Keimblät­ter: Endoderm und Ektoderm; die Amnionhöhle beginnt sich auszubilden. 3 Wochen nach der Konzeption er­scheinen das Mesoderm wie auch Ansätze des Neurai­rohrs und Blutgefäße. Paarige Herzschläuche beginnen zu pumpen.

Zwischen der 4. und 8. Woche beginnt sich die Em­bryonalplatte von lateral zu falten, ein Längenwachstum findet statt und „Knospen" der oberen und unteren Ex­tremität erscheinen. Vorstufen der Skelettmuskulatur, Wirbelkörper wie auch Kiemenbögen (aus denen Unter­kiefer, Oberkiefer, Gaumen, Außenohr und andere Hals­bzw. Kopfstrukturen entstehen) werden erkennbar. Die grobe Struktur des gesamten Nervensystems ist aufge­baut. Am Ende der 8. postkonzeptionellen Woche endet das Embryonalstadium, Anlagen aller wichtigen Organe sind vorhanden, der Embryo wiegt 9 Gramm und ist 5 cm lang.


Fetale Phase

Ab der 9. postkonzeptionellen Woche (fetale Periode) erfolgt eine massive Zunahme der Zellzahl und Zellgrö­ße, ebenso kommt es zu strukturellen Umbauvorgängen in den Organen.

Ab der 10. Woche kehrt die „Darmanlage" aus der in-traumbilikalen Lage in den Bauchraum zurück und dreht gegen den Uhrzeigersinn, dabei gelangen Magen, Dünndarm und Dickdarm in die Normallage.

Ab der 12. Woche ist das Geschlecht des Kindes be­reits makroskopisch erkennbar, ebenso bilden sich Bronchien, BronchioH.

Ab der 20.-24. Woche entstehen primitive Alveolen, Surfactant wird produziert.

Im 3. Trimenon verdreifacht sich das Gewicht, die Länge verdoppelt sich.


Vom Neugeborenenalter bis zum Ende des 2. Lebensmonats

 Tag 1 bis Tag 28 werden als Neugeborenenperiode defi­niert. Unmittelbar nach der Geburt schaut das Neugebo­rene aufmerksam umher und beginnt zu saugen, sobald ein Gegenstand die Lippen berührt. Die maximale Seh­schärfe des Neugeborenen stellt in etwa die Distanz von der Mutterbrust zum Gesicht der Mutter dar. Das Sehen ist auf Gesichter fixiert, das Hören auf weibliche Stim­men. Diese erste Wachheitsphase dauert ca. 40 Minuten, eine Somnolenzperiode schließt sich an.

Die wichtigsten physiologischen Umstellungen vom intrauterinen auf das extrauterine Leben betreffen die Belüftung der Lunge, die Veränderung des Blutkreis­laufs und die Aktivierung des Gastrointestinaltrakts. Das Neugeborene muss selbstständig Nahrung fordern, die Körpertemperatur regulieren sowie durch Äußerung von Unbehagen für Sicherheit sorgen, es muss also mit dem gesamten Sensorium reagieren.

Bis zu 10% des Geburtsgewichts verliert das Neugebo­rene postpartal, sollte es aber bis zum 14. Lebenstag wie­der zugenommen haben. Die Gewichtszunahme im ers­ten Lebensmonat beträgt ca. 30 g pro Tag. Die Grobmo­torik scheint ungeplant zu verlaufen, so wechselt Faus­ten mit Handöffnen ohne ersichtlichen Grund. Im Gegensatz hierzu werden Kopfwendung und Blickfolge (z.B. mütterliche Stimme) wie auch Saugen bewusst kontrolliert, was Perzeption und Kognition beweist. Ein 3 Wochen altes Neugeborenes kann erkennen, ob das Gehörte mit der Bewegung der beobachteten Lippen korreliert!

Die emotionale Entwicklung während dieser Periode umfasst die Bildung des „Urvertrauens" (erstes Stadium der psychosozialen Entwicklung nach Erikson). Das Vertrauen wird geschaffen, indem die grundlegenden Bedürfnisse des Kindes durch liebevolle Pflege erfüllt werden.


2-6 Monate

 Die Gewichtszunahme verringert sich auf ca. 20 g pro Tag. So genannte „Primitivreflexe" gehen allmählich verloren, so kann der Säugling z.B. durch Verschwinden des asymmetrisch-tonischen Nackenstellreflexes Gegen­stände in der Mittellinie mit beiden Händen inspizieren und durch Verschwinden des Greifrellexes Zielobjekte fallen lassen, um sich anderen Dingen zuzuwenden...

 

6-12 Monate

Der Säugling lernt frei zu sitzen (mit ca. 7 Monaten) und sich im Sitzen zu drehen (mit ca, 9-10 Monaten), er erweitert dadurch seinen Aklions- und Explorationsra-dius. Der PinzettengritT (um den 9. Lebensmonat) er­laubt das Ergreifen kleiner Objekte. Er beginnt zu krab­beln und sich hochzuziehen, viele erlernen das freie Laufen vor dem ersten Geburtstag. Das Zahnen setzt ge­wöhnlich mit dem Durchbruch der unteren 2 Schneide­zähne ein.

Diese Lebensphase stellt aus kognitiver Sicht die „ora­le" Phase dar: Alles landet im Mund, zwischendurch werden die Gegenstände weggeworfen, aufgehoben, an­gesehen, von einer in die andere Hand gereicht, auf den Boden geschlagen und wieder landen sie im Mund. An der Komplexität dieses „Spiels" lässt sich der Grad der kognitiven Entwicklung feststellen.

Einen weiteren „Meilenstein" der kognitiven Ent­wicklung stellt die Objektpermanenz dar: Auch wenn etwas versteckt wird, existiert es weiter (ca. um den 9. Lebensmonat).

Die emotionale Entwicklung führt zum betonten „Fremdeln" und zu den „Trennungsängsten", vor allem auch nachts. Autonomiebestrebungen treten zutage: Der Löffel wird der fütternden Person entrissen oder das MundÖflnen verweigert. Wutanfälle treten auf.

Silben werden nun häufiger gesprochen (ca. 8.-10. Lebensmonat), werden wiederholt, das erste Wort wird gesprochen.


12-18 Monate

Die Wachstumsgeschwindigkeit nimmt ab, der „Baby­speck" wird durch größere Mobilität verbraucht, die Lendenlordose nimmt zu, dadurch kommt es zum „aus­ladenden" Abdomen. Bis zum 18. Lebensmonat laufen alle Kinder frei. Objektexploration steht nun im Vorder­grund, neue Objektkombinationen werden erprobt, nicht selten zieht man eine Socke aus dem Videorecor­der. Spielsachen werden allmählich zweckgebunden be­nutzt (z.B. Kamm zum Kämmen, Becher zum Trinken), Erwachsene werden in ihren Handlungen nachgeahmt. Durch die Bewegungsfreiheit ändert sich die Stimmung der Kleinkinder - sie sind permanent in Bewegung, lau­tieren, beschäftigen die Eltern. In fremder Umgebung entfernen sie sich von den Eltern, kehren dann schnell zurück, berühren sie, als ob sie sich ihrer Anwesenheit versichern wollten, um dann wieder das Weite zu su­chen - und blicken nochmals kurz zurück.

Mit 15 Monaten werden mehrere Wörter spontan und korrekt gesprochen.

 

18-24 Monate

Im Vordergrund steht die motorische Weiterentwick­lung: Gehen mit mehr Sicherheit, beginnendes Laufen, Treppensteigen.

Die Objektpermanenz ist gefestigt, „Ursache und Wirkung" werden nun häufiger erkannt und verstan­den. Hilfsmittel werden gebraucht (z.B. ein Stöckchen, um an einen schwer erreichbaren Gegenstand zu gelan­gen), symbolisches Spielen (z.B. Puppe füttern aus ei­nem leeren Teller) nimmt zu.

Die erlangte Bewegungsfreiheit, das sich zunehmende Entfernen wird nun durch eine Phase der Wiederannä­herung abgelöst - ein „Haften" wird (um den 18. Le­bensmonat) beobachtet: Keinen Schritt können die El­tern sich entfernen, ohne das Kind am Bein kleben zu haben. Schmusetiere oder ein Stück Tuch werden sym­bolisch als Elternersatz beim Zubettgehen hergenom­men. Das Selbstbewusstsein keimt auf - im Spiegel be­trachtet, erkennen sich die Kinder selbst.

Der größte Sprung erfolgt in der sprachlichen Ent­wicklung: Der Wortschatz explodiert, mit 18 Monaten werden ca. 10-15 Wörter beherrscht, mit 24 Monaten 100 oder mehr Gegenstände können benannt werden. Zwei-Wort-Sätze werden gebildet. Diese verbale Explo­sion löst die sensomotorische Periode ab.

Auszug aus dem Werk: Pädiatrische HNO-Heilkunde mit freundlicher Genehmigung des Elsevier Verlags