Umgang mit Kindern in der HNO-Heilkunde

Kind einbezogen und ihm vom Untersucher demonstriert werden - auf eine einfache, kindgerechte Art und Weise und in kindgerechter Sprache -, was untersucht werden soll. Evtl. ist hierzu auch ein anatomisches Modell herbei­zuziehen, weil Kinder - auch ältere Kinder - sowie ihre Eltern in der Regel keine oder nur unzureichende Vorstel­lungen von den anatomischen Verhältnissen im HNO-Bereich haben. Oer Untersucher sollte gezielt Ängste an­sprechen, sowohl die der Eltern als auch die des Kindes, damit diese geäußert und behandelt werden können. Bleiben die Ängste unausgesprochen, fuhren sie zu gro­ßer innerer Erregung und können die Compliance behin­dern oder aufgrund von falschen Vorstellungen und Phantasien ganz unbegründet sein.


Schutz vor aversiven Stimuli

Auch über unangenehme Reaktionen, wie etwa vegetati­ve Reizungen mit Übelkeit, Brechreiz und Schmerzen sollte mit der Bindungsperson des Kindes sowie mit dem Kind selbst vor der Untersuchung gesprochen werden. Normalerweise sind Kinder im HNO-Bereich besonders sensibel, so dass es zu starken Schutzreflexen und Ab­wehrbewegungen kommt. Der Untersucher sollte hier sehr genau sein und Angaben machen, wann diese Reak­tionen auftreten, wie lange sie dauern und in welcher Art und Intensität sie zu erwarten sind. Bagatellisierungen von Schmerzen oder gar Verschweigen führen nur zu Angst, so dass die Bindungsperson und ihr Kind sich eher passiv bis kämpfend verhalten werden. Wenn die Angst der Bindungsperson - etwa der Mutter - nicht von ihr bewältigt werden kann, sie sich schlecht informiert fühlt, Fragen offenbleiben, wird sie bei Schmerzen, die für sie unvorhergesehen bei ihrem Kind auftreten, eher kämpfen, fliehen, oder - wenn beides nicht geht - sich unterwerfen. Alle drei Bewältigungsformen bei großer Angst sind normal, führen aber nicht zu einer kooperati­ven Arzt-Patient-Beziehung. In der Regel wird sich das Kind der Haltung seiner Bindungsperson anschließen.

Da es ein Grundbedürfnis ist, aversive Stimuli wie et­wa Schmerzen zu vermeiden oder bei Schmerzen zu flie­hen oder zu kämpfen, sollte die Anästhesie so gut wie irgendwie möglich sein. Auch eine Sedierung des Kindes ist mit der Bindungsperson zu besprechen und zu erklä­ren. Auch hier können bereits Ängste auftreten, die erst recht bei einer Vollnarkose des Kindes aktiviert werden. Die größte Angst der Bindungsperson ist immer, dass ihr Kind nicht mehr aus der Narkose erwachen könnte. Daher ist es für das Kind wie für die Bindungsperson sehr hilfreich und entängstigend, wenn sie ihr Kind zu­mindest bis zur OP-Tür begleiten und nach der OP wie­der neben ihm im Aufwachraum anwesend sein, seine Hand halten und mit ihm beruhigend sprechen kann.

Förderung von Selbstwirksamkeit

jede Form der Selbst Wirksamkeit ist ein Grundbedürf­nis, das uns hilft, über eine aktuell als bedrohlich erlebte Situation wieder Kontrolle zu gewinnen. Jede Form der Aktivität, die es dem Kind erlaubt, rund um seine Unter­suchung, den Zustand nach der Untersuchung oder die Ol' selbst etwas wieder zu tun, wird seine Angst reduzie­ren und es eher zu einem kompetenten Partner machen, als wenn es sich nur abhängig und hilfsbedürftig fühlt. Bei Kleinkindern kann es hilfreich sein, dass sie erst ein­mal etwa die Taschenlampe des Untersuchers selbst auf ihr Ohr oder ihren Hals richten können, dann auf den der Mutter oder des Untersuchers, bevor der Untersu­cher eine HNO-Befunderhebung vornimmt.

 

Hilfe durch sensorische Stimulation

Da wir grundsätzlich ein Bedürfnis nach angenehmer sensorischer Stimulation haben, könnte dies in der Un­tersuchungssituation hilfreich eingesetzt werden. Säug­linge und Kleinkinder können während der Untersu­chung von ihrer Bindungsperson gestreichelt werden. Die Stimme der Bindungsperson, ein bekanntes Lied, ein leichtes Wiegen vor der Untersuchung zur Beruhi­gung werden viele Eltern intuitiv aufgreifen, ansonsten könnte man sie dazu ermutigen und anleiten. Ältere Kinder können sich über Musik ablenken, auch die Hand der Bindungsperson zu halten und fest zu drü­cken, mit der Bindungsperson zu sprechen, sie zu sehen, kann eine starke sensorische Stimulation sein, die das Kind unangenehme Sensationen der Untersuchung nicht so intensiv wahrnehmen lässt. Hier kommen KÖr-perkontakt mit der Bindungsperson und sensorische Stimulation als beruhigende und hilfreiche Erfahrung zusammen.

Auszug aus dem Werk: Pädiatrische HNO-Heilkunde mit freundlicher Genehmigung des Elsevier Verlags